Digital Assets: Ungereimtheiten im Crypto Valley

Beste Rahmenbedinungen in Zug für clevere Krypto-Spezialisten und wohlsituierte Manager

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Das malerische Zug gilt als Zentrum des Schweizer Crypto Valley. Bild: stock.adobe.com

Die Crypto-Szene polarisiert seit vielen Jahren. Kritiker sehen sich nach dem Crash der führenden Kryptowährungen bestätigt. Aus dem Schweizer Crypto Valley kommen jedoch unverdrossen Erfolgsmeldungen.

Das schöne Städtchen Zug gilt als Zentrum des Crypto Valley. Je nach Definition erstreckt sich die Schweizer Version eines Hightech-Klusters von den Ufern des Genfersees bis ins Fürstentum Liechtenstein. In die Negativ-Schlagzeilen geriet Anfang August das im Crypto Valley angesiedelte Unternehmen Solana. Hacker stahlen bis zu acht Mio. USD aus rund 8000 Wallets. Wer die Hacker waren und wie der Hack ablief, war zunächst unklar. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass bei Solana in einigen Protokollen mehrere Milliarden US-Dollar doppelt gezählt worden sein sollen und so der Wert der Kryptowährung künstlich in die Höhe getrieben worden war. Die viel gepriesene Sicherheit der Blockchain-Technologie und der dezentralen Finanzlösungen wurde erneut in ihren Grundfesten erschüttert.

Einhörner im Krypto Tal

Noch vor wenigen Monaten war die Stimmung im Crypto Valley ungetrübter. Die Autoren des CV VC Top 50 Report, nämlich das Venture Capital-Unternehmen CV VC und PwC Schweiz, waren Anfang 2022 jedenfalls noch voll des Lobes für das Crypto Valley und seine Firmen.

In der Tat haben CV VC und PwC Schweiz beeindruckende Zahlen zu vermelden. Nach Angaben der Studie soll es im gesamten Crypto Valley 1128 Blockchain-Firmen geben, die rund 6000 Mitarbeitende beschäftigen, also rund fünf Angestellte pro Firma im Durchschnitt. In Zug selbst sollen es Ende 2021 exakt 528 Crypto-Firmen gewesen sein. Unter den 50 grössten Firmen im Crypto Valley meldete der Report bereits 14 Einhörner, also Firmen mit einer Bewertung von mehr als 1 Mrd. USD. Diese Top 50 Firmen beschäftigen zusammen 1010 Mitarbeitende. Im Durchschnitt rund 20 Personen.

Damit lässt sich festhalten: Bei den meisten Firmen im Crypto Valley handelt es sich um kleine und sehr kleine Unternehmen, von denen einige einen ungewöhnlich hohen Marktwert haben. Denn der Marktwert der Top 50 Firmen betrug nach Angaben des CV VC Top 50 Report Ende 2021 märchenhafte 612 Mrd. USD. Diese Zahlen sind so bemerkenswert, dass es sich lohnt, sie näher zu analysieren.

Beim grössten Einhorn handelt es sich laut dem Report um die Kryptowährung Ethereum mit einer angegebenen Marktbewertung – eigentlich handelt es sich dabei um das Marktvolumen – von 438.1 Mrd. USD per Ende 2021, gefolgt von der bereits erwähnten Kryptowährung Solana mit 52.7 Mrd. USD und der Kryptowährung Cardano (43.8 Mrd. USD). Bei Solana wissen wir inzwischen, dass der Wert künstlich nach oben manipuliert wurde. Damit stellt sich die grundsätzliche Frage, ob eine Kryptowährung eine Firma ist. Weiterhin stellt sich die Frage, ob es nicht sehr gewagt ist, das Marktvolumen einer Kryptowährung als Bezugsmassstab für eine Firmenbewertung heranzuziehen, wobei Krypto-Experten ohnehin ungern von Firmen im Zusammenhang mit Kryptowährungen sprechen. Grundsätzlich ist das Marktvolumen nicht mit dem Marktwert einer Firma gleichzusetzen.

Grösstes Einhorn gemäss CV VC Top 50 Report Ende 2021: Ethereum. Bild: stock.adobe.com
Fragwürdige Bewertungen

Im CV VC Top 50 Report scheint der angegebene Marktwert von Ethereum und Co. hingegen den Wert der umlaufenden Kryptowährung zu reflektieren, auf welchen die Erfinder der Kryptowährung nur einen geringen Einfluss haben. Vielmehr waren Crypto-Miner von Kasachstan bis Island für den rasanten Kursanstieg der Kryptowährungen verantwortlich. Zudem ist der Bezug einer weltweit gehandelten Kryptowährung wie Ethereum zum Crypto Valley eher überschaubar, denn der Bezug besteht vor allem darin, dass in Zug die Stiftung Ethereum domiziliert ist, deren Vermögen sich Ende März 2022 auf beachtliche 1.6 Mrd. USD belief. Immerhin 80,5% davon waren in Ethereum investiert. Der Ethereum-Erfinder Vitalik Buterin jedenfalls hat Zug bereits vor einigen Jahren den Rücken gekehrt und soll aktuell in Singapur leben. Nach Angaben des CV VC Top 50 Report soll Ethereum in der Schweiz Ende 2021 insgesamt 11 Mitarbeitende gehabt haben.

Was für Ethereum gilt, gilt auch für die Kryptowährungen Solana und Cardano: Die vom CV VC Top 50 Report angegebenen Marktwerte der drei grössten Einhörner im Crypto Valley sollten mit Vorsicht betrachtet werden. Während für die Cardano Stiftung in Zug 13 Mitarbeitende tätig waren, so waren es bei der Solana Stiftung in Genf schätzungsweise nur vier Personen.

Schenkt man dem Bericht glauben, würde das bedeuten, dass 28 Mitarbeitende von drei Stiftungen nach Sichtweise des CV VC Top 50 Report im Crypto Valley einen Marktwert von 534.6 Mrd. USD geschaffen haben. Wenn Nestlé mit rund 276‘000 Mitarbeitenden Ende 2021 einen Marktwert von rund 385 Mrd. USD erreicht, macht dieses Verhältnis zumindest stutzig. Bei Nestlé ist der Marktwert jederzeit nachvollziehbar. Aber bei den als Firmen dargestellten Stiftungen?

Als viertgrösstes Einhorn aus dem Crypto Valley wird im CV VC Top 50 Report die Web3 Foundation, ebenfalls eine Stiftung, aufgeführt, die einen Marktwert von 26.3 Mrd. USD haben soll. Das wichtigste Projekt der Web3 Foundation ist die Kryptowährung Polkadot.

Die Dfinity Foundation kommt nach Angaben des CV VC Top 50 Report mit ihren Niederlassungen in Palo Alto, San Francisco, Tokyo und Zürich auf 57 Mitarbeitende, womit sie als grösstes Top 50-Unternehmen im Crypto Valley gilt und bei Eigenmitteln von rund 117 Mio. USD auf eine stolze Bewertung von 4.6 Mrd. USD kommt.

Spätestens jetzt stellt sich die Frage, warum die Macher der Studie sämtliche Kryptowährungen und Stiftungen bunt durcheinander würfeln, wenn es darum geht, den Erfolg des Crypto Valley zu beschreiben. An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass normalerweise solche Stiftungen sich üblicherweise langfristig für gemeinnützige Zwecke engagieren und nicht darauf abzielen, Gewinne zu erzielen. Grundsätzlich fragwürdig ist es, gemeinnützigen Stiftungen überhaupt einen Marktwert zuordnen zu wollen. Ausserhalb des Crypto Valley wurde dieser Versuch bislang noch nicht unternommen. Üblich ist es hingegen, die Vermögenswerte einer Stiftung zu bewerten. Nachdem die wichtigsten Finanzmedien der Schweiz die Geschichte von den Crypto Valley-Unicorns unreflektiert verbreitet hatten, hat schweizeraktien.net bei den Machern der Studie nachgefragt, auf welcher Grundlage bspw. der Marktwert von 26.3 Mrd. USD für die Web3 Foundation ermittelt wurde.

CV VC antwortete zunächst nicht direkt auf die Anfrage von schweizeraktien.net. Die Anfrage bei PwC Schweiz wurde wiederum an CV VC weitergeleitet. Die Antwort von CV VC an PwC Schweiz lautete, man habe für die Bewertung das von CMC (www.coinmarketcap.com) veröffentlichte Marktvolumen des jeweiligen Tokens zum Zeitpunkt der Veröffentlichung als Marktwert verwendet. PwC Schweiz hingegen erklärt, es handle sich um eine Bewertung des Ökosystems von Web3 rund um Polkadot und Kusama. Hier scheint also zwischen den Machern der Studie Uneinigkeit zu herrschen, was in der Studie eigentlich bewertet wurde. Die Web3 Foundation äusserte sich selbst nicht zur Bewertung. Warum die Macher der Studie hier nicht transparenter vorgegangen sind und das Risiko in Kauf nahmen, Leser möglicherweise in die Irre zu führen, ist zumindest verwunderlich. Man muss jedoch berücksichtigen, dass es Fälle geben kann, in denen es Sinn macht, in Firmen das künftige Potenzial einer Innovation einzupreisen.

Auf der Suche nach Antworten

Mehr Licht ins Dunkel bringt Sheraz Ahmed, Managing Partner of STORM Partners und Co-Executive Director and Head of Business Development der Crypto Valley Association (CVA). Ahmed erklärt zunächst die Attraktivität des Crypto Valley mit der Neutralität und Stabilität der Schweiz sowie den gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen bis hin zur Überwachung der Crypto-Szene durch die Finma. Diese Kombination ist weltweit einmalig. Dieses Schweizer Erfolgsmodell wird zunehmend exportiert und kopiert, wobei die CVA ein wichtiger Akteur ist.

Sheraz Ahmed erklärt den Boom im Crypto Valley auch mit der Covid19-Pandemie. Zu Beginn des Pandemie-Lockdowns führte die Swiss Blockchain Federation im Jahr 2020 eine Umfrage in der Schweizer Blockchain-Szene durch, bei der rund 80 % der befragten Unternehmen mit einer Insolvenz innerhalb der nächsten sechs Monate rechneten. Mehr als die Hälfte der Befragten musste im März 2020 bereits Mitarbeitende entlassen, und fast alle Firmen rechneten damit, um Entlassungen nicht herumzukommen. Während der Pandemie zeigte sich aber, wie wichtig die fortschreitende professionelle Digitalisierung ist, und dies löste einen Boom bei den Crypto-Unternehmen aus, die sich im Crypto Valley niederlassen wollen.

Das Spektrum reicht nach Angaben von Sheraz Ahmed dabei von Einzelunternehmern über kleine Teams bis hin zum Top-Management von Crypto-Firmen, die sich in Zug ansiedeln. Wird ein neuer Coin oder Token von diesen Firmen oder Teams lanciert, kauft eine extra gegründete Stiftung diese neue Kryptowährung aus verschiedenen Gründen in grösserem Umfang auf. So ist das Vermögen der Stiftung steueroptimiert gesichert. Aus dem Stiftungsvermögen kann dann auch eine oder mehrere operativ tätige Firmen mit meist nur wenigen Mitarbeitenden oder auch Entwicklungsteams im Crypto Valley finanziert werden. Dieses Geschäftsmodell eignet sich besonders für die flexible und dynamische Krypto-Szene, die über den gesamten Globus verstreut aber vernetzt arbeitet. Allerdings dürfte mit diesem Konzept kein neuer Internet-Gigant entstehen, zumal sich Crypto Valley durch den Export des Modells zumindest teilweise kannibalisiert.

Die fortschreitende professionelle Digitalisierung löste einen Boom bei den Crypto-Unternehmen aus, die sich im Crypto Valley niederlassen wollen. Bild: stock.adobe.com
Schweizer Kryptobanken

Der Schweizer Krypto-Szene müssen auch die Kryptobanken zugerechnet werden. Hierbei handelt es sich um klassische KMU. Diese lassen sich auch konventionell bewerten und beurteilen. Zu den lizenzierten Kryptobanken gehört die Sygnum Bank mit Sitz in Zürich und Singapur. Sie beschreibt sich selbst als weltweit die erste Bank für digitale Vermögenswerte und verfügt laut Moneyhouse über ein Aktienkapital von 41,8 Mio. CHF.

Die SEBA Bank, ebenfalls mit Finma-Lizenz ausgestattet, machte durch Führungswechsel, Diskussionen um die richtige Strategie und Ausrichtung Schlagzeilen, konnte sich aber Anfang des Jahres neues Kapitel sichern. Bitcoin Suisse wiederum hat nach eigenen Angaben ein Eigenkapital von über 100 Mio. CHF und setzt keine Kundengelder aufs Spiel.

Diese Unternehmen gehören sicher zu den Schweizer Krypto-Unternehmen mit den langfristig besten Chancen für einen Börsengang, wenn sie Investoren ein nachhaltiges Geschäftsmodell vorweisen können.

Fazit

Hiermit kann man ein sehr zweischneidiges Fazit ziehen. Das Geschäftsmodell von Crypto Valley lässt sich kritisch etwa so zusammenfassen: Clevere Krypto-Spezialisten und wohlsituierte Manager und Unternehmer erhalten in Zug dank staatlicher Unterstützung weltweit beste Rahmenbedingungen, um mehr oder weniger seriöse eigene Währungen zu starten. Dabei können sie fast optimale Bedingungen für die Versteuerung ihres Vermögens und ihrer Gewinne nutzen. Die Schweiz fördert dieses völlig legitime und legale Steuermodell aktiv, auch wenn andere Länder dies kritisieren mögen. Rechtsanwälte, Steuer- und andere Berater zählen ebenfalls zu den Profiteuren des Crypto Valley. Unklar ist, wie nachhaltig die meisten der Crypto Valley-Projekte sind. Sie schaffen jedenfalls kaum Arbeitsplätze.

Umso mehr versucht man den Erfolg des Crypto Valley durch abenteuerliche Kalkulationen von angeblichen Firmenwerten zu unterstreichen. Selbstverständlich sind einige der Projekte, die mit dem Crypto Valley in Zusammenhang gebracht werden, sehr interessant und wichtig, wie bspw. Ethereum. Die Bedeutung dieser Kryptowährung beruht vor allem auf den sogenannten Smart Contracts, die sich mit dieser Blockchain gestalten lassen. Diese Programme bieten zwar im Zweifel kaum Rechtssicherheit, und das Ziel der meisten Smart Contracts könnte rechtssicher auch auf anderem Wege erzielt werden, aber durch sie können Vorgänge digitalisiert und automatisiert werden. Insgesamt liefert das Crypto Valley einen wichtigen Beitrag zur Digitalisierung und liefert innovative Ansätze. Hier können sich noch spannende Wachstumsstories entwickeln, denn während der Fokus im Crypto Valley oftmals auf die grossen Kryptowährungen gelegt wird, haben sich entlang der Krypto-Wertschöpfungskette einige Unternehmen etabliert, die nachhaltige Geschäftsmodelle rund um Kryptos entwickelt haben. Sie sind nicht nur im Crypto Valley operativ tätig, sondern in der ganzen Schweiz. Sie haben auch die Chance, nachhaltig zu wachsen und langfristig einen volkswirtschaftlichen Nutzen zu liefern. Dazu gehören grundsätzlich Banken und Asset Manager, die im wachsenden Krypto-Universum aktiv sind. Allerdings meldeten in den vergangenen Monaten zahlreiche Kryptobanken und -börsen Insolvenz an. Noch nicht alle Geschäftsmodelle scheinen ausgereift zu sein, was auch an der Dynamik des Kryptomarktes liegt. Es bleibt also abzuwarten, wie sich das Crypto Valley in Zukunft transformiert.

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