Im deutschen Online-Apothekenmarkt zeichnet sich ein harter Wettbewerb ab, der bereits am Aktienmarkt zu Kapriolen geführt hat. Neben der Zur-Rose-Gruppe mit DocMorris und der Shop-Apotheke, die sich jetzt auch wieder das Geschäft mit den rezeptpflichtigen Medikamenten (RX) einverleibt, soll angeblich auch Amazon in den Markt einsteigen wollen. Hinzu kommen die unklaren politischen Verhältnisse nach der deutschen Bundestagswahl, die für die Versender von RX-Präparaten ein gutes Umfeld schaffen. Den Durchblick zu behalten, ist dabei schwer. Dies insbesondere, wenn dann auch noch Lobbyisten mitmischen und die Meinung beeinflussen.

Als am 15.September die Nachricht, Amazon sei in fortgeschrittenen Akquisitionsgesprächen mit dem Zur-Rose-Wettbewerber Shop-Apotheke, die Märkte erreichte, schoss der Aktienkurs des Zielunternehmens um 25% auf kurzzeitig 55 Euro in die Höhe. Das beflügelte auch vorrübergehend die Zur-Rose-Aktie, die seit dem IPO eher einen flügellahmen Eindruck machte. Die Meldung der unverfänglich „Apotheke-Adhoc“ genannten Berliner Lobbyisten-Publikation entbehrt jedoch jeder Substanz: Alle beteiligten Unternehmen dementierten.

Die Affäre scheint damit vergessen. Warum, ist klar, denn mit Ruhm hat sich hierbei keiner bekleckert. Die Unstimmigkeiten schreien förmlich danach, etwas genauer hinzuschauen. Die Meldung wurde offensichtlich am späten Vormittag lanciert, denn bis 10.26 Uhr hatten keine Aktienumsätze auf Xetra für den Titel stattgefunden. Dann jedoch schoss der Kurs innert kürzester Zeit auf bis zu 55 Euro von zuvor 43 Euro hoch. Lagen die Aktienumsätze in den Tagen zuvor bei kaum 3’000 Stück pro Tag, so wurden am 15. September über 100’000 Aktien gehandelt. Noch am Tag zuvor, am 14. September, war die Aktie bis auf 40 Euro abgesackt, nachdem zuvor mit 44 Euro ein neues Hoch erreicht worden war.

1 Mio. Euro Luftgewinne realisiert

Kurzfristig schnellte der Shop-Apotheke Europe-Aktienkurs nach oben, bis das Dementi kam. Chart: moneynet.ch

Nach der heissen Übernahmespekulation und dem Dementi lag der Kurs allerdings immer noch bei 48 Euro. Das heisst, die Marktkapitalisierung wurde durch diese „Operation“ von 360 Mo. Euro auf dann 433 Mio. Euro gehievt. Bei einer überschlägigen Berechnung wurden am 15. September an den verschiedenen Handelsplätzen Aktien der Shop-Apotheke im Wert von ca. 5 Mio. Euro verkauft. Dabei wurden ca. 1 Mio. Euro „Luftgewinne“ realisiert. Durch wen?

Auch wenn auffällt, dass nur wenige Transaktionen über 1’000 Aktien oder mehr darunter sind und nahezu alle Transaktionen sogenannte „odd–lots“ darstellen, also schräge Stückzahlen, die gemeinhin mit Privatanlegern assoziiert werden, so ist es im Zeitalter des Robo High Frequency Trading überhaupt kein Problem, grosse Pakete schnell so zu verkaufen, dass nur kleine Stückzahlen sichtbar werden und nichts auf ein grösseres Paket hinweist. Es handelt sich zwar nur um etwas mehr als 1% des Aktienkapitals, das an diesem 15. September den Besitzer wechselte, bei möglichen Kursmanipulationen geht es jedoch ums Prinzip, unabhängig von den involvierten Summen, und die Reputation des Finanzplatzes.

Die Echokammern und „White Noise“

Der Effekt wäre mit Sicherheit nicht so ausgeprägt aufgetreten, hätten sich nicht die Fachmedien bereitwillig als Kolporteure einspannen lassen. Denn vom „Handelsblatt“ bis zum „Aktionär“ wurde die nicht nachvollziehbar erscheinende Meldung aus einer bisher kaum als kapitalmarktrelevant hervorgetretenen Publikation unhinterfragt übernommen und mit „viraler“ Geschwindigkeit in den „News-Flow“ eingebracht. Klar, Übernahmegerüchte bringen Klicks. Und weil die Kosten für Redaktionen kontinuierlich gesenkt werden, gibt es immer weniger sachkundige Journalisten, die Zeit und auch die notwendige Erfahrung für Plausibilitätsprüfungen haben.

Ominöse „Insiderkreise“?

Die erste Frage, die zu stellen ist, betrifft die angeblichen „Insiderkreise“, von denen die Publikation die Informationen erhalten haben will. Wenn weder Amazon noch Shop-Apotheke von etwas wissen, welche Insider sind dann gemeint? Unabhängig davon, dass Insider sich strafbar machen, wenn ihr Wissen zu Kursbewegungen wie im Fall Shop-Apotheke führt, ist es auch wenig wahrscheinlich, dass ausgerechnet deutsche Lobbyisten über die verdeckten Strategien von Amazon-CEO Bezos informiert wären.

Informationsdefizite

Zudem erscheint die Meldung in Unkenntnis der tatsächlichen Fakten hinsichtlich der Ambitionen von Amazon fabriziert. Schon bei einer kurzen Recherche lässt sich herausfinden, dass Amazon längst im OTC-Bereich aktiv ist. Der weist zwar einen Commodity-Charakter auf, der für den Preiszerstörer Amazon aber dennoch interessant ist. Das „Big Ticket“ ist aber der sogenannte RX-Markt mit den verschreibungspflichtigen Medikamenten, der sich allein in den USA auf ca. 300 Mrd. USD beläuft. Warum? Weil es ein Multimilliardenmarkt mit hohen Markteintrittsbarrieren und Gewinnmargen ist, die Amazon zwar nehmen kann, andere aber nicht. Zudem ist es ein B2B-Markt mit grossenteils wiederkehrenden Einnahmen, denn die weitaus meisten Patienten haben in den USA und zunehmend auch in Europa keine freie Wahl bezüglich Ärzten, Kliniken und Therapien, wie vormals üblich.

Amazon lässt sich nicht in die Karten schauen

Amazon hält seit Jahren eine jährliche Strategiesitzung allein zur Frage ab, ob die Expansion in den Pharmahandelsbereich vorangetrieben, und wenn ja, wie diese gestaltet werden soll. Im Testmarkt Japan ist Amazon bereits im RX-Markt aktiv. In den USA wird nach Informationen besser informierter Quellen verstärkt über die Übernahme sogenannter Pharmacy Benefit Manager durch Amazon spekuliert, die Mittler zwischen Herstellern, Versicherungen und Arbeitgebern sind, wenn es um Preisverhandlungen, Distribution, Logistik, Versorgung chronisch Kranker etc. geht. Kandidaten sind CVS Health (vormals CVS Caremark) und deren Wettbewerber. Die Argumentation in der Meldung, dass Amazon gerade nicht am RX-Versandgeschäft interessiert sei, sondern am OTC-Markt, kann daher in Kenntnis der systematischen Expansionsbestrebungen von Amazon in Richtung RX nur als krasse Verdrehung oder aber Unwissen interpretiert werden. Von Gesprächen mit Shop-Apotheke ist nichts bekannt, es wurde sogar vom Management in einer ad-hoc-Mitteilung explizit dementiert.

Die Trophäensammlung

Auf der Website der Besitzer des „Informationsdienstes“ Apotheke adhoc, Pato genannt, findet sich nicht ohne Stolz eine Auflistung, wo überall diese „Insidernachricht“ ihren Niederschlag gefunden hat – fast wie eine Trophäensammlung dargestellt. Das legt nahe, dass der Mindset der Verantwortlichen nicht kapitalmarktkonform ist und sie nicht mit den rechtlichen Folgen solcher kursbewegenden Effekthascherei vertraut sind.

Datenklau-Affäre im Gesundheitsministerium bislang ohne Folgen

Tatsächlich zeigt eine weitergehende Recherche sehr schnell, dass sich die Macher auch mal jenseits der legalen Grenzen bewegen. So wurde gegen einen der beiden Geschäftsführer 2015 nach langen Ermittlungen schliesslich ein Anklageverfahren durch die Staatsanwaltschaft auf den Weg gebracht. Sie sieht es als erwiesen an, dass sich Thomas Bellartz 2009 durch Bestechung Einblick in neue arzneimittelrelevante Gesetzesvorhaben verschafft hat, um so die Klienten der Lobbyorganisation mit illegal erworbenem Insiderwissen bei der Stange zu halten. Pikant: Bellartz war seinerzeit Sprecher der ABDA (Bundesvereinigung der Apothekerverbände e.V.), die bekanntermassen nach der Datenklau-Affäre im Bundesgesundheitsministerium vor einem Scherbenhaufen stand. Die Neu-Organisation besonders im Compliance-Bereich hat aber offensichtlich die beschädigten Beziehungen zur Bundesregierung bislang nicht heilen können. Sie sind dauerhaft, möglicherweise irreversibel geschädigt.

Gerichtsverfahren lässt auf sich warten

Nicht nachvollziehbar ist, warum der Gerichtsbeschluss, das Verfahren zu eröffnen, vom 23.11.2015, von dem Moabiter Kriminalgericht bislang nicht umgesetzt worden ist, zumal die staatsanwaltlichen Ermittlungen seit dreieinhalb Jahren abgeschlossen sind. Der Fall scheint auch relativ klar. Aussagen wie „Eine Lüge am Tag geht“ von Bellartz, zitiert „Der Spiegel“, und berichtet von der „Skrupellosigkeit“. Natürlich gilt die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils, doch als Quelle für Kapitalmarkt-Informationen scheint die Publikation kaum relevant. Der Spiegel nennt die Publikation das „Skandalblättchen der Gesundheitsszene“. Gesundheitsminister Bahr wunderte sich seinerzeit, dass die Publikation über Gesetzesentwürfe aus seinem Ministerium berichtete, bevor er sie kannte. Dazu passt die Selbstdarstellung auf der Pato website, wo steigende Seitenabrufe und Umsätze zelebriert werden. Das etablierte Branchenblatt, Deutsche Apotheker Zeitung, spürt den Wettbewerb und berichtet extensiv über die Missgeschicke der Newcomer.

Bewertungswettbewerb

Seit dem Börsengang unter Druck: der Aktienkurs von Zur Rose. Chart: moneynet.ch

Die geschilderten Vorgänge um die Aktie der Shop-Apotheke sind im Wettbewerb zu den anderen Versandapotheken im Allgemeinen und Zur Rose im Besonderen zu sehen – immer mit Blick auf Kapitalkraft, Bewertungen und die daraus resultierenden Möglichkeiten. So muss auffallen, dass die Aktie der Shop-Apotheke nach dem IPO im April 2016 lange Zeit eher seitwärts tendierte nach einem Anstieg von 25 Euro auf ca. 40 Euro, während die in diesem Zeitraum lediglich ausserbörslich in der Schweiz gehandelte Zur-Rose-Aktie von 22 CHF sukzessive auf 150 CHF bis zum eigenen IPO im Juli 2017 anstieg. Seit beide Aktien an der Börse sind, verlaufen die Mikro-Bewegungen oft in die gegenteilige Richtung. Die Zur-Rose-Aktie ist nach dem IPO zu 140 CHF Anfang September unter den Emissionspreis gefallen, hat jedoch bei 117 CHF wieder nach oben gedreht vor dem 15. September, als Shop-Apotheke wieder bis auf 40 Euro zurückgefallen war. Aktuell liegt der Kurs bei 130 CHF.

Preisoptimierung bei Übernahme der Muttergesellschaft durch Shop-Apotheke?

Die am Tag nach der Bundestagswahl veröffentlichte Übernahme der Muttergesellschaft von Shop-Apotheke durch die Tochter auf dem Weg eines Aktientauschs unter Ausgabe neuer Aktien zeigt zweierlei. Da sich die Muttergesellschaft mit dem RX-Geschäft befasst, kommt das Wiederzusammengehen einer Bestätigung der Strategie von Zur Rose gleich, da nun der Umsatz-Mix beider börsenkotierter Apothekenversandhändler direkt vergleichbar ist. Dass die Transaktion gerade einen Tag nach dem Wahlentscheid kommt, scheint nach der Vorgeschichte seit 15. September wie eine geplante Preisoptimierungsmassnahme, denn es war schon vor der Wahl klar, dass nur die CDU/CSU für ein im Widerspruch zum EuGH-Urteil stehendes Verbot des Rx-Versandhandels ist, jedoch keiner der möglichen Koalitionäre.

RX-Versandhandelsverbot in Deutschland schon vor der Wahl nicht umsetzbar

Egal, ob Jamaica-Koalition, Minderheitsregierung oder am Ende doch wieder Grosse Koalition – ein Verbot des RX-Versandhandels ist wohl vom Tisch. Je nachdem, auch abhängig davon, wer am Ende das Gesundheitsministerium zugeschlagen bekommt, könnten andere Regelungen fallen oder sich ändern, beispielsweise das Fremdbesitzverbot. Möglich sind auch neue Einkommensquellen für Apotheker, z.B. Beratungs- und Betreuungshonorare, ähnlich der Gebührenordnung für Ärzte.

Die kursrelevanten Vorgänge um Shop-Apotheke, die durch eine „Falschmeldung“ initiiert wurden, werfen Fragen auf, die Journalisten letztlich nicht beantworten können. Nur Aufsichtsbehörden und Ermittler können prüfen, wer die Nutzniesser waren und ob diese nur die Gelegenheit genutzt haben oder nach Plan vorgegangen sind. Das Timing der Shop-Apotheke-Übernahme von ihrer Muttergesellschaft war bestimmt schon länger geplant, erscheint aber dennoch im Hinblick auf die vorteilhaftere Bewertung „zu glücklich“. Für die Finanzbranche und auch die Medien sind solche Vorgänge jedenfalls nicht förderlich, auch wenn sie schon immer zum „Geschäft“ gehört haben. Sie rufen nur nach mehr Regulation. Allerdings zeigen diese Vorgänge auch, mit welch harten Bandagen im Umfeld der deutschen (Versand-)Apotheken gekämpft wird. Schliesslich geht es um einen Multi-Milliardenmarkt.

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