Philippe Petitpierre, VRP Holdigaz: «In der Energiewende ist die Gasindustrie Teil der Lösung, nicht des Problems»

Das Unternehmen aus Vevey setzt verstärkt auf Biogas und erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft

0
387

Holdigaz SA wurde 2005 gegründet und ist eine Holdinggesellschaft, die sowohl Erdgasverteiler als auch Unternehmen in Sektoren mit direkter oder indirekter Synergie zum Erdgas vereint. Das Unternehmen ist vorwiegend im Kanton Waadt tätig.

Philippe Petitpierre äussert sich im Gespräch mit schweizeraktien.net zu den in diesem Jahr explosionsartig gestiegenen Gaspreisen, erklärt, warum er eine baldige Inbetriebnahme von Nordstream 2 begrüssen würde und warum Holdigaz verstärkt erneuerbare Energien in das Angebots-Portfolio aufnimmt.

Philippe Petitpierre gründete Holdigaz SA im Jahre 2005 und ist CEO des Waadtländer Unternehmens. Bild: zVg.

Herr Petitpierre, der Gaspreis hat sich in diesem Jahr mehr als verdoppelt. Waren Sie und Holdigaz auf einen so starken Anstieg vorbereitet?

Die Entwicklung des Gaspreises auf den Spotmärkten ist uns seit langem bekannt, und wir überwachen sie ständig. In den letzten 12 Monaten schwankte der Spotmarktpreis zwischen 13 und 45 Euro pro MWh, wie die untenstehende Grafik zeigt. Die wichtigste Veränderung trat Anfang September ein.

Wir verfolgen diese Entwicklung mit grosser Aufmerksamkeit von Tag zu Tag. Ich möchte Sie jedoch daran erinnern, dass sich diese Entwicklung nur auf die Spotgaspreise auswirkt, die lediglich einen kleinen Teil unserer Versorgung ausmachen.

Entwicklung des Gaspreises auf dem Spotmarkt im letzten Jahr. Quelle: zVg.

Worauf führen Sie diesen Anstieg zurück? Ist allein das russische Interesse, die Inbetriebnahme von Nordstream 2 zu forcieren, dafür verantwortlich?

Für diese Preiserhöhungen sind mehrere Faktoren verantwortlich. Zu den wichtigsten gehören, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die folgenden:

  1. Der sehr niedrige Füllungsgrad der europäischen Speicher, der eine wichtige Rolle bei der Bildung von Marktpreisen spielt. Indem diese Speicher im Sommer zu niedrigen Preisen gefüllt werden, nehmen sie eine Art Regulierungsfunktion ein.
  2. Die sehr hohe Nachfrage nach Erdgas in Asien, die grosse Kontingente an LNG (Liquefied Natural Gas) erforderlich macht.
  3. Die freiwillige Regulierung der russischen Gaslieferungen nach Europa ist eine Reaktion auf die Schwierigkeiten, die Russland durch Europa (unter starkem amerikanischem Druck, wohlgemerkt) in Bezug auf die Fertigstellung und Inbetriebnahme von Nordstream 2 hat. In der gegenwärtigen Situation sind die Russen keine wirtschaftlichen Verlierer, denn für die gelieferten Mengen können sie höhere Preise verlangen. Gazprom wird seine Lieferungen nach Europa erhöhen.
  4. Hinzu kommt, dass der Beginn der Wintersaison die Nachfrage allgemein ansteigen lässt.

Es ist also eine Kombination aus mehreren Faktoren, die zum Anstieg der Gaspreise geführt haben.

Es geht nicht um die Frage, ob Ihre Kunden mit Gaspreiserhöhungen rechnen müssen, sondern nur wann. Wie bereiten Sie Ihre Kunden auf höhere Rechnungen vor?

Diese Frage lässt sich nicht abschliessend beantworten, da solche Entscheidungen von vielen Faktoren abhängen. Genf hat zum Beispiel gerade eine Erhöhung um 12% angekündigt, und Lausanne hat erklärt, dass auf eine geplante Reduktion verzichtet wird. Der Jura wiederum hat Steigerungen von über 80% angekündigt! Das beweist, dass der Anstieg der Gaspreise nicht unbedingt eine ausgemachte Sache ist, sondern eher eine Unternehmensentscheidung, die von Fall zu Fall nach zahlreichen politischen, finanziellen und operativen Kriterien getroffen wird.

Bei Holdigaz liegt diese Art von Entscheidung in der alleinigen Zuständigkeit des Verwaltungsrats, der sich im November dazu beraten wird.

Vielerorts wird bereits von einer Energieknappheit für den kommenden Winter gesprochen. Auch der Strom, der zum Teil mit Gas erzeugt wird, wird immer teurer. Sehen Sie angesichts des kalten Winters und der anhaltenden Verknappung der Gasreserven die Gefahr, dass wir ein Energieversorgungsproblem bekommen könnten?

Statt von einer allgemeinen Energieknappheit sollten wir zunächst von der spezifischen Stromknappheit sprechen. Eine breite Stromerzeugung durch Gaskraftwerke  existiert aktuell nicht in unserem Land.  Wir sind also weitgehend von Importen abhängig. Die grossen Schweizer Elektrizitätsunternehmen kündigten bereits sektorale «Lastabwürfe» aufgrund des sinkenden Stromverbrauchs an, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie gezwungen sein werden, ihre Produkte zu verkaufen.

Im Gasbereich befinden wir uns in einem geopolitischen Spiel um Nordstream 2, wobei ich darauf hinweisen möchte, dass die europäischen Gasunternehmen – im Gegensatz zu den europäischen Politikern – den Bau unterstützt haben und den Betrieb der Anlage unterstützen. Wir haben auch wichtige Lieferungen aus dem Süden (vor allem TAP, Libyen und Algerien) und dem Norden (hauptsächlich Norwegen). Ich sehe kein Risiko eines Gasversorgungsengpasses.

Energieversorger wie Holdigaz investieren zunehmend in erneuerbare Energien wie Wind- und Sonnenenergie. Werden Sie den Anteil der erneuerbaren Energien an Ihrem Energiemix, auch als Reaktion auf die Ereignisse dieses Herbstes, weiter ausbauen?

Es gibt verschiedene Formen von Investitionen in erneuerbare Energieträger: lokale «physische» Investitionen, die den Anteil der erneuerbaren Energien an den verkauften Mengen erhöhen, und Investitionen in die Produktion, die nicht in unsere Netze eingespeist werden können, unabhängig davon, ob sie in Form von Zertifikaten zurückerlangt werden können oder nicht .

Bei Holdigaz verwenden wir mehrere Ansätze: Unsere Investitionen in die Windenergie in der Ostsee oder in Portfolios, die über ein grosses Gebiet in der Welt verteilt sind, fallen in die erste Kategorie und generieren in erster Linie finanzielle Erträge, die es uns ermöglichen, vor Ort in kontrollierte Massnahmen zu investieren. Wie z.B, die Finanzierung von «my climate»-Zertifikaten, deren Kosten sich nicht auf den Gaspreis für unsere Kunden auswirken und die auch zur finanziellen Entlastung anderer lokaler Massnahmen beitragen.

Unsere Investitionen in die lokale Photovoltaik, insbesondere in Form von Verträgen mit Dritten, tragen auf lokaler Ebene in erheblichem Masse Früchte, und die Investitionen in die physische Biogaserzeugung in unseren eigenen Anlagen ermöglichen physikalische Einspeisung von erneuerbarem Gas, nämlich Biogas.

Die Antwort auf Ihre Frage lautet also «ja», wir investieren weiterhin in erneuerbare Energien im Allgemeinen und in Biogas im Besonderen.

Die Absatzmengen von Biogas sind im Vergleich zu Erdgas noch sehr gering. Welche Rolle wird Biogas als Alternative zu Erdgas spielen?

Wir setzen unsere Bemühungen zur Entwicklung von Biogas fort. Das Ziel der Gaswirtschaft besteht darin, den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2030 auf 30% der thermischen Energien zu erhöhen. Mit diesem Ziel vor Augen verfolgt Holdigaz die Strategie, insbesondere durch die Produktion von erneuerbarem Biogas im Ausland, das in Form von verflüssigtem Biogas (Bio-GNL) physisch in die Schweiz importiert wird, für die Entwicklung der Mobilität insbesondere der schweren Fahrzeuge gerüstet zu sein.

Im Bereich der Mobilität sind CNG- und LNG-Tankstellen derzeit ein viel diskutiertes Thema. Sie haben selbst erwähnt, dass Sie in naher Zukunft eine zweite und dritte LNG-Tankstelle in der Westschweiz anbieten wollen. Ist ein Gas-LKW in Bezug auf seinen ökologischen Fussabdruck wirklich besser als ein Benzin- oder Diesel-LKW?

Wir halten an unserer Vision der Erdgasmobilität fest. Die vollständige Elektrifizierung der Mobilität ist auf lange Sicht keine praktikable Lösung und kann schnell mit Kosten- und Finanzierungsproblemen verbunden sein. So kann ich mir vorstellen, dass Subventionen nicht aufrechterhalten werden können und dass das schnell zu einer Überarbeitung der Elektromobilitätsstrategie führen wird. Eine aktuelle deutsche Studie hat gezeigt, dass in der ersten Hälfte des Jahres 2021 60% des Stroms, der für den Betrieb von Elektroautos benötigt wird, aus Kohlekraftwerken stammt. Das ist einerseits schlecht für die Klimabilanz, aber noch problematischer ist, dass das Ziel der Kohlenstoffneutralität bis 2050 nicht garantiert ist!

Was uns betrifft, so werden wir weiterhin den Ausbau unseres Netzes von Verteilerstationen für komprimiertes Erdgas für leichte und schwere Fahrzeuge betreiben. Ausserdem sind wir dabei, Bio-LNG zu liefern, das wir dem Schwerlastverkehr an LNG-Tankstellen zur Verfügung stellen können. Was den ökologischen Fussabdruck anbelangt, so ist unbestritten: Leichte und schwere Fahrzeuge, die mit Erdgas betrieben werden, erzeugen deutlich weniger Treibhausgase und Feinstaub als Benzin- und Dieselfahrzeuge.

Vor zwei Jahren haben Sie der Presse ein 1:1-Modell des SOFTCAR vorgestellt, an dessen Entwicklung Holdigaz beteiligt ist. Ein Kleinwagen mit Erdgas-Elektro-Hybridantrieb. Wie ist der Stand der Entwicklung dieses Projekts?

Das SOFTCAR-Projekt ist so weit fortgeschritten, dass wir geplant hatten, das Fahrzeug am Genfer Autosalon GIMS 2022 zu präsentieren, der leider kürzlich abgesagt wurde. Derzeit wird ein Plan B entwickelt, um die Präsentation an einer anderen offiziellen Veranstaltung im Februar 2022 durchzuführen. Das Auto läuft, ich habe es kürzlich persönlich auf einer Rennstrecke getestet, und es zeigt im Vergleich zu anderen Fahrzeugen auf dem Markt eine sehr hohe Leistung. Das ist eine sehr gute Nachricht!

Das neue Gasversorgungsgesetz (GasVG) ist weiterhin in der Diskussion. Welche Forderungen konnten Sie während des Konsultationsprozesses an die Politiker stellen, und wo sehen Sie noch Nachholbedarf?

Wir stellen keine Forderungen an Politiker! Wir versuchen, sie von der Stichhaltigkeit unserer Argumente und der wirtschaftlichen und energetischen Realität zu überzeugen. Wir haben Vorschläge gemacht, um eine brutale Öffnung des Gasmarktes zu vermeiden und Bedingungen festzulegen, die realistisch und für alle Parteien akzeptabel sind.

Wir denken, dass man uns zugehört hat, um die Realität unserer Energie im künftigen Energiemix der Schweiz zu verdeutlichen. Der Dialog geht weiter, aber die Diskussionen sind manchmal heikel, weshalb ich nicht weiter auf das Thema eingehen möchte.

Wie sieht Ihr persönlich bester Energiemix der Zukunft aus?

Wenn es um die Energiewende geht, ist die Gasindustrie Teil der Lösung, nicht des Problems! Wir sollten nicht davon träumen, dass wir auf bestimmte Arten von Energie schnell verzichten können. Unsere Zivilisation wird nicht in der Lage sein, in dem von den Träumern erhofften Zeitrahmen ohne Erdgas auszukommen. Wir werden Erdgas brauchen, um schnell Strom zu erzeugen, besonders in unserem Land. Und das mit einer grossen Flexibilität in der Nutzung und zu realistischen Preisen im Vergleich zu den Marktpreisen.

Es gibt Alternativen wie Wasserstoff, die heute noch im Bereich der Wolkenskulptur angesiedelt sind, denn viele in der Branche wissen noch nicht, wie sie zu nutzen sind.

Sie sind ein Optimist: Was macht Ihnen Mut für die Zukunft in Sachen Energie?

Erdgas wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Es ist wichtig, dass die Politik die wirtschaftlichen Regeln des Marktes nicht ändert, nur um auf die Gerüchte und Emotionen auf der Strasse zu reagieren. Wir befinden uns in einer heiklen Phase, was das Klima betrifft, das ist unbestreitbar; wir müssen Korrekturmassnahmen ergreifen, das ist unerlässlich, aber wir müssen auch die richtigen Mittel angesichts der klimatischen Verschlechterung, die wir erleben, anwenden.

Was mir Mut macht, ist, dass wir in unserer Welt noch Führungskräfte haben, die wissen, wie man das Richtige tut, selbst wenn dies bedeutet, dass sie einige der Positionen, die sie als Reaktion auf Emotionen und den Druck der Strasse eingenommen haben, revidieren müssen.

Ich bin zuversichtlich, dass die Technologie zu innovativen und wirksamen Lösungen führen wird. Die ersten Ergebnisse, die an Schweizer Universitäten erzielt wurden, lassen uns hoffen. Ich denke zum Beispiel an die Entwicklung unseres Wissens im Bereich der effizienten Abscheidung von CO2, das bei der Verbrennung von Erdgas gewonnen wird, oder an die Entwicklung einer neuen Technologie für die Energieerzeugung.

Diese wenigen Hinweise, und es gibt noch viele andere, sollen zeigen, dass Vernunft und Intelligenz stärker sind als Emotionen und Wahlreden.

Herr Petitpierre, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

An der Entwicklung des Charts der Holdigaz Aktie lässt sich die Ungewissheit, wie sich die Gaspreise weiter entwicklen, ablesen. Quelle: otc-x.ch

Die Holdigaz Aktie ist auf OTC-X der BEKB gelistet. Zuletzt wurden 187 CHF für die Aktie bezahlt.

Kommentar verfassen