Kein Tag vergeht ohne exorbitante Preisoszillationen bei den Crypto-Währungen. Der Bitcoin ist nicht mehr klarer Führer bei den Marktanteilen, der Anteil am Crypto-Marktvolumen ist zuletzt auf 33% gefallen. Seit Eröffnung des Handels mit Futures hat der Bitcoin-Preis auch um fast 40% verloren. Willkommen im Reich der virtuellen Werte!

Eine witzige, wenngleich fast unglaublich scheinende aktuelle Transformation aus der Crypto-Dämmerung geht so: Die Long Island Iced Tea Corp ändert ihren Namen in Long Blockchain Corp und steigt ins Crypto-Business ein. 2015 erzielte die Gesellschaft 1.9 Mio. USD Umsatz, 2016 immerhin 4.9 Mio. USD – mit Eistee wohlgemerkt. Nach Ankündigung des Wechsels von Namen und Geschäftsgegenstand schoss die Aktie innerhalb von Wochen um 200% an der Nasdaq in die Höhe. Die aktuelle Market Cap liegt bei 49 Mio. USD.

Chart Long Blockchain
Durch die Umbenung in Long Blockchain Corp. machte der Kurs der Aktien einen Sprung. Chart: marketwatch.com/investing/stock/lbcc

Mining Factories auf Island

Konkret kauft die Gesellschaft 1’000 Einheiten des AntMiner S9, der von dem chinesischen Unternehmen Bitman hergestellt wird. In China gibt es längst sogenannte Bitcoin Mining Factories. Der Hauptkostenpunkt bei diesem virtuellen Extraktionsprozess sind die Stromkosten. Deshalb will Long Blockchain die AntMiners nach Island geliefert bekommen. Dort sitzen die energieintensiven Aluminiumhütten der Welt, weil auf Island leicht nutzbare geothermische Energie im Überfluss zur Verfügung steht. So sieht also die schöne neue Crypto-Welt aus?

Geschäftsmodell: Herstellung von Bitcoins mit billigem Strom

Zur Finanzierung des Kaufpreises in Höhe von 4.2 Mio. USD begibt die Gesellschaft auf dem erhöhten Kursniveau neue Aktien mit dem Ziel, 7.7 Mio. USD einzunehmen. Das neue Geschäftsmodell besteht in der Herstellung und Akkumulierung von Bitcoins. Mit anderen Worten: Jeder kann sich das Äquivalent einer Notenpresse anschaffen und die Crypto-Währung z.B. in Island billig produzieren. Sollte auf diesem Weg gar die Währungshoheit der Zentralbanken unbeabsichtigt verloren gehen? Die Frage kann angesichts der bisherigen Inaktivität der Zentralbanker durchaus gestellt werden. Sind dann die Sparer und Anleger die Dummen gegenüber Crypto-Emporkömmlingen wie den Winklevoss-Zwillingen, den mutmasslich ersten Bitcoin-Milliardären (in USD)?

Zentralbanken wachen auf

Ganz so still ist es allerdings aus der Richtung der Zentralbanken nicht mehr. Nicht nur EZB-Mitglied Nowotny wurde zuletzt ungewöhnlich deutlich, auch SNB-Präsident Jordan äusserte sich durchaus kritisch. SEC und CFTC, die Aufsichtsbehörde für die Derivatebörse, warnten erstmals gemeinsam eindringlich vor den Gefahren der Crypto-Währungen und der darauf basierenden Initial Coin Offerings. War zunächst eine Beschwichtigungspolitik angesagt, in der die absolute Marktgrösse des Crypto-Universums als nicht systemrelevant angesehen werden konnte, so kann davon bei aktuell 750 Mrd. USD nicht mehr unbedingt die Rede sein. Weltweit soll es inzwischen über 20 Mio. Besitzer von Crypto-Währungen geben. Das lässt sich anhand der sogenannten „Wallets“ (elektronische Geldbörsen) nachvollziehen. Seit Dezember hat das Tempo rasant zugenommen mit über einer halben Mio. neuen Wallets pro Woche! Die Schweiz ragt heraus: 9% der Bevölkerung sollen bisher Crypto-Währungen besitzen, und nach einer anderen Erhebung planen 11% ein Engagement in 2018!

Das Marktvolumen aller Kryptowährungen liegt mittlerweile bei 780 Mrd. USD. Chart: coinmarketcap.com

Sprachliche Verirrungen

Wie verrückt die Crypto-Welt inzwischen geworden ist, zeigt sich eigentlich an allen Ecken und Enden. Das fängt schon bei der verwendeten Terminologie an. Selbst die Notenbanker der EZB sprechen von „Investment in Crypto-Währungen“, von den Medien gar nicht zu reden, obwohl das barer Unsinn ist. Ohne Zahlungsstrom, zumindest in der Zukunft, handelt es sich um kein Investment. Beim Marktvolumen wird allgemein von der „Marktkapitalisierung“ geschrieben und diese sogar mit Coca-Cola oder Walt Disney verglichen, obwohl hier nicht mal Äpfel mit Birnen verglichen werden, sondern eher mit einem Radiogerät. „Die Kurse der Crypto-Währungen steigen“ o.ä. ist genauso Unfug, denn bekanntermassen gibt es Kurse nur bei börsengehandelten Wertpapieren, alle anderen Vermögenswerte haben Preise.

Marktvolumina der Crypto-Währungen

Während Bitcoin bis vor kurzem noch weit mehr als die Hälfte des Crypto-Marktvolumens ausmachte, haben inzwischen viele Wettbewerber aufgeholt. Am 9. Januar entfallen auf Bitcoin 252 Mrd. USD, auf Ethereum 118 Mrd. USD und auf Ripple 90 Mrd. USD. Unter ferner liefen auf Rang 25 taucht auch der Dogecoin mit einem Marktvolumen von inzwischen über 1.7 Mrd. USD auf. Der Dogecoin zeigt einen Hund und war ursprünglich als Witz gedacht. Jahrelang fand der Dogecoin kaum Beachtung. Der Schöpfer ist aus dem Team ausgestiegen, und seit zwei Jahren gab es kein Software-Update. Dennoch wurde jetzt in der allgemeinen Crypto-Euphorie auch der zurückgebliebene Dogecoin von der Spekulationswelle erfasst. Der Schöpfer des Dogecoins Jackson Palmer sagte: „… ich denke, es sagt viel über den Status des Crypto-Währungs Universums, dass eine Währung mit einem Hund als Kennzeichen ohne Software-Update seit zwei Jahren eine Marktkapitalisierung von über 1 Mrd. USD hat“.

Litecoin-Schöpfer verkauft seine Coins

Unterdessen hat auch der Schöpfer von Litecoin alle seine Coins veräussert, um den Interessenkonflikt aufzulösen. Es wird jedoch heftig darüber spekuliert, ob dies nicht ein weiteres Signal dafür ist, dass die Blase am Crypto-Markt bereits geplatzt ist. Es fällt schon auf, dass seit der Eröffnung des Futureshandels an den beiden Derivatebörsen Mitte Dezember die Preistendenz beim Bitcoin nach unten weist.

37% Preiskorrektur beim Bitcoin

Vom absoluten Hoch bei 19’500 USD ist der Bitcoin zwischenzeitlich um bis zu 37% gefallen. Das Argument, dass eben somit erstmals die Möglichkeit besteht, auf fallende Preise zu setzen, ist mit Blick auf den Preisrückgang nicht stichhaltig. So tief und liquide ist der Bitcoin-Futureshandel noch lange nicht, dass, ähnlich wie am Gold- oder Bondmarkt, der Schwanz mit dem Hund wedeln kann. Glaubhafter erscheint dagegen, dass nach der Preisvervielfachung in 2017 diejenigen, die früh und in grossem Stil bei den Crypto-Währungen, also vor allem dem Bitcoin, eingestiegen sind, nun Kasse gemacht haben.

Counterparty Risk – Wie ein Dominoeffekt die Finanzmärkte infizieren kann

Der eigentlich kritische Punkt ist aber das „Gegenpartei-Risiko“, das sich nun mit Aufnahme des Handels von Crypto-Produkten an regulierten Börsen erstmals aus der Crypto-Welt tatsächlich über einen Dominoeffekt auf die sehr viel grösseren Aktien-, Bond-, Währungs- und Rohstoffmärkte auswirken kann. Die Kausalkette könnte so aussehen: Käufer von Bitcoin Futures können bei adversen Preisbewegungen die margin calls nicht erfüllen, der oder vielmehr die betroffenen Broker können ihrerseits ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen und lösen aufgrund der hochgradigen Handelsverflechtungen Insolvenzen der in allen Finanzmärkten aktiven Händler aus. Ein erstrangiges Systemrisiko! Das scheint den mit der Zulassung der Bitcoin-Futures Betrauten allerdings erst hinterher bewusst geworden zu sein. Daher rührt wohl auch die zunehmende „verbale Intervention“ der Zentralbanker in den letzten Wochen!

Korea in den Crypto-Schlagzeilen

Obwohl nun Nord-Korea doch an den Olympischen Winterspielen in Süd-Korea teilnimmt, könnten die Schlagzeilen zum Crypto-Thema nicht unterschiedlicher sein. Während Süd-Korea anonyme Konten verboten hat, Geldwäscher mit höheren Strafen belegt und sich vorbehält, virtuelle Coin-Börsen zu schliessen, sorgt Nord-Korea mit Malware für Schlagzeilen, die ein Bitcoin-Äquivalent auf externen Computern „mined“, ohne dass die Besitzer etwas davon wissen – und dann die Erträge an die Kim Il Sung Universität überweist.

Texanische Aufsichtsbehörde schiesst scharf

Diese Betrachtung von Absurditäten wäre nicht vollständig ohne ein weiteres Beispiel, dieses Mal aus Texas. Dort hatte das Blockchain Start-up BitConnect beim geplanten Token Sale 100% jährliche Rendite angekündigt sowie Verkaufsagenten gesucht. Der Token Sale sollte am 10. Januar beginnen. Wenige Tage davor brach das Texas State Securities Board die Aktion ab. Das TSSB stufte die Tokens als unregistrierte Wertpapiere ein. Die Verkaufsförderer wurden als Agenten qualifiziert, die keine Registrierung zum Verkauf von Wertpapieren in Texas haben. BitConnect hatte laut Statement der TSSB weder Informationen zum Finanzstatus geliefert noch erklärt, wie die Gesellschaft Gewinn erzielen will – nicht einmal einen Firmensitz würde die Gesellschaft ausweisen. BitConnect hat bereits 2016 einen Token ausgegeben, der heute ein Marktvolumen von 2.2 Mrd. USD hat.

P.S. Am 9. Januar kündigte Kodak eine Blockchain Initiative an und die Ausgabe der KodakCoin. Die Aktie, die seit ihrem Neustart nach der Insolvenz 2013 in einem stetigen Abwärtstrend war, stieg daraufhin bis zum Handelsschluss um 120%. Die Market Cap stieg um 179 Mio. USD auf 312 Mio. USD. Aber das ist gar nichts im Vergleich zum Tagesgewinner bei den Tokens: Xenon zog um 506% an, bei einem Umsatz von 94’510 USD!

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