Christian Koch, Head BB Biotech: «Opportunitäten entstehen dort, wo Fortschritt und Bewertung noch nicht im Gleichgewicht sind»

Comeback des Biotech-Sektors eröffnet Kurschancen

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Dr. Christian Koch, seit 2025 Head BB Biotech Team und Executive Board Member der Bellevue Asset Management, stiess 2014 als Portfoliomanager bei BB Biotech zu Bellevue Asset Management. Von 2013–2014 war er Sell-side Pharma- & Biotech-Aktienanalyst bei der Bank am Bellevue in Küsnacht und von 2010–2013 Research Associate am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften an der ETH Zürich. Er promovierte im Bereich Computer-Assisted Drug Design am Pharmazeutischen Institut der ETH Zürich und studierte Bioinformatik an der Goethe-Universität Frankfurt. Bild: zVg

Die Aktie der Schweizer Biotech Beteiligungsgesellschaft BB Biotech vollzieht seit dem Apriltief im vergangenen Jahr einen markanten Turnaround. Das Beteiligungsportfolio wurde konzentriert, allein fünf Beteiligungen wurden Ziel profitabler Übernahmen. Christian Koch ist seit 2025 Head des BB Biotech Teams. Im Interview mit schweizeraktien.net sagt er, worauf es bei der Auswahl der Investments ankommt und wie bei BB Biotech wissenschaftliche Expertise, Daten-Analyse und Marktkenntnis bei den Anlageentscheidungen zusammenwirken. Koch nimmt auch Stellung zur Dividendenerhöhung und dem angekündigten Aktienrückkaufprogramm und erklärt, warum die Investments in den USA konzentriert sind.

Das Jahr 2025 lief für die Aktionäre von BB Biotech mit einer Gesamtrendite von 34,2% gut. Ist das die Trendwende, nachdem Biotech-Aktien davor jahrelang eher ein Schattendasein geführt hatten, Herr Koch?

Die Rahmenbedingungen haben sich klar gebessert. Nach einer Phase steigender Zinsen, erschwerter Refinanzierung und ausgeprägter Risikoaversion sind die finanziellen Parameter wieder berechenbarer geworden. Ich bin kein grosser Fan dieses Begriffs Trendwende. Er suggeriert einen abrupten Richtungswechsel. Wenn wir auf die Fakten schauen, sehen wir eine deutliche Verbesserung: klinische Fortschritte im Sektor, regulatorische Meilensteine, eine spürbar belebte M&A-Aktivität und eine wieder stärkere Fokussierung der Investoren auf Fundamentaldaten. Entscheidend ist, dass der Markt wieder differenziert. Unternehmen mit klarer wissenschaftlicher Validierung, strategischer Relevanz und kommerzieller Visibilität werden honoriert. Genau diese Selektivität entspricht unserem Investmentansatz.

Sie konnten 2025 fünf profitable Übernahmen von Portfoliogesellschaften verzeichnen, darunter die von Intra-Cellular Therapies durch J&J. Zwei Gesellschaften wurden kurz nach der Aufnahme in Ihr Portfolio übernommen. Wie machen Sie das?

Wir wollen uns hier nicht selbst über den Klee loben. Übernahmen sind in erster Linie das Resultat strategischer Entscheidungen der Käufer – nicht das primäre Ziel unserer Anlagepolitik. Was wir jedoch konsequent weiterentwickelt haben, ist unser Research-Ansatz. Wir haben unsere Analysekapazitäten ausgebaut, die wissenschaftliche Tiefe weiter gestärkt und zusätzliche datengetriebene Instrumente integriert. Dazu gehören auch KI-basierte Analysemethoden, die uns helfen, klinische Daten, Wettbewerbslandschaften und regulatorische Pfade noch strukturierter zu bewerten.

«Unser Fokus liegt darauf, Unternehmen mit klarer klinischer Reife, differenzierten Wirkmechanismen und strategischer Relevanz zu identifizieren»

Unser Fokus liegt darauf, Unternehmen mit klarer klinischer Reife, differenzierten Wirkmechanismen und strategischer Relevanz zu identifizieren. In einem Umfeld, in dem grosse Pharmaunternehmen ihre Pipelines gezielt verstärken müssen, rücken genau solche Profile verstärkt in den Fokus. Dass zwei Gesellschaften kurz nach ihrer Aufnahme übernommen wurden, zeigt vor allem, wie schnell sich strategischer Wert in einem konstruktiveren Marktumfeld materialisieren kann.

Die intensivierte M&A-Aktivität im Bio-Pharma-Sektor signalisiert, dass die Bewertungen der Übernahmekandidaten als attraktiv eingeschätzt werden. Setzt sich die Übernahmewelle fort? Und welche Faktoren bestimmen das weitere Geschehen?

Die erhöhte M&A-Aktivität ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern strukturell begründet. Ein zentraler Treiber ist die Patentklippe: In den kommenden Jahren verlieren grosse Pharmaunternehmen erhebliche Umsatzvolumina durch auslaufende Patente. Entsprechend hoch ist der Druck, die Pipelines gezielt zu erneuern.

Gleichzeitig verfügen viele grosse Akteure über solide Bilanzen und strategische Flexibilität. Wenn klinisch fortgeschrittene, differenzierte Programme verfügbar sind, die regulatorisch validiert und kommerziell skalierbar erscheinen, entsteht eine natürliche strategische Logik für Transaktionen. Ob sich die Dynamik fortsetzt, hängt daher weniger von kurzfristigen Bewertungsniveaus ab, sondern von drei Faktoren: erstens der klinischen Reife der Kandidaten, zweitens der strategischen Passfähigkeit für die Käufer und drittens der regulatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen. Solange der Innovationsfluss im Biotech-Sektor intakt bleibt und die Patentlücken bei Big Pharma bestehen, dürfte M&A ein wiederkehrendes Element des Marktgeschehens bleiben.

Es ist auch im Healthcare-Sektor eine Zeit der Umbrüche. Haben Ihres Erachtens Entscheidungen wie die von Novartis, 11 Fabriken in den USA zu errichten, und deren gemeinsame Initiative mit Roche zur Anhebung der Medikamentenpreise in der Schweiz auch Auswirkungen auf Ihr Investment-Universum?

Solche Entscheidungen zeigen vor allem, wie stark Gesundheitspolitik, Standortfragen und Preisdebatten derzeit in Bewegung sind. Der Aufbau von Produktionskapazitäten in den USA unterstreicht den Trend zu mehr lokaler Wertschöpfung und Resilienz der Lieferketten. Preisinitiativen wiederum reflektieren nationale Besonderheiten und politische Diskussionen zur Kostentragbarkeit. Für unser Investment-Universum ist entscheidend, dass wir überwiegend in innovative, forschungsgetriebene US-Biotechnologieunternehmen investieren. Kurzfristige industriepolitische Massnahmen einzelner grosser Pharmakonzerne haben daher nur indirekten Einfluss. Relevanter für uns sind die regulatorischen Rahmenbedingungen in den USA, die Innovationskraft des Sektors sowie die Bereitschaft, therapeutischen Fortschritt angemessen zu vergüten.

Die Investments von BB Biotech sind sowohl hinsichtlich der Anzahl der Beteiligungen wie auch der Indikationsgebiete sehr konzentriert. Wonach gehen Sie im Auswahlprozess vor? Was gibt den Ausschlag?

Wir fokussieren uns auf Unternehmen mit klarer wissenschaftlicher Validierung, klinischer Reife und differenzierten Wirkmechanismen. Ausschlaggebend sind ein überzeugendes Risiko-Rendite-Profil, regulatorische Visibilität und strategische Relevanz.

Zwischen 2023 und 2025 haussierten die Tech-Aktien an der Wall Street und der Biotech-Index der Nasdaq, NBI, tendierte seitwärts. Das NBI-Hoch von 2021 wurde erst im November 2025 überboten. Der Trend zeigt weiter nach oben. Gibt es Ihres Erachtens eine negative Korrelation der Tech- und Biotech-Sektoren? Wie ist Ihre Einschätzung zur weiteren Marktentwicklung?

Eine strukturell negative Korrelation zwischen Tech und Biotech sehe ich nicht. Beide Sektoren sind innovationsgetrieben, reagieren aber auf unterschiedliche Treiber. Während Tech in den vergangenen Jahren stark von KI- und Plattformdynamiken profitierte, war Biotech stärker von Zinsentwicklung, Finanzierungskonditionen und regulatorischen Debatten beeinflusst. Dass der NBI erst im November 2025 das Hoch von 2021 übertroffen hat, zeigt eher die verzögerte Normalisierung im Biotech-Sektor als eine systematische Gegenläufigkeit.

Bei den Investoren wird mehrheitlich von Zinssenkungen der Fed im laufenden Jahr ausgegangen. Tiefere Zinsen sind positiv für Biotech-Aktien, so legen es jedenfalls die Erfahrungen der Vergangenheit nahe. Wie ist Ihre Zinserwartung, und welche Rolle spielen Zinsänderungen generell für Ihre Anlageentscheidungen?

Zinsprognosen gehören erfahrungsgemäss zu den schwierigsten Vorhersagen. Deshalb halte ich mich mit einer expliziten Schätzung bewusst zurück. Was wir jedoch klar sehen: Das Zinsniveau und die Berechenbarkeit der Finanzierungskosten haben einen direkten Einfluss auf die Marktstruktur. In Phasen steigender oder hoher Zinsen werden Kapitalaufnahme und Refinanzierung anspruchsvoller – insbesondere für kleinere, noch nicht profitabel arbeitende Unternehmen, die in einer kapitalintensiven Industrie wie der Biotech-Branche tätig sind. Für unseren Investmentansatz ist deshalb entscheidend, dass die Unternehmen solide kapitalisiert sind und über ausreichend finanzielle Flexibilität verfügen, um ihre klinischen Programme unabhängig von kurzfristigen Marktzyklen voranzutreiben. Stabilere Zins- und Finanzierungsbedingungen wirken unterstützend, aber die Qualität der Pipeline, klinische Reife und strategische Substanz bleiben die primären Werttreiber.

Sprechen wir noch über die Patentklippe, vor der zahlreiche Big-Pharma-Unternehmen stehen. In den nächsten Jahren gehen nach Analysteneinschätzungen bis zu 400 Mrd. USD an Umsatzvolumen verloren. Das spricht für weitere Übernahmen. Bringen denn, im Rückblick betrachtet, die bereits in den Vorjahren getätigten Akquisitionen für die Käufer auch das, was sie zu versprechen schienen?

Das hängt stark von der Qualität der zugrunde liegenden Assets ab. Dort, wo klinische Differenzierung, robuste Daten und eine klare kommerzielle Positionierung vorhanden waren, haben Übernahmen in vielen Fällen substanziellen Mehrwert geschaffen. Wo hingegen zu früh, zu teuer oder auf unzureichender Datenbasis akquiriert wurde, blieb der Erfolg hinter den Erwartungen zurück.

«Erfolgreiche Übernahmen bedeuten aus Investorensicht oft auch, dass man Unternehmen ‹verliert›, die man operativ gerne noch länger im Portfolio begleitet hätte»

Man darf zudem nicht vergessen: Erfolgreiche Übernahmen bedeuten aus Investorensicht oft auch, dass man Unternehmen «verliert», die man operativ gerne noch länger im Portfolio begleitet hätte. Wenn ein Unternehmen aufgrund seiner wissenschaftlichen und kommerziellen Qualität frühzeitig strategisch übernommen wird, ist das zwar eine Wertrealisierung – zugleich unterstreicht es aber auch, welches Potenzial im Asset vorhanden war.

Der US-Aktienmarkt ist der grösste der Welt. Im Bereich der Biotechnologie ist die US-Dominanz sogar besonders ausgeprägt. Insofern ist verständlich, dass BB Biotech fast zu 100% in US-Biotechs investiert. Aber auch Australien, Japan, Südkorea, Indien, Israel und Europa können Innovationsführer hervorbringen. Wie erklären Sie Ihren Aktionären die praktische Ausschliesslichkeit?

Wir schauen uns Innovation global an. Wenn wir jedoch auf Kapitalmarkttiefe, regulatorische Klarheit, Zugang zu Risikokapital, unternehmerisches Umfeld und die Dichte an klinisch fortgeschrittenen Programmen blicken, sehen wir derzeit die stärkste Konzentration hochwertiger, börsenkotierter Biotechnologieunternehmen in den USA. Für die Wertschöpfung in der Biotechnologie ist entscheidend, wo Innovation am profitabelsten monetarisiert werden kann – und das ist trotz aktueller Diskussionen über Medikamentenpreise weiterhin der US-Markt. Selbst bei zunehmendem politischen Druck bleibt das US-Preisniveau im internationalen Vergleich deutlich höher und ermöglicht überdurchschnittliche Margen. Unsere starke US-Gewichtung ist daher kein geografisches Statement, sondern eine konsequente Ausrichtung auf den wichtigsten und profitabelsten Endmarkt.

«Themen wie MRNA, Gentherapie oder personalisierte Medizin und vor allem die Covid-Pandemie haben die Innovationskraft der Biotechnologie viel sichtbarer gemacht – auch ausserhalb von Fachkreisen»

Obwohl die Biotechnologie so zahlreiche innovative Diagnostika und Therapeutika hervorgebracht hat, die Millionen Patienten heilen, retten oder ihre Lebenserwartung und -qualität immens verbessern, so scheint doch, dass die Bedeutung der Branche weder in der Mitte der Gesellschaft noch bei der Mehrheit der Investoren richtig verstanden wird, zumindest in Kontinentaleuropa. Was müsste geschehen, damit insbesondere jüngere Anleger den «sexy» Sektor und seine herausragenden Investment-Opportunitäten für sich entdecken?

Ich würde zunächst sagen: Es hat in den letzten Jahren durchaus Fortschritte gegeben. Themen wie mRNA, Gentherapie oder personalisierte Medizin und vor allem die Covid-Pandemie haben die Innovationskraft der Biotechnologie viel sichtbarer gemacht – auch ausserhalb von Fachkreisen. Gleichzeitig fehlt es in Kontinentaleuropa nach wie vor an einer kritischen Masse börsenkotierter, global führender Biotech-Unternehmen aufgrund von tiefem spezialisierten Wachstumskapital. Dieses Kapital in notwendiger Grössenordnung und Risikobereitschaft ist vor allem in den USA vorhanden und bildet dort die Grundlage für nachhaltige Wertschöpfung.

«Lokale Champions und unternehmerische Erfolgsgeschichten würden es erleichtern, Identifikation zu schaffen und das Thema stärker in die breite Anlegerkultur zu tragen»

Lokale Champions und unternehmerische Erfolgsgeschichten würden es erleichtern, Identifikation zu schaffen und das Thema stärker in die breite Anlegerkultur zu tragen. In den USA ist diese Dichte an sichtbaren Marktführern deutlich höher – das prägt Wahrnehmung und Kapitalflüsse. Was jüngere Anleger anspricht, sind klare Stories: medizinischer Durchbruch, technologischer Fortschritt, messbarer gesellschaftlicher Nutzen – kombiniert mit nachvollziehbaren Geschäftsmodellen. Entscheidend ist daher Transparenz und Aufklärung: zu erklären, wie Innovation entsteht, wie klinische Entwicklung funktioniert und wo langfristig Wert geschaffen wird.

Die Aktionäre von BB Biotech können sich über die, so der Dividendenvorschlag an die GV, Anhebung der Ausschüttung auf 2.25 CHF je Aktie freuen. Sie wollen zudem über die nächsten drei Jahre bis zu 10% der ausstehenden Aktien zurückkaufen, um so Kapital an die Aktionäre zurückzuführen. Wie sind Ihre Renditeerwartungen bei den Investments für die kommenden drei Jahre?

Wir formulieren keine kurzfristigen Renditeziele, weil unser Anlagehorizont strukturell länger ist als einzelne Marktzyklen. Unser Anspruch ist es jedoch, über einen vollständigen Innovationszyklus hinweg eine signifikante Outperformance gegenüber dem Benchmark zu erzielen.

Die Renditeerwartung basiert auf drei Komponenten: klinischer Fortschritt im Portfolio, potenzielle strategische Transaktionen und eine schrittweise Normalisierung der Bewertung im Sektor.

Chart BB Biotech Mar26
Die Auftriebskräfte im Biotech-Sektor haben auch die Aktien von BB Biotech auf Kletterpartie geschickt. Chart: six.group.com

Die Dividendenausschüttung und das angekündigte Aktienrückkaufprogramm zeigen, dass wir Kapitaldisziplin ernst nehmen. Gleichzeitig investieren wir weiterhin aktiv in neue Opportunitäten. Unser Ziel ist es, Kapitalwachstum und attraktive Ausschüttungen miteinander zu verbinden – ohne die strategische Flexibilität einzuschränken.

«Opportunitäten entstehen dort, wo Fortschritt und Bewertung noch nicht im Gleichgewicht sind»

Die regulatorischen und politischen Unsicherheiten dürften uns für die absehbare Zukunft erhalten bleiben. Doch Krisen und strukturelle Umbrüche bieten immer auch Chancen, gerade an den Börsen. Wo sind die Opportunitäten im Biotech-Universum zu finden? Wie navigieren Sie angesichts der teils ungünstigen aufkommenden Winde und der zunehmenden Sturmgefahren?

Regulatorische und politische Unsicherheiten muss man strategisch einordnen. Sie sind Teil des Systems – entscheidend ist, ob sie strukturell wertverändernd sind oder eher zyklische Volatilität erzeugen. Wir betrachten das Umfeld deshalb nicht isoliert, sondern im Kontext von Innovationsdynamik, klinischer Reife und strategischer Nachfrage. Die Patentabläufe bei grossen Pharmaunternehmen, die fortschreitende wissenschaftliche Validierung vieler Programme und die zunehmende Selektivität am Markt schaffen weiterhin ein konstruktives Fundament. Opportunitäten entstehen dort, wo Fortschritt und Bewertung noch nicht im Gleichgewicht sind. Gerade in Phasen erhöhter Unsicherheit kommt es zu Differenzierungen – und genau diese sind für einen aktiven, wissenschaftlich fundierten Investmentansatz zentral.

Vielen Dank, Herr Koch, für die informativen Antworten.

Hinweis in eigener Sache: Am 31. März findet das HealthCare Investors Meeting von schweizeraktien.net im Genolier Innovation Hub statt.

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