Macro Perspective: Synaptische Ineffizienzen erhöhen Risikopotentiale an den Kapitalmärkten

Skandale, Eskalationen, Stellvertreterkriege trüben Urteilsfähigkeit der Marktteilnehmer

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„Aber Sie kommen als Österreicher ja schon jahrelang nicht mehr zur Ruhe, weil in den letzten Jahren kein Tag vergangen ist ohne politischen Skandal und die politischen Schweinereien ein Ausmass angenommen haben, wie es noch vor Jahren unvorstellbar gewesen ist. Wenn wir die Zeitung aufmachen, haben wir wieder einen politischen Skandal, tagtäglich einen Skandal, in den Politiker dieses schon bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Staates verwickelt sind, die ihr Amt missbrauchen, die sich mit der Kriminalität gemein gemacht haben.“  Aus dem Roman „Alte Meister“ von Thomas Bernhard, Schriftsteller, 1931-1989  

Österreichs damaliger FPÖ-Vorsitzender Heinz-Christian Strache mit falscher Oligarchen-Nichte. Bild aus dem Video, das auf Ibiza heimlich aufgenommen wurde. ZVg.

Der Fall Strache, der Fall Klöckner, der Fall Lübcke, von Trumps fortgesetzten Irrationalitäten ganz abgesehen, das alles lässt tief blicken in Zustand und Verfassung in der westlichen Welt. Der einförmige und hochgradig gefilterte Informationsfluss aus der Medienwirtschaft – in weiten Teilen staatliche oder staatstragende Sprachrohre und Bildlieferanten – trifft immer mehr auf Empfänger, die genau die Nachrichten in genau der Verpackung bekommen, die sie auch verdienen. Denn das Hinterfragen und Vergleichen, Plausibilisieren und Verknüpfen, um sich dann ein eigenes Urteil zu bilden, dürfte als wesentliche Eigenschaft des aufgeklärten und kritischen „modernen“ Menschen in seiner Evolution gegenwärtig den tiefsten Punkt aller Zeiten erreicht haben. Ungeschönt ausgedrückt: Massenhysterie und Kollektivwahn brechen sich mit brachialer Gewalt Bahn – und zerstören mit einem Fingerschnippen etablierte und durchaus nützliche Strukturen.

Das irrationale Ende der Börsenäquivalenzregelung

Ein aktuelles Beispiel ist das Ende der Börsenäquivalenz zwischen der Schweiz und der EU! Man hält es nicht für möglich! Es ist ganz offensichtlich von Anfang an eine höchst irrationale Angelegenheit gewesen, die nun in einer geradezu grotesken Entscheidung gipfelt, die sowohl zutiefst destruktiv ist als auch rational völlig unbegründet. Die Folgen, der Schaden, die Konsequenzen werden an anderer Stelle hinreichend beleuchtet, so dass eine erneute Aufzählung überflüssig scheint.

EU im Zwangskorsett

Die EU mit ihrem Zwang zur Einstimmigkeit hat sich selbst in eine Lage gebracht, in der ihr Beissen, Bellen, Treten – natürlich gegen die verfügbaren, kleineren Opfer – höchst unbewussten Motiven folgt und eigentlich nur widerspiegelt, was sie selbst erfährt. Die offenkundige Verachtung durch den US-Präsidenten und das unbestimmte und doch auch sichere Gefühl, nach Mexiko und China das nächste grosse Opfer seiner Aggression zu werden, drückt sich in der Behandlung der Briten und Schweizer aus. Friedliche Co-Existenz unter Wahrung des wechselseitigen Respekts und der Sicherung des Erreichten wird in einer kollektiven Angstpsychose leichtfertig verspielt. Ein neuer Graben, mitten in Europa, wird aufgerissen. Das ist der Trump-Effekt. Denn niemand kann in Ruhe leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

Spirale der Gewalt

Genauso schlimm ist in den Auswirkungen auch das negative Beispiel – in allem, was Trump tut oder macht oder twittert. Denn Figuren wie Strache, Salvini, Le Pen, Bolsonaro, usw. hätten wohl kaum ihre heutige Bedeutung, wenn Trump nicht mit seiner destruktiven, rassistischen, wissenschafts- und frauenfeindlichen sowie rechtsverachtenden Politik so lange durchgekommen wäre.

Verlogen, gemein und korrupt – Casus Strache

Der Fall Strache ist so offensichtlich degoutant und widerwärtig, dass sich eigentlich jeder Kommentar erübrigt. Das Bemerkenswerte ist einmal mehr, dass in Österreich seit Jahrzehnten ein Ministerskandal den nächsten ablöst – und sich doch nichts ändert. Gerade deshalb kann Strache jetzt auf „Saubermann“ machen – und kein Hahn kräht danach. Man hat nichts anderes erwartet. Wie Österreichs ungeliebter und bedeutendster Literat des vergangenen Jahrhunderts, Thomas Bernhard, schon vor Jahrzehnten feststellte, vereinigt der Österreicher alle schlechten Eigenschaften der anderen Europäer auf sich, und ergänzt diese noch durch seine bodenlose Charakterschwäche. So könnte man zwar sagen, es ist ein spezifisch österreichisches Problem, doch andernorts sieht es ja mittlerweile auch nicht besser aus.

Bodenhaftung verloren – Casus Klöckner

Ein weiteres Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit zum allgemeinen Niedergang der politischen Kultur ist die Julia-Klöckner-Nestlé-Affäre.

Dieses Video ist so unverhohlen dümmlich für eine „führende“ Politikerin, dass man nicht weiss, ob es ein Lach- oder Brechreiz ist, der sich bei der Betrachtung meldet. Zu beachten ist auch die doppelte Verstärkung des Nestlé-Managers, der „… sehr, sehr gerne …“ den Zucker zum Wohle der Volksgesundheit reduziert. Natürlich hätte er in diesen Ausmassen nie in die Nahrungsmittel hineingehört, beispielsweise den löslichen Tee für Kleinkinder, denen die Karies eingepflanzt wurde, bevor sie als Individuen selbst eine Wahl hatten treffen können. Zahnärzte können als Fachleute eine relativ gute Schadens- und Kostenabschätzung vornehmen. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn auf zweistellige Milliardenbeträge in beliebiger Währung jährlich geschätzt wird. Das ist ein ganz wesentlicher Teil der Kosteninflation im Gesundheitswesen, den die Allgemeinheit zu tragen hat.

Boris Johnson in den Schlagzeilen

Doch es gibt ja so viele Skandale, die zu Schlagzeilen taugen, dass Strache und Klöckner nun schon wieder in der Vergessenheit versunken sind und tiefergehende Analysen sowieso niemanden interessieren. So gab es vergangenen Freitag beim Kandidaten für die Nachfolge von Theresa May, Boris Johnson, eine lautstarke nächtliche Auseinandersetzung mit der Lebenspartnerin, so dass Nachbarn die Polizei riefen. Das ist eine schöne Schlagzeile! Zumal die Umfragewerte bei den Tory-Wählern – wer soll der nächste Premierminister werden? – über das Wochenende den Vorsprung Johnsons von 27% auf 11% fallen liessen. Das ist die Macht der Medien!

Auf dem rechten Auge blind

Aber selbst bei für den Betrachter von weniger amüsanten Vorkommnissen wie der Ermordung des hessischen CDU-Politikers Lübcke durch einen wohlbekannten gewalttätigen Rechtsextremisten zeigt sich in der Aufarbeitung ein Ausmass von kognitiven Dissonanzen, das zwar wenig überraschend ist, aber nichtsdestotrotz erschreckend. Während Trump jenseits des Atlantiks den Ku-Klux-Klan willentlich wiederbelebt hat und die gesamte sogenannte Alternative Right, kommen auch in Europa die bis vor kurzem noch „Ewiggestrigen“ aus ihrem kleinbürgerlichen Mief hervorgekrochen und versprühen Hass und Gewalttätigkeit – natürlich gegen die Schwächeren und zur Opferrolle scheinbar Prädestinierten. Wenn sich das falsche und dennoch weithin akzeptierte Idol Trump nicht zu schade ist, die Kleinkinder der Flüchtlinge auf barbarische Weise von ihren Müttern zu trennen und die Kinder dann sterben, dann meinen Rassisten wie Salvini, dies auch tun zu können – und denken, sie kommen damit durch. Die unverhohlenen brechreizerregenden Beifallsbekundungen anlässlich des Lübcke-Mords sind im Facebook-Zeitalter akzeptierte Realität. Es bleibt abzuwarten, ob die vorübergehende Empörung der Medien und der Öffentlichkeit auch die längst überfälligen Konsequenzen zeitigen wird. Immerhin ist die Einäugigkeit der angeblich blinden Justiz in Deutschland und anderswo schon seit Jahrzehnten kaum ein Thema. Es wird hingenommen, dass die Polizei, der Verfassungsschutz und weitere staatliche Institutionen von Rechtsradikalen unterwandert sind und auch der Vorwurf deren Mittäterschaft wie im Fall NSU niemals wirklich ausgeräumt wurde.

Früher war alles besser?

Obwohl es natürlich nachvollziehbar ist, dass sich die rapide alternden Gesellschaften in der ersten Welt nach den früheren Zeiten zurücksehnen, in denen alles besser war, sei es die Ära der Rassentrennung in den USA, das Dritte Reich, die DDR, die Zeit vor der EU oder sogar die Monarchie, so ist doch noch klarer, dass solche Sehnsüchte vor allem die Angst vor dem eigenen Niedergang zum Ausdruck bringen. Sind in der ferneren Erinnerung die Chinesen Hungerleider in Blaumännern auf Fahrrädern gewesen, so sind sie heute eine Weltmacht in ökonomischer und militärischer Hinsicht. Mehr als 5’000 Jahre Kultur verbinden China mit anderen alten Hochkulturen wie diejenigen im heutigen Indien und dem Iran. Demgegenüber verfügen die Europäer und erst recht die Amerikaner über eine lächerlich kurze Historie – aber geben sich nach wie vor als die Herren der Welt. Insbesondere die Chinesen werden gegenüber den amerikanischen Hegemonialansprüchen bestimmt nicht klein beigeben, so wie es jetzt die weitgehend machtlosen Mexikaner gegenüber den „Gringos“ tun müssen.

Projektionen statt Aufklärung

Die Schweiz ist gegenüber der EU in einer vergleichsweise privilegierten Position aufgrund der Stärke und Innovationskraft der Wirtschaft sowie der diversifikationsfähigen Industriestrukturen. Die Ängste gründen sich auf ein Zusammenwirken diverser Faktoren, die jedoch kaum bewusst sind. Deshalb werden sie auf die klassischen Aussenseiter der (westlichen) Gesellschaften projiziert: Schwarze, Juden und Orientalen insgesamt, sowie Frauen und generell alles Fremde und Neue. Dies sollte nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zumindest den Meinungsmachern und -bildern bewusst sein. Doch wie die genannten Beispiele zeigen, wird lieber weiterhin von Flüchtlingsproblemen geschwafelt, wo die doch weniger als 1% der EU-Bevölkerung ausmachen. „Die“ sind kriegstraumatisiert, oft ohne Kenntnis der europäischen Sprachen und insgesamt hilflos. Wie verworfen müssen die Agitatoren sein, die in alttestamentarischer Manier alle Schuld den Sündenböcken aufladen? Denn tatsächlich sind es doch weder die Chinesen noch die Kriegs- und Klimaflüchtlinge, die den Abstieg der arbeitenden Klassen in Europa oder den USA verursachen, sondern es ist das Zusammenwirken von Automatisierung, Roboterisierung, Künstlicher Intelligenz und Big Data. Davon sind nicht nur Arbeiter und Sekretärinnen betroffen, sondern auch Ärzte, Ingenieure und Patentanwälte. Die Meinungsbildner sind auch vielleicht wegen ihrem überbordenden Konformismus nicht mehr gefragt, weshalb der Begriff auch kaum noch Verwendung findet. „In“ sind dagegen sogenannte Influencer, die manchmal sogar die wesentlich bessere Aufklärungsarbeit leisten, wie Rezo, der Ross und Reiter in seinem berühmten CDU-Video beim Namen nannte.

Auch in diesem Beispiel stürzte eine führende Politikerin, Annegret Kramp Karrenbauer (kurz AKK), die schon als Merkel-Nachfolgerin gehandelt wurde, über ihre offensichtlich „unbewussten“ undemokratischen Motive. Als Kanzlerin kann sie sich nun kaum noch jemand vorstellen.

Wissenschaftsfeindlichkeit als Symptom der Ungebildeten

Wie unglaubwürdig die Agitatoren sind, zeigt sich ja schon in ihrer idiotischen Wissenschaftsfeindlichkeit. Nur die Anhänger rechtspopulistischer
Parteien und Bewegungen leugnen heute noch den Klimawandel und die menschgemachten Ursachen. Auch bei diesem so wichtigen Punkt ist Trump der Leithammel, dem die anderen Schafsköpfe hinterherrennen. Das einzig Gute an dieser massiven kollektiven Entgleisung von Vernunft und Verstand ist, dass dadurch ein Aufstand der rationalen Kräfte initiiert wurde, der sich mittlerweile in allen Ecken und Enden der Welt dynamisch entwickelt. Gegen den Kohleabbau in Deutschland bis 2038, gegen die Vermüllung der Ozeane, gegen Trumps Krieg gegen die Frauenrechte usw. Auch die zweite Wahl zum Bürgermeister in Istanbul, die mit einer gesteigerten Niederlage von Erdogans AKP endete, fällt in diese Kategorie. Ganz entscheidend zu dem Momentum tragen die Kinder und Jugendlichen mit ihrem weltweit unerschrockenen Protest gegen das Establishment bei. Sie rücken die Fehlentwicklungen ungeachtet des Belächelt-Werdens und der Versuche zur Diskreditierung auf der Agenda nach oben, wo sie auch schon lange hingehören.

Finanzindustrie mit Tunnelblick

Und obwohl nachhaltiges Investieren stetig an Bedeutung gewinnt, so scheinen die Finanzakteure lieber in ihrer Welt von Spread-sheets und Kriterien, die man abhaken kann, zu bleiben, als die gesellschaftlichen Entwicklungen in den richtigen Kontext zu setzen. Was gibt es da zu jubeln, wenn die Fed nun angesichts absackender langfristiger Zinsen am Bondmarkt, rückläufiger Inflation und der Befürchtung einer weiteren Dämpfung der wirtschaftlichen Dynamik durch Trumps Zollkrieg die (kurzfristigen) Leitzinsen vielleicht doch geringfügig absenkt? Wer aktuell angesichts des vielschichtigen Hintergrunds wegen der Möglichkeit einer Leitzinssenkung ins Jubeln kommt, dessen Gehirn leidet unter bedenklichen synaptischen Ineffizienzen. Für solche hochbezahlten Koryphäen gibt es nach der erfolgreichen Konditionierung der vergangenen Jahre nur noch Risk-on oder Risk-off, allein von der Notenbank-Politik bestimmt. Dass der US-PMI (Einkaufsmanager Index) auf 50,1 Punkte und damit den niedrigsten Stand seit 2009 gefallen ist und auch weitere Indikatoren eher zur Vorsicht mahnen, entgeht ihnen, weil es nicht ihren Interessen dient. Deshalb poltert auch Trump fortgesetzt, die Zinsen seien zu hoch und schüchtert Fed-Chef Powell weiterhin ein. Denn 2020 ist in den USA, fast möchte man sagen endlich, Wahljahr. Und zum Glück sind die Chancen zur Wiederwahl Trumps alles andere als gut.

Kriegsgefahr

Deshalb werden Trump und seine karrieristischen oder senilen Adepten weiterhin, und wohl in gesteigertem Masse, Konflikte verschärfen, Feindbilder aufbauen und mit blanker Gewalt vorgehen. Ein Luftangriff auf den Iran wurde gerade noch gestoppt, nachdem die beiden Tanker in der Meerenge von Hormuz attackiert worden waren. Wirkliche Beweise für die Urheberschaft des Iran scheint es nicht zu geben. Eine Operation unter falscher Flagge, wie beim Kriegsbeginn 1939, ist zumindest ebenso wahrscheinlich. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass Russland und China beiseite stehen. Es braucht nicht viel, und 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges steht die Welt dank den Apokalyptischen Reitern mitten in einer finalen Auseinandersetzung.

Frontalangriff auf das Finanzsystem durch Facebook

Es war ja nur eine Frage der Zeit, wann Facebook seine über 2 Mrd. User noch besser monetarisieren würde – jetzt ist es soweit! Die Ankündigung einer eigenen Krypto-Währung, Libra genannt, steht bevor. Während inkompetente Fernsehmoderatoren, Finanzjournalisten und fast jeder, der kein Währungsexperte ist, in unkritischen Jubel ausbricht, warnen die Notenbankchefs und auch die BIZ in Basel. Doch Warnungen werden nicht ausreichen, um die Zerstörung des Weltwährungssystems durch Facebook aufzuhalten. Die Währungshoheit liegt bei Staaten und nicht bei Unternehmen, daher ist jetzt die Zeit gekommen, um nicht nur Zähne zu zeigen, sondern auch zuzubeissen. Facebook als Zerstörer der Privatsphäre und der demokratischen Grundordnung ist schon mehr, als eine Welt am Rande des Abgrundes vertragen kann, doch dann auch noch den frechen Griff nach der planetarischen Währungshoheit hinzunehmen, lässt sich nur mit der Lust am eigenen Untergang oder, freudianisch ausgedrückt, dem Todestrieb erklären. Die demokratischen Kräfte müssen schon den Plan der Plutokratie, die Weltherrschaft an sich zu reissen, durchschauen und kompromisslos dagegen vorgehen. Tatsächlich sind die Apokalyptischen Reiter vom Schlage Trump doch nur Erfüllungsgehilfen. Der Multimilliardär Ted Turner beispielsweise hätte keine Einwände, wenn die Weltbevölkerung bei 5% der gegenwärtig 7,5 Mrd. Menschen liegen würde.

Thomas Bernhard hat absolut recht, wenn er sagt: „Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen.“

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