Walter Oberhänsli, VRP DocMorris: «Wer die Kontrolle will, muss ein öffentliches Übernahmeangebot machen»

Klare Antworten zu relevanten Themen

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Walter Oberhänsli (67) ist seit 2022 Präsident des Verwaltungsrats von DocMorris (ehemals Zur Rose Group). Er war bereits 1993 Mitgründer des Unternehmens, während er noch als selbständiger Rechtsanwalt tätig war. Von 2005 bis 2022 war er Delegierter des Verwaltungsrats und CEO. Er hat einen Masterabschluss in Rechtswissenschaften der Universität Zürich. Bild: zvg

Nach langer Talfahrt hat die Aktie von DocMorris den Trend abermals umgekehrt. Die eben veröffentlichten Zahlen untermauern die Kursentwicklung, das Wachstum ist stark, die noch negative EBITDA-Marge verbessert sich. Zur Entwicklung des Unternehmens und des Zahlenwerks, aber auch über die anstehende GV und das Begehren einer Investorengruppe, DocMorris umzukrempeln, sprach schweizeraktien.net mit Walter Oberhänsli, dem Verwaltungsratspräsidenten. Auch zu Wettbewerbsfragen, regulatorischen Verzögerungen, die Anpassung der Strategie und weiteren relevanten Themen nimmt der langjährige Ex-CEO und amtierende VRP Oberhänsli im Interview Stellung.

Herr Oberhänsli, etliche Jahre sind vergangen, der Online-Apothekenversandhandel hat sich entwickelt – und doch scheint es, als ob der Pionier Zur Rose, heute DocMorris, die ambitionierten Ziele nicht erreicht hat, zumindest gemessen am Aktienkursverlauf. Wie sehen Sie als die treibende und gestalterische Kraft hinter der Unternehmensentwicklung den langfristigen Soll-Ist-Vergleich?

Richtig ist, dass wir die gesteckten Ziele bis heute noch nicht vollständig erreicht haben. Fairerweise muss man dazu sagen, dass das auch nicht möglich war, nachdem der Regulator die Einführung um mehr als zwei Jahre verzögert hat. Aufgrund der aktuellen Entwicklung unserer Zahlen bin ich sehr zuversichtlich, dass dieselben Ziele bezüglich Marktdurchdringung von rezeptpflichtigen Medikamenten online erreicht werden, einfach mit der schon erwähnten Verzögerung. Dazu kommen die vormals ungeahnten Möglichkeiten der Telemedizin und des Einsatzes von künstlicher Intelligenz. Hierzu muss man sich insbesondere die meines Erachtens bahnbrechende Kooperation mit Google genauer ansehen.

Vieles ist natürlich auf die zögerliche Deregulierung, das zähe Ringen um die Einführung des E-Rezeptes in Deutschland und andere Faktoren jenseits der Kontrolle von Management und Verwaltungsrat zurückzuführen, trotzdem, was würden Sie heute anders machen, welche Fehler vermeiden?

Die damalige Strategie des aggressiven Wachstums mittels Akquisitionen mit dem Ziel der grösstmöglichen Kundenbasis vor der Einführung des E-Rezepts würde ich heute anders sehen und den Weg vorsichtiger gestalten und insbesondere weniger bilanzielle Risikoposition in Kauf nehmen.

Was heute wenig bekannt ist, Sie haben ja als Visionär und Jurist in langen Schlachten vor Gerichten den Weg für die ganze europäische Branche bereitet. Den grössten Nutzen haben nun Follower und Späteinsteiger, ärgert Sie das nicht?

Das ärgert mich überhaupt nicht – im Gegenteil! Diese Aktivitäten beschleunigen die Marktveränderung zum Nutzen aller.

Sie haben Kapitalerhöhungen durchgeführt, Fremdkapital aufgenommen und sogar die Keimzelle des Unternehmens, das profitable Ärztegeschäft in der Schweiz, verkauft. Dennoch scheint der Konkurrent Redcare Pharmacy durch die höhere Kapitalkraft auch höhere Wachstumsraten und Gewinnmargen zu erzielen. Wie wollen Sie das ändern?

Die von uns derzeit verfolgte Strategie der Verknüpfung des Online-Geschäfts mit dem Service-Geschäft, insbesondere Telemedizin und Retail Media, als digitales Ökosystems wird sich auszahlen und uns das Aufholen sicherstellen. Die veröffentlichten Zahlen für das erste Quartal machen das bereits sichtbar.

Würden Sie sagen, dass das Rennen um die Marktführerschaft noch offen ist? Wie sieht die Wettbewerbslandschaft Ihres Erachtens im Jahr 2030 aus?

Es hat zunächst zweifelsohne für mehr als einen Marktteilnehmer Platz in dem riesigen 60 Mrd. Markt. Ob wir die Nummer 1 oder 2 sind, spielt doch letztlich keine Rolle. Trotzdem bin ich überzeugt, dass wir die Nummer 1 Position wieder erreichen können, und das sollte auch unser Ehrgeiz sein.

«Ob wir die Nummer 1 oder 2 sind, spielt doch letztlich keine Rolle»

Die Einführung des E-Rezeptes in Deutschland bezeichneten Sie in unserem Interview von 2022 als «once in a lifetime» opportunity. 2025 war es ein Wachstumstreiber, doch die Volumina sind bestimmt noch nicht da, wo Sie sie sehen, oder?

Ich sehe es auch heute noch als eine «once in a lifetime» Situation. Die Adaption braucht offensichtlich eine etwas längere Anlaufphase. Letztlich muss man hier auch einmal auf die schwedische Entwicklung schauen: Auch dort brauchte es eine Anlaufphase.

Im Gesundheitswesen gilt der deutsche Markt als richtungsweisend für den Rest der EU. Wie steht es in den anderen EU-Ländern um die Online-Apothekenmärkte und die Einführung des E-Rezeptes? 2025 steuerte Südeuropa mit 63.1 Mio. CHF einen immer noch geringen Anteil zum Gesamtumsatz bei.

Wir fokussieren uns heute ganz klar auf Deutschland. Verzetteln wäre aufgrund der gemachten Erfahrungen einfach falsch.

Was möchten Sie am Zahlenwerk 2025 ins richtige Licht setzen? Die nackten Zahlen erzählen ja nicht die ganze Geschichte.

Richtig. Man muss sich die Zahlenentwicklung auf Quartalsbasis ansehen. Hieran zeigt sich, dass wir in die richtige Richtung laufen. Das heisst nicht nur Break-even, sondern auch Beschleunigung des Wachstums mit rezeptpflichtigen Medikamenten. In der Veröffentlichung zum ersten Quartal wird diese positive Entwicklung weiter fortgeführt.

Die anstehende GV am 12. Mai könnte richtungsweisend sein. Zwei unterschiedliche Investorengruppen mit verschiedenen Zielen ringen um Einfluss im Verwaltungsrat. Was können Sie unseren Leserinnen und Lesern als Verwaltungsratspräsident dazu sagen?

Das ist der klassische Versuch einer kalten Übernahme durch die Hintertür. Obwohl CEPD/Pelion um Jacek Szwajcowski erst seit Kurzem dabei ist und nur rund 15% der Aktien hält, greift die Investorengruppe nach der absoluten Kontrolle. Wir haben ihm mehrfach eine angemessene Repräsentation im Verwaltungsrat angeboten – das haben sie jedoch stets ignoriert. Das zeigt, es geht ihm nicht um faire Mitsprache, sondern um die Macht im Gremium. Wer drei von sechs Sitzen plus das Präsidium beansprucht, kontrolliert das Unternehmen faktisch im Alleingang. Und dies kann deutlichen Schaden bei allen anderen Aktionären zur Folge haben.

«Wer drei von sechs Sitzen plus das Präsidium beansprucht, kontrolliert das Unternehmen faktisch im Alleingang»

Handelt es sich also um einen «stillen Übernahmeversuch» ohne öffentliches Angebot, bei dem die Aktionäre von DocMorris das Nachsehen haben?

Ja, man muss es so deutlich sagen: Das ist ein massiver Angriff auf die Interessen aller anderen Aktionäre. Normalerweise gilt an der Börse: Wer die Kontrolle will, muss ein öffentliches Übernahmeangebot machen und den Aktionären eine substanzielle Prämie zahlen. Herr Szwajcowski versucht stattdessen, die Kontrolle zum Nulltarif zu kapern, ohne Transparenz über seine Strategie oder seine Geldgeber zu schaffen. Ein Verwaltungsrat, der nur noch als verlängerter Arm eines intransparenten Minderheitsaktionärs agiert, kann seine Pflichten gegenüber der Gesamtheit der Aktionäre nicht mehr erfüllen. Davon profitiert am Ende nur einer – und das sind sicher nicht die Anleger von DocMorris.

Sie haben bestimmt starke Argumente für die an der GV teilnehmenden Aktionäre, warum Kontinuität im Verwaltungsrat essenziell für das zukünftige Prosperieren von DocMorris ist. Können Sie es für unsere Leser auf den Punkt bringen und auch die Alternativen erläutern?

DocMorris liefert. Die Zahlen des ersten Quartals 2026 belegen schwarz auf weiss, dass wir uns auf der Zielgeraden zur Profitabilität befinden. Ein radikaler Bruch im Verwaltungsrat zum jetzigen Zeitpunkt würde diese positive Entwicklung gefährden und Unruhe in ein Team bringen, das gerade Höchstleistungen erbringt. Wir schlagen der Generalversammlung drei hochkarätige, unabhängige Experten vor. Die Alternative wäre ein riskantes Experiment durch einen Minderheitsaktionär, das die bisherigen Erfolge aufs Spiel setzt und keine Transparenz über den künftigen Kurs bietet. Wer heute für unsere Kandidaten stimmt, stimmt für die Sicherung des Aufwärtstrends.

«Die Zahlen des ersten Quartals 2026 belegen schwarz auf weiss, dass wir uns auf der Zielgeraden zur Profitabilität befinden»

Was stellen Sie den Aktionären bei einer Wiederwahl als Verwaltungsratspräsident für die kommenden Jahre in Aussicht?

Die Umsetzung der aus meiner Sicht völlig schlüssigen Strategie mit dem richtigen Team einerseits und die massvolle Weiterentwicklung des Verwaltungsrats mit Planung meiner Nachfolge.

Vielen Dank, Herr Oberhänsli, für die klaren Antworten.

Die Bekanntgabe der Zahlen für das 1. Quartal 2026 haben den Abwärtstrend der DocMorris-Aktien unterbrochen. Chart: six-group.com

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