Energie Zürichsee Linth: Gewollte und erzwungene Umbrüche

Das ambitionierte Fernwärmeprojekt Rapperswil-Jona wird sistiert. Peter Kistler wird neuer CEO.

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Der St. Galler Regierungsrat Beat Tinner sprach auch über die aktuellen Herausforderungen in der Energiebranche. Alle Bilder: Boris Baldinger/schweizeraktien.net

Der Auftritt des St. Gallischen Regierungsratspräsidenten Beat Tinner an der 10. ordentlichen Generalversammlung der Energie Zürichsee Linth (EZL) unterstreicht die Bedeutung des Energieversorgers für die Region. Nach einer kurzen Begrüssung von Aktionärinnen und Aktionären sowie zahlreicher Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft durch den EZL-Verwaltungsratspräsidenten Martin Roth betonte Tinner: «Die EZL ist mehr als ein Energieversorger, sie ist ein Pfeiler der regionalen Wirtschaft und ein Pionier für die CO2-neutrale Energieversorgung».

Die Strategie des Unternehmens erfülle die Vorgaben des St. Galler Energiekonzepts 2021–2030, welche das Ziel verfolge, die Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 zu halbieren und die Produktion erneuerbarer Energien markant zu steigern. «Die Energiewende ist kein technisches Projekt, sondern ein Generationenprojekt», schloss der FDP-Regierungsrat seine Ausführungen.

Klimaschutz verliert an Gewicht

Wie bereits in den Vorjahren war auch die 10. ordentliche Generalversammlung im Entra-Zentrum in Rapperswil sehr gut besucht. 322 Aktionärinnen und Aktionäre, die 34’188 Stimmen oder rund 85% der ausgegebenen Aktien vertreten, nehmen persönlich teil.

Zu Beginn gedachte die Versammlung des im vergangenen Jahr verstorbenen ehemaligen VR‑Präsidenten Hansruedi Müller, der sein Amt erst an der GV 2025 an Martin Roth übergeben hatte.

In seiner Standortbestimmung stellte Roth fest, dass der Klimaschutz gegenüber früheren Jahren an politischer Priorität verloren habe. Das liege auch, aber nicht nur am neuen US-Präsidenten: «Doch so radikal wie in den USA werden aber sonst kaum vermeintliche Gewissheiten umgestossen.» Das führe weltweit zu Unsicherheiten über das weitere Vorgehen. Der Klimawandel sei dennoch unbestritten Realität, betonte er, und verwies auf die dokumentierten Temperaturabweichungen in der Schweiz seit 1864.

Netto-Null bleibt das Ziel

Ein wirksamer Klimaschutz mit dem Ziel «Netto-Null» bleibt gemäss dem EZL-VRP eine vordringliche Aufgabe. Das sieht Roth auch als Auftrag für das eigene Unternehmen. Für die anstehende Herkulesaufgabe reichten die bisherigen Anstrengungen und erzielten Fortschritte bei weitem nicht aus. «Insbesondere im Gebäudebereich gibt es nach wie vor viel zu tun und das heisst vor allem auch, viel zu investieren», so Roth. Grosse Hoffnung auf eine klimaneutrale Energieversorgung ruht dabei auf der Fernwärme.

Rückschlag bei der Fernwärme – dennoch Chancen

Im vergangenen Jahr musste die EZL die Projekte in Rapperswil‑Jona und Eschenbach sistieren. Grund waren Kostenrisiken im Zusammenhang mit einem möglichen Anschluss an die KEZO Hinwil sowie Rückzüge einzelner Gemeinden.

Das Unternehmen hält dennoch am Fernwärmekonzept fest: Wirtschaftlich sinnvoll sei Fernwärme insbesondere dort, wo hohe Wärmedichten bestehen und die Quelle nahe liegt. Entsprechend werden die Projekte in Hinwil sowie bei der ARA Jona weiterentwickelt. Auch könnten kleinere lokale Verbünde durchaus erfolgreich sein.

Das letzte Mal nach dreissig Jahren

Der Auftritt von CEO Ernst Uhler war zugleich sein letzter an einer EZL‑GV: Nach rund dreissig Jahren beim Unternehmen als CEO – davon zehn bei EZL – tritt er Ende März in den vorzeitigen Ruhestand. Der Verwaltungsrat hat Dr. Peter Kistler zu seinem Nachfolger gewählt.

Der neue CEO Dr. Peter Kistler (l.) erhält von Martin Roth und Ernst Uhler (r.) den Schlüssel.

In seiner letzten Markteinschätzung an einer EZL-GV hielt Uhler fest, dass sich der Energiemarkt im vergangenen Jahr spürbar beruhigt habe. Wegen der stabilen Gasversorgung sei der Strompreis merklich gesunken. Es müsse sich jedoch noch zeigen, ob die Verschiebung weg vom russischen Gas nachhaltig funktioniere. Aktuell zeigten sich mehrere Probleme, die Schliessung der Strasse von Hormus zwischen dem Iran und den Golfstaaten werde die Versorgung mit fossilen Energieträgern beeinträchtigen. Unabhängig davon würden die niedrigen Füllstände in den Gasspeichern und den Stauseen immer wieder Anlass zu Sorgen bieten.

Geschäftsjahr 2025: Stabiler Absatz, sehr gutes Ergebnis

Auch der Einfluss der Politik erläutert Uhler in seinen Ausführungen. Der bundesrätliche Entwurf zum Gasversorgungsgesetz sei nun in der Vernehmlassung. Unter anderem sei darin eine Marktgebietsverantwortung vorgesehen. Es sei aber wie immer, das Gesetz sei von allen Seiten unter Beschuss. Für die politische Linke habe die fossile Energie noch ein zu grosses Gewicht, und für die Rechte gingen die Regulierungen zu weit.

Der Energieabsatz entwickelte sich erfreulich. Ein leichter Rückgang beim Gas konnte durch die Fernwärme kompensiert werden. Der Umsatz lag wie im Vorjahr bei 74 Mio. CHF, deutlich unter den ausserordentlichen Spitzenjahren 2022 und 2023, in denen der Gaspreis kriegsbedingt stark angestiegen war.

Abschreibungen auf Fernwärme-Projekt

Vom Gruppenumsatz entfielen 62 Mio. CHF auf die EZL, die ihre Rolle als stabile Ertragssäule bestätigte. Aber auch die beiden Contracting-Töchter leisteten mit 12 Mio. CHF Einnahmen einen wichtigen Beitrag zum Gesamtergebnis. Die kontinuierliche Diversifikation der Unternehmenstätigkeit soll die Resilienz auf wirtschaftliche Zyklen erhöhen.

Dank höherer Profitabilität stieg das EBITDA um über 30% auf 10.4 Mio. CHF. Der Jahresgewinn von 5.2 Mio. CHF ist ein Rekordergebnis – trotz den Kosten für das sistierte KEZO‑Fernwärmeprojekt, von denen bereits 2 Mio. CHF abgeschrieben, 3.1 Mio. CHF zurückgestellt und 1.4 Mio. CHF für Hinwil aktiviert wurden.

Eine «Renditeperle» – solide Eigenkapitalbasis

Vom Gewinn werden 2.4 Mio. CHF als Dividende ausgeschüttet. Die Aktionärinnen und Aktionäre kommen damit wie in den Vorjahren in den Genuss einer Dividende von 60 CHF. «Auf dem Steuerwert 2025 ergibt sich damit eine Rendite von 5,4%», sagte Ernst Uhler und weist aber auch darauf hin, dass die zuletzt schwächelnde Aktie seither wieder deutlich angezogen habe. Die restlichen 2 Mio. CHF fliessen ins Eigenkapital. «Wir verfügten über eine Eigenkapital-Quote von 70% und haben damit eine solide Kapitalbasis», fügt der CEO an.

Die Aktionärinnen und Aktionäre der EZL waren mit dem Geschäftsgang zufrieden und können sich über eine hohe Ausschüttung freuen.

Obwohl die «grosse Pipeline», die einen Investitionsbedarf von 110 Mio. CHF verursacht hätte, nun nicht kommt, setze die EZL weiter auf innovatives Wachstum – und dazu gehören auch Wärmeverbünde. So wird in Hinwil weiter ausgebaut, in den nächsten Jahren kommen 500 Wohnungen neu ans Fernwärmenetz. Das wirtschaftlich spannende Potenzial im Ort liege bei rund 50 GWh. Aktuell werden in Hinwil 163 Gebäude mit fast 700 Wohnungen mit einem hohen Gewerbe- und Industrieanteil mit Fernwärme versorgt.

Wachstum mit Augenmass – Fokus auf Wärmeverbünde und Biogas aus Jona

Vielversprechend sei auch das Projekt green2energy in Jona, in dem 30’000 Tonnen Bioabfall zu Energie verarbeitet werden sollen. Dabei entstehen 15 GWh/Jahr Biogas, und diese erneuerbare Energie werde direkt ins lokale Gasnetz gespiesen. Obwohl die Anlage eher versteckt sei, sei die Visibilität des Projekts hoch, erläutert Uhler. Er erwartet das Baugesuch bis Frühsommer.

Dann unternimmt Uhler noch einen kleinen Exkurs ins Sponsoring des Unternehmens. Zur Einleitung zeigt er zwei Videoclips, die bei jedem Tor der Rapperswil Jona Lakers eingespielt werden. «Da dies in dieser Saison schon 70 Mal geschah, hat sich EZL im Bewusstsein der Fans weiter eingeprägt.» Sponsoring sei nicht bloss eine Partnerschaft – es sei Ausdruck der Verbundenheit und des Dankes an all jene, die sich Tag für Tag für ein lebendiges, vielfältiges und zukunftsorientiertes Miteinander einsetzten. EZL unterstützt nicht nur Eishockey, sondern setzt sich auch für regionale Fussball-, Volleyball- und andere Sportclubs sowie Laufevents ein.

Dank, Vertrauen und ein neuer CEO

Dann ist noch einmal der VRP an der Reihe. Er verabschiedete Ernst Uhler und verdankte seine Arbeit von fast dreissig Jahren für den Versorger. Begonnen hatte Uhler als Chef des Gaswerks Rapperswil. Er habe einen grossen Anteil daran gehabt, dass sich die heutige EZL zu einem modernen, nachhaltigen Energieversorger entwickelt habe.

Bereits beim Eintreffen von Aktionärinnen und Aktionären fiel auf, dass sich viele untereinander und auch die Mitarbeiter der EZL kennen. Sowohl Aktionariat und das Unternehmen sind regional verankert. So erstaunte es nicht, dass das gutinformierte Plenum keine Fragen am Ende der ordentlichen GV hatte und auch die Bestätigung von VR und Geschäftsführung sowie deren Abgeltung mit jeweils fast 100% der Stimmen angenommen wurden.

Zum Abschluss stellte sich der neue CEO Peter Kistler kurz vor. Die Zuhörerinnen und Zuhörer honorierten seinen bodenständigen Auftritt. Kistler verfügt über einen beruflichen Hintergrund als Elektromonteur, ein Studium der Elektrotechnik an der HSR, einen EMBA sowie einen PhD der University of Gloucestershire. Er bringt langjährige Führungserfahrung aus der Bruker Corporation mit.

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