Autobahnraststätten: Wertschöpfung durch Elektromobilität noch in den Kinderschuhen

Zukunftsstrategien sind gefragt

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e-Ladestation an der Raststätte Thurau. Bild: Repower AG

Wie verletzlich Europa von einer fossilen Energieabhängigkeit ist, hat gerade Russland aufgezeigt, indem es die Erdgaslieferungen gegen null gedrosselt hat. Auch am russischen Erdöl hängt der europäische Verbraucher, selbst wenn man sich jetzt neue Dealer sucht, um den Stoff, der die Wirtschaft am Laufen hält, zu besorgen.

Nicht nur deshalb ist die Elektromobiltät heute mehr denn je auf dem Vormarsch. Die CO2-Ziele zu erreichen, Abhängigkeiten abzubauen, das fordert und fördert die Politik vehement. Und nimmt einen der grössten CO2-Emittenten, den Strassenverkehr, immer stärker ins Visier. Das hat nicht nur Auswirkungen auf den Endverbraucher, sondern auf die ganze Infrastruktur rund ums Auto.

Betroffen von den rasanten Veränderungen im Energiemix sind u.a. Tankstellen und Raststätten. Schweizeraktien.net hat die auf OTC-X gelisteten Autobahnraststätten befragt, wie sie das veränderte Energie-Konsumverhalten antizipieren und welche Strategie sie verfolgen, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben.

Strombetankung ist an Partner ausgelagert

So viel vorneweg: Eine klare Strategie ist (noch) nicht ersichtlich. Alle drei befragten Autobahnraststätten, die Luzerner Raststätten AG (Lurag), die Gruppe Thurau mit drei Standorten in der Ostschweiz und die Gotthard Raststätte setzen bis jetzt ausschliesslich auf Partner, die für die gesamte Infrastruktur und Abwicklung der Strombetankung zuständig sind. So lässt die Gruppe Thurau die Ladesäulen-Infrastruktur von Gofast und Repower managen, Lurag wie auch die Gotthard Raststätte bauen auf Move und Ionity.

Die Gründe, warum man ausschliesslich auf Partner setzt, liegen auf der Hand: Die Betreiber der Raststätten können so hohe Investitionen und Betriebskosten an Dritte auslagern. Allerdings verdienen sie dann auch nur sehr eingeschränkt an den Ladesäulen. So erhalten sie in erster Linie einen Deckungsbeitrag für die Vermietung der Parkfelder, im Falle der Gotthard Raststätte kommt ein Amortisationsbeitrag für das Bereitstellen der Trafostation dazu.

Hohe Investitionen in Ladestationen

Daniel Kaufmann, CEO der Gotthard Raststätte, präzisiert die Gründe für die Auslagerung: «Wir sind davon ausgegangen, dass die Elektro-Ladestationen in erster Linie eine Dienstleistung sind. Sie sind zwar ein Frequenzbringer, aber nicht ein Ertragsmodell im eigentlichen Sinne.» Dieses gelte auch für die nähere Zukunft, weil die Investitionen und Strompreise die Erträge nicht reinholten, die sie auslösten, so Kaufmann. Aber irgendwann werde es schon so kommen, dass man an den Einnahmen direkt partizipieren wolle, da die Verluste im Bereich der fossilen Treibstoffe kompensiert werden müssten, sagt Kaufmann.

Auch bei der Luzerner Raststätten AG und der Ostschweizer Thurau AG setzt man in Zukunft auf die bewährte Partnerschaft mit den bestehenden Anbietern. «Der Investitionsbedarf von Ladestationen ist sehr hoch. Da die Neuerungen im Bereich E-Ladestationen sehr schnell sind, gelingt es einem Partner, der verschieden Netze betreibt, schneller, sich innovativ zu verbessern», gibt Erwin Scherrer, CEO der Gruppe Thurau, zu bedenken.

Investitionen von bis zu 1 Mio. CHF

So sind also die Anbieter von Ladestationen und die Energielieferanten im Lead. «Bei grösseren Standorten bauen wir oft ein Solardach über die Anlage. Die Kosten können damit mehr als 1 Mio. CHF betragen. Womit es mit der Erstinvestition noch nicht getan ist», sagt Olivier Tezgören, zuständig für Marketing und Kommunikation beim Anbieter Gofast, der in Zürich seinen Sitz hat. Dazu käme noch laufender Betrieb, Wartung und Erneuerung der Standorte, die weitere Kostentreiber seien, so Tezgören.

Tao Krauspe, Leiter Product Management und Technology E-Mobility beim Bündner Energieunternehmen Repower, ergänzt: «Die CAPEX für eine Schnellladestation von z.B. 150 kW respektive einen Schnellladeparkplatz belaufen sich schnell auf 150 bis 200 TCHF. Je nach Anschlussbedingungen, z.B. bei Bedarf eines neuen Trafos oder grösseren Anpassungen der Parkplatzsituation, kann der Wert aber auch doppelt so hoch liegen.»

Repower betreibt 1’100 Ladepunkte in der Schweiz und stellt einen zunehmend starken Anstieg der Nachfrage nach Elektromobilitätslösungen fest. Bis zum Jahr 2035 rechnet das Energieunternehmen mit einem schweizweiten Bedarf von total rund 1,8 Millionen Ladepunkten.

«Strom ist das neue Benzin»

Krauspe weist darauf hin, dass sich die Schweiz im öffentlichen Bereich mit der Roadmap Elektromobilität zum Ziel gesetzt habe, bis zum Jahr 2025 rund 20’000 allgemein zugängliche Ladestationen bereitzustellen. Aktuell liege dieser Wert bei rund 8’648 öffentlichen Ladestationen.

Für den Energieerzeuger Repower sind das rosige Aussichten, denn zumindest im eigenen Versorgungsgebiet wie z.B. in der Ostschweiz ist er neben der Einrichtung von Ladestationen auch Stromlieferant. Eine Win-Win-Situation. «Wir treten mit PLUG’N ROLL by Repower als Full-Service-Provider für ganzheitliche E-Mobilitätslösungen am Markt auf und erstellen schweizweit Ladeinfrastrukturen für verschiedene Anwendungsfälle und Branchen», so Krauspe.

Anbietern wie Repower, Ionity, Gofast und anderen kommt zusätzlich die Planungssicherheit entgegen, die die langen Laufzeiten der vom Bundesamt für Strassen ASTRA vergebenen Konzessionen mit sich bringen. «Für die Autobahnrastplätze haben wir vom ASTRA eine 30-jährige Konzession erhalten», freut sich Olivier Tezgören von Gofast.

Mit Standortpartnern wie Autobahnraststätten gestalte Gofast die Mobilität der Zukunft, ist sich Tezgören sicher. Und Krauspe von Repower ergänzt: «Strom ist das neue Benzin».

Tankstellenstruktur wird über 2035 hinaus bestehen bleiben

Ist das Ende der fossilen Brennstoffe an den Tankstellen also abzusehen? Die Raststätten-Betreiber sehen das nicht. So vermutet Thomas Lohmann, dass die derzeitige Tankstelleninfrastruktur wohl auch noch nach 2035 in Betrieb sein werde. Erwin Scherrer hält ein Verbot von Verbrennungsmotoren für falsch, da er davon ausgeht, dass es der Forschung gelingt, künstliche Treibstoffe ohne CO2-Ausstoss zu produzieren.

Ausblick

Die Innerschweizer Lurag AG will laut ihrem CEO Thomas Lohmann eine «massive Investition in die Produktion von Solarstrom prüfen». Gemäss heutigem Planungsstand, würde damit in den nächsten 2-5 Jahren ein mittlerer, einstelliger Millionenbetrag in die Überdachung der Parkplätze und weiterer Gebäude mit Photovoltaik (PV) Modulen investiert werden. «Dann können wir einen Teil des benötigten Ladestroms selbst produzieren und den Partnern zur Verfügung stellen».

Und auch an anderer Stelle sehen Lohmann und seine Mitstreiter Vorteile, die die Elektromobilität für ihre Unternehmen bringt. Die Grundbedürfnisse der Insassen würden weiterhin bestehen. «Selbst in einem autonom fahrenden Fahrzeug wird man Pausenzeiten für die Verpflegung und einen Toilettengang benötigen und sich an der frischen Luft die Beine vertreten wollen.»

Auf die längere Verweildauer durch die Aufladezeiten baut auch Daniel Kaufmann. Er ist schon seit längerem daran, die Gotthard Raststätte in eine Erlebnis-Raststätte umzuwandeln. Und sucht immer weiter nach neuen Argumenten, um die Reisenden, die im Falle der Gotthard Raststätte hauptsächlich Touristen sind, an seinen Standort zu locken. So macht er jetzt die Hundehalter als neue Gruppe aus, die bisher vernachlässigt wurde, und hat deshalb Hundezonen gebaut.

Fazit

Die Wertschöpfung durch die Bereitstellung von Ladekapazitäten an den Autobahnraststätten steckt für deren Betreiber noch in den Kinderschuhen. Lediglich durch die Vermietung der Stellplätze lässt sich ein Verdienst erzielen. Es macht aber zum jetzigen Zeitpunkt Sinn, dass Investitionen und Unterhalt ausgelagert werden. Die Investitionen sind hoch, dazu kommen Unterhalt und Erneuerungen.

Bereits seit einigen Jahren geht der Umfang mit fossilen Treibstoffen zurück, was nicht allein auf die Elektromobilität zurückzuführen ist, sondern auch darauf, dass moderne Motoren weniger fossile Treibstoffe verbrauchen.

Gerade deshalb sollten sich die Raststätten-Betreiber Strategien zurecht legen, wie sie in Zukunft am Boom der Elektromobilität teilhaben können. Das Feld komplett Energieerzeugern und Infrastruktur-Anbietern zu überlassen, dürfte am Schluss nur diesen Freude bereiten.

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