Bergbahnen Disentis AG: Wandel vom Bergbahn- zum Tourismusunternehmen

Ausbau des Sommergeschäfts im Fokus – Clinch mit Gemeindevorstand führte zu Verzögerungen

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Neue Luftseilbahn Cuolm da Vi / Bild: disentis-sedrun.ch

Das Geschäftsjahr der auf OTC-X gelisteten Bergbahnen Disentis AG endete am 30. Juni 2020 und damit abweichend zum Kalenderjahr. Am 13. März 2020 – und damit zum Ende des bei der BB Disentis traditionell starken dritten Quartals – wurde die Gesellschaft, wie alle anderen Tourismusbetriebe der Schweiz, im Sog von Covid-19 – Zitat – „brutal aus der Wintersaison gerissen“. Bis dahin wähnte sich die zum Tourismusunternehmen gewandelte Gesellschaft nach den getätigten hohen Infrastruktur-Investitionen der Vorjahre operativ auf Rekordkurs, ehe es zur Vollbremsung mit anschliessendem Stillstand gekommen ist. Das Schlussquartal Q4 mit den Osterfeiertagen stand dann überwiegend im Zeichen des Covid-19-Lockdown. Erst ab dem 6. Juni 2020 konnte auch die Bergbahnen Disentis AG verspätet in die diesjährige Sommersaison starten, doch war das Geschäftsjahr 2019/2020 zu diesem Zeitpunkt praktisch gelaufen und auf der Zielgeraden nicht mehr zu retten. Am Ende ging es nur noch um Ergebniskosmetik und darum, den Schlussschwung ins laufende Geschäftsjahr 2020/2021 mitzunehmen. Dies scheint der Gesellschaft mit Blick auf die verschiedensten Aktivitäten und Events aber gelungen zu sein.

Auch das zurückliegende Geschäftsjahr 2019/2020 war – nicht nur wegen Covid-19 und des temporären Betriebsstillstands – vom Zahlenwerk nicht mit dem Vorjahr 2018/2019 vergleichbar, zu unterschiedlich waren jeweils die Voraussetzungen. In der Saison 2019/2020 ist erstmals die neue Luftseilbahn Cuolm da Vi nach Zusammenschluss der Skigebiete Andermatt-Sedrun-Disentis von Beginn der Wintersaison 2019/2020 und das Catrina Resort ganzjährig in die Erfolgsrechnung eingeflossen.

Wandel zum Tourismusunternehmen ist gelungen 

In dieser Konstellation verbesserte sich der gesamte Betriebsertrag 2019/2020 um bemerkenswerte 37% oder etwa 3 Mio. CHF auf 10.8 Mio. CHF. Der Anteil des Verkehrsertrags am Gesamtertrag ist dabei von 41% im Vorjahr weiter auf knapp 38% gefallen, während 2019/2020 mehr als 52% der Erträge (5.7 Mio. CHF) auf das in den letzten Jahren neu geschaffene Segment „Hotellerie und Gastro“ entfielen (Vj.  46%). Zum Vergleich: In der Saison 2017/2018 stand der Verkehrsertrag mit 2.7 Mio. CHF noch für etwa 50% des Betriebsertrags, der damals insgesamt lediglich rund 5.4 Mio. CHF betragen hatte – etwa die Hälfte des heutiges Wertes von 10.8 Mio. CHF. Auf die Gastronomie, damals noch ohne Hotellerie, entfielen 2017/2018 knapp 28% der Umsätze, entsprechend 1.5 Mio. CHF in absoluten Zahlen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2019/2020 waren es – mit ganzjähriger Hotellerie und Covid-19 zum Saisonende – betriebliche Erträge von  5.7 Mio. CHF, eine Steigerung um eindrückliche 280% in nur zwei Jahren.

Abschreibungen drücken Gesellschaft erneut in die Verlustzone

Die Aufwandpositionen sind 2019/2020 unterproportional zum Anstieg des Betriebsertrags (+37%, s.o.) auf 9.9 Mio. CHF (+32%) geklettert. Aus der relativ verbesserten Kostensituation resultierte 2019/2020 ein deutlich gesteigertes EBITDA von 854‘000 CHF (Vj. 380‘000 CHF). Sieht man es positiv, ist ein klarer Aufwärtstrend erkennbar, doch benötigt die Gesellschaft angesichts ihrer hohen Investitionen der Vergangenheit auch operative Erfolge und kräftige Steigerungen des Betriebsergebnisses. Abschreibungen in Höhe von 1.5 Mio. CHF (+50%) auf die nochmals um mehr als 3.6 Mio. CHF bilanziell „gestärkten“ Sachanlagen, zuletzt mit 40.5 Mio. CHF ausgewiesen, drückten die Gesellschaft erneut bereits auf Stufe EBIT deutlich in die Verlustzone. Das EBIT lag zuletzt bei knapp -0.7 Mio. CHF, eine Verschlechterung um etwa -5%.

Letztmals war das EBIT in der Saison 2012/2013 (!) positiv, damals bei einem EBITDA von 1.2 Mio. CHF und Abschreibungen in der Grössenordnung von 0.9 Mio. CHF. Allerdings waren die in der Saison 2012/2013 einst mit noch rund 12 Mio. CHF bilanzierten Sachanlagen als Basis für die Abschreibungen auch deutlich kleiner dimensioniert (und tiefer abgeschrieben) als die heutigen, zu einem guten Teil neuen Sachanlagen aus den Investitionen der letzten Jahre.

Das Jahresergebnis nach Steuern fiel 2019/2020 von -0.8 Mio. CHF auf -0.9 Mio. CHF, anteilig ein Verlust von etwa -50 CHF je Aktie.

Mit dem Verlust reduzierte sich das bilanzielle Eigenkapital von zuvor 9.9 Mio. CHF auf 9.0 Mio. CHF. Bei einer Bilanzsumme von 42.8 Mio. CHF entspricht dies einer erneut geschrumpften Eigenkapitalquote von 21% nach 24% im Vorjahr. Da allerdings etwa 50% des gesamten Fremdkapitals von rund 33.8 Mio. CHF auf Aktionärsdarlehen entfallen, erscheinen die diesbezüglichen Risiken begrenzt – solange die Darlehen im Unterehmen verbleiben!

Ausbau des Sommergeschäfts mit Fokus „Bike“

Wie die Bergbahnen Disentis im Jahresbericht 2019/2020 ausführen, braucht ein neu geschaffenes Resort mit über 800 Betten eine ganzjährige Auslastung und nicht nur Frequenzen für einige Wochen im Winter. Deshalb hat es sich die Gesellschaft zum Ziel gesetzt, Erlebnisangebote für den Sommer laufend – speziell im Trendsportsegment „Bike“ – auszubauen. Aktuell wird das Gebiet „sowohl für den Strassenbiker als auch für den Mountainbiker“ ausgebaut, wobei Wanderer und Biker in diesen Planspielen räumlich voneinander getrennt werden, so dass es hier idealerweise zu keinen „Berührungen“ kommt.

Für den Sommer 2021 ist die Eröffnung eines neuen „Flow Trail“ geplant. Hier kooperieren die Bergbahnen Disentis AG eng mit dem Mountainbike-Profi Ralph Näf und seinem Thömus RN/Swiss Bike Team.

Disentis will sich mit diesem Projekt in den nächsten Jahren als bedeutende Schweizer Mountainbike-Destination mit einem spezifischen Fokus auf Familien positionieren.

Verhältnis zwischen Unternehmen und Gemeindevorstand hat sich verschlechtert

Eigentlich, so schreibt es der Verwaltungsratspräsident und Hauptaktionär Marcus Weber, im Vorwort zum Jahresbericht 2019/2020, wollte die Gesellschaft 2020 im Bau eines Parkhauses sowie des Flow Trails „weitere Schritte in Richtung Fertigstellung machen.“

Dann kam Covid-19 und veränderte die Welt, auch in Disentis. Der dann folgende Lockdown hat – nach den Worten des Verwaltungsrats der Bergbahnen Disentis AG – zu einer „vollständigen Absenz der Behörden während des Lockdown“ geführt, was entsprechende Verzögerungen für verschiedene Projekte bedeutete. Der Verwaltungsrat moniert, dass andere Gemeinden aktiv ihre Hilfe und Unterstützung angeboten und die Bevölkerung sowie Unternehmen laufend orientiert hätten, nicht aber Disentis. Der Verwaltungsratspräsident führt im Jahresbericht ferner aus, dass er persönlich vom Gemeindepräsidenten Disentis „mehr als enttäuscht“ sei und sich das Verhältnis zwischen den Bergbahnen Disentis AG und dem derzeitigen Gemeindevorstand verschlechtert hätte. Ein Vorwurf in Richtung der Behörden ist, dass es dem Gemeindevorstand nicht bewusst wäre, was die Investitionen der Bergbahnen und des Resorts für die Region bedeuten. Auch soll es seitens der Gemeindeverwaltung nach Wahrnehmung des Verwaltungsrats gegenüber den Bergbahnen Disentis keine Anerkennung oder Wertschätzung für die geleisteten Dienste auch im Interesse der lokalen Bevölkerung geben bzw. gegeben haben.

Zu gu­ter Letzt fühlen sich die Bergbahnen Disentis AG von den Gemeinden Disentis und Sedrun durch die Übernahme der Aktivitäten des SDT Vereins (Sedrun Disentis Tourismus) „im Rahmen der Gründung der Sedrun Disentis Tourismus AG durch die Gemeinden, ohne Rücksprache und ohne genaue Klärung der rechtlichen Basis“, in erheblichem Masse provoziert. Es stehen weitere Vorwürfe und Meinungsäusserungen im Raum, auf die an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden kann und soll. Interessierten Beobachtern sei der Jahresbericht 2019/2020 nach seiner Online-Publikation empfohlen.

Abschliessend fordert der Verwaltungsrat in seinem Bericht auch die Aktionäre und die „lokal verwurzelten Bürger“ auf, kritische Fragen zu stellen – an die Verwaltung der Bergbahnen Disentis AG genauso wie an die gewählten politischen Vertreter.

Sollten den Bergbahnen Disentis AG als wichtigem Motor der lokalen Wirtschaftsentwicklung tatsächlich – wie vom Verwaltungsrat behauptet – an vielen Stellen seitens der lokalen Verwaltung die sprichwörtlichen Steine in den Weg gelegt werden und es dabei zu vermeidbaren Verzögerungen kommen, so wäre dies bedauerlich – gerade in Zeiten wie diesen, in denen Tourismusanbieter allerorten erheblich zu kämpfen haben und sich auch der nationale Wettbewerb – bei einem Ausbleiben der Gäste aus den Fernmärkten – nochmals dramatisch verschärft hat. Manch ein Kampf in der Branche ist längst zum Überlebenskampf geworden. So weit ist es in Disentis zwar noch lange nicht, gerade da die Strukturen in den letzten Jahren erneuert und so auf der Infrastrukturseite die Voraussetzungen für längerfristiges Wachstum auch im Heimmarkt geschaffen wurden. Aber alle Beteiligten müssen auch weiterhin etwas dafür tun, dass es gar nicht erst zu einer kritischen Situation kommt. Eine solche Situation würde dann auch nicht nur die Bergbahnen Disentis AG und ihre Aktionäre und Fremdkapitalgeber treffen, sondern die gesamte Region – insbesondere auch die Standortgemeinden.

Fazit

Die vor einigen Jahren massgeblich vom neuen Hauptaktionär Marcus Weber initiierte und geprägte Vorwärtsstrategie hat das Unternehmen in vielerlei Hinsicht – nicht nur bilanziell – verändert und dynamischer gemacht.

Bereits im Vorjahr 2018/2019 hatten sich die Bilanzrelationen mit den getätigten Infrastruktur-Investitionen – massgeblich in die neue Luftseilbahn – in erheblichem Umfang verschoben. Trotz einer Kapitalerhöhung um rund 3.5 Mio. CHF im Herbst 2018 war die Eigenkapitalquote mit den getätigten Investitionen von fast 36% im Geschäftsjahr 2017/2018 auf knapp 24% rückläufig und ist nun weiter auf 21% gefallen.

Das Aktienkapital der Gesellschaft ist eingeteilt in 17‘858 vinkulierte Namenaktien zu je 700 CHF nominal. Auf der ausserbörslichen OTC-X-Plattform der Berner Kantonalbank (BEKB) werden die Valoren aktuell zu 225 CHF gesucht und zu 290 CHF angeboten. Die letzten Umsätze gab es zu 250 CHF (Kurs vom 18. August 2020), doch ist die Aktie strukturell insgesamt extrem illiquide und innerhalb des Streubesitzes im lokalen Publikum augenscheinlich in sehr festen Händen. Im gesamten Jahr 2020 wechselten bisher erst 13 Aktien in nur 3 Transaktionen im Gegenwert von weniger (!) als 5‘000 CHF den Besitzer.

Die „Marktkapitalisierung“ auf Basis des zuletzt bezahlten Preises beträgt aktuell knapp 4.5 Mio. CHF. Damit notiert die Gesellschaft etwa bei der Hälfte des bilanziell zuletzt ausgewiesenen Eigenkapital-Buchwertes von 9‘049‘428 CHF, entsprechend 506 CHF je Aktie. Dabei ist die im operativen Geschäft seit einigen Jahren anhaltende Verlustsituation der Gesellschaft allerdings zu berücksichtigen, was den optisch hohen Eigenkapitalwert weiterhin relativiert. Eine deutliche Verbesserung der Situation ist zumindest ganz kurzfristig nicht zu erwarten. Ohne die regelmässigen Kapitalinjektionen des Hauptaktionärs auf der Eigenkapital- wie auf der Fremdkapitalseite wären die Entwicklungsschritte der letzten Jahre in dieser Form nicht möglich gewesen. Insofern hat sich die Abhängigkeit der Gesellschaft vom „Goodwill“ des Hauptaktionärs in den letzten Jahren deutlich erhöht. Auf der anderen Seite ist auch der Hauptaktionär mit seinem grossvolumigen Investment in zunehmendem Masse davon abhängig, dass die Gesellschaft – und mit der Gesellschaft auch die ganze Region einschliesslich der Politik – die von ihm verfolgte Strategie konsequent mitträgt und zudem erfolgreich im Markt umsetzt.

Dass 2019/2020 erneut hohe Verluste angefallen sind, ist aus Aktionärssicht sicherlich enttäuschend, war realistischerweise mit dem Covid-19-Stillstand ab Mitte März für fast drei Monate allerdings auch kaum anders zu erwarten. Insofern lässt der bekannte Covid-19-Hintergrund den erneuten Verlust des Geschäftsjahres 2019/2020 nach Fertigstellung der neuen Infrastrukturen in einem milderen Licht erscheinen. Dass die Gesellschaft, anders als andere Bahnen, schon in der Vergangenheit nicht von Gästen aus den Fernmärkten lebte, sondern eher den nationalen Markt und das benachbarte Ausland als Zielmärkte im Fokus hatte, könnte in der heutigen Situation ein Wettbewerbsvorteil sein. Die laufende Entwicklung neuer Erlebnisse gerade auch im Sommer und das Schwerpunktthema „Bike“ in all seinen Facetten erscheinen dabei als sinnvolle und marktorientierte Ergänzung des heutigen Angebots.

Ob sich die für die Destination insgesamt vorteilhafte Wachstumsstrategie am Ende auch für die Aktionäre der Gesellschaft auszahlen wird, muss und wird die Zeit zeigen. Wie aber nicht zuletzt das abgelaufene Geschäftsjahr 2019/2020 gezeigt hat, gibt es für die bis März noch im Wachstumsmodus befindliche Gesellschaft operativ wie bilanziell auch noch einige Herausforderungen zu meistern.

Aktionäre der Bergbahnen Disentis AG sollten aus unserer Perspektive heute bei einer Investition in Aktien der Gesellschaft deshalb auch bereit sein, das vom „Transportmittel“ zum Tourismusanbieter gewandelte Unternehmen – und mit ihr die Destination Disentis – „ideell“ zu unterstützen. Realistischerweise ist in den kommenden Jahren (oder Jahrzehnten?) angesichts der hohen absoluten wie relativen Verschuldung und der schwierigen Ertragssituation der letzten Jahre nicht mit Dividendenzahlungen zu rechnen. Der Aktionär der Bergbahnen Disentis AG erscheint heute mehr denn je auch als ein „Mäzen“ der Gesellschaft, der die strategische Weiterentwicklung zum Vorteil der Destination Disentis mitträgt und fördert.

Die kommende 51. Generalversammlung findet am 25. September 2020 – zumindest zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags –, geplant  als Präsenz-Veranstaltung (!) im Panoramarestaurant Caischavedra in Disentis statt. Aufgrund der sehr speziellen Strukturen, der vielfältigen Herausforderungen im Tagesgeschäft bei einer gleichzeitig sehr tiefen Handelsliquidität mit teilweise aussergewöhnlichen Geld-/Brief-Spannen eignet sich die BB Disentis-Aktie praktisch nur für lokal orientierte Anleger mit einem Bezug zur Region Surselva und dem Kanton Graubünden.

Transparenzhinweis: Der Verfasser ist Aktionär der Bergbahnen Disentis AG.

Hinweis in eigener Sache:

Am 20. Oktober 2020 findet im Berghaus auf dem Niesen der  Branchentalk Tourismus statt. Im Fokus stehen „Innovationen im Tourismus und die Folgen von Covid-19“. Zu den Gästen und Referenten gehören u.a. Antoine Hubert, CEO der AEVIS Victoria-Gruppe, Christoph Egger, CEO der Schilthornbahn AG, Mario Tacchella, Leiter Marketing und Vertrieb MG Bahn AG und Gastgeber Urs Wohler, CEO der Niesenbahn AG.

1 KOMMENTAR

  1. Der Herr Weber wird immer Schuldige finden (Tourismusverein, Gemeinde, Corona – oder alles zusammen) um von seiner eigenen Fehlern abzulenken. Dass Covid 19 ihn eigentlich nur vor den unrentablen Frühlingsferien schonte und seither in den Bergen für volle Betten sorgte (Schweizer, die nicht ins Ausland durften, siehe Medienberichte), die Gemeinde eines der modernsten Tourismusgesetze hat, das Hotels schont, der Tourismusverein seine Bahnen den ganzen Sommer zum Pauschalpreis teuer einkauft etc.etc. sieht er alles nicht. Hauptsache seine Strategie (Biker mit Fokus Familien) tönt gut (aber Familien biken eher selten).

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