Der ohne viel Aufhebens und ohne Nebengeräusche vollzogene Wechsel an der Spitze der Siegfried AG von Rudolf Hanko zu Wolfgang Wienand als neuer CEO ist typisch für ein Unternehmen, das sich Kontinuität auf seine Fahnen geschrieben hat. Wienand ist bereits seit 10 Jahren in der Geschäftsleitung der Siegfried-Gruppe, wo er bisher als Chief Scientific & Strategie Officer die globalen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten verantwortete. Der ehemalige Spitzensportler appelliert an die Fitness: Siegfried in der ersten Liga zu etablieren und das Unternehmen ganz nach vorne bringen, daran müsse hart gearbeitet werden. Wer hohe Ziele habe, hätte auch viel zu verbessern, und vor allem viel Trainingsbedarf, immer, so Wienand. Der Florettfechter, mehrfacher deutscher Meister, Olympiateilnehmer und Medaillengewinner bei Europa- und Weltmeisterschaften, will das stärkste Team im CDMO-Markt bilden, um die Spitze angreifen zu können.

Der Vorgänger und sein Nachfolger: Dr. Rudolf Hanko übergab am 1.1.2019 den CEO-Stab an Dr. Wolfgang Wienand. Hanko wurde an der GV neu in den Verwaltungsrat gewählt. Bild: Sandra Blaser, schweizeraktien.net

«Das Bewährte bewahren und mutig in die Zukunft gehen – das sind zwei Talente, die Wolfgang Wienand hat», gibt denn auch sein Vorgänger dem Nachfolger mit auf den Weg. Hanko prägte eine fast 10-jährige CEO-Ära, und er bleibt Siegfried erhalten, wurde Hanko doch mit 96% der Aktionärsstimmen als neues Mitglied in den Verwaltungsrat gewählt. «Ich möchte der Geschäftsleitung mit dem Netzwerk, das ich habe, Möglichkeiten geben, im Markt intern und extern zu wachsen», sieht Hanko seine Rolle als frischgebackener Verwaltungsrat.

Mit der Konsolidierung Schritt halten

Noch spielt Siegfried sozusagen in der Verfolgergruppe, mit einem Umsatz von 794.3 Mio. CHF (+5,8% im Vergleich zu 2017) habe man noch ein Stück gegenüber der Führungsgruppe aufzuholen, die bei einer Umsatzgrösse von mehr als einer Milliarde Franken angesiedelt ist, wie Wienand an der 116. GV der Siegfried Gruppe in Zofingen ausführte. «Wir müssen mit der laufenden Konsolidierung Schritt halten. Wer in einem laufenden Konsolidierungsprozess aktiv mitmachen will, muss fit sein». Wienand sieht in dem stark fragmentierten CDMO-Markt, in dem die zehn grössten Firmen nur 20% des Marktes abdecken, die Herausforderung, Firmen zu akquirieren und zu integrieren. Das ist bei der Übernahme der BASF-Standorte hervorragend gelungen, sagt Wienand. Und finanziell sei Siegfried fit, um weitere Akquisitionen zu stemmen.

Player auf dem stark fragmentierten CDMO-Markt. Quelle: zVg.

Auch VR-Präsident Andreas Casutt, der wie immer souverän und mit Humor durch die GV führte, stiess in seiner Rede vor 247 anwesenden Aktionären, die 58,1% des Aktienkapitals repräsentierten, in das gleiche Horn: «Akquisitionen schenken wir grosse Aufmerksamkeit». Dabei werde Siegfried, wie schon in der Vergangenheit, darauf achten, dass mögliche Akquisitionsziele hinsichtlich Kultur, Geschäft, Technologie und Kaufpreis einen guten Fit darstellten und zur Steigerung des Unternehmenswertes beitrügen, so Casutt.

Mit dem Ergebnis zufrieden, beim Umsatz gibt es noch Luft nach oben. VR-Präsident Dr. Andreas Casutt an der 116. GV der Siegfried Gruppe. Bild: Sandra Blaser, schweizeraktien.net

Während sowohl Casutt als auch Wienand sich mit den Ergebnissen zufrieden zeigten – der Reingewinn stieg gegenüber 2017 um 40,9% auf 57.5 Mio. CHF, das EBITDA legte um 14,5% auf 127.4 Mio. CHF zu, was einer Marge von 16% entspricht –, sehen beide im Bereich Umsatz noch Potenzial nach oben. Die rein organische Umsatzsteigerung von 5,8% in 2018 lag im unteren Bereich der Erwartungen des VR und des Managements. Man müsse noch besser auf kurzfristige Nachfrage reagieren können. Hier wären noch einige Hausaufgaben zu machen, sagte Casutt. Das betrifft auch den Standort Zofingen, ein teurer Standort für Siegfried, wo die alten Produktionsanlagen immer noch laufen und die neuen noch nicht ausgelastet sind. Man leide insbesondere unter Fachkräftemangel, 40 neue Forschungs- und Entwicklungs-Laborarbeitsplätze wurden im November 2018 in Zofingen geschaffen, die der ganzen Gruppe zugute kommen sollen. Allerdings sind in Zofingen zurzeit über 20 Stellen in verschiedenen Bereichen offen, die das Unternehmen wegen dem akuten Fachkräftemangel nur mühsam besetzen kann.

Vielversprechende Marktperspektiven

Das waren aber nur ein paar wenige Tropfen Wasser in den Wein, den die Siegfried Gruppe ihren Aktionärinnen und Aktionären ausschenkte. Die Anteilseigner dürfen sich über einen Anstieg der Dividende um 20 Rappen auf 2.60 CHF freuen.

Siegfried geht mit breiter Brust in die Zukunft. Heute gehört die Gruppe zu den Top 6 der weltweiten Pharma-Zulieferunternehmen, kurz CDMO (Custom Development and Manufacturing Organization). Siegfried stellt etwa 200 der insgesamt 1’500 von der amerikanischen Regulierungsbehörde FDA zur Vermarktung zugelassenen Wirkstoffe her. Damit unterstützen die Zofinger die medizinische Behandlung von schätzungsweise 40 Millionen Patienten. Nimmt man die Coffein-Produktion im Werk Hameln dazu, kämen bis zu einer Milliarde Menschen pro Jahr mit Siegfried-Produkten in Kontakt, so Wienand.

Die Marktperspektiven sind vielversprechend: Statistiken der OECD rechnen mit einem jährlichen Wachstum des Pharma- und Medizintechnologiesektors von 5%. Noch deutlicher soll der CDMO-Markt bis 2022 wachsen, nämlich um 6,2%. Schon heute hat dieser Markt ein weltweites Volumen von 90 Milliarden US Dollar.

Grösse entscheidet

«Size matters», sagen denn auch VR und Geschäftsleitung: Mit der Strategie „Evolve“ soll das Technologieportfolio weiter verbreitert, die Integration der Services verbessert und das Wachstum durch Akquisitionen vergrössert werden. Die Vielzahl von möglichen Wachstums- und M&A-Pfaden, die Siegfried unabhängig voneinander verfolgen kann, erhöhe die Wahrscheinlichkeit für den Abschluss einer Transaktion, die nachhaltigen Wert generiere.

Er habe überdies Wienand, der sein Amt am 1.1.2019 angetreten hatte, an mehreren firmeneigenen Standorten rund um den Globus eingeführt, so Casutt. Die Stärkung der technologischen Kompetenzen und eine vertiefte Integration der Fertigungstätigkeiten über alle 9 Standorte hinweg, also von Pennsville und Irvine in den USA über Hal Far auf Malta, Hameln und Minden in Deutschland, St. Vulbas in Frankreich bis hin zu Nantong in China und natürlich den Schweizer Produktionsstandorten Zofingen und Evionnaz, soll dazu beitragen, die Chancen eines wachsenden Marktes optimal wahrnehmen zu können und das Netzwerk unter den Produktionsstandorten zu verstärken.

Als Partner der weltweiten Pharmaindustrie lege Siegfried besonderen Wert auf Nachhaltigkeit, die Gruppe erfülle in ihrer Berichterstattung vollumfänglich die Standards der Global Reporting Intiative (GRI). Die wichtigsten Themen in diesem Bereich seien definiert worden: Dazu gehöre Produktsicherheit, Umweltschutz, faire Arbeitsbedingungen, der Kampf gegen Korruption und wettbewerbswidriges Verhalten sowie die Einbindung der lokalen Bevölkerung an den verschiedenen Standorten. Sowohl Konzernleitung als auch Verwaltungsrat befassten sich regelmässig mit dem schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen und der Verantwortung als Unternehmen, der Corporate Social Responsability.

Aufstieg in die oberste Liga angepeilt

Zum Schluss warf Wienand noch einen Blick in die Zukunft: Konstante Wechselkurse vorausgesetzt erwarte er für 2019 ein Umsatzwachstum mindestens im mittleren einstelligen Prozentbereich; damit wird die 800-Millionen-Marke 2019 durchbrochen werden. Und da sich Spitzensportler an Rekorden orientieren, dürfte es sicher sein, dass Wienand und das Team Siegfried schon die nächsten Rekordmarken im Auge haben – das wäre dann der Aufstieg in jene Liga, wo die Unternehmen mehr als eine Milliarde Umsatz machen.

Geschäftsbericht in Zeitungsformat mit Vorbildcharakter. Bild: schweizeraktien.net

Nach der GV gab es für die Aktionäre Geschnetzeltes, die zweistündige Veranstaltung hatte hungrig gemacht. Viel Lob kam von den Anteilseignern für den Geschäftsbericht in Zeitungsformat, den das Team um Kommunikationschef Peter A. Gehler entworfen hatte. 5 Bünde und 76 Seiten umfasst der Bericht, der mit seiner Übersichtlichkeit und einem luftigen Layout besticht und durchaus Vorbildcharakter für gelungene Investoreninformation hat.

In einem Punkt allerdings bleibt zu hoffen, dass sich die Aktionäre, wie schon bei der GV 2018, kräftig irren. Damals wurde als Test für die elektronischen Abstimmungen gefragt, ob Deutschland Fussballweltmeister werden würde. Es gab eine grosse Mehrheit an Ja-Stimmen. Wie es dann in Russland rausgekommen ist, wissen wir. Dieses Jahr die Frage, ob Roger Federer 2019 nochmals einen Grand Slam-Triumph erringen würde. 56,3% stimmten mit „Nein“. Das sollte ein gutes Vorzeichen für Roger Federer sein.

Fotogalerie der Generalversammlung

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