
Digitale Souveränität, Datenschutz, künstliche Intelligenz, und die Abhängigkeit von US-Technologiekonzernen sind aktuell in aller Munde. Eigentlich der optimale Zeitpunkt für einen europäischen Anbieter von Cloud- und KI-Lösungen, um an die Börse zu gehen. Das Genfer Cloud-Computing-Unternehmen Infomaniak hat dies am 1. Oktober via Reverse-Takeover getan und ist seither mit dem Kürzel «INFO» an der SIX gelistet. Das Unternehmen bietet als unabhängiger Schweizer Cloud-, Hosting- und Digitaldienstleister Unternehmen und Privatpersonen datenschutzfreundliche, nachhaltige und in eigenen Rechenzentren betriebene Alternativen zu den Produkten der grossen internationalen Technologieanbieter und promotet seine Dienstleistungen als «A 100% sovereign cloud, free from any non-European influence».
Eigentümerstruktur garantiert langfristige Unabhängigkeit
Konsequenterweise widerspiegelt sich diese Souveränität auch in der Eigentümerstruktur, welche auf langfristige Unabhängigkeit ausgerichtet ist. Das Kernstück dieser Struktur ist die im Mai 2026 gegründete «Infomaniak-Stiftung», welche als Referenzaktionärin über die nicht kotierten A-Aktien eine Mehrheit von 63,3% der Stimmrechte kontrolliert. Dadurch behält die Stiftung die strategische Kontrolle über das Unternehmen und schützt es vor unerwünschten Einflüssen. An der SIX gehandelt werden lediglich die 4’670’103 B-Aktien, welche die restlichen 36,7% der Stimmrechte repräsentieren. Investoren können also durchaus am Erfolg des Unternehmens partizipieren, werden aber auch in Zukunft kein Mitspracherecht erhalten.
Hauptaktionär bleibt auch nach der Kotierung an der SIX der Gründer und CIO Boris Siegenthaler, welcher 25,8% der Stimmrechte hält und damit gemeinsam mit der Stiftung zu den massgeblichen Einflussnehmern des Unternehmens zählt. Da 80% seiner Anteile für 12 Monate gesperrt sind, wird ein grosser Teil der vorhandenen Aktien in naher Zukunft gar nicht an der Börse gehandelt, was die vorläufige Liquidität des Titels voraussichtlich dünn halten wird.
Positive Entwicklung der operativen Kennzahlen
Die verfügbaren Finanzkennzahlen von Infomaniak zeichnen ein positives Bild des Unternehmens. Im ersten Halbjahr 2026 steigerte es den Umsatz um 16,2% auf 31.6 Mio. CHF und erzielte gleichzeitig ein EBITDA von 11.6 Mio. CHF, was einer hohen EBITDA-Marge von 36,8% entspricht. Auch der operative Cashflow entwickelte sich mit 28.0 Mio. CHF (+45,9%) sehr dynamisch. Die hohen Investitionen von 24.6 Mio. CHF in Rechenzentren, Produkte und Personal verdeutlichen den ambitionierten Wachstumskurs des Unternehmens. Besonders bemerkenswert ist zudem die Netto-Kundenbindung von 103%, welche auf eine hohe Kundenzufriedenheit und zusätzliche Umsätze mit bestehenden Kunden hinweist. Für das Gesamtjahr 2026 strebt Infomaniak ein Umsatzwachstum von 15 bis 20% sowie weiter gesteigerte EBITDA-Margen von 38 bis 40% an.
Der Bewertungsgap hat sich geschlossen
Beim Start an der Börse wurde das Unternehmen bei einem Preis von 56 CHF pro Aktie zum Neunfachen des EBITDA bewertet, was im Vergleich mit ähnlichen Cloud- und Softwareunternehmen aus dem internationalen Spektrum günstig erscheint. Mittlerweile ist der Kurs aber um beinahe 40% geklettert, was den Bewertungsunterschied weitgehend eliminiert.
Im Interview mit schweizeraktien.net erläutert Marc Oehler, seit Dezember 2020 CEO von Infomaniak, die aktuellen Pläne des Unternehmens und mit welchen Herausforderungen ein Schweizer Cloud-Provider zu kämpfen hat.
Infomaniak ist seit dem 1. Oktober an der SIX kotiert. Was erwarten Sie von diesem Börsengang?
Zunächst einmal mehr Sichtbarkeit. In der Westschweiz und in Frankreich sind wir gut bekannt. In der Deutschschweiz ist unser Name noch weniger präsent, und die Börsenkotierung hilft uns, unseren Bekanntheitsgrad dort zu steigern.
Zweitens schafft sie noch mehr Transparenz. Unsere Abschlüsse werden nun gemäss den Börsenvorschriften veröffentlicht. Für Grossunternehmen und den öffentlichen Sektor ist das ein echter Wandel. Wenn eine Bank oder eine Behörde ihre Daten einem Anbieter anvertraut, möchte sie wissen, ob dieser auch in zehn Jahren noch existiert. Früher musste man uns vertrauen. Heute kann das jeder selbst überprüfen.
Schliesslich verschafft uns die Börsenkotierung Zugang zu den Kapitalmärkten, falls unsere Projekte dies eines Tages erfordern.
Der Markt für digitale Zusammenarbeit wird von globalen Plattformen dominiert. Welche Strategie verfolgen Sie mit Ihren Workspace- und Kollaborationslösungen?
Wir bieten eine Alternative für alle, die die Kontrolle über ihre Werkzeuge und Daten behalten möchten. Mit kSuite verfügt ein Unternehmen über alles, was für die Online-Zusammenarbeit nötig ist: E-Mail, Datenspeicherung, Chat, Videokonferenzen, Dokumente und nun auch KI mit Euria. Alles wird von uns in der Schweiz entwickelt und betrieben.
Ebenso legen wir grossen Wert auf die Betreuung unserer Kunden. Es macht einen entscheidenden Unterschied, wenn ein Kunde mit jemandem sprechen kann, der das Produkt wirklich kennt. Unser Support befindet sich in Genf und Zürich, und das Feedback unserer Kunden fliesst direkt in die Weiterentwicklung unserer Produkte ein.
«Ein Kunde bleibt bei uns, weil er zufrieden ist, nicht weil er gefangen ist»
Wir möchten unsere Kunden zudem nicht abhängig machen. Die Formate sind offen, die Daten bleiben portierbar und wir verkaufen sie nicht weiter. Ein Kunde bleibt bei uns, weil er zufrieden ist, nicht weil er gefangen ist.
Datensouveränität wird für Unternehmen und öffentliche Institutionen immer wichtiger. Welche Rolle spielt Infomaniak in diesem Bereich und wo sehen Sie die grössten Marktchancen?
Unsere Aufgabe ist es, eine echte souveräne Alternative anzubieten. Wir bauen unsere eigenen Rechenzentren und entwickeln unsere Software selbst in der Schweiz. Die Daten unserer Kunden unterliegen dem Schweizer Recht, und für Behörden oder Banken ist dies oft die erste Frage, die uns gestellt wird.
«Wir bauen unsere eigenen Rechenzentren und entwickeln unsere Software selbst in der Schweiz»
Der Markt ist vorhanden. Laut Grand View Research könnte der Markt für souveräne Cloud-Lösungen von rund 118 Mia. USD im Jahr 2025 auf etwa 649 Mia. USD im Jahr 2033 wachsen.
Unsere Wachstumstreiber sind die Cloud-Infrastruktur auf Abruf, unsere Kollaborationssuite kSuite und zunehmend unsere KI-Dienste, die ausschliesslich auf unserer eigenen Infrastruktur in der Schweiz basieren.
Hinzu kommt die Ökologie. Unsere Kunden wünschen sich nicht nur eine souveräne, sondern auch eine ressourcenschonende Cloud. Unsere Rechenzentren werden mit erneuerbarer Elektrizität betrieben, und unsere Arbeit im Bereich Energieeffizienz wird anerkannt. Im September gewann unser Rechenzentrum D4 den Green Business Award in der Kategorie KMU und Grossunternehmen vor einer Jury unter Vorsitz der ehemaligen Bundesrätin Doris Leuthard.
Das D4 ist vollständig unterirdisch gebaut. Es funktioniert ohne herkömmliche Klimaanlagen und ohne externe Wasserversorgung. Die entstehende Wärme wird in das Fernwärmenetz von Genf eingespiesen und kann im Winter bis zu 6’000 Haushalte des Standards Minergie-A beheizen.
Viele Technologieunternehmen investieren massiv in künstliche Intelligenz. Wie sieht die KI-Strategie von Infomaniak aus und wodurch unterscheiden Sie sich von der Konkurrenz?
Wir möchten, dass jedes Unternehmen und jede Privatperson KI im Alltag voll nutzen kann, direkt in den bereits verwendeten Werkzeugen und ohne zwischen Effizienz und Vertraulichkeit wählen zu müssen.
Wir bieten verschiedene Open-Source-Modelle an, die wir in unseren eigenen Rechenzentren in der Schweiz betreiben. Mit unserem Assistenten Euria können Nutzer Texte verfassen, übersetzen, Dokumente zusammenfassen oder Besprechungen transkribieren. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben und auch nicht zum Training der Modelle verwendet. Für Entwickler stellen wir diese Modelle zudem über APIs bereit. Der nächste Schritt besteht darin, KI noch stärker in unsere Kollaborationstools kSuite zu integrieren.
«Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben und auch nicht zum Training der Modelle verwendet»
Oft vergessen wird die Energiefrage. KI verbraucht enorme Mengen an Energie. Bei uns läuft sie mit erneuerbarem Strom, ohne Wasser für die Kühlung der Server zu benötigen. Zudem wird die Abwärme der GPUs zum Heizen von Gebäuden genutzt.
Welche Auswirkungen haben die aktuellen geopolitischen Spannungen und regulatorischen Entwicklungen auf Ihr Geschäft und auf die Nachfrage nach Ihren Dienstleistungen?
Der Wendepunkt war das Jahr 2020. Mit der Pandemie führten viele Organisationen innerhalb weniger Wochen Videokonferenz- und Kollaborationstools ein, oft von US-Anbietern. Im gleichen Jahr erklärte der Europäische Gerichtshof das Privacy Shield für ungültig, das den Transfer personenbezogener Daten an US-Unternehmen erleichtert hatte. In der Schweiz verfolgte der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte im September denselben Ansatz. Viele Organisationen erkannten daraufhin, wie abhängig sie von amerikanischer Technologie geworden waren.
Die geopolitischen Spannungen haben dieses Bewusstsein weiter verstärkt. Der US CLOUD Act erlaubt US-Behörden, Daten von amerikanischen Anbietern anzufordern, selbst wenn diese in der Schweiz gespeichert sind.
«Der US CLOUD Act erlaubt US-Behörden, Daten von amerikanischen Anbietern anzufordern, selbst wenn diese in der Schweiz gespeichert sind»
Heute fragen unsere Kunden nicht mehr nur, wo ihre Daten liegen. Sie möchten wissen, wer ihren Anbieter in zehn Jahren kontrollieren wird. Bei uns ist die Antwort strukturell verankert: Die Infomaniak-Stiftung, eine gemeinnützige Stiftung, hält die Mehrheit der Stimmrechte und wacht über unsere langfristige Unabhängigkeit.
Auch die Behörden haben reagiert. Im November 2025 empfahl privatim – die Konferenz der schweizerischen Datenschutzbeauftragten – öffentlichen Stellen, besonders sensible Daten nicht internationalen Cloud-Anbietern anzuvertrauen, ausser wenn sie diese selbst verschlüsseln. Beim Swiss Government Cloud verlangte das Parlament, nach Möglichkeit Open-Source-Lösungen und Unternehmen mit Sitz in der Schweiz zu bevorzugen. Auch der europäische Data Act erleichtert den Wechsel von Cloud-Anbietern. All dies spielt souveränen und unabhängigen Anbietern wie uns in die Hände.
Was sind derzeit die grössten Herausforderungen beim Ausbau Ihrer Cloud- und Hosting-Infrastruktur in Europa?
Die grösste Herausforderung sind Gewohnheiten. Viele Organisationen kaufen aus Reflex weiterhin amerikanische Lösungen, ohne die Frage wirklich zu hinterfragen. Ein grosser Teil der IT-Budgets fliesst dadurch aus Europa ab, zusammen mit Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen. Wir hingegen zahlen unsere Steuern dort, wo wir Wertschöpfung schaffen.
Die zweite Herausforderung ist die Infrastruktur selbst. Der Bau eines Rechenzentrums wirft heute Fragen zu Energie, Wasser und Bewilligungen auf. Das ist anspruchsvoll, doch wir arbeiten seit mehr als 25 Jahren daran.
Unsere Rechenzentren werden seit 2013 nicht mehr klimatisiert und benötigen sehr wenig Wasser. Mit dem D4 sind wir noch einen Schritt weiter gegangen. Es zeigt, dass ein Rechenzentrum auch einen Nutzen für die Gesellschaft haben kann. Seine Abwärme versorgt das Genfer Fernwärmenetz. Das Konzept haben wir als Open Source veröffentlicht, damit andere davon profitieren können. Das nächste Rechenzentrum, D5, ist für 2028 geplant.
Hinzu kommt die Herausforderung, die richtigen Fachkräfte zu finden. Ingenieure kommen zu uns, um an Technologien zu arbeiten, die wir vollständig selbst beherrschen, in der Schweiz und mit einer sinnstiftenden Mission. Dank der Börsenkotierung können wir zudem Schlüsselmitarbeitende am Unternehmen beteiligen und so gewinnen und langfristig binden.
Wie verändern sich die Bedürfnisse Ihrer Unternehmenskunden und welche neuen Lösungen planen Sie, um diesen gerecht zu werden?
Unsere Kunden benötigen Werkzeuge, die nahtlos zusammenarbeiten. Sie wünschen sich KI, ohne ihre Informationen preiszugeben. Zudem möchten immer mehr Unternehmen sich von den Hyperscalern lösen, ohne ihre Geschäftstätigkeit zu gefährden.
Unsere Kunden zeigen uns, in welche Richtung wir unsere Produkte weiterentwickeln sollen. Details zu neuen Lösungen werden wir zum gegebenen Zeitpunkt bekannt geben.
Haben europäische Cloud-Anbieter Ihrer Meinung nach eine echte Chance, ohne regulatorische Unterstützung mit amerikanischen und chinesischen Anbietern zu konkurrieren?
Ja, davon bin ich überzeugt. Regulierung hilft, ist aber nicht alles. Der eigentliche Wandel kommt von den Unternehmen selbst.
Laut Gartner planten im Jahr 2025 bereits 61% der europäischen IT-Verantwortlichen, aufgrund geopolitischer Spannungen stärker auf lokale, souveräne und unabhängige Anbieter zu setzen.
«Es gibt ein echtes europäisches Erwachen»
Es gibt ein echtes europäisches Erwachen. Das Kerngeschäft bei einem Anbieter ohne direkten Ansprechpartner zu platzieren, ist ein strategisches Risiko.
Welche Kennzahlen betrachten Sie derzeit als die wichtigsten Indikatoren für den Erfolg von Infomaniak?
An erster Stelle steht die Churn-Rate. Wenn ein Kunde bleibt, bedeutet das, dass unser Produkt einen Nutzen stiftet. Verlässt er uns, haben wir etwas nicht richtig gemacht. So einfach ist das.
Unsere Priorität sind die Qualität unserer Produkte und die Nähe zu unseren Kunden. Natürlich verfolgen wir auch Kennzahlen wie Wachstum, EBITDA und CAPEX.
Welche finanziellen Ziele haben Sie sich für die nächsten fünf Jahre gesetzt, und wie möchten Sie dieses Wachstum konkret erreichen? Durch neue Kunden, neue Märkte oder neue Produkte?
Als börsenkotiertes Unternehmen müssen solche Informationen offiziell und gleichzeitig für alle Investoren veröffentlicht werden. Über unsere Fortschritte werden wir in unseren Finanzberichten informieren.
Wie planen Sie die Balance zwischen Reinvestitionen in das Unternehmen und der Rückführung von Kapital an die Aktionäre?
Dividenden haben in der aktuellen Phase keine Priorität. Wir müssen unser Wachstum finanzieren und in den Ausbau von Rechenzentren sowie die Weiterentwicklung unserer Produkte investieren. Gleichzeitig verfolgen wir einen disziplinierten Ansatz bei der Kapitalallokation und stellen sicher, dass unsere Mittel in Aktivitäten mit hoher Rendite fliessen und die Wettbewerbsposition des Unternehmens stärken.
Sehen Sie Infomaniak langfristig eher als ein profitables Nischenunternehmen, oder glauben Sie, dass es einen realistischen Weg gibt, zu einem der führenden Cloud-Anbieter Europas zu werden?
Unser Ziel ist es, souveräne Cloud-Technologien in Europa weiterzuentwickeln. Wir möchten Unternehmen und Privatpersonen leistungsfähige Lösungen für die Online-Zusammenarbeit und die Verlagerung ihrer Aktivitäten in die Cloud anbieten.
Was uns auszeichnet, ist das, was wir selbst in der Schweiz leisten. Wir entwickeln und betreiben unsere eigenen Rechenzentren. Unsere Teams entwickeln die Anwendungen in Genf und Zürich. Und wir sind unabhängig. Wir haben keine ausländische Muttergesellschaft, und sowohl unsere Gruppe als auch unsere Rechenzentren unterstehen Schweizer Recht. Für unsere Kunden bedeutet das einen einzigartigen und einfachen Rechtsrahmen.
Diese Unabhängigkeit ist langfristig ausgerichtet. Die Infomaniak-Stiftung, eine gemeinnützige Stiftung, die unter anderem digitale Souveränität und Umweltschutz fördert und die Mehrheit der Stimmrechte hält, ist unser Ankeraktionär und zugleich ein Wachstumsmotor. Dadurch können wir Entscheidungen mit einer langfristigen Perspektive treffen.
Unsere Kunden und unsere Geschäftsergebnisse bestätigen, dass wir das richtige Modell verfolgen.
Herr Oehler, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

