Macro Perspective: Was sagt die Ablehnung des CO2-Gesetzes über die Schweiz?

IEA prognostiziert neuen Emissionsrekord für 2021

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„Ethisch ist mehr als unegoistisch!“ Albert Schweitzer, 1875-1965, Arzt, Philosoph, Theologe, Musiker

Durch den Klimawandel ziehen sich die Gletscher weltweit dramatisch zurück. Bild: Hotel Belvédère mit Rhonegletscher, Quelle: Adobe Stocks

Nur wenige andere hochalpine Länder wie die Andenstaaten und Nepal, tief liegende Küstenstaaten wie die Niederlande sowie Inselstaaten wie die Seychellen sind vom beschleunigten Klimawandel ähnlich stark betroffen wie die Schweiz. Die Eidgenossen sind völlig zurecht stolz auf ihre Wirtschaftskraft, den hohen Bildungs- und Lebensstandard sowie die Innovationsfreudigkeit. Im Kampf gegen die Überhitzung des Planeten käme der Schweiz eigentlich eine globale Führungsrolle zu.

Doch tatsächlich bleibt das Land weit hinter den eigenen Verpflichtungen zurück. Die Ablehnung des CO2-Gesetzes wirft die Schweiz im globalen Wettlauf zur Erreichung der Klimaziele nun sogar noch weiter zurück. Bis 2019 waren die Emissionen gegenüber dem Niveau von 1990 nur um 14% reduziert worden, was es zunehmend unwahrscheinlich macht, dass die geplante Halbierung der Treibhausgase bis 2030 erreichbar sein wird.

Net-Zero-Ziel in Frage gestellt

Bis 2050 will die Schweiz wie alle Unterzeichner des Pariser Klimaabkommens das Net-Zero-Ziel realisieren, also unter dem Strich keinerlei Emissionen mehr verursachen. Vor der Abstimmung hatten sich ein breites Parteienbündnis und zahlreiche Verbände für die Annahme ausgesprochen. Was sagen nun die ernüchternden Ergebnisse der Schweizer Volksabstimmung zu den diversen Gesetzesvorlagen, und was bedeuten sie in der längerfristigen Betrachtung?

Verpasste Chance

Zunächst einmal zeigt sich bei den Abstimmungsergebnissen, dass die Dringlichkeit und Notwendigkeit, der Überhitzung des Planeten entgegenzuwirken, dem grösseren Teil der Bevölkerung noch nicht klar oder sogar egal ist. Das ist umso bedauerlicher, weil eben ein hoher Bildungsstandard, die finanziellen Möglichkeiten und die Liebe zur Natur in der Schweiz weit bessere Voraussetzungen für einen Wandel auf Gesetzesebene geboten haben, als dies in den meisten anderen Ländern der Fall ist. Viele fortschrittliche Unternehmen nutzen bereits die Chancen, die aus Lösungen für die Klimaproblematik entstehen; doch ohne Dringlichkeit werden auch viele Unternehmen und Konsumenten einfach weitermachen wie bisher.

Ratio versus Ressentiments

Die Aufklärung zu den einzelnen Gegenständen der Abstimmungen, darunter auch die Pestizide, war zwar durchaus vielseitig, doch solange Gegner einer verantwortlichen Klimapolitik ihre Agenda durchsetzen können, müssen Zweifel an der allgemeinen Qualität der Aufklärung zu den Klimarisiken fortbestehen. Wie kann es sein, dass, obwohl 70% der Schweizer Wert auf die Vermeidung von Emissionen legen, wie eine aktuelle Deloitte-Umfrage belegt, nun eine von Schlagworten sowie emotionsgetragenen Parolen zum gegenteiligen Ergebnis führt?

Indirektes Targeting der Landbevölkerung

Es steht zu vermuten, dass es ganz ähnliche Methoden waren wie bei der Brexit-Entscheidung der Briten oder der Wahl von Donald Trump 2016 – gezielte und personalisierte Wahlwerbung nach gründlicher Big-Data-Analyse und einem klaren Plan folgend. So muss einem geschulten politischen Beobachter auffallen, dass die anfängliche Führung der Befürworter des CO2-Gesetzes in den Umfragen in dem Moment zu bröckeln begann, als klar wurde, dass wegen der Einbeziehung der beiden Agrar-Initiativen zu Pestiziden und Trinkwasser mit einer höheren Teilnahme des ländlichen Raumes zu rechnen ist. Also wurde die Nein-Kampagne vor allem zu den beiden Agrar-Initiativen entsprechend gezielt im ländlichen Raum nach allen Regeln der modernen Kunst des Targetings umgesetzt. Dabei war wohl das Kalkül, dass, wer gegen ein Pestizidverbot stimmt, auch gegen die höhere Besteuerung von fossilen Brennstoffen ist. Da das Ganze noch aufgepeppt war mit Schlagworten wie „Bevormundung“, war absehbar, dass es zu einer eher emotionalen Trotz-Abstimmung der Landbevölkerung kommen würde.

Argumente und Emotionen

Anders lässt es sich kaum erklären, dass viele gegen das CO2-Gesetz gestimmt haben, obwohl sie bei Annahme mehr Geld bekommen hätten als sie bezahlen müssten, also rational gesehen eigentlich bessergestellt wären. Beispielsweise durch Zuschüsse beim Umstellen der Heizung. Geschätzte zwei Drittel der neuen Mittel wären an die Bevölkerung zurückgeflossen. Die ganze Argumentation der nun siegreichen Verhinderer von verschärften Klimagesetzen erscheint streckenweise wenig stringent. So wird erfolgreicher Klima- und Umweltschutz bei www.vernuenftig-bleiben.ch davon abhängig gemacht, dass “fossile Energieträger Fortschritt ermöglichen und Armut reduzieren“. Ist das wirklich vernünftig? Dennoch wirkte die Nein-Kampagne, obwohl vorwiegend an Emotionen gerührt wurde. Dass Überzeugungsarbeit auch mit rationalen Argumenten geht, zeigt https://co2-gesetz-jetzt.ch/ vom Verein Schweizer Wirtschaft für das CO2-Gesetz.

Wissenschaftliche Fakten

Die Volksabstimmung hat nun Fakten geschaffen, die den wissenschaftlichen Erkenntnissen von überwältigender Klarheit und Datenfülle entgegenstehen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres spricht mit Blick auf den beschleunigten Klimawandel davon, dass „es nun klar ist, dass wir den Punkt ohne Wiederkehr erreichen.“ Dazu kommt, dass es nicht um eine Katastrophe am anderen Ende der Welt geht, die man leicht wegschieben kann, denn der Klimawandel spielt sich ja vor aller Augen hier und jetzt ab.

Quelle: wikipedia.org
Kipp-Punkte

Ein wesentlicher Grund für die scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber der Zerstörung des Planeten, und das nicht nur in der Schweiz, ist das mangelhafte Wissen um Zusammenhänge. Inzwischen reden zwar alle von „Kipp-Punkten“, doch die Diskussion bleibt sehr unkonkret. Es fehlt an Wissen und an Fantasie. Die Klimakatastrophe läuft tatsächlich in geologischen Zeiträumen gedacht ungeheuer schnell ab. Bei vergleichbaren Phasen des Klimawandels in früheren Erdzeitaltern verlief der Artenschwund langsamer als heute. Gletschergebiete wurden nicht innerhalb von wenigen Jahrzehnten abgeschmolzen, und die Temperaturen stiegen langsamer.

Temperaturanstieg von 7 Grad Celsius in der Schweiz

Das Pariser Ziel, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken, ist längst illusorisch geworden. Für 2021 zeichnet sich laut der Internationale Energie Agentur (IEA) ein neuer Rekordwertwert für die globalen Emissionen ab. Und Glaziologen weisen darauf hin, dass die Gletscher bis zu 30mal schneller abschmelzen als dies in ihren bisherigen Modellen vorgesehen ist. Punktum, realistisch ist aus heutiger Sicht, dass die globale Temperatur um 3,5 Grad Celsius ansteigt. Das heisst für die Schweiz 7 Grad Celsius, wegen der Höhe. Es ist fraglich, wie „habitabel‘“ die Zone dann noch sein wird. Und es ist auch fraglich, was die Landwirte unter solchen Klimabedingungen noch anbauen und produzieren können. Ebenso, ob es noch einen Tourismus gibt – ohne Schnee. Und wie produktiv die Wirtschaft bei äquatorialen Temperaturen sein kann.

Ozeane absorbieren Sonnenstrahlen

Gegenwärtig ist es so, dass die von Menschen verursachten Treibhausgase immer mehr verhindern, dass die bei uns ankommenden Sonnenstrahlen ins All reflektiert werden. Stattdessen wird die Hitze zu 90% von den Ozeanen absorbiert. Die Strömungen verändern sich, die marinen Lebensbedingungen werden härter. Die Algen sterben, die Korallen bleichen aus, und ohne Kinderstube kann das Meeresgetier keinen Nachwuchs zeugen. Darüber hinaus steigt der Meeresspiegel immer schneller, weil die Eisflächen wegschmelzen.

Fortpflanzungsfähigkeit nimmt ab

Der Fortbestand einer Spezies hängt vor allem davon ab, ob sie sich fortpflanzen kann. Dabei spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle. Ob Biene, Tiger, Fisch oder Mensch: So wie die Umweltgifte Bienen und Fische sterben lassen, haben sie auch ihre Auswirkungen auf den Menschen. Es ist ganz und gar unvernünftig, die Ressourcen weiter überzustrapazieren, wenn der fortschreitende Schaden schon völlig offensichtlich ist – beispielsweise die rapide zunehmende Unfruchtbarkeit der menschlichen Spezies. Das zumindest sagt die Stimme der Vernunft.

Titanic-Syndrom

Doch in der Praxis gibt es auch so etwas wie das Titanic-Syndrom. Selbst als allen an Bord Befindlichen längst hätte klar sein müssen, dass das „unsinkbare“ Schiff sie in die Tiefe reissen wird, spielte die Tanzmusik ausgelassen weiter.

Das Erbe der Neuzeit

Zivilisationen kommen und gehen – und doch ist es dieses Mal anders. Während sich der Dschungel die Städte der Maya und Khmer zurückeroberte, nachdem die Überbeanspruchung der Ressourcen den Zusammenbruch der Kulturen herausgefordert hatte, sind die Hinterlassenschaften unserer Zeit wie Radioaktivität, PCB oder PFAS buchstäblich „forever“.

Am Ende stellt sich zumindest die Frage, warum die jüngeren Generationen sich nicht mehr Gehör verschaffen, um die Weichen besser zu stellen. Denn Albert Schweitzers Zitat trifft mehr denn je zu: „Die Frage, was wir aus unserem Leben machen sollen, ist nicht damit gelöst, dass man uns mit Tätigkeitsdrang in die Welt hinausjagt und uns nicht mehr zur Besinnung kommen lässt.“

 

2 KOMMENTARE

    • Den Entscheid stellen wir nicht in Frage. Denn am Ende ist es ja auch das Schweizer Volk, das für die langfristigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen dieses Entscheids aufkommen muss. Wir möchten nur darauf hinweisen, dass mit der Ablehnung des C02-Gesetzes eine grosse Chance vertan wurde. Auch und gerade für die Schweizer Wirtschaft.

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