Gestione Stalvedro: Tessiner Raststätte leidet unter der Gotthardautobahn-Baustelle und schreibt 2015 rote Zahlen

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Raststätte Stalvedro
Die Raststätte am Gotthard Südportal. Bild: www.stalvedro.ch

Die Gestione Stalvedro SA, welche die südlich des Gotthardtunnels liegende Autobahnraststätte auf der Gotthardautobahn in Fahrrichtung Nord betreibt, litt im Jahr 2015 unter zahlreichen negativen Faktoren. Wie dem jüngsten Geschäftsbericht entnommen werden kann, hat sich die Verlegung der Ampel, die den Verkehrsfluss durch den Gotthardtunnel regelt, negativ auf die Besucherfrequenzen ausgewirkt. Wegen der aktuellen Bauarbeiten wurde die Ampel direkt bei der Zufahrt zur Raststätte installiert. Dies führt dazu, dass sich der Verkehr bereits deutlich vor der Raststätte staut und die Automobilisten nicht an der Raststätte anhalten. Nach der langen Wartezeit wollen die Automobilisten weiterfahren, statt einen weiteren Halt an der Raststätte einzulegen. Weiterhin belastend ausgewirkt haben sich der Rückgang des Verkehrsaufkommens auf der Gotthardautobahn und die Aufgabe der Eurounterstützung durch die Schweizerische Nationalbank. Angesichts der aktuellen Situation bleibe der Gesellschaft nur die Hoffnung, dass die laufenden Sanierungsarbeiten der Autobahn zwischen der Raststätte und dem Tunnel ohne Verzögerung abgeschlossen werden können.

Konzession läuft 2019 aus

Eine weitere Herausforderung stellt die Erneuerung der Konzession für den Betrieb der Raststätte dar. Die aktuelle Betriebskonzession läuft noch bis zum 30. Juni 2019. Per Anfang Juni hat der Kanton Tessin entschieden, die Konzession für den Betrieb der Raststätte für weitere 30 Jahre neu auszuschreiben. Die entsprechende Ausschreibung soll im nächsten Jahr erfolgen. Der Betrieb ist an die Bedingung geknüpft, dass für sämtliche baulichen Massnahmen ausschliesslich Schweizer Unternehmen berücksichtigt werden. Ebenfalls notwendig ist eine solide finanzielle Situation der Gesellschaft. Die Gestione Stalvedro erfüllt diese Voraussetzungen. Daher erscheint es zumindest sehr wahrscheinlich, dass sie die Raststätte auch weiterhin betreiben kann, wenngleich dies auch nicht ganz sicher ist. Nähere Aussagen über einen geplanten Weiterbetrieb sind erst nach der Vorlage der definitiven Ausschreibungsunterlagen möglich. Erst im Verfahren wird sich zudem zeigen, inwieweit sich weitere Bewerber an der Ausschreibung beteiligen werden.

Weniger Umsatz führt zu roten Zahlen

Die Einnahmen des Geschäftsjahres 2015 spiegeln mit einem Minus um 6.6% auf 5.35 Mio. CHF die vorerwähnten negativen Faktoren wider. Besonders für die Besucher aus dem Euroraun wurden die Angebote der Raststätte auf einen Schlag deutlich teurer, was deren Konsumverhalten negativ beeinflusste. Als Lichtblick erwiesen sich hingegen die Besucher aus dem fernen Osten. Diese seien weniger preissensitiv und zeigten sich mit den Angeboten der Raststätte sehr zufrieden. Die Kehrseite der Medaille sind allerdings die erhöhten Personalaufwendungen, die nötig wurden, um diese Gäste adäquat beraten zu können. So stiegen die Lohnkosten um fast 0.4 Mio. CHF auf 2.5 Mio. CHF an, was einem Plus um 17.3% entspricht. Bei den Warenaufwendungen konnte ein Rückgang um 3.9% auf 2.3 Mio. CHF verbucht werden. Wegen des grossen Anteils an Fixkosten verharrten die betrieblichen Aufwendungen auf dem Niveau des Vorjahres mit gut 1 Mio. CHF. So resultierte ein Betriebsverlust vor Zinsen und Abschreibungen (EBITDA) in Höhe von -0.5 Mio. CHF nach einem positiven EBITDA von 0.2 Mio. CHF im Vorjahr. Die Gesellschaft tätigte trotz des negativen Ergebnisses alle betriebsnotwendigen Abschreibungen, die insbesondere den neu gestalteten Shop beinhalten. Der Abschreibungsbedarf betrug gut 0.3 Mio. CHF, was gegenüber dem Vorjahr einem Plus um 4% entspricht. Dies führte zu einer deutlichen Erhöhung des Betriebsverlusts von -0.1 Mio. CHF im Vorjahr auf -0.8 Mio. CHF. Positiv auf das Ergebnis wirkte sich der Wegfall ausserordentlicher Kosten aus, die das Vorjahresergebnis mit 0.4 Mio. CHF belasteten. Wie im Vorjahr verbuchte die Raststätte Finanzerträge von gut 0.5 Mio. CHF. Insgesamt resultierte so ein Reinverlust von 0.3 Mio. CHF nach einem knapp positivem Jahresergebnis in Höhe von 15’000 CHF im Vorjahr. Die Aktionäre erhalten wie im Vorjahr keine Dividende.

Leichter Hoffnungsschimmer

Für das laufende Jahr hält die schwierige Situation bis auf Weiteres an. Neben der Baustelle belastet die anhaltende wirtschaftliche Unsicherheit den Geschäftsgang. Einen leichten Hoffnungsschimmer bietet die aktuelle Angst vor weiteren terroristischen Anschlägen, was besonders Schweizer Gäste dazu bewegen kann, die Ferien im Inland zu verbringen. Aber auch die bisherigen Kunden bleiben dem Unternehmen treu, da sie ihm Vertrauen entgegenbringen. Die Gesellschaft will die Kunden mit einer hohen Qualität der Angebote zu moderaten Preisen sowohl im Restaurant als auch im Shop  auch weiterhin bei der Stange halten.

Die Geschäftszahlen der Gestione Stalvedro fallen enttäuschend aus. Die zahlreichen belastenden Faktoren sind nicht von der Gesellschaft zu verantworten, so dass das Umsatzminus daher nicht der Geschäftsleitung angelastet werden kann. Allerdings muss der starke Anstieg der Lohnkosten, die grossmehrheitlich zum Verlustausweis führten, kritisch hinterfragt werden. Es ist zu begrüssen, dass die Geschäftsleitung Anstrengungen unternimmt, die Umsätze zu erhöhen und neue Gäste anzuziehen. Inwieweit sich diese Aufwendungen zumindest mittel- bis langfristig auszahlen, ist offen. Angesichts der allgemein schwierigen Situation kann dieser Versuch eines Befreiungsschlags keinesfalls missbilligt werden. Dank der grundsoliden Bilanz mit einer Eigenmittelquote von 68% der Bilanzsumme verfügt die Gesellschaft über genügend Reserven, um auch weitere schwierige Jahre mit Verlustausweisen zu überstehen. Bei den Fremdmitteln handelt es sich zudem grossteils um Vorauszahlungen für Leistungen, die der Gestione Stalvedro zugeflossen sind, so dass das Unternehmen als nahezu schuldenfrei angesehen werden kann.

Die Aktien der Gesellschaft werden auf der ausserbörslichen Handelsplattform OTC-X der Berner Kantonalbank (BEKB) gehandelt. Auf der Basis des letztbezahlten Kurses von 600 CHF werden die Titel mit einem leichten Agio von 7% gegenüber dem per Jahresende 2015 ausgewiesenen Buchwert gehandelt. Auch wenn das Zahlenwerk der Gesellschaft keine Rückschlüsse auf mögliche zusätzliche Reserven zulässt, ist davon auszugehen, dass die Gesellschaft über stille Reserven verfügt. Als Indiz können etwa die Finanzerträge und die in der Bilanz enthaltene Position Beteiligungen, deren Wert mit 175’000 CHF ausgewiesen wird, dienen. Allerdings ist weder über die Höhe der Reserven etwas bekannt, noch dürften diese von den freien Aktionären je realisiert werden können. Auch wenn die Rückkehr zu den schwarzen Zahlen gelingt, was zumindest für 2017 möglich und auch als wahrscheinlich erscheint, sind Dividendenzahlungen zumindest bis auf Weiteres nicht zu erwarten. Als grosser Unsicherheitsfaktor bestehen bleibt auch die notwendige Sanierung des Gotthardtunnels, die ab 2020 geplant ist. Sofern die Autobahn für diesen Zeitpunkt komplett geschlossen wird, wird die Raststätte mangels Besuchern ebenfalls den Betrieb sistieren müssen.

Die Aktien eignen sich wegen der grossen Unsicherheitsfaktoren nur sehr bedingt zur Anlage. In Betracht kommen die Titel nur für Personen, die eine enge Verbundenheit zur Gesellschaft haben und diese durch den Besitz der Aktien untermauern möchten. Aus finanziellen Aspekten drängt sich ein Kauf der Titel vorderhand nicht auf. Zudem besteht auch ein gewisses Risiko, dass die Gestione Stalvedro bei der Neuvergabe der Konzession den Zuschlag nicht erhält oder zukünftig höhere Konzessionsabgaben zahlen muss, welche sich negativ auf die Rentabilität auswirken könnten. Sollte sich die Gesellschaft dazu entscheiden, an der Ausschreibung für die neue Konzession nicht teilzunehmen, dürfte eine Liquidation nach dem Ende der Betriebsbewilligung im Jahr 2019 anstehen. Diese Variante ist nach aktuellem Stand als sehr gering einzustufen.

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