Logistik-Start-ups: Mit Pragmatismus in die digitale Zukunft

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Fliegen uns bald Drohnen das Frischgemüse nach Hause? Bild: fotolia.com

Es lässt sich auch von den grössten Technikmuffeln nicht wegdenken. Die Digitalisierung und alles, was materiell und semantisch dazugehört, beherrscht inzwischen die Unternehmenswelt. Dabei überschlagen sich bei Publikumsmedien gelegentlich die Fantasien. Roboter, das Internet der Dinge, Version 4 von irgendwas oder künstliche Intelligenz sind die Zutaten für Utopien, die beim Normalsterblichen nicht nur Euphorie auslösen. Wenn die Chaostheorie besagt, dass schon ein Schmetterling einen Wirbelsturm auslösen mag, ist der Effekt von oben Erwähntem gar nicht auszudenken. Angst und Unsicherheit ist übrigens ein gutes Einstiegsmoment für findige Lösungsanbieter.

Digitalisierung als Mittel zum Zweck

Nur die Ruhe. Erstens: Die Digitalisierung wird aus der Sicht des Autors einen normalen, gesellschaftlichen Veränderungsprozess durchlaufen. In einer Gesellschaft üben die Menschen ihre multiplen Rollen aus als Konsumenten oder Anbieter von Dienstleistungen, als Ich-Firma im Wachstumsmodus, als Stimmbürger, Quartieranwohner, energiesparende Tüftler oder atomfeindliche Nostalgiker. Die Digitalisierung klappt nur, wenn zwischen all den Bedürfnisgruppen, Machern, Bürgern und Politikern ein mehrheitsfähiger Konsens zustande kommt. Zweitens: Die Digitalisierung ist ein Mittel zum Zweck. Zuvorderst steht die Geschäftsidee. Hinter dieser stehen echte, agierende Menschen. Wenn sich jetzt genügend Mitmenschen für eine Idee begeistern mögen, kommt die Sache in Schwung. Drittens: Manche Ideen sind so einleuchtend und naheliegend, dass sich jeder ärgert, nicht selber bei diesem Geniestreich Pate gestanden zu haben. Meistens fördern Zufall oder eine Notlage solch eine Idee zutage. Davon später.

Das Einkaufen von morgen

Wie wird, aus diesem Kontext beleuchtet, das Einkaufen von morgen aussehen? Fliegen uns bald die Drohnen mit dem Frischgemüsepack ins Haus oder klingelt in einer nahen Zukunft der Lieferroboter an der Tür? Immer gemach. Erst muss der Detailhandel beziehungsweise müssen die Logistiker ein wichtiges Problem lösen. Es klingt ganz einfach und generiert schon unzählige Geschäftsmodelle und Start-ups. Also: Wie kommt die Ware auf der sogenannten „letzten Meile“ von der letzten Versandstation vor die Haustür, ins Paketfach oder in den Kofferraum des Kunden? Wer diese Logistik nicht beherrscht, geht auch mit dem attraktivsten Onlineshop nicht auf Wachstumskurs.

Natürlich möchten die traditionellen Transporteure bei dieser Frage ganz vorne mitmischen, denn schliesslich geht es um den Erhalt ihres Kerngeschäfts. Die Deutsche Post testet derzeit Cargo-Velos samt diebstahlsicherer Box für den Transport. Wenn das Schweizer Pendant des gelben Riesen (Die Post) bereits Medizinlabors mit Drohnen beliefert, fragt sich allerdings der Betrachter, ob dies wirklich ein kluger Beitrag zur Umweltdebatte ist. Denn bereits macht sich der Unmut der Naturschützer medial Luft. Diese bemängeln den Stress, den die Flugroboter bei brütenden Vögeln auslösen.

Ein Beitrag zur Work-Life-Balance

Das deutsche Start-up Pakadoo geht hingegen ein wirkliches Problem auf der letzten Meile an, das einen an Murphys Gesetz erinnert. Pakete werden immer dann zugestellt, wenn man nicht zu Hause ist. Mit Pakadoo kommt jedoch die bestellte Ware dort an, wo man sich tagsüber sowieso aufhält: beim Arbeitgeber. Das Start-up koordiniert über die Pakadoo-Software und die Pakadoo-Service-Plattform die Lieferungen so, dass sie – als privat gekennzeichnet – am betrieblichen Pakadoo-Point angeliefert werden. Der Empfänger bekommt eine Online-Meldung und kann sein Paket abholen. Voraussetzung für dieses Geschäftsmodell ist jedoch die Bereitschaft des Arbeitgebers, die Anlieferung von Privatpaketen als „Mitarbeiterbenefit“ anzubieten. Im April hat die Deutsche Bahn nach einer Pilotphase an sechs Standorten deutschlandweit den Pakadoo-Service eingeführt. Damit will die Bahn einen Beitrag zur Work-Life-Balance ihrer Arbeitnehmer leisten. Ein weiterer positiver Effekt ist die damit verbundene Bündelung von Zustellfahrten der Paketdienste. Das entlastet den Verkehr und reduziert CO2-Emissionen.

Ein anderer Ansatz: Anstatt Same-Day-Lieferungen wie Kurierfahrten zu behandeln, könnte man sie in einem festen Zeitfenster bündeln – zum Beispiel zwischen 18 und 20 Uhr – und in dieser Zeit in Sammelfahrten abarbeiten. Und um die Transportressourcen besser auszulasten, könnten Dienstleister Expresslieferungen für den lokalen Einzelhandel anbieten. Mit diesem Konzept sorgt gerade Uber in den USA wieder für Schlagzeilen. Blumenhändler, Bäcker oder Feinkosthändler funken das nächste freie Uber-Auto an, um eine kleine Sendung mitzuliefern. Wiederum eine Idee, die so naheliegend ist, dass man sich an die Stirn fasst.

Lieferhelden des Alltags

Manche Ideen entstehen übrigens aus einem krassen Überdruss. So hatten Michael Walser und Dejan Jocic überhaupt keine Lust mehr auf die lange Schlange bei der Post. Eine Lösung musste her. Deshalb gründeten die beiden kurzerhand in Berlin das Start-up Packator. Das Unternehmen holt Sendungen zeitnah ab – und zwar dort, wo sich der Kunde gerade befindet. „Das kann zu Hause sein, aber auch in einem Café“, sagt Walser. Anschließend wird alles professionell verpackt und von einem Logistikpartner des Start-ups verschickt – und zwar weltweit. Abgeholt werden die Sendungen von den sogenannten „Packator Heros“, also den Lieferhelden des Alltags. „Jeder, der ohnehin in der Stadt unterwegs ist, kann Sendungen abholen“, erklärt Walser. Über eine App werden Versandaufträge in der Nähe angezeigt. Der „Packator Hero“ kann spontan entscheiden, ob er die Fahrt übernehmen möchte. „Man muss sich aber vorher bei uns persönlich vorstellen und registrieren“, sagt der Inhaber. Pro Abholung zahlen die Berliner Kunden fünf Euro zuzüglich der Versandkosten.

Langsames Umdenken in der Schweiz

In der Schweiz ist die SBB zwar schon seit längerem in Sachen Digitaliserung aktiv und arbeitet ebenso mit Start-ups zusammen, sonst erfolgt das Umdenken aber langsam. Seit 2016 engagiert sich Branchenführer Kühne+Nagel etwa bei dem Start-up-Bootcamp Smart Transportation & Energy, an dem sich übrigens auch SBB Cargo beteiligt. Ziel der Kooperation ist es, das Kerngeschäft von Kühne + Nagel mit jungen Unternehmen in Kontakt zu bringen und Innovationsimpulse zu sammeln. Insbesondere bei der Investition und Wachstumsförderung lokaler Start-ups bleibt die Schweizer Logistikwirtschaft aber zögerlich. Oliver Wyman-Principal Borreck: „Im deutschsprachigen Raum gibt es mehr als 40 interessante Start-ups im Logistikumfeld. Der Austausch mit Schweizer Logistikunternehmen findet bisher, wenn überhaupt, nur sehr zögerlich statt. Das kann langfristig zu einem Wettbewerbsnachteil für den Standort Schweiz werden.“

 

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