Branchentalk: Industrie im Spannungsfeld von Fachkräftemangel und Frankenstärke

70 Teilnehmende an der Investorenkonferenz von schweizeraktien.net

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Zum Abschluss des Branchentalks diskutierten Remo Rosenau, Matthias Rey, Urs Neuhauser und Boris Zürcher mit Björn Zern (Mitte) über den Fachkräftemangel. Bilder: schweizeraktien.net/Boris Baldinger

Zu den grossen Herausforderungen für die Schweizer Industrie gehört neben dem starken Schweizer Franken der Fachkräftemangel. So erreichte der Fachkräftemangel-Index für die Schweiz im Jahr 2023 einen neuen Höchststand. Die Vakanzen führen zu einem Wertschöpfungsverlust für die Gesamtwirtschaft, der auf rund 0,7 % des BIP der Schweiz geschätzt wird. Das klingt zwar nicht dramatisch, ist aber angesichts des demografischen Wandels in der Schweiz als Alarmsignal zu verstehen.

Boris Zürcher, Leiter Direktion Arbeit beim SECO.

In seinem Keynote-Speech erklärte Boris Zürcher, Leiter Direktion für Arbeit beim SECO, dass die Schweiz eines der Länder mit dem stärksten Beschäftigungswachstum in Europa ist. In den vergangenen 10 Jahren wurde ein Zuwachs von rund 450’000 Vollzeit-Stellen verzeichnet. Davon entfielen allerdings rund 60% auf die drei Bereiche Gesundheits- und Sozialwesen, freiberufliche Dienstleistungen sowie Erziehung und Unterricht. Diese Bereiche sind personalintensiv und binnenmarktorientiert, aber haben nicht die höchste Wertschöpfung. Eine andere Beobachtung ist, dass das Stellenwachstum über dem demografischen Potenzial der Schweiz lag. Der einsetzende demografische Wandel führt zudem zu einem steigenden demografischen Ersatzbedarf.

«So wenig Zuwanderung wie möglich. So viel wie nötig.»

Langfristig drohen durch die Alterung der Gesellschaft Einbussen beim Wachstum. Die Schweiz ist nicht allein mit diesen Herausforderungen. Deshalb ist damit zu rechnen, dass die Schweizer Strategie, via Personenfreizügigkeit Erwerbstätige aus dem EU- und EFTA-Raum zu rekrutieren, nicht auf Dauer funktionieren dürfte. Bei Entwicklungen wie Digitalisierung oder KI besteht die Hoffnung auf Produktivitätsfortschritte. Dies könnte den Fachkräftemangel zumindest teilweise substituieren.

Sechs Schweizer Industrieperlen präsentierten anschliessend, wie sie mit den Herausforderungen Fachkräftemangel und Frankenstärke umgehen.

Matthias Rey, CEO Metall Zug AG.

Die Beteiligungsgesellschaft Metall Zug Gruppe ist nach Angeben von Matthias Rey (CEO) und Urs Scherrer (CFO) der Frankenstärke, bzw. der USD- und EUR-Schwäche, stark ausgesetzt. In einigen Bereichen können die Währungseffekte durch teilweises Sourcing im USD- und EUR-Raum oder durch eine lokale Produktion gedämpft werden. Grundsätzlich stellt der Fachkräftemangel für die Metall Zug Gruppe derzeit keinen wesentlichen limitierenden Faktor dar. Allerdings führt das knappe Angebot an Fachkräften in einigen Bereichen zu erhöhten Lohnforderungen.

Marc Veseley, Head IR Montana Aerospace.

Marc Vesely (Head IR) vom Lufttfahrtindustrie-Zulieferer Montana Aerospace setzt auf Employer-Branding und eine Omnichannel-Strategie zur Einstellung der besten verfügbaren Talente. Ziel des Unternehmens sei es, die Ansprüche der Mitarbeitenden zu übertreffen und sie durch spezielle Programme zu qualifizieren. So sollten sie im Unternehmen gehalten und fit für die Zukunft zu gemacht werden.

Rochus Kobler, CEO Phoenix Mecano.

Für Rochus Kobler (CEO) vom globalen Technologiekonzern Phoenix Mecano mit weltweiten Produktionsstandorten ist der Fachkräftemangel (noch) kein grosses Thema. Allerdings sei die Verfügbarkeit von Fachkräften in der Schweiz im Vergleich mit anderen Standorten gering. Dies hatte das Unternehmen in einer eigens für den Anlass erstellten Umfrage festgestellt. Die Hälfte der Standorte von Phoenix Mecano stellen bereits Mitarbeitende aus anderen Regionen oder Ländern an. Aus- und Weiterbildung, sowohl intern als auch extern, sind eine Massnahme, um Mitarbeiter zu binden.

Demografischer Kipp-Punkt erreicht

Urs Neuhauser, CEO Griesser Group.

Fachkräftemangel und die Montagefreundlichkeit der Produkte von Griesser hängen für Urs Neuhauser (CEO) von der Griesser Holding AG unmittelbar zusammen. Automatisierung und andere technische Anpassungen sind für ihn ein Weg, um Engpässe bei Handwerkern im Bereich der Montage zu kompensieren. Griesser selbst setzt bei der Mitarbeitergewinnung erfolgreich auf das kulturelle Umfeld im Unternehmen.

Matthias Weibel. CFO R&S Group.

Matthias P. Weibel (CFO) vom Transformatorenhersteller der R&S Group verweist darauf, dass die Schweiz ihren demografischen Kipp-Punkt im Jahr 2020 überschritten hat und sich bis 2027 eine Schere am Arbeitsmarkt öffnen dürfte, nämlich zwischen der Generation, die in Rente gehen wird, und der Generation, die in den Arbeitsmarkt eintritt. Kumuliert entstehe so eine Lücke von etwa 140’000 Personen, was in etwa der Einwohnerzahl Winterthurs entspreche, so der CFO. Weibel erklärt, dass für die R&S Group ein hoher Suchaufwand besteht, um vakante Stellen zu besetzen. Dies führt wiederum zu einem hohen Wertschöpfungsverlust. Weitere Probleme ergeben sich durch Faktoren wie die Gehaltsinflation in Osteuropa, die sehr strengen Arbeitsgesetze in einigen Ländern, und auch die Gen Z trägt einen Teil zum Fachkräftemangel bei. Im sogenannten Krieg um Talente setzt die R&S Group auf ein attraktives Image: Sie zahlt nicht nur gute Löhne, sondern will auch Sinn geben, denn es sind die Mitarbeitenden, die für ihn den Unterschied machen.

Neben der gesamten Bandbreite klassischer Ansätze zur Berufsausbildung und Personalentwicklung probiert das Unternehmen auch neue Wege aus, denn «People-Fit» sei ebenso wichtig wie «Skill-Fit». Durch eine Führungs- und Empowerment-Kultur hätten (fast) alle Mitarbeitenden ein starkes Gespür für Intrapreneurship entwickelt. So seien mit dem Börsengang der R&S Group auch viele Mitarbeitende zu Aktionären geworden. Matthias P. Weibel ist überzeugt, dass gute Führung gute Leute anzieht. Auch die Nachfolgeplanung sollte man nicht dem Zufall überlassen.

ESG für Gen Z

Eine gruppenweite ESG-Initiative planen Daniel Antille (VR-Delegierter) und Gilles de Preux (CEO) vom führenden europäischen Unternehmen im Bereich ziviler Sprengstoffe, der SSE Holding AG. Dadurch können sie die SSE als verantwortungsvolles und nachhaltiges Unternehmen positionieren. Dieser Schritt helfe, um einem möglichen künftigen Fachkräftemangel entgegenzuwirken, denn gerade Nachhaltigkeit sei ein wichtiger Faktor, um Mitarbeitende aus der Gen Z zu gewinnen, so de Preux.

Gilles de Preux, CEO der SSE Group.

Weitere Perspektiven zum Thema Fachkräftemangel und Frankenstärke eröffnete das anschliessende Podiumsgespräch. So erklärte Remo Rosenau, Head Research der Helvetischen Bank, er hätte während der vorangegangen Präsentationen das Gefühl bekommen, der Fachkräftemangel sei ein ernstes Problem. Wenn er sonst mit Unternehmen spreche, sei das Thema nicht ganz so brisant. Aus seiner Erfahrung sei es eher punktuell ein Problem. Vor allem, wenn es nicht durch temporäre Arbeitskräfte gelöst werden könne. In einigen Fällen erweise sich die Rekrutierung für KMU als schwierig, da Grosskonzerne begehrte Arbeitnehmende gewissermassen vom Markt abschöpfen. Zuweilen habe er den Eindruck, dass das Thema Fachkräftemangel aus politischen Gründen gepusht werde, so Rosenau.

TikTok statt Physik und Mathe

Matthias Rey betont, in der Schweiz sei das Problem seiner Ansicht nach nicht so dramatisch wie zum Beispiel in Deutschland. Mit Hinblick auf die Frankenstärke erklärt er, dass diese zu impliziten Preiserhöhungen in anderen Währungen führt, die sich nur mit Innovationen und Premium Quality durchsetzen lassen. Urs Neuhauser verwies auf die hohe Abbruchquote von bis zu 50% bei Lernenden. Dadurch könnten künftig Probleme für den Arbeitsmarkt entstehen. Zudem würden Schulabgänger stärker in Richtung einer akademischen Karriere gehen, vor allem in den Geisteswissenschaften und weniger in den MINT-Fächern. Boris Zürcher erinnert daran, dass wir in einer Dienstleistungsgesellschaft leben. Ob es jedoch nachhaltig sei, Content für Gratiszeitungen oder TikTok zu produzieren, werde sich erst noch zeigen müssen, so Zürcher.

Insgesamt gab der Branchentalk Industrie 2024, den schweizeraktien.net gemeinsam mit der Helvetischen Bank, BEKB und SIX durchführte, einen umfassenden Einblick in die Vielschichtigkeit des Themas Fachkräftemangel, für den es keine einfachen Lösungen gibt.

Die Präsentationen der Unternehmen finden Sie hier zum Download.

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