Giacomo Di Nepi, CEO Polyphor AG: „Uns ist es wichtig, dass sich Investoren mit langfristigem Anlagehorizont engagieren.“

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Das IPO des Schweizer Biotech-Unternehmens Polyphor an der SIX Swiss Exchange im Mai brachte einen Emissionsertrag von 155 Mio. CHF und war damit in der Spitzengruppe der grössten Biotech-Börsengänge der letzten Jahre, sowohl in der Schweiz als auch in Europa.

Die Forschungen an neuartigen Molekülen bringen nicht nur dringend benötigte wirkungsvollere Antibiotika gegen lebensbedrohliche Infektionen und neue Therapiemöglichkeiten gegen Krebserkrankungen hervor, sondern versprechen für Investoren aufgrund der Alleinstellungsmerkmale auch eine gute langfristige Aktienperformance. Polyphor-CEO Giacomo Di Nepi setzt im ersten Interview nach dem IPO die Leser von schweizeraktien.net detailliert ins Bild über Ambitionen, Erwartungen, zeitliche Horizonte und Marktpotenziale.

Giacomo Di Nepi, CEO von Polyphor, äussert sich zum ersten Mal nach dem IPO zum Geschäftsgang und der Zukunft des Biotech-Unternehmens. Bild: srf.ch

Glückwunsch zu dem gelungenen Börsengang! Haben sich denn Ihre Erwartungen an das IPO erfüllt?

Herzlichen Dank für die Glückwünsche. Das IPO hat unsere Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen. In einem anspruchsvollen Marktumfeld konnten wir durch die Erhöhung der Upsize-Option den Bruttoertrag um weitere 15 Mio. CHF auf insgesamt 155 Mio. CHF erhöhen. Es ist das grösste Primär-Biotech-IPO in der Schweiz seit über 10 Jahren und eines der drei grössten in Europa in den letzten drei Jahren. Der Ertrag ermöglicht uns die Entwicklung von Murepavadin, unser wichtigster Produktekandidat in Phase III zur Behandlung von Pseudomonas aeruginosa, der zweithäufigsten Ursache der im Krankenhaus erworbenen Lungenentzündung mit Sterblichkeitsraten von bis zu 40%, fortzusetzen.

Zusätzlich werden wir die Entwicklung von Balixafortide, einem Immunonkologie-Wirkstoff, der bei fortgeschrittenem metastasierendem Brustkrebs eingesetzt wird, vorantreiben. Wir erwarten, dass wir mit der zulassungsrelevanten Studie in den USA Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres beginnen können. Und schliesslich werden wir die OMPTAs, die erste neue Klasse von Antibiotika gegen gramnegative Krankheitserreger – von denen Murepavadin der Vorreiter ist – zu einer Familie neuer Produkte weiterentwickeln.

Können Sie unseren Lesern sagen, wie sich das Emissionsvolumen einerseits geografisch verteilt auf Schweiz, UK, USA und sonstige, und andererseits, wie die Anteile von institutionellen und privaten Anlegern ausgefallen sind?

Diese Informationen kann ich Ihnen leider nicht verraten, da sie nicht öffentlich sind. Aber ich kann Ihnen soviel dazu sagen, dass es ein grosses Interesse aus allen Regionen gab und wir besonders erfreut sind über die grosse Nachfrage vonseiten der Schweizer Investoren. Uns ist es wichtig, dass sich Investoren mit einem langfristigen Anlagehorizont engagieren, die sich für unsere Antibiotika und Immunonkologie-Wirkstoff interessieren. Das grosse Emissionsvolumen gab uns die Bestätigung, dass die Vision, innovative Wirkstoffe für Bereiche mit hohem medizinischem Bedarf zu entwickeln, von unseren Investoren uneingeschränkt unterstützt wird.

Viele Schweizer Biotech-Unternehmen sind ja in den letzten Jahren in New York oder Paris an die Börse. Haben Sie ein cross-border-listing ebenfalls erwogen?

Wir haben uns die verschiedenen Optionen und Möglichkeiten angeschaut und überprüft und sind zum Schluss gekommen, dass für uns ein Listing an der SIX Swiss Exchange die beste Option war und am meisten Sinn machte. Die grosse Nachfrage zeigte, dass diese Option genau richtig war.

Abgesehen davon, dass Polyphor ja schon vor dem IPO 500 Aktionäre, viele davon aus der Schweiz, hatte, was hat den Ausschlag für die SIX gegeben?

Sie haben bereits ein wichtiges Kriterium angesprochen, das Aktionariat. Schweizer institutionelle wie aber auch private Anleger haben einen Hang zur Healthcare-Branche. Das hat natürlich mit der traditionellen Basler Pharmaindustrie mit Unternehmen wie Novartis und Roche zu tun, aber auch mit den Biotech-Clustern in Zürich und Genf. Die Investoren haben ein fundiertes Verständnis der Branche und kennen sich mit den Risiken und Chancen, die mit dieser Industrie einhergehen, aus.

Darüber hinaus gibt es sehr viele spezialisierte Analysten mit branchenspezifischem Know-how, die den Sektor abdecken und mehr Visibilität bei Investoren schaffen. Es kommt hinzu, dass die SIX Swiss Exchange Europas führende Börse für Life-Sciences-Unternehmen ist. Sie repräsentiert rund 40% der Marktkapitalisierung des europäischen Life-Sciences-Sektors an den grössten Börsen Europas.

Wie lange reicht der jetzt über Plan liegende Emmissionsertrag in Höhe von 155 Mio. CHF? Kommt vor den ersten Produktumsätzen noch ein Secondary Offering?

Trotz starker Überzeichnung und Nutzung der Upsize-Option beim IPO zeigt die Aftermarket-Performance der Polyphor-Aktie bisher Schwächezeichen. Quelle: moneynet.ch

Mit dem Emmissionsertrag können wir die beiden Phase-III-Studien des Antibiotikums Murepavadin finanzieren, jene für die USA zulassungsrelevante Studie des Immunonkologie-Wirkstoffs Balixafortide, die Weiterentwicklung anderer Antibiotika der OMPTA-Klasse, die sich derzeit noch in einer frühen Entwicklungsphase befinden, sowie die präklinische und klinische Entwicklung der inhalierbaren Formulierung von Murepavadin. Daher sind wir für die nächsten 3 Jahre gut finanziert, bis wir dann die Ergebnisse unserer Studien erwarten. Zum heutigen Zeitpunkt ist es jedoch noch zu früh, um zu sagen, ob wir ein zweites Offering brauchen werden. Es gibt auch andere Finanzierungsmöglichkeiten, wie z.B. Produkte-Auslizenzierung oder Förderungsgelder. Es wird sehr darauf ankommen, inwiefern sich die positiven Resultate, die wir in den bisherigen Studien gesehen haben, auch in den nächsten zulassungsrelevanten Studien bestätigen lassen.

Aus heutiger Sicht: Wann rechnen Sie mit FDA-Zulassungen für Ihre drei Lead-Kandidaten inkl. des an Santhera auslizensierten?

Wir haben bereits im März mit der Phase-III-Studie von Murepavadin in Europa begonnen. Wenn alles nach Plan läuft, werden wir die Studienergebnisse Ende 2020 erhalten, und eine Zulassung wäre dann im Herbst 2021 möglich. Die amerikanische Studie wird voraussichtlich diesen Herbst starten; dabei erwarten wir die Studienresultate Ende 2021 und eine mögliche Zulassung in den USA im Herbst 2022. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass wir eine beschleunigte Zulassung, basierend auf positiven Zwischenresultaten der FDA Studie, erhalten könnten. Damit würde sich eine Zulassung um gut 6 bis 9 Monate vorziehen lassen. Das heisst also eine Zulassung in Europa Anfang 2021 und in den USA anfangs 2022. Bei Balixafortide gehen wir davon aus, dass wir die Studienresultate Ende 2020 erhalten werden und eine Zulassung in USA Mitte 2021 möglich sein könnte. Auch hier wäre ein beschleunigtes Zulassungsverfahren möglich, wenn sich positive Zwischenergebnisse herauskristallisieren; also Anfang 2021.

Zum Produktkandidat POL6014, einem inhalierbaren Elastase-Inhibitor zur Behandlung cystischer Fibrose, den wir an Santhera auslizensiert haben, können wir nichts  sagen, da Santhera die volle Verantwortung für die Entwicklung übernommen hat.

Können Sie etwas zu den jeweiligen Marktpotenzialen sagen und mit welchen Produktumsätzen Sie jeweils in Jahr 3 nach der Markteinführung rechnen?

Laut Schätzungen gibt es ca. 300’000 Patienten, die in den USA und in Europa infolge von Pseudomonas aeruginosa an einer im Krankenhaus erworbene Lungenentzündung erkranken. Die Sterblichkeitsrate bei diesen Patienten liegt bei ca. 30%-40%. Wir schätzen, dass Murepavadin im Jahr 2028 einen substanziellen Anteil des Marktpotenzials in der Grössenordnung von 2-3 Milliarden USD erobern könnte.

Balixafortide wird als Kombinationstherapie für Patientinnen mit HER-2-negativem fortgeschrittenem metastasierendem Brustkrebs entwickelt. Schätzungsweise sind in den USA jedes Jahr ca. 210’000 Frauen davon betroffen, das sind ca. 80% aller Patientinnen, die an metastasierendem Brustkrebs erkrankt sind. Das Marktpotenzial für Balixafortide im Jahr 2025 wird in dieser Indikation auf 10 Milliarden USD geschätzt.

Über die möglichen Umsätze der jeweiligen Produkte dürfen wir noch keine Angaben machen, aber sie werden in Abhängigkeit von Wirksamkeit und Nebenwirkungsprofil der Produkte, Pricing und Penetrationsrate stehen.

Und wenn im „best case“ die Indikationen stark ausgeweitet werden, was ja nicht unwahrscheinlich ist, wo könnte Polyphor dann bis 2025 stehen?

Wir entwickeln Murepavadin auch in einer inhalierbaren Formulierung und beabsichtigen, die klinischen Studien in der zweiten Hälfte von 2019 zu starten. Damit könnten wir die Therapiegebiete um zwei Felder erweitern: einerseits zur Behandlung von Patienten mit cystischer Fibrose, anderseits für Patienten mit nicht-cystischer Fibrose Bronchioektase, die mit dem Bakterium Pseudomonas aeruginosa befallen sind. Dadurch würde sich die zu behandelnde Patientenpopulation um ca. 125’000 per annum erweitern. Der aus kommerzieller Sicht interessante Aspekt ist, dass diese Erkrankungen chronischer Natur sind. Das würde das Marktpotenzial substanziell vergrössern.

Wir beabsichtigen, die Entwicklung von Balixafortide auch in anderen Kombinationstherapien voranzutreiben, wie zum Beispiel bei Prostata-, Dickdarm- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs, wo der medizinische Bedarf für neue Therapieansätze besonders gross ist. Das Marktpotenzial wäre also auch hier um ein Vielfaches höher.

Ist Polyphor ein Übernahmekandidat oder gibt es einen harten Kern von Aktionären, die das Unternehmen langfristig unabhängig sehen wollen? Haben Sie „Giftpillen“ oder sonstige Abschreckungsmassnahmen installiert?

Derzeit hat Polyphor einen Free-Float von 37%, da die ehemaligen Aktionäre und Mitarbeitende eine Lock-up Verpflichtung von 12 Monaten eingegangen sind. Sobald diese vorbei ist, wird sich der Free-Float entsprechend erhöhen. Unser Ziel ist es, mit einem nachhaltigen und erfolgreichen Geschäftsmodell ein starkes Unternehmen aufzubauen und neue Medikamente für betroffene Patienten bereitzustellen. Dies kann jedoch auch für andere Marktplayer attraktiv sein. Grundsätzlich können wir daher eine Übernahme nicht ausschliessen, wenn der Preis stimmt und der Verwaltungsrat und die Aktionäre damit einverstanden wären.

Basierend auf dem Marktpotenzial unserer Produkte, das ich soeben geschildert habe, würden wir natürlich am liebsten möglichst lange unabhängig bleiben, um das Optimum an Wert für unsere Aktionäre zu schaffen. Wir haben Best-Practice in Sachen Corporate Governance implementiert.

Ist es für ein kleines Unternehmen wie Polyphor nicht sehr schwierig, den Vertrieb der innovativen Wirkstoffe selbst zu organisieren? Wie wollen Sie die verschiedenen Märkte wie USA, Japan, Europa penetrieren?

Wir sind der Meinung, dass es uns möglich sein wird, die Vermarktung von Murepavadin, wie zum Beispiel in den USA, alleine zu bewerkstelligen. Wir adressieren eine gezielte Anzahl von Zentren, und die erforderliche Infrastruktur ist relativ begrenzt – also auch für ein kleines, aber fokussiertes Unternehmen wie wir es sind, eindeutig machbar. Für einige weitere Märkte bräuchten wir womöglich einen Partner. Es gibt eine beschränkte Anzahl von Krankenhäusern, respektive Ärzten, die wir mit unserem Produkt ansprechen. Somit könnten wir einen grösseren Anteil der Wertschöpfung bei Polyphor behalten und mehr Wert für unsere Aktionäre schaffen.

Bei Balixafortide könnte es anders aussehen. Um den vollen Wert über alle potenziellen Indikationen hinweg aufzubauen und in einem wettbewerbsintensiven Markt das Produkt effektiv zu vermarkten, benötigen wir ein grosses Vertriebsteam, für das wir möglicherweise einen geeigneten Partner benötigen.

Gewähren Sie uns noch einige Einblicke in die Polyphor Entwicklungs-Pipeline jenseits der drei Lead-Kandidaten. Worauf können Kranke hoffen und Aktionäre sich freuen?

Basierend auf unserer OMPTA Plattform, sprich Antibiotika gegen das Aussenmembranprotein, haben wir bereits weitere vielversprechende Antibiotika entwickelt, die sich derzeit jedoch noch in in-vitro-Tests befinden. Wir werden in diesem Jahr einen dieser Wirkstoffe aussuchen, um mit den präklinischen Studien zu beginnen. Ähnlich wie Murepavadin sind auch diese gegen gramnegative Problemkeime, die von der WHO als kritische Erreger der Priorität 1 anerkannt sind.

Stimmt es eigentlich, dass ein grosser Teil der Antibiotika-Resistenz auf den immer weiter steigenden Antibiotika-Einsatz in der industriellen Tierzucht zurückzuführen ist? Wie sollte Ihrer Ansicht nach das Problem angegangen werden?

Es gibt verschiedene Faktoren, die eine Resistenz der Bakterien gegen Antibiotika begünstigen. Der prophylaktische Einsatz in der Veterinärmedizin, insbesondere Schweine- und Geflügelmast, ist einer von ihnen. Weitere Faktoren sind die unkritische Verwendung in der Humanmedizin, wo unnötigerweise Antibiotika gegen virale Infektionen oder ohne vorausgehender Diagnostik und gesicherter Indikation verabreicht werden. Auch die Noncompliance, sprich das vorzeitige Absetzen der Antibiotika, bevor eine vollständige Heilung stattgefunden hat, ist ein Faktor.

Besonders besorgniserregend ist jedoch die Zunahme der multiresistenter Erreger in den Krankenhäusern, die auch wiederum auf viele Faktoren zurückzuführen ist, wie zum Beispiel die unkontrollierte Verabreichung von Antibiotika, ungenügende Aufklärung der Patienten oder mangelnde Hygiene. Und nicht zu vergessen ist die Tatsache, dass die Pharmaindustrie die Antibiotika-Forschung seit einigen Jahrzehnten vernachlässigt hat. Dass unsere OMPTAs möglicherweise die erste neue Klasse von Antibiotika gegen gramnegative Bakterien sind, die in den letzten 50 Jahren die Phase III der klinischen Erprobung erreicht haben, sagt vieles aus.

Welche sind nun die nächsten Meilensteine für Polyphor?

Die sicherlich wichtigsten Meilensteine für Polyphor sind einerseits der Start der Phase-III-Studie von Murepavadin in den USA, den wir in der zweiten Hälfte dieses Jahres erwarten, und der Start der zulassungsrelevanten Studie von Balixafortide, den wir ebenfalls in der zweiten Hälfte dieses Jahres oder Anfang des nächsten Jahres erwarten. Zudem möchten wir die inhalierbare Formulierung von Murepavadin vorantreiben, so dass wir im Verlaufe des nächsten Jahres mit der klinischen Phase I starten können. Ein weiterer Meilenstein wird die Selektion des nächsten Antibiotikums sein, mit dem wir noch in diesem Jahr die präklinischen Studien beginnen möchten.

Dass sich die Aktionäre steigende Kurse wünschen, ist klar, doch was wünschen Sie sich von den Aktionären?

Wir wünschen uns engagierte Aktionäre, die sich für unser Unternehmen interessieren, unsere Vision verstehen und schätzen, langfristig orientiert sind und mit uns interagieren. In diesem Zusammenhang laden wir sie stets herzlich zur Teilnahme an unsere GV und zu den geplanten Ergebnisveröffentlichungen ein.

Herr Di Nepi, vielen Dank für die erhellenden Antworten.

Die Polyphor-Aktie ist an der SIX Swiss Exchange kotiert und notierte zuletzt bei 29.95 CHF.

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