Börsengänge Schweiz/International: IPO-Boom im dritten Quartal

Primärmärkte auf Rekordkurs

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Das Online-Portal für Buchung und Vermietung von Unterkünften Airbnb kommt in Kürze als klassisches IPO auf den Markt. Bild: airbnb.de

Das dritte Quartal brachte mit 447 Börsengängen und Emissionserträgen von 95 Mrd. USD die ersehnte Trendwende an den globalen Primärmärkten. Damit wurden die schwachen Zahlen des ersten Halbjahres mit 417 IPOs und 69.5 Mrd. USD mehr als übertroffen. Setzt sich der Trend fort, könnte 2020 sogar noch ein Rekordjahr werden.

Das dritte Quartal 2020 war an den Primärmärkten laut Ernst & Young das beste seit dem Boomjahr 2000! Das lag vor allem an China und den USA, aber auch die Neuemissionen an den europäischen Börsen gewannen zuletzt deutlich an Fahrt. Der Stimmungswandel hatte sich bereits seit Juni abgezeichnet und war dann ab Juli in ein regelrechtes Stimmungshoch übergegangen. Gegenüber dem Vorjahresquartal stieg die Anzahl der IPOs um 78%, das Emissionsvolumen sogar um 138%.

Globales IPO Volumen in Mio. USD in 2020 (bis Mitte September). Quelle: Refinitiv
Schweiz-Schweden – eine besondere Verbindung?

In der Schweiz hatte im September die Immobiliengesellschaft EPIC Suisse kurzfristig ihr IPO angekündigt, dann jedoch wenige Tage vor dem geplanten ersten Handelstag abgesagt. Das Medtech-Unternehmen Implantica, das immer wieder als IPO-Kandidat gehandelt worden war, entschied sich mangels Interesse im Heimatmarkt stattdessen für den Börsengang in Stockholm. Umgekehrt berichtet die ZKB in ihrem IPO-Newsletter zum dritten Quartal, dass der schwedische Pharmazulieferer PolyPeptide einen Börsengang mit Kapitalerhöhung in der Schweiz plant. Über weitere Kandidaten für IPOs ist derzeit nichts bekannt. Doch bekanntlich kann sich das ja schnell ändern.

Deutscher IPO-Markt mit Belebungstendenzen

Im Nachbarland Deutschland war im ersten Halbjahr fast nichts an den Primärmarkten passiert. Drei Mini-IPOs brachten weniger als 400 Mio. Euro an Emissionserträgen ein – 90% weniger als im Vorjahresquartal. Dann jedoch kündigten zahlreiche Unternehmen ihren Börsengang an, von denen zwischenzeitlich mehrere erfolgt sind. Darunter finden sich der Caravan-Hersteller Knaus-Tabbert und der Rüstungszulieferer und Tarnspezialist Hensoldt. Letzterer war 2017 von der Beteiligungsgesellschaft KKR von Airbus übernommen und dann auf den Börsengang getrimmt worden. In den Startlöchern steht der Wissenschaftsfachverlag Springer Nature, der einen Emissionsertrag von 1 Mrd. Euro bei einer IPO-Bewertung von 7 Mrd. Euro anstrebt. 2018 war das IPO verschoben worden. Weiterhin will auch der Gebrauchtwagenhändler Auto 1 (wir-kaufen-dein-auto) an die Börse. Aus der Reihe fällt das deutsche Biotech Curevac, welches nun unter den internationalen Covid-Impfstoffentwicklern ziemlich weit vorne steht. Die Aktie hat sich an der Nasdaq gegenüber dem Ausgabepreis von 16 USD mehr als verdreifacht. In London belebte das IPO des E-Commerce-Unternehmens The Hut Group den zuvor blutleeren britischen Primärmarkt. Es war das grösste IPO seit sieben Jahren, die Performance von 30% am ersten Handelstag hat die Stimmung deutlich angehoben.

Mega-Emission Ant Financial auf Rekordkurs

Den grössten Anteil an dem neuerlichen IPO-Boom hat jedoch China inkl. Hongkong. Das Emissionsvolumen stieg um 139% auf 46.4 Mrd. USD und stellt damit fast die Hälfte des weltweiten Volumens. Zu dem Erfolg trug auch das neue STAR-Segment bei – eine Art Technologiebörse für China. Dessen Popularität wird noch weiter zunehmen, wenn in Kürze das Ant Financial IPO als Dual Listing in Hongkong und im STAR-Segment in Shanghai gelaufen sein wird. Der auf den chinesischen Markt spezialisierte Zahlungsdienstleister will bis zu 35 Mrd. USD Emissionsvolumen erzielen und eine Market Cap von 250 Mrd. USD. Das wäre dann das grösste IPO aller Zeiten. Ziel ist es, das Volumen des Aramco Börsengangs 2019 in Höhe von 29.4 Mrd. USD zu übertrumpfen! Ant Financial stammt aus dem Beteiligungsumfeld von Jack Ma, der bereits Alibaba 2014 mit einem IPO-Erlös von 15.8 Mrd. USD zum Rekordhalter für die nachfolgenden fünf Jahre gemacht hatte.

IPOs in Serie an der Wall Street
Kursverlauf der Good-Rx-Aktie in USD seit IPO. Quelle: marketwatch.com

In den USA stieg die Anzahl der IPOs von 38 auf 85, die Erträge verdreifachten sich sogar von 11.7 Mrd. USD auf 33.1 Mrd. USD. Hier spielte das Software-Unternehmen Snowflake die Rolle des Eisbrechers. Die Aktie verdoppelte sich am Tag des Börsendebuts. Mit dem erfolgreichen IPO der Healthcare Online-Plattform Good Rx gibt es nun auch einen weiteren Peer für Zur Rose. Das Geschäftsmodell besteht darin, Preisunterschiede bei den Apotheken zum Nutzen der Kunden auszubeuten. Das Unternehmen ist Venture Capital finanziert und hat kürzlich auch einen Telemedizin-Anbieter erworben. Die Aktie verdoppelte sich gegenüber dem Ausgabepreis.

Direct Listing – Nachteile überwiegen

In den USA fällt auf, dass eine ganze Reihe von Börsenkandidaten auf das „öffentliche Angebot“ ihrer Aktien aus Kostengründen verzichten und stattdessen den Weg des Listings gehen. Das war auch bei der Data-Mining-Gesellschaft Palantir der Fall. Der Kurs bildet sich allein aus den Verkäufen der Altaktionäre an neue Investoren. Die hohen Erwartungen konnte Palantir nicht erfüllen. Gegenüber einer erwarteten Market Cap von bis zu 25 Mrd. USD, liegt diese aktuell bei 14.5 Mrd. USD.  An dem geheimnisumwobenen Spionageunternehmen sind der deutschstämmige Milliardär Peter Thiel sowie der Venture Capital Arm der CIA beteiligt.

SPACs – eine Geldmaschine für Milliardäre

Weiterhin fällt auf, dass in den USA sehr viele sogenannte SPACs – Special Purpose Acquisition Companies – an die Börse gebracht werden. Das sind IPOs, bei denen die Investoren in eine „black box“ investieren. Nach Berechnungen der ZKB entfallen sogar mit rund 80 SPACs, die ein IPO vollzogen, fast die Hälfte aller US-IPOs auf SPACs. Die Initiatoren akquirieren mit dem Geld der IPO-Anleger eine operative Gesellschaft, die auf diesem Weg an die Börse kommt. Zu beachten ist, dass die Initiatoren, oft Hedge Funds oder umtriebige Milliardäre, kaum eigenes Geld aufbringen, sich aber dafür eine grosse Scheibe des Anteilsbesitzes abschneiden und vielfältige Gebühren erheben. Am Ende kontrollieren sie nicht selten bis zu 50% der neuen Gesellschaft, wie die vertrauenswürdige Publikation Institutional Investor herausfand. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung scheint es sich bei SPACs um eine zumindest dubiose Art von Selbstbereicherung der Initiatoren zulasten der neuen Investoren zu handeln.

Airbnb kommt als klassisches IPO

Auch Airbnb sollte von der Methode überzeugt werden, entschied sich aber dagegen und kommt nun in Kürze als klassisches IPO an den Markt. Das Online-Portal für Buchung und Vermietung von Unterkünften verfügt über weltweit 7 Mio. Listings, die grösste Hotelgruppe Wyndham hat dagegen nur 8’000 Hotels im Angebot. Zu Beginn der Pandemie waren die Buchungen eingebrochen, und das IPO war daher verschoben worden. Seit Juni zeigen die Buchungen wieder steil nach oben, wenn auch mit veränderten Zielen. Städte- und Fernreisen sind out, naturnahe und regionale Ziele sind dagegen in.

Rüstungs IPOs als Trend

Ein weiterer Trend ist offensichtlich die Rückkehr von Rüstungsaktien an die Börse. Neben Hensoldt in Deutschland und Palantir in den USA gab es mit CZG auch ein Waffen-IPO, wenngleich stark unterzeichnet, in Tschechien. Börsenpläne haben auch die russische Sovcomflot sowie die polnische Commerce Plattform Allegro angekündigt.

Ausblick

Der Start ins dritte Quartal ist hoffnungsvoll. Erwartet wird, dass Mega-Emissionen wie Ant Financial und Airbnb die Aktivität an den Primärmärkten beflügeln werden. Das Gesamtjahr 2020 könnte somit durchaus noch ein Rekordjahr werden.

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