
Tom Winter wird im zweiten Semester 2026 sein Amt als CEO der Bernexpo AG beenden. Er hatte die Führung 2021 von Jennifer Somm übernommen – in einer für das Unternehmen besonders herausfordernden Phase. Die Corona-Pandemie hatte den Live-Marketing-Markt lahmgelegt: Zahlreiche Messen wurden abgesagt; strenge Veranstaltungsverbote führten zu Einschränkungen.
Unter Winters Leitung kämpfte sich Bernexpo erfolgreich durch diese Zeit und realisierte mitten in der Krise sogar ein Generationenprojekt – die neue Festhalle Bern. Rechtzeitig zur BEA 2025 wurde sie eröffnet – ein Moment, den Winter als «hochemotional» beschrieb.
Nun kehrt Winter zu seinen beruflichen Wurzeln zurück. Der Bauingenieur wird beim Berner Bauunternehmen Losinger Marrazzi Einsitz in die Geschäftsleitung nehmen.
Im Gespräch mit schweizeraktien.net erläuterten CEO Tom Winter und Chief Marketing Officer Lea Frisch die Entwicklung im vergangenen Geschäftsjahr und gaben einen Ausblick auf die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens über Winters Amtszeit hinaus.
Ihr bisheriger VR-Präsident Peter Stähli sprach an der diesjährigen GV von einem «Wermutstropfen» hinsichtlich der Dividende. Wie hart war dieser Entscheid intern?
Tom Winter: Es war ein sehr schwieriger Entscheid. Über den Jahreswechsel hat sich herauskristallisiert, dass wir mindestens drei Themen haben, die uns nicht in die Karten spielten. Das anspruchsvolle Zoll-Umfeld in der MEM-Branche traf unsere Industriemessen und insbesondere die SINDEX direkt. Zweitens verzeichneten wir bei aller Freude über die Buchungslage viele überlappende Eventanfragen, die leider nicht alle erfüllt werden konnten. Drittens beobachteten wir über den Jahreswechsel weitaus längeren Zahlungsfristen.
Auch auf der Investmentseite gab es im ersten Halbjahr viele Investitionen in Eröffnungsaktivitäten für die Festhalle. So führten wir intern ernste Gespräche, denn es wäre richtig gewesen, unseren Investoren nach fünf Jahren Corona-Pause wieder eine Dividende zu zahlen. Dieses Thema bleibt für uns wichtig, weil wir dividendenfähig sein wollen.
«es wäre richtig gewesen, unseren Investoren nach fünf Jahren Corona-Pause wieder eine Dividende zu zahlen»
Als privatwirtschaftlicher Veranstalter mit Wurzeln in Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft, sehen wir es als unseren Auftrag, nachhaltigen Wert für unsere Aktionäre zu schaffen. Ziel ist es, unsere finanzielle Basis zu stärken und wieder Dividenden ausschütten zu können. Dies wird auch der künftige Verwaltungsrat anerkennen.
An der GV haben Sie Potenzial in den Bereichen Umwelt, Sport, Gesundheit und Kultur erwähnt. Was sind die konkreten nächsten Schritte, um sich dort stark zu positionieren?
Lea Frisch: Mit den ersten vier Themenwelten sind wir einigermassen stabil – es gibt jedoch noch Potenzial, das Portfolio inkrementell auszubauen. Bei den Themenwelten wie zum Beispiel Gesundheit und Bewegung merken wir aber, dass wir selbst aktiv werden müssen, etwa mit Eigenveranstaltungen. Dafür haben wir unsere Business Development Teams den einzelnen Themenwelten zugeteilt, damit wir Expertise in diesen Feldern aufbauen können.
Gleichzeitig braucht es die Zusammenarbeit mit unseren Partnern, um mehr Gastveranstaltungen zu ermöglichen. Wir sind sehr gut im Veranstalten von Messen und Events, und unsere Partner kennen ihre Branche sehr gut. Zusammen können wir hier starke Erlebnisse und gute Begegnungen entwickeln.
Ihre Tochtergesellschaft Talendo ist für Sie sehr wichtig. Welche Rolle spielt sie in der Strategie von der Bernexpo?
Tom Winter: Talendo bleibt ein wichtiger Bestandteil unserer Strategie. Wir haben realisiert, dass es schwierig ist, den Bereich Bildung mit dem Brand Bernexpo national zu vertreten. Aber mit Talendo können wir das. Mit Büros in der Westschweiz und in St. Gallen können wir das Bildungsgeschäft an ungefähr 30 Veranstaltungen pro Jahr in der gesamten Schweiz präsentieren.
Ausserdem ist Talendo seit den letzten vier Jahren auch unsere Factory für die Digitalisierung. Wir konnten unsere Applikationswelt mit ihrer Delivery-Organisation kombinieren und uns dadurch digital deutlich beschleunigen.
Welche Veranstaltung hat gezeigt, dass die neue Festhalle wirklich funktioniert?
Lea Frisch: Ein spezifischer Moment, in dem wir gemerkt haben, dass das Areal mit der neuen Festhalle funktioniert, war die gleichzeitige Durchführung der Messe Swissdidac und des Berner Bildungstags im letzten November. Wir konnten mit diesen Anlässen eine grosse Zielgruppe vereinen, was in der Vermarktung erhebliches Synergiepotenzial geschaffen hat. Das Zusammenspiel der verschiedenen Infrastrukturen war der Proof-Point, dass die Festhalle funktioniert, wie wir es uns vorgestellt haben.
Wie sieht das laufende Geschäftsjahr 2026 aus, und welche Events haben Sie in Ihrem Portfolio?
Lea Frisch: Bisher zeigt sich das Geschäftsjahr sehr positiv. Eine unserer wichtigsten Veranstaltungen ist natürlich die BEA, die dieses Jahr sehr erfolgreich verlief. Sie ist jeweils der erste Indikator dafür, wie sich das Jahr entwickeln wird. Ein weiterer wichtiger Indikator ist der Suisse Caravan Salon im Oktober, der bereits jetzt nahezu ausgebucht ist.
«Bisher zeigt sich das Geschäftsjahr sehr positiv»
Was auch zu unserem Geschäft gehört, ist die parallele Durchführung von Kongress- und Messeveranstaltungen. Besonders in unserer Hochsaison im Frühling und im Herbst erreichen wir eine Auslastung von bis zu 100,0%. Es gibt aber Überschneidungen, und diese lassen sich nicht vollständig planen oder beeinflussen.
Wie erfüllt Bernexpo die Erwartungen Ihrer Kunden, und wie bleibt sie kompetitiv im Markt?
Was uns differenziert, ist die vollständige In-House-Begleitung unserer Kunden – von der Eventplanung bis zum Content auf Social Media. Dadurch schaffen wir Effizienz: Eine Eventplattform kann noch am selben Tag erstellt werden, weil es aus einer Hand kommt. Der Ansatz zeigt Wirkung – letztes Jahr haben wir auf allen Kampagnen 145 Mio. Views auf Social Media generiert und 7,9 Mio. Klicks auf unseren Eventpages für das Vermarkten der Veranstaltungen.
«Unser Ziel, menschliche Begegnungen mit Mehrwert zu schaffen, bleibt im Vordergrund»
Ergänzt wird dieses Angebot durch unsere digitalen Tools. Dazu gehören Buchungs- und Event-Plattformen mit einer automatisierten Darstellung der räumlichen Gegebenheiten, das Campaigning, die ESG-Auswertung unserer Events, sowie die smarte Analyse unserer Mobilitäts-, Gebäude- und Arealdaten. Diese Tools setzen wir nicht nur selbst ein – wir haben sie auch bereits an andere Veranstalter verkaufen können.
Jedoch hat die Bernexpo nicht die Ambition, primär ein Software-as-a-Service-Unternehmen (SaaS) zu sein. Unser Ziel, menschliche Begegnungen mit Mehrwert zu schaffen, bleibt im Vordergrund. Daten und Technologie ermöglichen es uns, Veranstaltungen lediglich smart zu ergänzen – nicht sie zu ersetzen – und sie geben unseren Kunden mehr Flexibilität.
Herr Winter, Sie verlassen bald die Bernexpo als CEO. Gab es einen Moment in Ihrer Zeit bei Bernexpo, auf den Sie besonders stolz zurückblicken?
Die BEA-Wiedereröffnung nach Corona auf Rekordgrösse war sehr schön, und gleichzeitig etwas Erlösendes. Es brauchte viele verschiedene Teams, die im Hochleistungsmodus auf mehreren Produkten arbeiteten, damit dieser Anlass ein Erfolg war. Mein Stolz ist deshalb ein kollektiver Stolz, Teil dieser tollen Teams zu sein.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Kursverlauf von Bernexpo seit Anfang 2026. Chart: otc-x.chDie Aktien der Bernexpo AG werden ausserbörslich auf OTC-X gehandelt. Zuletzt wurden 331 CHF für eine Aktie bezahlt.





