Weleda: Beauty-Flaute und Fabrikschliessung belasten Resultat

VR-Präsident und Banker Thomas Jorberg soll das «Naturunternehmen» wieder auf Kurs bringen.

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Weleda setzt auf natürliche Ingredienzen – etwa auf Granatäpfel für die Gesichtspflege.

Wenn die Teuerung anzieht, ändern sich die Prioritäten der Konsumenten. Das hat auch Weleda, der Baselbieter Hersteller von Naturkosmetik und Naturarzneimitteln, im vergangenen Geschäftsjahr feststellen müssen. Die Einnahmen sanken um 2,6% oder 11 Mio. EUR auf 413 Mio. EUR. In Franken belief sich der Umsatzrückgang sogar auf 10% (minus 43 Mio. auf 416 Mio. CHF). Das Unternehmen bilanziert seit vielen Jahren in Euro.

Die beiden Geschäftsbereiche Naturkosmetik und Arzneimittel entwickelten sich 2022 unterschiedlich: Der Umsatz mit Naturkosmetik sank in Euro gerechnet um rund 5%, während jener mit Arzneimitteln 7% zulegen konnte. Der Bereich Arzneimittel baute so den Anteil an den Gruppeneinnahmen auf 21% aus. «Nach vielen Jahren des Wachstums haben wir 2022 durch die globalen Krisen und Inflation erstmals einen Umsatzrückgang hinnehmen müssen. Dies betraf viele Unternehmen aus der Bio- und Naturkosmetik-Branche», sagt Thomas Jorberg, Geschäftsführer von Weleda. Die Kaufzurückhaltung bei den Kunden sei verständlich, wenngleich auch bedauerlich.

Vorreiter bei Naturkosmetik

Im vergangenen März wechselte Thomas Jorberg, der bisherige Präsident des Weleda-Verwaltungsrats, in die Position des Vorsitzenden (Executive Chair). Jorberg war bis 2022 Geschäftsführer (Vorstandssprecher) der deutschen GLS Bank. Nun will er bei Weleda den integrierten Blick über alle Ressorts stärken. Es ist geplant, dass Jorberg die Position des Executive Chairs für zwei Jahre innehat. In dieser Zeit soll ein CEO rekrutiert und eingearbeitet werden.

«Angesichts der bekannten externen Herausforderungen wie Inflation, Energiekrise und Ukrainekrieg gilt es, das Unternehmen gut durch diese Zeiten zu führen», beschreibt der «Executive Chair» seine Strategie. Zusammen mit den Geschäftsleitungsmitgliedern arbeite er vor diesem Hintergrund an langfristigen strategischen Aufgaben. Es sei das Ziel, Vorreiter im Bereich Naturkosmetik und in komplementärer Medizin zu bleiben.

Rückgang mit Ansage

Auf die Frage, ob sich mit der Covid-Pandemie bei den Konsumenten eine Skepsis gegenüber ganzheitlichen, anthroposophischen Anwendungen breit gemacht habe, antwortet der Geschäftsführer: «Wir sehen nach wie vor einen hohen Bedarf an integrativer oder komplementärer Medizin bei Ärztinnen und Ärzten sowie Patientinnen und Patienten.» In der Region Deutschland-Österreich-Schweiz (DACH), die rund 63% Prozent des Umsatzes erwirtschaftete, stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um rund 7,9%, hauptsächlich durch ein sehr starkes Wachstum im Bereich Auge und Erkältung.

Thomas Jorberg, Executive Chair Weleda

«Wir sehen nach wie vor einen hohen Bedarf an integrativer oder komplementärer Medizin.»

Eine Überraschung war der Umsatzrückgang aber nicht. Bereits im vergangenen September machte das Unternehmen im Aktionärsbrief eine ziemlich akurate Prognose. Weil die Umsatzentwicklung von Weleda Naturkosmetik in den wichtigen Märkten Deutschland und Frankreich deutlich hinter den Erwartungen bleibe, erwarte das Unternehmen 40 Mio. EUR oder 10% weniger Umsatz, hiess es damals. Und weiter: Die Bio-Fachmärkte und Topmarken wie etwa Weleda hätten deutliche Umsatzrückgänge, während die billigeren Eigenmarken im Handel entsprechende Umsatzzuwächse verzeichneten.

Von Rabatt-Aktionen konkurrenziert

Nachdem sich der Weleda-Umsatz während der Pandemie erfreulich stabil gezeigt hat, hat das Unternehmen gemäss Jorberg seit Anfang des Jahres 2022 eine Kaufzurückhaltung vor allem bei hochpreisigeren Körperpflege-Produkten wie etwa den Körperölen zu spüren bekommen. Dagegen zeigten sich die Weleda Duschprodukte, auch dank der neu eingeführten festen Duschpflege, ziemlich stabil. «Insgesamt konnten wir im Markt eine Verschiebung hin zu Rabatt-Umsätzen beobachten, von der Naturkosmetik-Marken weniger profitieren.»

Rund die Hälfte des Umsatzes entfällt auf die DACH-Länder. In dieser Region hat Weleda jedoch einen Einnahmenrückgang von 5% hinnehmen müssen. Die Verkäufe stiegen ausserhalb der DACH-Region und Frankreichs um 3%.

Am französischen Standort Huningue werden seit diesem April keine Arzneimittel mehr hergestellt. Diese Restrukturierung hat 129 Stellen gekostet und ist gemäss Unternehmen zusammen mit den inflationsbedingten Kostensteigerungen der Hauptgrund für das Absinken des konsolidierten Betriebsergebnisses (EBIT) in den roten Bereich. Diese Kennzahl sank von einem Plus von 13.3 Mio. EUR im 2021 auf Minus 3.3 Mio. EUR im vergangenen Jahr. Die Kosten für Mitarbeitende und soziale Leistungen erhöhten sich im Geschäftsjahr 2022 um 17% auf 194 Mio. EUR. Das Unternehmen beschäftigt insgesamt 2456 Angestellte.

Frankreich bleibt wichtig

Frankreich bleibt gemäss Jorberg aber wichtig: «Wir bleiben auf dem französischen Markt mit unseren Arzneimitteln vertreten. Sie sind ein wichtiger Bestandteil unseres Geschäfts.» Zwar sei die Arzneimittelproduktion in Frankreich geschlossen worden; der Standort in Huningue bleibe darüber hinaus aber erhalten. Mit einem an die Rahmenbedingungen angepassten Arzneimittel-Sortiment soll die Marktposition in Frankreich und in Europa gestärkt werden.

Weleda befindet sich nicht in einer Schrumpfkur, das Unternehmen investiert weiter in die Infrastruktur in Arlesheim und im deutschen Schwäbisch Gmünd, wo vor allem der Neubau eines Logistikzentrums ins Gewicht fällt. Das Investitionsvolumen erhöhte sich im vergangenen Geschäftsjahr um drei Viertel auf 37.4 Mio. EUR. Darunter litt auch die Eigenkapitalquote, die sich um 8,1 Prozentpunkte auf 46% reduzierte.

Das Unternehmen hat auf den Umsatzrückgang reagiert. Weleda hat die Wachstumserwartungen angepasst und ist daran, die Kosten zu reduzieren. «2023 werden wir eine grössere Anzahl an Naturkosmetik-Neuprodukten auf den Markt bringen. Wir können dadurch flexibler auf Marktschwankungen reagieren», sagt Jorberg. Den Auftakt habe im März eine vollständig überarbeitete straffende Gesichtspflegeserie auf Basis von Granatapfel und Peptiden der Maca-Wurzel gemacht. Im ersten Quartal 2023 hat das Unternehmen seine Planziele wieder erreicht.

Partizipationsschein

Die nachlassende Lust der Konsumenten auf Markenprodukte in der Kosmetik hat auch auf den Kurs des ausserbörslich gehandelten Partizipationsscheins (PS) durchgeschlagen. Innert Jahresfrist ist die Notierung von knapp über 5000 CHF auf rund 3600 CHF gefallen. Damit dürften die aktuellen Inflationssorgen eingepreist sein. Mit der Fokussierung auf Nachhaltigkeit und natürliche Produkte liegt das Unternehmen aus Arlesheim im Einklang mit der gesellschaftlichen Entwicklung. Das dürfte sich langfristig auch für die Aktionäre auszahlen. Ein Wermutstropfen: Für das Jahr 2022 schlägt der Verwaltungsrat vor, auf eine Dividende zu verzichten. Im Vorjahr waren noch 35 CHF ausgeschüttet worden.

Kurs des PS von Weleda in CHF. Chart: otc-x.ch

Fazit

Auch unter neuer Führung wird Weleda im laufenden Jahr die harzige Entwicklung kaum hinter sich lassen können. Das Unternehmen rechnet mit «einer anhaltend hohen Inflation und dadurch einer weiterhin verhaltenen Konsumstimmung und wachsendem Wettbewerbsdruck». Das hindert die Gruppe nicht daran, sich anspruchsvolle Ziele zu setzen: Die Marktanteile in Frankreich und Deutschland sollen zurückgewonnen und im restlichen Europa, den USA und Asien ausgebaut werden. Die Verkaufszurückhaltung 2022 spiegelt sich in einem Anstieg des Vorratsbestandes um fast einen Drittel auf 92 Mio. EUR.

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