Healthcare-Aktien: Korrektur oder Bärenmarkt der Star-Performer Straumann & Co.?

Ist der langfristige Aufwärtstrend der Schweizer Healthcare-Leader gebrochen?

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Folgt im Healthcare-Aktienmarkt eine Trendwende? stock.adobe.com

Wer in den letzten Jahren auf ausgesuchte Aktien des Schweizer Healthcare-Sektors setzte, konnte nicht viel falsch machen. Schon vor dem Ausbruch der Pandemie erwiesen sich Straumann, Sonova und weitere Healthcare-Aktien als solide Performer. Mit dem Auftauchen von Covid und den allgemeinen Einschränkungen wurde dann vielen Investoren klar, dass Healthcare-Aktien aufgrund der eher beschleunigten Wachstumsraten lupenreine Gewinner am Aktienmarkt sind. Straumann lieferte fast 300% Kursgewinn in weniger als zwei Jahren, Bachem 165%! Doch zuletzt führten Inflations- und Zinssorgen sowie extrem hohe Bewertungen für eine schnelle und noch immer andauernde Baisse. Wie geht es nun mit dem Ausnahme-Sektor weiter?

Langfristige Trendpersistenz ist einer der besten Indikatoren für die weitere Perfomance von Aktien. Hohe Wachstumsraten und gute Gewinnmargen begründen dann auch hohe Bewertungen. Bereits 2017 war Straumann, damals noch zu Kursen von 400 CHF, mit einem KGV von über 30 relativ teuer. Trotz einer vorübergehenden Wachstumsdelle zu Beginn der Pandemie stieg die Bewertung in der Spitze auf ein KGV von über 80! Vom Tief im März 2020 bei 550 CHF war die Aktie in der Spitze auf 2’100 CHF geschossen. Kurse von über 2’000 CHF gab es noch Anfang Dezember. Seitdem stürzte die Aktie bis auf 1’540 CHF ab – und ein Boden ist derzeit nicht in Sicht.

Die Aktie von Straumann legte seit 2017 kontinuierlich zu. Im Dezember 2021 erfolgte ein deutlicher Rückgang. Chart: six-group.com
Ausverkauf der Börsenlieblinge

Ähnlich sieht es bei Sonova aus. Vom Tief im März 2020 bei 145 CHF kletterte die Aktie bis auf 400 CHF im November 2021. Der aktuelle Kurs ist 325 CHF. Straumann hat somit um die 27% vom Höchstkurs verloren, Sonova 20%. Damit stehen sie aber nicht allein da. Auch andere stark performende Aktien des Healthcare-Sektors wie Bachem und der seit April letzten Jahres ebenfalls an der SIX kotierte Wettbewerber PolyPeptide verloren in noch grösserem Ausmass. Nach einer Kurs-Rally bis auf 147 CHF im Dezember stürzte PolyPeptide nun bis auf 91 CHF ab, also rund 38%. Bachem verlor vom Hoch im Oktober bei 855 CHF zwischenzeitlich auf 540 CHF, also um 37%.

Bei Bachem beträgt der Kursverlust seit Oktober 2021 37 %. Chart: six-group.com

Ebenfalls um die 20% stürzten Lonza und Siegfried gemessen an den Höchstkursen ab. Die durch die Pandemie prominent gewordenen Contract-Manufacturing-Unternehmen zählten in den vergangenen zwei Jahren zu den Star-Performern an der SIX. Auch hier waren die Bewertungen ziemlich überdehnt.

SXI stürzt nach Dreifach-Hoch

Der SXI Life-Sciences-Index der SIX verzeichnete zwischen September und Dezember ein Dreifach-Hoch bei 8’400 Punkten und verlor seitdem um rund 10% auf 7’500 Punkte. Dabei fällt die hohe Gewichtung der Schwergewichte Roche und Novartis ins Gewicht. Seit Jahresbeginn verlor der Roche GS um 5%, während der Kurs von Novartis praktisch unverändert ist. Am 21. Januar, einem repräsentativen Ausverkaufstag, zeigen aber nur zwei der Index-Aktien des SXI ein, wenn auch minimales, positives Vorzeichen! Dies sind Evolva und Molecular Partners. Letztere stieg seit Jahresbeginn bereits um 52%!

Historische Analyse von Baisse-Phasen im SXI

Die Kernfrage ist, ob der Ausverkauf ein reinigendes Gewitter ist, das dann auch schnell wieder ein Ende findet oder der Beginn eines andauernden Bärenmarktes. Die historische Analyse ist nicht eindeutig, führt aber deutlich vor Augen, wie tief Baissen gehen können und wie lange ihre Dauer sein kann. Zwischen den Jahren 2000 und 2003 stürzte der Life-Sciences-Index der SIX von 1’700 Punkten auf 700 Punkte. Und nach einer kräftigen Erholung auf 2’200 Punkte bis 2007 folgte danach bis 2011 ein vierjähriger Bärenmarkt auf nahe 1’000 Punkte. Beide Baissen dauerten also 3-4 Jahre und führten zu Verlusten von über 50%.

Ein Verlauf mit mehreren Einbrüchen: der Life-Sciences-Index der SIX seit 2000. Chart: six-group.com
Korrektur oder Bärenmarkt?

Doch seit 2011 befindet sich der SXI-Index in einem nur von kurzen Korrekturen unterbrochenen stetigen Aufwärtstrend. Obwohl das so nicht richtig ist und auch in keinem ernst zu nehmenden Lehrbuch steht, wird heute allgemein von Korrektur gesprochen, wenn der Rückgang vom Hoch weniger als 20% beträgt. Kursrückgänge, die darüber hinaus gehen, werden dagegen als Bärenmarkt klassifiziert. Befindet sich der SXI also in einer Korrektur in einer seit zehn Jahre währenden Phase des überdurchschnittlichen strukturellen Wachstums oder droht ein zeitlich ausgedehnter Bärenmarkt mit potenziell 50% Verlust oder mehr?

Indexzusammensetzung

Indizes bestehen aus verschiedenen Aktien und haben kein Eigenleben, auch wenn das manchmal vergessen wird. Daher ist die Indexperformance im Wesentlichen von der kollektiven Performance der Einzeltitel bestimmt. Insofern braucht es eine fundierte Einschätzung zur Bewertung und Gewinnentwicklung jedes einzelnen Unternehmens, dessen Aktien im Index enthalten sind, um eine fundierte Prognose für die aggregierten Gewinne und damit das Kurspotenzial der nächsten Jahre treffen zu können.

Dabei spielen für die Index-Performance die niedrig kapitalisierten Valoren eine geringe und die hoch kapitalisierten eine wichtige Rolle. Roche ist sehr profitabel und hatte nie zuvor mehr aussichtsreiche Medikamentenkandidaten in der Pipeline als heute. Dazu kommt der Rückkauf von Aktien und deren Vernichtung, sodass sich der Gewinn je Aktie allein dadurch auf 7% weniger Aktien verteilt.

Cash-rich Novartis

Novartis hat zwar in den letzten Jahren eine wenig spektakuläre Gewinnentwicklung vorzuweisen, verfügt aber durch den Verkauf des Roche-Aktienpaketes über 15 Mrd. CHF an Liquidität, die zumindest teilweise in Aktienrückkäufe fliessen soll und ansonsten für Investitionen zur Verfügung steht. Zudem wird laut über den Verkauf der Generika-Tochter Sandoz nachgedacht. Im Raum stehen 25 Mrd. USD als Preis. Interesse wird u.a. den BionTech-Hauptaktionären, den Gebrüdern Strüngmann, nachgesagt. Auch bei Novartis ist die Pipeline gut gefüllt, sodass in den kommenden Jahren eher positive Überraschungen zu erwarten sind.

Unterschiedliche Gewichtsklassen

Weniger ins Gewicht fallen dagegen die meisten Biotech-Titel sowie relativ gering kapitalisierte Aktien wie Medartis, Coltene oder Ypsomed. Von den mittelgrossen Valoren fallen Vifor Pharma und Alcon durchaus ins Gewicht. Erstere wird voraussichtlich infolge der Übernahme bald vom Kurszettel verschwinden. Alcon dagegen ist als Neuzugang 2019 an der SIX erst einmal von den Investoren ignoriert worden, hat sich aber in den letzten beiden Jahren als solider Performer entpuppt. Die Aktie hat sich vom März-Tief in 2020 in der Spitze auf 80 CHF verdoppelt. Beim aktuellen Kurs von 71 CHF errechnet sich eine Market Cap von immerhin 35 Mrd. CHF.

Differenzierter Blick

Unterschiedliche Märkte bedeuten auch unterschiedliche Marktbedingungen und somit verschiedene Wachstumsraten und Gewinnmargen. Manche Unternehmen sind reif, andere stehen erst am Anfang ihres Wachstumszyklus. Für das globale Umsatzvolumen verschreibungspflichtiger Arzneimittel zeichnet sich für die nächsten fünf Jahre eine jährliche Wachstumsrate von bis zu 8% ab. Gründe sind die hohen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, die aktuell rund 300 Mrd. USD p.a. betragen. Der Umsatz soll bis 2025 weltweit auf 1.4 Billionen USD steigen.

Patentschutz als Differenzierungsmerkmal

Davon profitieren primär forschende Pharma- und Biotech-Unternehmen, deren Zulieferer wie PolyPeptide, Bachem oder SKAN, aber auch die Contract Manufacturer Lonza und Siegfried. Der Unterschied zwischen den forschenden Unternehmen und den anderen besteht im Patentschutz. Der sichert auf absehbare Zeit hohe Preise. Neue Krebsmedikamente beispielsweise kosten durchschnittlich 150’000 USD jährlich für die Therapie eines Patienten. Dabei gilt, dass eine einzelne Zulassung bei grossen Unternehmen mit breit diversifizierter Produktpalette weniger kursrelevant ist als bei jungen Unternehmen an der Schwelle. Idorsia, als Beispiel, hat nun die erste Zulassung überhaupt erhalten. Immerhin hat die Aktie seit Jahresbeginn rund 20% zugelegt.

Straumann: Gewinn, Wachstum und Bewertung

Anders ist die Lage im Bereich der Medizintechnik. Straumann als das Vorzeigeunternehmen schlechthin meldete für das jüngste Quartal 496 Mio. CHF Umsatz, ein Anstieg um 34% zur Vergleichsperiode des Vorjahres. Alle Regionen trugen zu dem Wachstum bei. Der Jahresumsatz 2021 dürfte bei 2 Mrd. CHF liegen und soll bis 2030 auf 5 Mrd. CHF wachsen. Doch die Market Cap beträgt trotz der kräftigen Korrektur immer noch rund 24 Mrd. CHF. Die Profitabilität soll, so die bestätigte Guidance für 2021, mindestens auf Höhe des Jahres 2019 liegen. In diesem Jahr lag der Jahresumsatz bei 1.5 Mrd. CHF und der Reingewinn bei 300 Mio. CHF. Geht man für 2021 von der gleichen Marge aus, errechnen sich 400 Mio. CHF Net Profit. Somit errechnet sich auf aktueller Kursbasis ein KUV von 12 und ein KGV von 60! Trotz der hervorragenden Entwicklung, der starken Marktstellung und der Innovationskraft erscheint eine solche Bewertung immer noch anfällig für Korrekturen. Ähnliches gilt für andere Überflieger wie Bachem oder Lonza.

Paradoxie der Börse

Die Unternehmen haben alles richtig gemacht, wurden deshalb mit starken Aktienkäufen bedacht und sind jetzt, nach dem Ende der Übertreibungsphase, gewissermassen Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Denn für Anleger zählt der realisierte Gewinn, insbesondere, wenn die erzielten Kursgewinne schnell wie Schnee in der Sonne wegschmelzen.

Konklusionen

Steigende Inflationserwartungen und Zinsanhebungsschritte durch die Notenbanken prägen das Anlageumfeld im Jahr 2022 und wohl auch darüber hinaus. Was lange niemand glauben wollte, ist nun plötzlich und in kurzer Zeit eingetroffen: Die Star-Performer der letzten Jahre kommen unter die Räder. Stattdessen sind nun Finanzaktien und Versorger en vogue. Diese waren jahrelang vernachlässigt worden, doch deutlich erhöhte Energiepreise und die Zinswende sprechen angesichts der noch günstigen Bewertungen für diese Sektoren. Zumindest scheint es so. Es wäre also nicht unbedingt überraschend, wenn sich der Bärenmarkt bei überbewerteten Wachstumstiteln noch fortsetzt.

Doch viele Healthcare-Aktien fallen gar nicht in diese Kategorie. Novartis und Roche sind defensive Aktien, die gerade in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld ihre Qualität beweisen. Idorsia und vielleicht auch Molecular Partners stehen beide nach langen Jahren der Forschung und Entwicklung an der Schwelle zur Markteinführung erster Produkte. Und ein Markt- und Technologieführer wie SKAN dürfte infolge der Investitionsoffensive der Life-Sciences-Industrie weiterhin durch hohe Wachstumsraten glänzen. Im Medtech-Bereich erscheinen Ypsomed und Coltene nicht überbewertet.

Allerdings sind es vor allem die Leader, die Aufschluss über Trends und Trendwenden liefern. Deshalb empfiehlt es sich, insbesondere Straumann, Bachem und Lonza im Auge zu behalten. Solange diese Aktien fallen, werden es auch vergleichbare Valoren schwer haben. Wann es zu einer nachhaltigen Trendwende kommen wird, bleibt jedoch abzuwarten.

1 KOMMENTAR

  1. Danke für diesen hervorragenden Beitrag. Bei Roche Inhaber kam es kürzlich innerhalb weniger Tage zu einem Rücksetzern von CHF 420 auf 360

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