Fachkräftemangel: Ursachen und Folgen für die Schweizer Wirtschaft

Inwieweit sind Vorsorgesystem und Finanzmarkt betroffen?

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Die Schweizer Wirtschaft ist auf Spezialisten angewiesen, doch diese zu finden, wird zunehmend zur Herausforderung. Bild: Kompressorenbau bei Burckhard Compression / Linkedin

In der Schweiz herrscht ein Fachkräftemangel. Dieser ist auf den ersten Blick dem demografischen Wandel, konkret der alternden Bevölkerung, geschuldet. Die bis 1964 geborenen Babyboomer gehen allmählich in Pension. Damit scheiden erfahrene Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt aus, während gleichzeitig weniger junge Leute nachrücken.

Bereits im Jahr 2016 sind erstmals mehr inländische Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden als nachgerückt. Gemäss Berechnungen der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) mussten im vergangenen Jahr 14’000 Erwerbspersonen mehr ersetzt werden als noch 2015. Die Verrentungswelle der Babyboomer wird ihren Höhepunkt im Jahr 2028 erreichen. Dann müssen über 20’000 Erwerbspersonen mehr ersetzt werden als 2015.

«In den vergangenen zwei Jahren waren Rekrutierungsschwierigkeiten stark konjunkturell bedingt», sagt Fabian Maienfisch, Mediensprecher des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco. Im Falle einer Abschwächung der Konjunktur dürfte sich dieser allgemeine Arbeitskräftemangel abschwächen und die strukturellen Unterschiede im Fachkräftebedarf dürften, wie ihn das Indikatorensystem des SECO zum Ausdruck bringt, wieder stärker hervortreten.

«Länder in Europa mit einer vergleichbaren Demografie leiden alle unter einem Arbeitskräftemangel. Die Babyboomer-Generation geht in Rente, währenddem nicht genügend Arbeitskräfte nachkommen», sagt Stefan Heini, Leiter Kommunikation beim Schweizerischen Arbeitgeberverband. Praktisch alle Branchen sind von Arbeitskräftemangel betroffen, die einen wie etwa das Gesundheitswesen, das Gastgewerbe oder die IT mehr, andere etwas weniger.

Vakanzen kosten 5 Milliarden Franken

Online-Stelleninserate bleiben heute in vielen Branchen überdurchschnittlich lange aufgeschaltet. Allein der mittels Vakanzdauer abgeleitete volkswirtschaftliche Wertschöpfungsverlust beträgt gemäss Studien bis zu 0,7% des BIP, was rund 5 Mrd. CHF entspricht. Sollte sich der Fachkräftemangel noch verschärfen, summieren sich die negativen Auswirkungen, und das Potenzialwachstum der Schweiz dürfte geringer ausfallen.

«Der Fachkräftemangel ist in der Tech-Industrie schon seit Jahren ausgeprägt und hat sich in der Tendenz verschärft. Die Zahl der ausgeschriebenen Stellen für Polymechanikerinnen und Polymechaniker, dem grössten Berufsbild in der Branche, hat beispielsweise gemäss Jobradar zwischen Herbst 2021 und Herbst 2023 um 48% zugenommen», sagt Jonas Lang, Ressorleiter Kommunikation bei Swissmem, dem Verband der Schweizer Tech-Industrie.

Titel
Indikatoren Rekrutierungsschwierigkeiten, saisonbereinigt (2005–2023), Quellen: Die Volkswirtschaft

Mit der Corona-Pandemie hat sich der Fachkräftemangel weiter verschärft. Branchen, die einen Teil ihres Personals freistellen mussten, weil die Arbeit wegen der Pandemie-Massnahmen nicht im gleichen Umfang weitergeführt werden konnte, stellten in der Nach-Corona-Zeit fest, dass diese Mitarbeitenden nicht mehr zurückkommen, sondern andernorts Anstellungen gefunden haben. Denn auf der anderen Seite hat ein während der Pandemie überraschend markant steigendes Konsumbedürfnis zu einem kräftigen Aufschwung – und einem ebensolchen Personalbedarf geführt.

Millionen neuer Arbeitskräfte?

Angesichts der Schlagzeilen der vergangenen Jahre muss man sich über den Mangel an Arbeitskräften wundern. Immer wieder wird gewerweisst, wann die 10-Millionen-Schweiz erreicht wird. In den vergangenen Jahren ist die Wohnbevölkerung rasant gestiegen. Wie Szenarien des Bundesamtes für Statistik (BfS) zeigen, wird die Schweizer Bevölkerung weiterwachsen. In seinem Referenzszenario geht das BfS davon aus, dass wir noch in diesem Jahrzehnt die 9-Millionen-Schwelle überschreiten werden und in den frühen 2040er Jahren die 10-Millionen-Schweiz Realität sein dürfte.

Wann ist die 10-Millionen-Schweiz erreicht? Das BfS hat drei Szenarien entwickelt. Abb. BfS

Bei einer solchen Zuwanderung sollte doch am Arbeitsmarkt eine Entspannung eintreten. Doch es gibt Ökonomen, die darauf hinweisen, dass der schnell wachsende Staatsapparat und staatsnahe Institutionen, wie Bildung und Gesundheit, viele Schweizer Arbeitskräfte absorbiere, welche die Sprache, die Gewohnheiten und die Gesetze des Landes kennen würden. Viele offene Stellen im Privatsektor würden deshalb durch hochqualifizierte Zuwanderer besetzt. Diese lösten aber weitere Beschäftigung und Einwanderung aus, denn es brauche in der Folge Arbeitskräfte für Infrastruktur, Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung etc. Michael Siegenthaler vom KOF nennt dies «zu wenig Qualitätswachstum» – zwar wachse das BIP, dass BIP pro Kopf nehme aber ab.

Die 10-Millionen-Schweiz sei ein beliebtes Thema, weniger oft werde diskutiert, was die Alternative wäre, sagt Stefan Heini. «Der Hauptgrund, weshalb die Schweiz so vielen hochklassigen Unternehmen eine Heimat bietet, sind die erstklassigen Rahmenbedingungen und die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal.» Der Sprecher des Arbeitgeberverbandes folgert: Der Status Quo lasse sich nicht einfach einfrieren. Entweder die Schweiz bleibe attraktiv und offen für Arbeitgebende und Arbeitnehmende und wachse, oder das Land sei bereit, die schmerzhaften Konsequenzen einer zunehmenden Abschottung auf sich zu nehmen. «Dennoch ist unbestritten, dass die Zuwanderung auch Kosten verursacht. Um die hohe Lebensqualität zu erhalten, sind Investitionen etwa in Infrastruktur und in den Wohnungsbau unumgänglich», fügt Heini an.

Zu viele Studierende?

Vielfach wird angeführt, dass eine zu hohe Akademikerquote – Jugendliche wählen vermehrt statt einer Berufslehre ein Studium, und dort würden oft wenig produktive Studienrichtungen gewählt – zum Fachkräftemangel führe. Zudem wird bemängelt, die hoch bezahlten Jobs bei Banken, IT-Gesellschaften und dem Staat konkurrenzierten die Industrie. «Der Arbeitskräftemangel wird vor allem auch durch das hohe Stellenwachstum der Wirtschaft hochgehalten», sagt aber Stefan Heini.

«Der grösste Teil der Mitarbeitenden steigt über eine Berufslehre in die Branche ein. Es ist uns deshalb ein Anliegen, die Bedeutung der beruflichen Grundbildung gegenüber der Gesellschaft aufzuzeigen und die duale Bildung kontinuierlich weiterzuentwickeln», sagt der Sprecher von Swissmem. Der Verband habe daher verschiedene Massnahmen ergriffen, um die Zukunftsfähigkeit der Ausbildungen zu sichern. Dazu zähle das Projekt Futuremem, die grösste laufende Berufsreform in der Schweiz. Darüber hinaus gelte es aber auch, die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Schweiz insgesamt zu erhalten.

Gemäss dem aktuellem Bildungsbericht entscheidet sich immer noch die Mehrheit der Schulabgängerinnen und -abgänger für eine berufliche Grundbildung. Das ist erfreulich und wichtig, denn die arbeitsmarktorientierte Ausbildung trägt einen wichtigen Teil dazu bei, dass Unternehmen die Spezialisten beschäftigen können, welche sie benötigen. «Die Schweiz sollte zu ihrer hochwertigen, dualen Berufsbildung Sorge tragen, um die sie viele andere Länder beneiden», so der Sprecher des Arbeitgeberverbandes. Betreffend den Fachkräftemangel zeige sich, dass besonders viele Arbeitnehmende in denjenigen Berufen gefragt sind, für die ein Abschluss einer höheren Berufsbildung notwendig ist.

Brach liegendes Potenzial

Der Bildungsbericht zeigt aber auch, dass die individuelle Entscheidung für oder gegen eine Tertiärausbildung – insbesondere in der höheren Berufsbildung – häufig aufgrund fehlender oder falscher Informationen gefällt wird. Die Arbeitgeber sehen deshalb in den Berufswahlprozessen und der Laufbahnberatung ein grosses Handlungspotenzial. «Die Berufslehre muss die gesellschaftliche Anerkennung erhalten, die ihr auch zusteht», so Heini.

Brach liegendes, inländisches Arbeitskräftepotenzial gibt es insbesondere bei den Müttern und bei den Menschen über 65 Jahren. Hier sollten dringend die negativen Erwerbsanreize beseitigt werden, sodass sich für diese Gruppen Arbeit in höheren Pensen auch wirklich lohnt – und nicht, dass das Zusatzeinkommen unter anderem für progressive Steuern oder Kita-Gebühren gleich wieder wegefressen wird.

Auch Swissmem gibt an, dass der Schwerpunkt der Aktivitäten in der Ausschöpfung des inländischen Fachkräftepotenzials liege. Im Vordergrund stehe dabei die Rekrutierung von Nachwuchskräften, die Erhöhung des Frauenanteils in der Branche sowie die Weiterentwicklung der bestehenden Mitarbeitenden. Dennoch sei es für die internationale Wettbewerbsfähigkeiten wichtig, dass die Unternehmen ergänzend auch einfach auf ausländische Spezialisten zugreifen können.

«Geht im Rauschen unter»

David Marmet, Chefökonom Schweiz der Zürcher Kantonalbank, relativiert den Einfluss der Babyboomer, die in den Ruhestand treten. Wie erwähnt dürfte die Spitze im Jahr 2028 erreicht sein und das Delta, also die Differenz Neupensionäre zu Berufseinsteigern, rund 20’000 betragen. Das sei zwar eine grosse Zahl, die im übrigen Rauschen von konjunktureller Entwicklung, Digitalisierung oder strukturellen Verschiebungen aber kaum wahrnehmbar sei.

Neben der Geburtenrate und Zuwanderung ist die Sterblichkeit bzw. die zunehmende Lebenserwartung der dritte wichtige Treiber der Bevölkerungsentwicklung. Dank des medizinischen Fortschritts und des gesünderen Lebensstils steigt die Lebenserwartung seit Jahrzehnten kontinuierlich: Im Jahr 1880 hatten Frauen in der Schweiz bei der Geburt eine Lebenserwartung von 43 Jahren, Männer wurden knapp 41 Jahre alt. Heute belaufen sich dieser Wert auf 85,7 Jahre für Frauen und 81,6 Jahre für Männer – also auf fast den doppelten Wert.

Die Schweiz bleibt dank ihrer günstigen wirtschaftlichen Situation, der guten Lebensqualität, des hohen Lebensstandards, der zentralen Lage in Europa und der vorteilhaften Steuern als Zuwanderungsland attraktiv. Die hiesigen Unternehmen rekrutieren fehlende Arbeitskräfte hauptsächlich aus dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Aber auch im Nicht-EWR werden händeringend qualifizierte Arbeitskräfte gesucht. Aufgrund der erhöhten Mobilität der Erwerbstätigen und der beschleunigten Alterung in Europa konkurrieren die Schweiz und die EWR-Länder zunehmend um qualifizierte Arbeitskräfte.

Wirtschaft will Bilaterale III

Gemäss aktuellen politischen Diskussionen um die Erhöhung des Rentenalters und der Erwerbsquote zeichnet sich hier in den nächsten Jahren keine Lösung ab. Der steigende Ersatzbedarf von Arbeitskräften wird vorrangig über die Nettozuwanderung gedeckt werden müssen. So ist klar, dass Exponenten aus Wirtschaft und Wissenschaft heute ungeduldig auf eine politische Lösung bezüglich der Beziehung zwischen der Schweiz und der EU warten.

Die Personenfreizügigkeit gelte ja nach wie vor, räumt Stefan Heini ein. «Eine Zustimmung zu den Bilateralen III würde diesbezüglich unmittelbar nichts ändern. Ändern würde sich aber, dass wir wieder ein stabiles, geregeltes Verhältnis mit der EU hätten, was den Unternehmen eine höhere Planungssicherheit gäbe», ergänzt er. «Mit den Bilateralen III geht es unter anderem auch darum, diesen Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt zu sichern», ergänzt Jonas Lang. Die Bedeutung der Bilateralen III gehe aber über den Arbeitsmarkt hinaus. Mit einem Marktanteil von 55% ist die Europäische Union der mit Abstand wichtigste Handelspartner der Schweizer Tech-Industrie. «Im Rahmen der Verhandlungen gilt es, den Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu sichern, die Rückkehr zur umfassenden Beteiligung an der europäischen Forschungszusammenarbeit zu schaffen und mit einem Stromabkommen das ab 2025 erhöhte Risiko einer Stromversorgungslücke zu reduzieren», so der Swissmem-Sprecher.

KI soll es richten

Bereits die Digitalisierung sollte viele Arbeitsstellen obsolet machen und Arbeitskräfte für andere Bereiche freimachen. Von der Künstlichen Intelligenz, die mit der Einführung von ChatGPT in aller Munde ist, werden wahre Wunder erwartet. Kaum eine Branche, die nicht auf den Kopf gestellt werden soll. Das sieht auch der Sprecher des Arbeitgeberverbandes so: «Technologische Fortschritte generell dienen dazu, dass die Arbeitsressourcen effizienter eingesetzt werden können. Wenn also mittels KI Menschen durch Maschinen ersetzt werden können, so werden die betroffenen Arbeitskräfte frei für den Einsatz in anderen Aufgabengebieten.»

Im Dezember 2022 verabschiedete der Bundesrat den Bericht «Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt – Monitoring 2022». Dieser Bericht zeigt, dass der Schweizer Arbeitsmarkt die mit der Digitalisierung einhergehenden Herausforderungen bisher erfolgreich bewältigen konnte. «Berufe und Tätigkeiten veränderten sich in den vergangenen Jahrzehnten laufend, ohne dass sich in der Summe daraus negative Auswirkungen auf die Erwerbsbeteiligung oder die Qualität der Beschäftigungsverhältnisse ergaben», ergänzt Maienfisch.

KI werde mit dazu beitragen, dass sich Berufe und Tätigkeiten weiterhin verändern. Dies gehe jedoch nicht zwingend mit einem Stellenabbau oder gar dem Wegfall von ganzen Berufen einher, denn KI wird gemäss Seco-Sprecher häufig nicht als Ersatz, sondern ergänzend zur menschlichen Arbeit eingesetzt. Dies geht u.a. aus verschiedenen Studien internationaler Organisationen wie der OECD oder des IWF hervor.

Die neuen Technologien erfordern gemäss Lang aber oft auch neue Fachkräfte, die über grundlegende technische Kompetenzen verfügten. «Wir gehen daher davon aus, dass die Digitalisierung zur Schaffung neuer Jobs führen wird und die Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften anhaltend hoch bleiben wird», sagt Jonas Lang. Das sei bei bisherigen Technologieentwicklungen und Automatisierungsschüben immer so gewesen.

Rentenfinanzierung wird zum Problem

Dieses demografische Ungleichgewicht ist auch für das Rentensystem ein Problem. Kann es diesen «Rentnerüberhang» verkraften? Die erste Säule, die AHV, funktioniert nach dem Umlageverfahren. Beiträge, welche die aktive Bevölkerung einzahlt, werden unmittelbar verwendet, um AHV-Renten zu finanzieren. Mit der Veränderung der Alterspyramide kommt diese Finanzierung immer mehr in Schieflage.

In der zweiten Säule (Pensionskasse) und der freien Vorsorge der dritten Säule werden die Beiträge der Versicherten von Vorsorgeeinrichtungen und Finanzdienstleister für jede Person am Kapitalmarkt angelegt und ab Beginn des Ruhestandes ausbezahlt. So spart jeder für sich selbst. Bei der Auszahlung der PK-Beiträge kann man zwischen Kapitalbezug und Rente wählen. Zahlreiche Pensionskassen befinden sich nach Jahren mit Niedrigst-Zinsen in finanzieller Schieflage und verfügen nicht mehr über die Deckung, die sie den Pensionierten zusagten und decken diesen «Fehlbetrag» mit den Guthaben der noch werktätigen Versicherten.

Zudem sind in den vergangenen Jahrzehnte die Ansprüche der Menschen für den dritten Lebensabschnitt stetig gestiegen. Ein jahrzehntelanger Ruhestand im gewohnten Lebensstandard gilt schon fast als Grundrecht. Der demografische Wandel gefährdet diese Vorstellung aber zusehends. Viele Erwerbstätige dürften im Ruhestand weniger auf Rosen gebettet sein als erhofft. So ist die durchschnittliche Ersatzquote – also die Rente aus AHV und Pensionskasse – bei einem Gehalt von 80’000 CHF im Zeitraum 2013 bis 2022 um 10 Prozentpunkte auf 70% gefallen. Für manche Teile der Bevölkerung ist sie sogar unter 60% gesunken – und damit unter das aus der Schweizer Verfassung abgeleitete Ziel, wonach die Renten aus AHV und Pensionskasse nach der Pensionierung die Fortführung des gewohnten Lebensstandards ermöglichen sollen.

Legt der Pensionär anders an?

Der Run der Babyboomer auf das Rentenalter wirft zudem die Frage auf, was mit Konsum und Kapitalmarkt geschieht, wenn die Summe der ausbezahlten Vorsorgebeträge immer grösser wird. Kommt es zum Konsum-Boom, zur Asset-Inflation? Bedenken muss man dabei, dass je älter die Menschen sind, desto konservativer werden die Anlagestrategien.

Seines Wissens gebe es in der Schweiz keine umfassende Statistik zu den Vermögen nach Alterskategorien – weder in der Vermögenssteuerstatistik der Eidgenössischen Steuerverwaltung noch in der Finanzierungsrechnung der Nationalbank, die das Vermögen der privaten Haushalte erfasse, gebe es Hinweise, sagt David Marmet. «Daher ist es meines Erachtens kaum möglich, empirisch erhärtete Aussagen zu diesen relevanten Fragen zu machen.»

So bleibt die theoretische Argumentation; und hier eröffnet sich ein weites Feld an möglichen Erklärungsansätzen, etwa die Lebenszyklus-Hypothese, die je nach Annahmen unterschiedliche Schlussfolgerungen über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen zulasse. Die Hypothese geht davon aus, dass die Konsumausgaben einer Person über die Lebensspanne immer ähnlich seien, sich das Schwergewicht mit zunehmendem Alter von Mobilität, Freizeit in Richtung Gesundheitsdienstleistungen verschieben. Zudem nimmt man an, dass die Bürger versuchen, bis zur Pensionierung ein möglichst grosses Vermögen aufzubauen und dieses dann bis zum Tod auf null abbauen. «Diese Hypothese ist ein schönes Konstrukt, aber es sprechen auch zahlreiche Entwicklungen immer wieder dagegen», sagt Marmet.

Das Vermögen wächst auch nach der Pensionierung

So zeigt eine Studie des Genfer Professors Philipp Wanner, dass die Vermögen in der Schweiz auch nach der Pensionierung weiterwachsen – unter anderem wegen der steigenden Lebenserwartung und der daraus folgenden Angst zu verarmen. Zudem erhöhe sich das Alter der Erben, mittlerweile erreicht die Erbengeneration ein Alter von 50 bis 70 Jahre.

Er könne nur rein anekdotische Beobachtungen teilen, so Marmet. So hätten Pensionierte andere Anlagepräferenzen als die Pensionskassen, die an ein striktes Reglement gebunden seien. Privatpersonen würden dazu tendieren, Lieblingsaktien und Valoren aus Trendsektoren höher zu gewichten, zudem dürfte der Obligationenanteil, der bei institutionellen Investoren reglementarisch hoch ist, in der individuellen Anlage sinken. «Doch statistisch lassen sich diese Bewegungen nicht aufzeigen», so der ZKB-Ökonom.

Wegen des Beispiels Japans, dem Spitzenreiter in Sachen Überalterung, ging man bisher davon aus, dass ein wachsender Anteil an Pensionierten nicht zu Inflation führe. Neuere Studien widersprechen dem, und es erscheint deshalb auch im Ruhestand sinnvoll, in Sachwerte wie Aktien und Immobilien zu investieren.

Der Fachkräftemangel steht auch im Fokus des Branchentalk Industrie, den schweizeraktien.net am 18. Juni 2024 durchführt. Referent ist u.a. Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim SECO. 

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