Reishauer: Elektromobilität erschliesst dem Maschinenbauer neues Absatzpotenzial

Umsatz geht 2020 um ein Drittel auf 266 Mio. CHF zurück

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Für Jost Sigrist war Ende 2019 bereits klar, dass dem Maschinenbauer Reishauer einige herausfordernde Jahre bevorstehen. Zu diesem Zeitpunkt sprach noch niemand von der Corona-Pandemie und den massiven Folgen für die Weltwirtschaft. Vielmehr beschäftigten die Veränderungen in der Automobilbranche den Verwaltungsratspräsidenten der Reishauer-Gruppe. «Der massive technologische Shift vom Verbrennungsmotor hin zu alternativen Antrieben war absehbar», so Sigrist im Gespräch mit schweizeraktien.net. Bereits 2019 hatte dies massive Auswirkungen auf den Automobilabsatz und damit auch für die Zulieferer, die teilweise schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie mit der Marktschwäche zu kämpfen hatten.

Reishauer baut in Wallisellen ein neues Produktionszentrum: Bild: zvg

Auch Reishauer spürte dies bei den Auftragseingängen. Denn die Reishauer AG in Wallisellen entwickelt und produziert Schleifmaschinen für die Bearbeitung von Zahnrädern. Das Tochterunternehmen Felsomat fertigt Automationsanlagen rund um den Antriebsstrang. Beide Unternehmen sind weltweit für die führenden Automobilhersteller tätig. Als Frühzykliker sei Felsomat bereits 2019 spürbar von den Veränderungen im Markt betroffen gewesen, Reishauer noch weniger. «Wir sind daher vorsichtig ins 2020 gestartet», so Jost Sigrist.

Auswirkungen der Corona-Pandemie gravierender als erwartet

Doch dann erfassten die Ereignisse um die Corona-Pandemie die Unternehmensgruppe voll. «Wir sind im letzten Frühling davon ausgegangen, dass wir im 2020 wieder zur Normalität zurückkehren», sagt der VRP und räumt ein, dass man rückblickend von den Auswirkungen der Pandemie im Ausmass und in der Länge überrascht worden sei. Der Umsatz brach 2020 daher um einen Drittel auf 266.2 Mio. CHF ein, der Auftragseingang sogar noch stärker. Viele der Reishauer-Kunden stoppten ihre Investitionen, denn die Werke standen still. Reishauer spürte den Corona-Effekt nicht nur bei den Investitionen, sondern auch bei Ersatzteilen, Diamantrichtwerkzeugen und Schleifscheiben. «Krisen in der Automobilindustrie dauerten bisher nicht länger als ein Jahr», sagt der Reishauer-VRP rückblickend. Diesmal sei der Effekt allerdings durch Corona verstärkt worden. Die Industrie befinde sich bereits im 3. Jahr, in dem es nicht einfach sei.

Gruppengewinn bricht auf 5.8 Mio. CHF ein

In den Geschäftszahlen für 2020 spiegeln sich daher sowohl die Folgen der Pandemie als auch der voranschreitenden Transformation in der Automobilindustrie wider. Die konsolidierten Nettoerlöse gingen um 31% auf 266.2 Mio. CHF zurück. Etwas stärker betroffen waren hier die Umsätze bei Felsomat mit einem Minus von 33%. Obwohl sich der Materialaufwand mit 98.8 Mio. CHF gegenüber dem Vorjahr fast halbierte und auch der Personalaufwand sowie die übrigen Kosten reduziert werden konnten, verblieb unter dem Strich nur noch ein EBITDA von 15.1 Mio. CHF (Vorjahr: 48.6 Mio. CHF). Dank eines positiven Finanzertrags – die Reishauer Beteiligungen AG besitzt Wertschriften und Geldmarktanlagen im Wert von rund 148.7 Mio. CHF – verblieb unter dem Strich ein Gruppengewinn von 5.8 Mio. CHF (Vorjahr: 36.9 Mio. CHF).

Die konsolidierte Bilanz des Unternehmens präsentierte sich trotz der Corona-Pandemie weiterhin solide: Die Eigenkapitalquote erreicht hohe 67%, wobei es sich bei einem grossen Teil des Fremdkapitals um Rückstellungen vor allem für Garantieleistungen handelt. Die Netto-Cashposition liegt bei rund 295 Mio. CHF.

Felsomat mit Produktionsanlage für Statoren von E-Motoren erfolgreich

Während 2019 Felsomat bereits unter einem rückläufigen Auftragseingang litt, drehte sich die Situation in 2020. Reishauer realisierte im vergangenen Jahr Auftragseingänge in Höhe von 103 Mio. CHF, bei Felsomat waren es 125 Mio. EUR. Per Ende 2020 betrug der Auftragsbestand bei Reishauer nur 30 Mio. CHF und bei Felsomat 106 Mio. EUR. Beim Auftragseingang profitierte Felsomat insbesondere von seinen E-Mobilitätslösungen. Das Unternehmen verkauft vollautomatische Fertigungslinien für Statoren von Elektromotoren. Mehr als die Hälfte des Umsatzes werden nach Angaben von Sigrist bereits mit Lösungen für die Elektromobilität erzielt. «Die Investitionen in die neuen Anlagen bei Felsomat haben zwar ein gewisses Risiko für uns dargestellt», so Sigrist. Nun sei die Nachfrage nach diesen Lösungen schneller gestiegen, als man es erwartet habe.

Auf der Anlage eines Kunden, die am Firmensitz von Felsomat im deutschen Königsbach-Stein installiert ist, fertigt das Unternehmen temporär die Statoren für einen namhaften deutschen Sportwagenhersteller. Jost Sigrist findet diesen Schritt sehr spannend, weil Felsomat so auf Kundenwunsch vom reinen Anlagenbauer zu einem Zulieferer für die Automobilindustrie geworden ist. Eine Erweiterung der Wertschöpfungskette schliesst er zwar nicht kategorisch aus. «Dies muss aber ein Bedürfnis unserer Kunden sein», so Sigrist. Er deutet allerdings auch an, dass neue Automobilhersteller mehr selber produzieren würden, als dies traditionelle Anbieter bisher taten.

Neue Anwendungen auch bei der Reishauer AG

Nicht nur bei Felsomat, sondern auch bei Reishauer vollzieht die Unternehmensgruppe den Wandel zur Elektromobilität und kann davon sogar profitieren. Denn die Anforderungen an ein Zahnrad in einem Elektrofahrzeug seien viel höher als bei einem Verbrennungsmotor, erklärt Sigrist. Zusätzlich entstehen durch das Schleifen von Hochpräzisions-Nuten der Rotorwellen neue Anwendungsmöglichkeiten für die Reishauer-Maschinen. Jost Sigrist macht sich daher auch keine Zukunftssorgen für die Reishauer-Gruppe. «Solange Menschen mobil sein möchten, werden sie auch Fahrzeuge benötigen».

Reishauer schleift hochpräzise Nuten an der Rotorwelle des Elektromotors eines US-Automobilherstellers. Bild: zvg

Weltweit wird schon für dieses Jahr von Automobilexperten ein Wachstum erwartet, das in Amerika 20%, in Asien 15% und in Europa 9% betragen soll. Für Reishauer gab es angesichts der langfristigen positiven Perspektiven auch keinen Grund, im letzten Jahr Investitionen wie in den Bau eines neuen Produktionszentrums in Wallisellen zu stoppen. Bis 2022 soll die 1. Bauetappe realisiert sein.

Normalisierung ab 2022?

Insgesamt blickt Jost Sigrist auch optimistisch auf das Geschäftsjahr 2021. Im Geschäftsbericht heisst es vorsichtig, dass die Reishauer-Gruppe in Bezug auf den Auftragseingang in diesem Jahr «nicht mit einer linearen Entwicklung» rechnet. Sigrist weist jedoch darauf hin, dass man die Entwicklung der ersten vier Monate nicht extrapolieren darf. Er nennt als Unsicherheitsfaktoren die generell kurze Visibilität sowie die Verknappung von Chips und anderen wichtigen Materialien. «2022 dürften diese Schwierigkeiten hoffentlich ausgestanden sein».

Fazit

Die Corona-Pandemie hat die Reishauer-Gruppe stärker getroffen als erwartet. Parallel muss das Traditionsunternehmen auf den technologischen Wandel in der Automobilbranche reagieren. Dies scheint bisher recht erfolgreich gelungen zu sein. Auch wenn für das laufende Jahr noch keine grossen Sprünge zu erwarten sind, so dürften der Reishauer-Gruppe Nachholeffekte zugutekommen. Hinzu kommen Chancen, die sich beim Bau von elektrischen und halbelektrischen Fahrzeugen ergeben. Dabei muss das weitere Wachstum nicht zwingend aus eigener Kraft erfolgen. Dank der gut dotierten Bilanz sind auch Zukäufe nicht auszuschliessen.

Die Transformation in der Automobilindustrie und die Corona-Krise haben ihre Spuren im Aktienkurs der Reishauer Beteiligungen hinterlassen. Chart: www.otc-x-ch

Das Aktienkapital der Reishauer Beteiligungen AG war bisher eingeteilt in 5’000 Inhaberaktien und 5’000 Namenaktien. Per 30. April 2021 wurden die Inhaberaktien der Reishauer Beteiligungen AG in Namenaktien umgewandelt, sodass neu 10’000 Namenaktien des Unternehmens im Umlauf sind. Die Namenaktien werden weiterhin ausserbörslich auf OTC-X gehandelt. Zuletzt wurden 51’000 CHF für eine Namenaktie bezahlt. Eine Bewertung auf Basis der 2020er Gewinnzahlen erscheint nicht sinnvoll. Die Dividende für 2020 beträgt 750 CHF und wird für die alten und neuen Namenaktionäre ab 26. Mai ausgezahlt. Die Dividendenrendite liegt somit bei knapp 1,5%. Der ausgewiesene Buchwert pro Aktie lag per Ende 2020 bei 35’054 CHF, was einem Kurs/Buchwert-Verhältnis von knapp 1,5 entspricht. Das Unternehmen ist schuldenfrei und verfügt über eine Nettoliquidität von 295 Mio. CHF. Mit dieser guten Bilanzausstattung sollte es nicht nur gelingen, die aktuelle Transformationsphase zu meistern, sondern auch künftiges Wachstum zu finanzieren. Für langfristig denkende Anleger dürften die derzeitigen Kurse daher eine gute Einstiegsmöglichkeit darstellen.

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