Philippe Petitpierre, CEO Holdigaz: «Westschweiz verfügt über sehr gute Versorgungssicherheit mit Gas»

Verbraucherpreise werden weiter steigen

1
1368
Holdigaz diversifiziert bis hin zum Autobau, auch wenn Gas das Kerngeschäft bleibt. CEO Philippe Petitpierre mit einem Prototypen des Softcars, dessen erste Modelle seit diesem Jahr im Strassenverkehr unterwegs sind. Bild: schweizeraktien.net

Der Westschweizer Energieversorger Holdigaz SA plant weitere Preiserhöhungen für seine Kunden. Diese sollen noch 2022 in Kraft treten. Wie hoch sie ausfallen werden, ist noch unklar, es wird von 2 bis 3 Rappen pro KWH ausgegangen.

Im Gespräch mit schweizeraktien.net äussert sich Philippe Petitpierre, CEO des Unternehmens aus Vevey, zu den Folgen der Sabotageakte auf die beiden Nordstream-Pipelines sowie dazu, was die Versorgungssicherheit der Westschweiz von derjenigen der Deutschschweiz unterscheidet und welche Strategie das Unternehmen fährt, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Petitpierre erläutert des Weiteren, was es mit dem Verkauf eines 10%-Aktienpakets im Sommer dieses Jahres auf sich hat.

Herr Petitpierre, welche Auswirkungen auf die Gas-Preise hat die Zerstörung von Nordstream I und II?

Auf die Preise in Europa sollte zunächst sehr kurzfristig und kurzfristig kein Einfluss erfolgen, da die zwei Pipelines schon komplett geschlossen waren und zum Zeitpunkt der Sabotage Europa nicht mehr belieferten.

Mittelfristig wurde spekuliert, dass es eine Rückkehr der Russen an den Verhandlungstisch im Energiebereich, vor allem mit den Deutschen, geben könnte. Gerüchteweise sollen bereits geheime Verhandlungen über eine teilweise Wiederaufnahme der Lieferungen durch die 2 Nordstreams vor ihrer Zerstörung geplant gewesen sein. Unter diesen Bedingungen hätte sich die Verfügbarkeit der 2 Rohre positiv auf die Preise in Europa ausgewirkt. Die Sabotage der Leitungen wird jetzt aber negative Folgen auf die Gaspreise in Europa haben, da amerikanisches LNG nicht das billigste Gas auf unserem Kontinent ist und sich der Aufwärtseffekt auf den Gaspreis auswirken wird.

Wie werden sich die Preise für Kunden von Holdigaz entwickeln?

Wie ich während unserer Generalversammlung angekündigt habe, müssen wir ab dem 1. November eine neue Preisanpassung vornehmen. Die genaue Höhe dieses Anstiegs wird unseren Kunden am 12. Oktober und unmittelbar danach mitgeteilt.

Das Bohrloch Noville kann nach geltendem Waadtländer Recht nicht ausgebeutet werden. Wäre eine politische Reaktion nicht wünschenswert?

Ein politischer Vorstoss wurde kürzlich durch die Einreichung eines Antrags der Mitte-Rechts-Parteien unternommen, um die vorübergehende oder endgültige Abschaffung von Artikel 4 des 2018 verabschiedeten Gesetzes über die natürlichen Ressourcen des Kellers (LRNSS) zu erreichen, das die Forschung zur Gewinnung und Exploration fossiler Brennstoffe im Waadtländer Untergrund verbietet. Der Prozess ist im Gange. Er wird von Linken und Grünen abgelehnt. Damit haben wir einen Prozess, der wahrscheinlich einige Zeit in Anspruch nehmen wird, während sich das Problem kurzfristig stellt. Grundsätzliche politische Auseinandersetzungen sind absehbar.

Wie kommt das Speicherprojekt «LRC – lined rock cavern» in den Walliser Alpen voran?

Dieses Projekt, an dem Holdigaz einer der Partner ist, wird fortgesetzt, um 4 Hohlräume im Gestein in einer Region in der Nähe der internationalen Gaspipeline Transitgas zu schaffen. Der Energiegehalt wird erheblich sein, da er sich dem Wert des Energievolumens des Staudamms Grande Dixence annähern wird. Die Inbetriebnahme ist innerhalb von 4-5 Jahren, je nach Dauer der Verwaltungsverfahren, geplant.

Wie ist der Stand bei Projekten und Entwicklung der Biogasproduktion bei Holdigaz bis Ende 2023?

Die verschiedenen bestehenden und zukünftigen Biogasproduktionsprojekte sollten uns bis Ende 2023 auf 5% oder mehr unseres Umsatzes bringen. Die ersten regelmässigen physischen Lieferungen von bioLNG aus Norwegen werden es uns ermöglichen, dieses Gas physisch in unsere Netze im Aigle-Montey einzuspeisen. Ausserdem stehen wir vor der Inbetriebnahme einer isländischen Anlage, an deren Bau sich Holdigaz über ein grosses Schweizer Energieunternehmen beteiligt.

Wie sieht es mit der Gasversorgung der Westschweiz im Besonderen und national im Allgemeinen aus?

Die französischsprachige Schweiz und damit auch Holdigaz ist durch zahlreiche physische Einspeisepunkte, darunter insbesondere die Gaspipeline Etrez-La Cure, sehr gut mit Frankreich verbunden und verfügt sowohl durch Verträge als auch über physische Verbindungen über eine sehr gute Versorgungssicherheit einschliesslich grosser Speicherkapazitäten. Die deutschsprachige Schweiz hat nicht die gleichen Bezugsquellen, die stammen hauptsächlich aus Deutschland. Damit bleibt das Problem einer starken Abhängigkeit von russischem Gas.

Auf nationaler Ebene ist die schweizerische Gasversorgungspolitik wie beim Strom organisatorisch geregelt, unter der «Kontrolle» des Bundes und neu auch unter der Aufsicht der Kantone. Der Verband der Schweizerischen Gasindustrie (ASIG) hat dazu aufgerufen, die Risiken einer Erdgasknappheit zu antizipieren und zu minimieren. In diesem Stadium hat sich die nationale Solidarität bewiesen.

Was ist die langfristige strategische Vision von Holdigaz?

Unser Unternehmen hat sich dafür entschieden, die Bereiche Energie im Allgemeinen sowie Erdgas und erneuerbares Gas im Besonderen beizubehalten, indem es die mittel- und langfristigen Empfehlungen der Energiewende anwendet.

So wird das gesamte Erdgas, das wir heute schon vertreiben, durch ein internationales Kompensationsprogramm CO2-mässig vollständig kompensiert, auch wenn es in unzufriedenen Köpfen als vulgäres «Greenwashing» empfunden wird – wir werden weiterhin beweisen, dass diese Behauptungen unbegründet und unangemessen sind. Das Thema Treibhausgase muss als globaler Ansatz betrachtet werden und nicht nur als lokaler. Durch unsere Kompensationsprogramme in Entwicklungsländern folgen wir der Theorie der globalen Kompensation und verhindern gleichzeitig, dass die betroffenen Bevölkerungen Energien mit hohen Schadstoffemissionen nutzen, die direkt gesundheits- und umweltschädlich sind.

Immer auf der Suche nach Lösungen, die mit der Energiewende vereinbar sind, hat Holdigaz mehrere Biogas-Produktionsstätten entwickelt. Unser Unternehmen ist bereits ein wichtiger Akteur in der Biogasproduktion in der Romandie und in der Schweiz. Wir sind auch der Hauptakteur bei der Entwicklung von Flüssiggas-Biogas-Produktion (BioLNG) in Norwegen und Island: Wir werden dieses BioLNG bald physisch in die Schweiz importieren.

Wie sieht es mit erneuerbaren Energien aus?

Ebenfalls im Bereich der erneuerbaren Energien sind unsere Unternehmen in der Solarthermie und Photovoltaik tätig. Wir sind Partner und Miteigentümer mehrerer internationaler Portfolios in den Bereichen Solarenergie, Windenergie sowie Wasserkraft. Diese bedeutenden Investitionen im Ausland ermöglichen es uns, einen Teil unserer Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien in unserem Land zu finanzieren, eine Vision, die wir jetzt mit Hartnäckigkeit und Überzeugung vorantreiben.

Auch wächst die Kraft-Wärme-Kopplung in unseren Energieangeboten, das sind sehr effiziente Anlagen zur Erzeugung von Strom und Wärme, möglichst aus Erdgas und erneuerbar.

Holdigaz bleibt auch durch ihre aktive finanzielle Beteiligung an verschiedenen Forschungs- und Entwicklungsprogrammen der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL), insbesondere im Bereich der CO2-Abscheidung, an der Spitze des Wissens.

Holdigaz wird weiterhin ein wichtiger Akteur der Energiewende in der nationalen und internationalen Gaswelt sein. Um die Präsenz weiter zu stärken, wird Holdigaz die Strategie im Bereich Bauen und die daraus resultierenden verschiedenen Aktivitäten rund um die Effizienz und Energieautonomie von Gebäudehüllen und deren Beheizung, um nur die wichtigsten zu nennen, fortsetzen.

Das erste Semester Ihres Geschäftsjahrs ist vorüber. Wie lief es?

Die finanziellen Ergebnisse des ersten Halbjahres des Geschäftsjahres entsprechen unseren Erwartungen. Allerdings ist zu beachten, dass wir in diesem Zeitraum nur 25% unseres jährlichen Gasabsatzes erzielen, sodass der kommende Winter entscheidend sein wird. Paradoxerweise haben uns die überdurchschnittlich milden Temperaturen zu Beginn des Jahres ermöglicht, ein Ergebnis zu verzeichnen, das unseren Zielen entspricht. Tatsächlich ist unser Engagement in kurzfristigen Preisen geringer als erwartet.

Lassen Sie uns zum Schluss noch über die Aktie von Holdigaz sprechen. Der Kurs ist seit Anfang Jahr um über 20% zurückgegangen. Was sind die Gründe dafür?

Unsere Aktie ist an einem Sekundärmarkt OTC-X der BEKB kotiert und daher sehr illiquide. Der Kursrückgang entspricht dem, der seit Anfang 2022 auf derselben Börsenplattform für im Energiesektor tätige Unternehmen beobachtet wird.

Der Kurs der auf OTC-X gehandelten Holdigaz Aktie ist in diesem Jahr mit über minus 20% stark unter Druck geraten. Die Anleger üben sich in Zurückhaltung wegen der Unsicherheiten auf den Energiemärkten. Quelle: otc-x.ch
Sie haben 10% des Aktienkapitals veräussert. Was sind die Gründe hierfür?

Im Sommer konnten wir eine Transaktion mit einem langjährigen Partner abschliessen. Dieser Partner, der mit der Leistung und den Zukunftsaussichten von Holdigaz zufrieden ist, erwarb 10% unseres Aktienkapitals.

Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Petitpierre.

1 KOMMENTAR

  1. „Unsere Aktie ist an einem Sekundärmarkt OTC-X der BEKB kotiert und daher sehr illiquide.“ Diese Aussage darf nicht unwidersprochen bleiben. Sie ist gleich mehrfach falsch. Dass ein OTC Markt per se illiquid ist, lässt sich weder absolut noch relativ zur SIX belegen. Die Umsätze von SIX kotierten Firmen mit einer vergleichbaren Börsenkapitalisierung wie Holdigaz sind im Schnitt nicht höher. Dagegen weist Holdigaz ein weit besseres Orderbook auf. Auch ohne den 10 % Block hat Holdigaz im Jahr 2022 mit über 5 Mio. Fr. Umsatz ein respektables Volumen erreicht. Die Liquidität einer Aktie im Small Cap Bereich hängt von der Kommunikation der Firma, der Aktivität von Medien, Researchhäusern, Aktionären, Intermediären und Market Makern ab. Die SIX hat diesbezüglich leider an Terrain eingebüsst.

Kommentar verfassen