Börsengänge Schweiz/International: 2020 ist bester IPO-Jahrgang seit 2010!

IPO-Boom in China und USA – kein Going Public in der Schweiz

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Nur die wenigsten Investoren haben erwartet, dass 2020 noch ein Rekordjahr an den internationalen Primärmärkten werden würde. Insgesamt 1’322 Unternehmen und damit 15% mehr als im Vorjahr absolvierten erfolgreich ihren Gang an die Börse. Das Emissionsvolumen stieg sogar um 26% auf 263 Mrd. USD. Das ist der beste Wert seit 2010!

Die Musik spielte hauptsächlich an den Börsen in China und den USA. In Europa belebten sich die Primärmärkte erst im vierten Quartal, nachdem das Eis von der anderen Seite des Atlantiks aus aufgebrochen worden war. Obwohl im Jahresverlauf immer wieder Hoffnungen aufgekeimt waren, dass auch die Zürcher Börse noch ein oder zwei IPOs sehen wird, sollte es am Jahresende bei den zwei Neuzugängen V-Zug und Ina Invest bleiben, die den Kurszettel als Spin-off bereichert hatten. Während die Kursentwicklung bei Ina Invest zu wünschen übrig lässt, hat V-Zug erfreulich zugelegt.

China führt IPO-Ranking an

Vom Gesamtvolumen entfielen 116 Mrd. USD auf die chinesischen Börsenplätze inklusive Hongkong. Das ist ein Anstieg zum Vorjahr von 51%. Die Anzahl der IPOs nahm um 41% auf 514 zu. Dazu passt, dass die drei nach Volumen weltweit grössten Börsengänge des Jahres allesamt in China stattfanden. Semiconductor Manufacturing International erzielte 7.6 Mrd. USD, das e-Commerce-Unternehmen JD.com 4.5 Mrd. USD und Beijing-Shanghai High Speed Railway 4.4 Mrd. USD. Im Börsenranking nimmt Hongkong mit 50.1 Mrd. USD nach der Nasdaq mit 55.1 Mrd. USD Emissionsvolumen global den zweiten Rang ein.

Boom bei US-IPOs

Die US-Börsen erreichten zusammen 86 Mrd. USD an Emissionsertrag, ein Anstieg um 69%. Die Anzahl der IPOs nahm um 32% auf 222 zu. Rund die Hälfte der US-IPOs bestand aus SPACs, weltweit gingen 230 SPACs an die Börse und generierten 75.8 Mrd. USD. Das ist laut der Beratungsgesellschaft EY nahezu eine Vervierfachung zum Vorjahr. Es bleibt allerdings abzuwarten, wie die Aftermarket-Performance dieser IPOs ausfallen wird, bei denen die neuen Investoren die „Katze im Sack“ kaufen.

Airbnb mit klassischem IPO

Die namhafteren Börsenkandidaten wie Airbnb sollten auch für den Umweg „SPAC-IPO“ gewonnen werden, entschieden sich jedoch für das klassische IPO, das im Gegensatz zum SPAC umfangreiche Informationen für die Investoren vorschreibt. Airbnb war das lange erwartete Highlight unter den amerikanischen Börsengängen. Die Aktie wurde zu 68 USD zugeteilt und poppte am ersten Handelstag um 142%!

First Day Outperformance

Der Emissionsertrag belief sich auf 3.4 Mrd. USD, hätte aber bei einem IPO-Pricing auf der Höhe des dann bezahlten Preises am ersten Handelstag 7.3 Mrd. USD betragen. Ähnlich war der Fall bei DoorDash, deren Aktie am ersten Handelstag um 80% über dem Emissionspreis lag. Noch 2019 lag die durchschnittliche First Day Performance der US-IPOs bei 18%, laut Reuters der höchste Wert seit 2013.

Direct Listings en vogue

Neben den SPACs gewannen auch Direct Listings an Bedeutung. Der anschaulichste Fall ist Palantir. SPAC und klassisches IPO waren im Vorfeld verworfen worden. Der Preis an der Börse bildet sich bei Direct Listings allein aus Angebot und Nachfrage. Da Palantir heiss an der Börse erwartet worden war, kam die Aktiennachfrage auch tatsächlich auf. Nachdem sich die Aktie erst fünf Wochen lang zwischen 9 USD und 11 USD seitwärts bewegt hatte, folgte eine Kletterpartie bis zum Spitzenkurs von 33.50 USD. Gegenwärtig konsolidiert die Aktie im Bereich 25 USD.

Kursverlauf der Palantir-Aktie in USD seit Börsengang.
Bewertungsvergleiche
Produktionsstätte bei CureVac. Bild: curevac.com

Bemerkenswert sind die Bewertungen. Airbnb bringt nun 91 Mrd. USD auf die Waage. Das ist mehr als die beiden grössten Hotelketten zusammen. Ein noch krasseres Beispiel bilden die beiden deutschen Biotech-Unternehmen BionTech und CureVac, die Ende 2019 respektive Herbst 2020 an die Nasdaq gingen. Als führende Entwickler von Impfstoffen gegen das Corona-Virus erlebten beide Aktien einen Höhenflug – und Spitzenbewertungen von 35 Mrd. USD und 25 Mrd. USD. Das ist jeweils mehr, als die Deutsche Bank noch wert ist: 18.5 Mrd. Euro. Dabei ist zu beachten, das CureVac noch keine Zulassung hat und der Impfstoff von BionTech erst seit Dezember in inzwischen über 40 Ländern zugelassen ist.

Kursverlauf der CureVac-Aktie in USD seit IPO.
Europa holt erst im vierten Quartal auf

In Europa kam der IPO-Markt im ersten Halbjahr nahezu zum Erliegen; erst gegen Jahresende fand die Mehrheit der 176 Börsengänge statt. Das Emissionsvolumen blieb mit 27 Mrd. USD überschaubar. Immerhin liegen beide Werte über dem Vorjahr. Die Anzahl stieg um 17%, das Volumen um 9%. Im Nachbarland Deutschland gab es neun Börsengänge, die 1.1 Mrd. Euro Emissionsertrag erzielten, darunter der Rüstungszulieferer Hensoldt. Der bekannteste Neuzugang an der Börse ist aber Siemens Energy, ein weiteres Spin-off des Elektrokonzerns.

Technologie vor Healthcare

33% der globalen Emissionserträge entfallen auf den Sektor Technologie, 19% auf Healthcare. An deren Führungsrolle, zumindest nach Volumen, dürfte sich nichts ändern, wenngleich die wichtigen Änderungen wie der Präsidentenwechsel in den USA, der vollzogene Brexit, die Eskalation zwischen den USA und China sowie weiterhin die Auswirkungen der Pandemie den Lauf der Dinge beeinflussen werden, möglicherweise sogar grundlegend. So werden bereits ab 11. Januar 2021 drei chinesische Telecom-Aktien an amerikanischen Börsen von der Kursliste genommen, was schon Milliarden USD an Market Cap an den chinesischen Heimatbörsen mit sich brachte. Auch das in letzter Minute gestoppte Mega-IPO von Ant Financial, immerhin 37 Mrd. USD, zeigt, dass inzwischen ein anderer Wind weht.

Schweizer IPO-Perspektiven
Kursverlauf der ABB-Aktie (in CHF) in den letzten zehn Jahren.

In der Schweiz dürften Spin-offs weiterhin eine Hauptquelle für die Erweiterung der Kursliste sein. Ein aktuelles Beispiel bilden die Ankündigungen von ABB. Der Konzern will sich von drei Geschäftszweigen trennen, zuerst von dem Turboladergeschäft. Die ABB-Aktie hat vor diesem Hintergrund deutlich an Boden gewonnen und ist dabei, das Hoch der letzten 10 Jahre bei 27 CHF zu überspringen. Die Spin-offs könnten sich über Jahre hinziehen, aber immerhin kommt Bewegung in den Aktienkurs. Das erscheint ein wenig widersinnig, denn es handelt sich um „hochprofitable“ Geschäftseinheiten, für die ABB, so der CEO, „einfach nicht die beste Besitzerin sei“.

Im Dezember wurde auch bekannt, so die ZKB in ihrem Quartalsbericht zum IPO-Markt, dass die Kryptobank Sygnum den Börsengang prüfe. Das Unternehmen ist Partner der SIX bei dem Projekt Tokenisierung und Handel von digitalen Vermögenswerten. Es ist gut möglich, dass es 2021 spannend am Schweizer Primärmarkt wird.

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