Andrea Wucher, CEO Weiss+Appetito: „Die Automatisierung auf der Baustelle ist ein Muss“

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Die 49-jährige Andrea Wucher ist keine Bauspezialistin, sondern bringt einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund mit. Ihr Start ins Berufsleben erfolgte mit einer Lehre als Luftverkehrsangestellte. Dann bildete sie sich zur Wirtschaftsinformatikerin weiter und erwarb ein MBA in Innovationsmanagement. Sie arbeitete anschliessend in verschiedenen Funktionen in der Luftfahrt, der Finanzindustrie, der ICT und der Energiewirtschaft. Vor dem Übertritt zu Weiss + Appetito war sie in der Geschäftsleitung des Energie Service Biel/Bienne als Verantwortliche Einkauf, Marketing und Vertrieb tätig. Bild: zvg

Der im Mittellland tätige Baudienstleister Weiss+Appetito wächst weiter: Rückwirkend auf den 1. Januar 2017 hat die Gruppe im Rahmen einer langfristigen Nachfolgeregelung die Pegrila AG übernommen. Das im Bau von Beton- und Belagsystemen tätige Unternehmen beschäftigt 38 Mitarbeiter. Es ist die erste Akquisition unter der Führung von Andrea Wucher, die am 1. Juni 2016 als CEO die Gruppenleitung von Weiss+Appetito übernommen hat. Im Gespräch mit schweizeraktien.net nimmt sie Stellung zu ihrem Start, den Expansionsplänen der Gesellschaft sowie den mittelfristigen Zielen und der Digitalisierung im Baugeschäft. Mit dem Geschäftsjahr 2016 sei Weiss+Appetito sehr zufrieden, die Ertragslage habe sich deutlich verbessert, so Wucher. Auch der Start ins 2017 soll nach Aussagen von Wucher gelungen sein.

Frau Wucher, seit Mitte des letzten Jahres leiten Sie die im Baubereich tätige Berner W+A-Gruppe. Wie reibungslos ist der Start verlaufen? Welches waren die grössten – positiven und negativen – Überraschungen?

Andrea Wucher: Der Start war gut vorbereitet und verlief somit sehr effizient und gut. Positiv überrascht hat mich die hohe Kundenorientierung unserer Mitarbeiter. Zusammen mit der hohen Kompetenz ist das eine wichtige Grundlage für unseren Erfolg. Schade finde ich, dass in der Baubranche das Verhältnis zwischen Bauherr und Unternehmer so stark von Misstrauen geprägt ist. Das macht die erfolgreiche Zusammenarbeit nicht einfacher.

Sie sind die erste Frau an der Spitze des Unternehmens. Hat die Geschlechterfrage in Ihrer Karriere je eine Rolle gespielt?

Nein, die Geschlechterfrage hat nie eine Rolle gespielt. Vielleicht auch, weil sie für mich nicht relevant ist und ich selber keinen Unterschied mache, wenn es um meine Person geht. Ich schätze die Zusammenarbeit im gemischten Team sehr und kann den Schritt in diese Richtung nur empfehlen.

In den letzten beiden Jahren hat W+A die Erwartungen nicht ganz erfüllen können, wo hat es gehapert?

Der Fokus der letzten Jahre lag auf der Reduktion unserer Schuldenlast, was uns gelungen ist. Die Basis, auf der die Weiss+Appetito Gruppe heute steht, ist solide und gesund. Ich bin überzeugt, dass die Prioritäten so richtig gesetzt waren.

Wie stark leiden Sie unter der Frankenstärke?

Als Unternehmen im Investitionsgüter-Bereich spüren wir die Frankenstärke bei der zurückhaltenden Investitionstätigkeit unserer Kunden, aber auch dadurch, dass ausländische Konkurrenten in den Schweizer Markt drängen. Da der Bau ortsgebunden ist, „leiden“ wir sicher nicht so stark wie die Exportindustrie.

Bestehen Pläne, ins Ausland zu expandieren?

Innerhalb der bestehenden Sparten werden wir, wo es sinnvoll ist, im Ausland weiter expandieren. Die Grundlage einer Expansion ist immer die sich bietenden Marktchancen gepaart mit unserer verfügbaren Kompetenz vor Ort, um die Risiken einer Expansion zu minimieren.

Wie steht es nach der Übernahme der Pegrila mit weiteren Zukäufen im Inland?

Zukäufe im Inland sind weiter möglich, wenn diese unser Leistungsangebot sinnvoll ergänzen. Der Kauf der Pegrila war eine logische Erweiterung unseres Angebots im Bereich Böden+Beläge.

Und wann zeichnet sich für Ihre Unternehmensgruppe nun eine Wende zum Besseren ab?

Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Die Erneuerung im Unternehmen ist im Gange, und die Produktivität konnte bereits gesteigert werden, ohne dabei unsere Stabilität und Verlässlichkeit aufs Spiel zu setzen. Die Ziele, die Schulden zu reduzieren und die Marge zu verbessern, haben wir erreicht.

Das heisst konkret

Wir sind mit dem Geschäftsjahr 2016 zufrieden, die Ertragslage hat sich im letzten Jahr stark verbessert. Und der positive Geschäftsverlauf hat sich auch im neuen Jahr fortgesetzt. Unsere Sparten sind erfolgreich ins 2017 gestartet und bereits seit Anfang Jahr gut bis sehr gut ausgelastet.

Sehen die Geschäftsperspektiven auch längerfristig günstig aus?

Gewiss, für die Gruppe sehen wir auch in den nächsten Jahren Wachstumspotenzial, und zwar in allen Bereichen. Die Grundvoraussetzung dafür ist unsere Flexibilität, auf neue Entwicklungen und Kundenwünsche reagieren zu können. Dass wir mutig sind, Neues zu wagen, haben wir in der Vergangenheit mehrmals erfolgreichen bewiesen.

Sind Sie mit sechs Geschäftsbereichen nicht etwas gar breit aufgestellt?

Nein, ich denke nicht, denn sehr oft sind mehrere Geschäftsbereiche unserer Gruppe in unterschiedlichsten Kombinationen beim gleichen Kunden und beim gleichen Objekt engagiert. Das Synergiepotenzial ist trotz der unterschiedlichen Geschäftsbereiche sehr gross. Zudem können wir durch die breite Diversifikation konjunkturelle Schwankungen besser ausgleichen und sind dank der überschaubaren Grösse der Geschäftsbereiche agil und nahe beim Kunden.

Bei welchen Zukunftstrends der Bau(neben)branche gilt es, unbedingt vorne dabei zu sein?

Die Automatisierung auf der Baustelle ist ein Muss, hier hat die Branche noch viel Potenzial. Für mehrere unserer Geschäftsbereiche ist die Digitalisierung ein wichtiger Zukunftstrend, den wir nutzen wollen. Weiter in die Karten wollen wir uns bei unseren Innovationsideen im Moment aber nicht blicken lassen.

Obschon W+A rund 500 Mitarbeiter beschäftigt, also eine respektable Unternehmensgrösse hat, ist es in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Wäre etwas mehr Rampenlicht nicht besser?

Da wir uns vor allem im B2B-Markt bewegen, ist das Rampenlicht in der Wirtschaft für uns wichtig. Und die Weiss+Appetito Gruppe geniesst in der Branche einen guten Ruf, was uns hilft, gute Mitarbeiter zu rekrutieren. Wir werden aber unser Unternehmen weiter ins Rampenlicht rücken. Ein neues Marketing- und Sponsoring-Konzept ist in Arbeit.

Ungewöhnlich ist auch ihr Aktienmodell: 8 Partner und weitere Kadermänner halten 55 Prozent, den Rest andere Mitarbeiter und einige Publikumsaktionäre. Wie häufig interessieren sich andere Unternehmen für dieses Modell?

Das Interesse von Kollegen aus der Wirtschaft an unserem Beteiligungs-Modell ist gross. Heute wird viel von Entrepreneurship gesprochen, wir leben diese Idee jeden Tag. Gerade ambitionierten jungen Mitarbeitern gefällt die Idee, in einem Unternehmen zu arbeiten, in dem sie einmal Mitunternehmer sein können.

Und gilt die Altersguillotine von 60 noch immer?

Ja, die Altersguillotine von 60 Jahren für Partner gilt immer noch und hat weiter ihre Berechtigung.

In 6 Jahren wird W+A 100-jährig. Haben Sie schon Ideen, wie dies gefeiert werden soll?

Natürlich werden wir das 100-jährige Bestehen unseres Unternehmens gebührend feiern. Einerseits mit Dankbarkeit und Respekt für das, was unsere Vorgänger uns ermöglicht haben, und andererseits mit dem Stolz, dieses Unternehmen jeden Tag weiterentwickeln zu dürfen. Aber Details, wie das stattfinden wird, verraten wir natürlich noch nicht.

Das Interview führte Fredy Gilgen.

Die Namenaktien der Weiss+Appetito-Gruppe werden ausserbörslich auf der Plattform OTC-X der Berner Kantonalbank gehandelt. Zuletzt wurden Kurse von 310 CHF für eine Namenaktie Serie A gezahlt.

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