Im Brennpunkt: Strukturwandel im Schweizer Tourismus bringt Chancen und Risiken

Reisemarkt boomt dank asiatischen Touristen

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Chinesische Reisegruppe an der Luzerner Fasnacht. Bild: chinaswiss.org

Seit 2017 ist der Tourismus in der Schweiz wieder auf seinen Wachstumspfad zurückgekehrt, doch der Markt wandelt sich rapide. Besucher aus China gewinnen stetig an Bedeutung, Nachhaltigkeit spielt eine wichtigere Rolle, und ehemalige Nischenmärkte wie Adventure Tourismus und Female Travel werden zu Massenmärkten. Die Perspektiven für die Schweizer Touristik sind zwar gut, aber auch voller Herausforderungen.

Noch vor 10 Jahren spielten Reisende aus China und Asien in der Schweiz eine geringe Rolle, doch inzwischen stellt China bereits das fünftwichtigste Herkunftsland dar. Die Wachstumsraten waren und sind zweistellig. Für 2018 wird eine Zunahme der Touristen aus China um 20% prognostiziert, für 2019 um 15%, so das Konjunkturforschungsinstitut KOF an der ETH im Auftrag des SECO.

China wird wichtigstes Herkunftsland im Tourismus

Was weniger bekannt ist, sind die Details, wie die kurze Verweildauer von durchschnittlich 1,3 Tagen und die Tagesausgaben von 330 CHF. Dabei gibt es jedoch zunehmend Wiederholungstouristen, die das zweite oder dritte Mal kommen, sowie zunehmend auch Individualreisende, wenn auch auf niedrigem Niveau. Weiterhin ist das Durchschnittsalter schon tief und sinkt weiter. Das zeigt schon, welche Möglichkeiten für Schweizer Anbieter bestehen. Und tatsächlich sind die Potenziale sogar um ein Vielfaches höher, weil bisher nur 6% der Chinesen überhaupt einen Reisepass haben. Die Prognosen gehen dahin, dass China bereits 2022 weltweit die grösste Anzahl an sogenannten Outbound Tourists stellen wird. Bislang gehen noch ca. 50% der grenzüberschreitenden Reisen der Chinesen in Länder des eigenen Kulturraumes „Greater China“, doch Fernreisen nehmen stetig zu, insbesondere bei jüngeren und vermögenden Touristen.

Wechselkursentwicklungen als Faktor

Während bei den Reisenden aus Asien die Wechselkursentwicklungen keine überragende Bedeutung zu haben scheinen, schwanken die Besucherzahlen aus der EU stärker. Die etwas leichtere Tendenz des Franken gegenüber dem Euro bis Juni 2018 hat die Besucherzahlen aus Deutschland, Frankreich und Italien tendenziell ansteigen lassen, wenngleich auch die bessere Konjunkturlage dazu beigetragen hat.

Breit diversifizierte Touristenbasis in der Schweiz

Daneben zählen USA und UK zu den für die Schweiz wichtigsten Herkunftsländern. Insgesamt kommen jedoch Besucher aus nahezu allen Ländern der Welt in die Schweiz, so dass die Basis breit diversifiziert ist. Nur ein Drittel der Logiernächte von ausländischen Reisenden entfällt auf die zehn grössten Länder, darunter zuletzt auch die Niederlande und Indien. Während Russland als Herkunftsland der Touristen heute weniger Bedeutung hat als noch vor einigen Jahren, hat die Anzahl der Besucher aus Indonesien, Thailand und Indien stark zugenommen. Dennoch, fast die Hälfte aller Übernachtungen in der Schweizer Hotellerie entfällt auf inländische Touristen. In den ersten fünf Monaten 2018 stieg die Anzahl der Logiernächte insgesamt um 3,6% auf 14,8 Mio. Bei ausländischen Besuchern lag der Zuwachs bei 4,5%.

Nachhaltigkeit und Tourismus

Das Jahr 2017 war zum „Internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus“ deklariert worden, worin sich vielfältige Einflussfaktoren ausdrücken. Immer mehr Reisende wollen mit gutem Gewissen reisen, die lokale Wirtschaft stärken, die Umwelt schützen und akzeptable Arbeitsbedingungen für die im Tourismus Beschäftigten vorfinden. Die negativen Auswüchse des Massentourismus haben auch erstmals massive Gegenreaktionen ausgelöst. So wurden u.a. in Barcelona und Venedig durch die Bürger Massnahmen gefordert, die den Tourismus beschränken. Der vertreibe die Einwohner, trage zu hoher Inflation bei und zerstöre die Stadtkultur. Ähnliche Phänomene gibt es an vielen Orten, auch in der Schweiz, das Schlagwort lautet „Over-Tourism“. Beispielhaft in Zahlen gefasst: Luzern zählte 2017 8 Mio. Tagestouristen, eine Studie der Hochschule Luzern geht im Jahr 2030 von bis zu 14 Mio. Tagesbesuchern aus. Barcelona zählte zuletzt 34 Mio. Tourist Arrivals, so dass sich hier wie da die Bewohner als verdrängte und bedrohte Minderheit wahrnehmen.

Überproportionales Wachstum

2017 war in der globalen Betrachtung ein weiteres Rekordjahr für die heterogene Industrie. International wurden 1,322 Mrd. Tourist Arrivals gezählt, ein Wachstum um 7% gegenüber dem Vorjahr. Bezogen auf den Anteil am BSP und die Anzahl der Beschäftigten entfallen jeweils rund 10% auf den Tourismus. Die Wachstumsraten liegen höher als die der Weltwirtschaft.

Vorzüge der Schweiz als Destination

Die Schweiz bleibt eine wichtige und vielfach auch bevorzugte Destination für Reisende. Dazu trägt neben den attraktiven Städten die weitgehend intakte Natur mit zahlreichen einzigartigen Sehenswürdigkeiten und Erlebniswelten wesentlich bei. Wichtige Faktoren sind aber auch die gute touristische Infrastruktur, die hohe Sicherheit und nicht zuletzt die in weiten Teilen exklusive Service-Mentalität der Schweizer Gastgeber.

Adventure Tourism mit 700 Mrd. USD Marktvolumen

Die neuen Trends im internationalen Tourismus sind mehrheitlich günstig für die Schweiz. So liegt das Wachstum im Bereich Adventure Tourism seit Jahren sehr viel höher als im Tourismus insgesamt. Der Markt hat inzwischen ein globales Volumen erreicht von, je nach Erhebung, um die 700 Mrd. USD p.a. Die Schweiz mit ihren Bergen und Canyons, Seen und Wildwassern, Gletschern und Wintersportmöglichkeiten zählt aufgrund der unterschiedlichsten Angebote im Winter wie im Sommer zu den beliebtesten Destinationen weltweit.

Sozio-kulturelle Aspekte

Da die Schweiz ihre unterschiedlichen regionalen Kulturen lebendig hält, profitiert sie auch von dem Trend, der „Localhood“ genannt wird, also originäre Erfahrungen im sozio-kulturell intakten Umfeld zu sammeln. Dies ist oft mit einem weiteren neuen Trend verbunden, der „slow travel“ genannt wird, also Reisen mit Zeit für Verweilen und Eintauchen in das Ambiente. Daraus kann sogar ein „extended stay“ werden, also das längerfristige Residieren auf Zeit in einem anderen geografischen Umfeld. Nicht wenige „digitale Nomaden“ können heutzutage ihre Arbeit nahezu überall verrichten, auch in Interlaken oder St. Moritz.

Female Travel wächst stürmisch

Wie viele andere Industrien auch ist der Tourismus von tief greifenden Veränderungen im Verbraucherverhalten geprägt. Soziale Trends setzen sich im Zusammenwirken mit der Digitalisierung immer schneller in neu entstehende Märkte um. Entsprechende Schlagworte sind Female Travel, Trail Tourism oder Community-Based Tourism. Dahinter verbergen sich Bedürfnisse der Reisenden, die in der Schweiz optimal befriedigt werden können. So reisen Frauen zunehmend gerne allein, allerdings bevorzugt in Ländern ohne sexuelle Belästigung mit geringer Kriminalität und guter Sicherheit. Seit 2012 ist der Bereich Female Travel um 230% gewachsen. Beim Trail- und Community-Tourism geht es neben Naturerlebnissen und Spass auch darum, neue Freunde zu finden und sich in einem veränderten sozialen und sportlichen Umfeld zu erfahren.

Trump-Slump und andere Widrigkeiten

Nicht zuletzt hat auch die Veränderung des geopolitischen Klimas in den letzten Jahren den Tourismusmarkt erreicht. Sowohl Reiseveranstalter als auch Reisende wollen Menschenrechtsverletzungen wie in Myanmar nicht durch ihre Buchungen unterstützen. Auch die protektionistischen Töne aus den USA und die Diskriminierung von Lateinamerikanern haben ganz direkte Auswirkungen, die in der Tourismus-Industrie „Trump-Slump“ genannt werden. So hat der mexikanische Tourismus in Kanada um 60% zugelegt, weil die USA als Reiseziel unattraktiv geworden sind. Weitere Problemländer sind Ägypten und Türkei, Indonesien, die Philippinen und Thailand. Allerdings öffnen sich auch bisher verschlossene Länder wie Oman und Kambodscha.

Autoritäre Systeme und Reisefreiheit

Erstmals seit Jahrzehnten fand allerdings ein beachtlicher Rückschritt in der bislang praktisch ungebrochen voranschreitenden Liberalisierungsgeschichte seit den 1960er Jahren statt. 2017 wurden die Ratings für Demokratie und Freiheit in 70 Ländern zurück- und nur in 35 Ländern hinaufgestuft. Kurzfristig ignoriert der Massenmarkt zwar Militärdiktaturen und Menschenrechtsverletzungen, doch auf längere Sicht vertragen sich totalitäre Systeme nicht mit Tourismus sowie Bewegungs- und Meinungsfreiheit und Freiheiten insgesamt.

Herausforderungen

Die grössten Herausforderungen für die Schweizer Tourismus-Branche liegen in der weiteren Digitalisierung und Diversifikation ihrer Angebote unter Nutzung der Möglichkeiten, die Technologien heute bieten. Die einzige Konstante in der Wirtschaft ist der Wandel, und nur Innovationen vermögen aus Veränderungen auch nachhaltige Marktanteilsgewinne zu machen. Die Branche ist heterogen und wird gemeinhin in Indizes aus Hotels, Fluglinien, Kreuzfahrtlinien, Autovermietungen und dergleichen mehr abgebildet. Der wirkliche Anteil an Einnahmen aus touristischen Aktivitäten schwankt jedoch stark bis hin zur Irrelevanz. Nahezu „Pure Plays“ in der Schweiz sind allerdings die Bergbahnen, die teilweise beeindruckende Steigerungsraten aufweisen – bei den Besucherzahlen und beim Aktienkurs.

Hinweise in eigener Sache: Am 30. Oktober 2018 veranstaltet schweizeraktien.net wieder einen Branchentalk Tourismus. Dieser findet auf der Rigi statt. Weitere Informationen finden Sie hier.

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