Branchentalk Tourismus: Zermatt zeigt, wie man gemeinsam erfolgreich ist

Auf dem Gornergrat erörtern Bergbahnbetreiber, Touristiker, Gemeindepolitiker und Verbandsvertreter die Frage, wie man im Zusammenspiel besser vorwärts kommt

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Wer diese Tage Zermatt am Fusse des Matterhorns besucht, kriegt den Eindruck, als sei hier die Welt zu Gast. Trotz halb überstandener Pandemie und immer noch vorhandener Reiserestriktionen wimmelt es von Amerikanern, Asiaten, Südamerikanern, von europäischen Gästen ganz zu schweigen. Das Sprach- und Hautfarbengewusel zieht sich weiter in der halbstündigen Fahrt hinauf von Zermatt auf den Gornergrat. Wer sich dann dort bei Nicole und Thomas Marbach im Kulmhotel Gornergrat einquartiert, kommt in den Genuss internationaler Gastfreundschaft. Die 30 Mitarbeitenden kommen aus 14 Nationen, selbst das Ehepaar Marbach wirkt, da aus dem Solothurnischen stammend, für Zermatter Verhältnisse zumindest leicht exotisch. Und auch die Übernachtungsgäste auf 3’100 m. ü. M. sind schon wieder vorwiegend aus Japan, Ostasien und anderen Weltregionen angereist.

44 Bergbahnbetreiber und Touristiker treffen sich auf 3’100 m. ü. M.

Für schweizeraktien.net war der Gornergrat deshalb der perfekt Ort, um den jährlichen Branchentalk Tourismus abzuhalten. In der direkt neben dem Hotel gelegenen «Zooom»-Erlebniswelt, die von der BVZ Gruppe betrieben wird, diskutierten 44 Touristiker und Bergbahnbetreiber darüber, wie man trotz verschiedener Interessen an einer Destination gemeinsam vorgehen muss, um diese erfolgreich weiterzuentwickeln.

„Gemeinsam vorwärts – wie Destinationen gestärkt aus Krisen hervorgehen können“, so der Titel der Veranstaltung, führte dann auch die verschiedenen Akteure zusammen. Fernando Lehner, CEO BVZ Gruppe, Franz Julen, OK-Präsident Skiweltcup Zermatt, Markus Hasler, CEO Zermatt Bergbahnen AG, Daniel Luggen, CEO Zermatt Tourismus, Paul-Marc Julen, Präsident von Zermatt Tourismus, sowie Berno Stoffel, Direktor Seilbahnen Schweiz machten deutlich, was es heisst, wenn verschiedene Interessengruppen wie Bergbahnbetreiber, Hoteliers, der Tourismusverein und die Gemeindepolitik an einem Strang ziehen. Was durchaus in Schweizer Tourismusdestinationen nicht immer der Fall ist.

Dazu haben sie sich in Zermatt in einer Taskforce zusammengeschlossen, um die  Strategie auf Gemeindeebene weiter voranzutreiben und ein gemeinsames Produkt durchzusetzen. «Wir müssen wegkommen von Partialinteressen», meinte dazu der Direktor der Seilbahnen Schweiz, Berno Stoffel.

4 Weltcupabfahrten in Rekordzeit geplant

Vielleicht das beste Beispiel, wie schnell etwas entwickelt und durchgesetzt werden kann, wenn alle in die gleiche Richtung marschieren, zeigte Franz Julen anhand des ersten grenzübergreifenden Ski-Weltcuprennens mit Start in der Schweiz und Ziel in Italien auf. Zusammen mit Markus Hasler von den Zermatt Bergbahnen und Daniel Luggen vom örtlichen Tourismusverein wurde die Idee am 30.11.2019 geboren. Seit diesem Tag, der Julen noch ganz genau im Gedächtnis ist, wurde das Projekt vorangetrieben. Ein Verein von 6 Partnern wurde gegründet. Schon Ende Oktober/Anfang November finden vier Abfahrten, zwei der Damen und zwei der Herren statt, wenn es das Wetter und die Schneeverhältnisse zulassen.

Skirennen in zwei Ländern bedeuten besondere Herausforderungen 

Dabei galt es auch eine Reihe von Problemen zu lösen, die insbesondere in der Zweistaatlichkeit der Rennen begründet sind. So dürften z.B. die Schweizer bzw. die italienische Armee, die zum Teil für die Pistenpräparation zuständig sind, nur jeweils bis zur Landesgrenze tätig werden. Auch Helikopterflüge seien nicht über die Grenze möglich, so Julen. Und auch auf der administrativen Seite gäbe es wegen der unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze ganz erhebliche Klippen zu überwinden.

Aber all die Probleme wurden gelöst, Sponsoren, die erst ab März 2022 gesucht wurden, haben innert kürzester Zeit die Finanzierung der Rennen mit 6.6 Mio. CHF gesichert. «Es ist mein letztes grosses Projekt», sagte OK-Präsident Franz Julen, der 17 Jahre lang CEO des weltweit tätigen Sportartikelhändlers Intersport war und dort sowie als VR-Präsident der Valora Group das Management-Rüstzeug erwarb, um Projekte in der Grössenordnung wie Weltcuprennen zeit- und sachgerecht umsetzen zu können.

Die Rennen sind ihm eine Herzensangelegenheit. Hat er doch als junger Mann seinen Bruder Max und Pirmin Zurbriggen, die beide keinen Führerschein hatten, zu ihren Weltcupeinsätzen gefahren und als Servicemann deren Bretter behandelt. Das Skifahren, das merkt man Julen an, hat ihn bis heute nicht losgelassen.

Erfolgreiche Bergbahnen

Skifahren und Wintertourismus, aber auch der Sommertourismus stehen im Fokus einerseits der BVZ Holding und ihrem CEO Fernando Lehner, andererseits der Zermatt Bergbahnen und ihrem CEO Markus Hasler. Beide legen in diesen Tagen ihre Geschäftsberichte vor, die an der SIX kotierte BZV Holding ihre Halbjahreszahlen, die auf OTC-X gehandelten Zermatt Bergbahnen das Geschäftsjahr 2021/2022. Und beide haben sehr erfolgreich gewirtschaftet; die Delle, die Corona verursacht hat, ist beinahe wieder ausgebuchtet. Sowohl Lehner als auch Hasler präsentierten den Gästen auf dem Gornergrat mit dem entsprechenden Stolz ihr Zahlenwerk.

Die BVZ Holding, die u.a. die Matterhorn Gotthard Bahn, die Gornergratbahn und den Glacierexpress betreibt, konnte den Gesamtertrag vor Leistungen der öffentlichen Hand im ersten Halbjahr gegenüber der Vorjahresperiode um CHF 21.5  Mio. CHF oder 51% auf 63.6 Mio. CHF steigern. Mehr dazu sowie ein Interview mit Fernando Lehner in Kürze auf schweizeraktien.net.

Höchstmögliche Alpenüberquerung soll Asiaten vermehrt nach Zermatt holen

Auch die Zermatt Bergbahnen blicken auf ein höchst erfreuliches Jahr zurück, wie CEO Markus Hasler erläuterte. Allerdings hielt er mit Zahlen noch etwas hinter dem Berg, weil diese erst an der Ende September stattfindenden GV veröffentlicht werden. Dafür nahm Hasler die Zuhörer in die nahe Zukunft mit. Das Projekt AlpineX, die höchstmögliche Alpenüberquerung, soll im Juni 2023 fertiggestellt sein. Dazu wird eine 1’600 Meter lange Seilbahn zwischen dem italienischen Testa Grigia auf 3’400 m. ü. M. und dem schweizer Matterhorn Glacier auf 3’820 m. ü. M. gebaut. Mit diesem Projekt sollen insbesondere asiatische Touristen, die in Mailand ankommen, dazu bewegt werden, nach ihren Stationen in Italien mit der höchsten Alpenüberquerung einen Abstecher nach Zermatt zu machen. Hasler will so zusätzliche Übernachtungen generieren und geht davon aus, dass die Touristen aus Fernost mindestens einen Tag und eine Nacht im Wallis verbringen. Von dort aus könnten sie dann über Genf nach Frankreich weiterreisen, so die Planspiele von Hasler. Wobei der CEO der Zermatt Bergbahnen da stark auf Individualtouristen als Zielgruppe abzielt: „Massentourismus ist kein Businessmodell für Zermatt“.

7 Meter Schnee fehlen in diesem Jahr

Natürlich kam am Branchentalk Tourismus auch das Thema Nachhaltigkeit zur Sprache. Dass das Sommerskigebiet auf dem Gletscher in diesem Jahr nicht genutzt werden könne, hätte aber nichts mit dem Klimawandel zu tun, so Hasler, sondern mit dem fehlenden Schnee. Ganze 7 Meter sei die Schneedecke nach dem extrem schneearmen Winter dünner als im Vorjahr, bedauert er. Und hofft jetzt wie seine Kollegen auf genug Niederschläge, um u.a. die Weltcup-Rennen Ende Oktober durchführen zu können.

«Wir sind auch Landschafsgärtner», sagte Hasler, dessen Unternehmen sich intensiv um Begrünungen und Renaturierungen kümmerte. Erneuerbare Energien seien ein grosses Thema für die Bergbahnbetreiber, Photovoltaik und Solarthermie werden wann immer möglich ein- und ausgebaut. Wobei man auch hätte Lehrgeld bezahlen müssen. Die Solarpanels auf dem Kleinen Matterhorn seien nach 10 Jahren Betrieb buchstäblich durchgebrannt, weil die Sonnenreflektion im Schnee und die klare Luft eine 80% höhere Leistung erbracht hätten als ursprünglich berechnet.

Die besten Macher sind am Werk

Der Branchentalk Tourismus zeigte anhand von Zermatt beispielhaft auf, welche Ziele mit Teamgeist unter den verschiedenen Akteuren erreicht werden können. Dass dabei Profis am Werke sind, deren Herkunft keine Rolle spielt, zeigt auch die Offenheit, mit der das einst als engstirnig verschriene Zermatt die besten Macher ins Wallis holt. Sei es der Luzerner Hasler, der Lötschentaler Lehner oder eben die Solothurner Marbachs, sie alle haben in den vergangenen Jahren neben einheimischen Koryphäen wie Julen die Destination Zermatt zu einem brummenden Tourismusmotor gemacht.

Impressionen vom 8. Branchentalk Tourismus

 
 

 

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