Weiss+Appetito Holding AG: Setzt künftig auf Margen- statt auf Umsatzwachstum

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Bekannt in der ganzen Schweiz und dem angrenzenden Ausland: die Saug- und Blasfahrzeuge der Weiss+Appetito-Gruppe. Bild: www.weissappetito.ch

Der breiten Bevölkerung ist die Firma Weiss+Appetito als Sponsor des Berner Fussballklubs BSC Young Boys ein Begriff. Andere wiederum kennen das Unternehmen noch aus den Zeiten, als es im Tief- und Strassenbaugeschäft tätig war. Doch seit dem Verkauf des Tiefbaubereiches im Jahr 2011 verfolgt das in Bern und Kerzers ansässige Unternehmen eine Nischenstrategie. Als breit diversifizierte Holding ist Weiss+Appetito in nicht weniger als acht strategischen Geschäftsbereichen tätig.

Der Fokus liege heute gemäss einer kürzlich veröffentlichten Unternehmensanalyse von OTC-X Research
im Bau und in baunahen Segmenten. Zu den Sparten gehören Bausanierungen, der Spezialbereich „Saugen+Blasen“, der Rohrleitungsbau und der Bau von Telekommunikationsinfrastruktur. Das Unternehmen verstehe sich gemäss der Studie als Totalunternehmen, das seine Kunden von der Planung bis zur Realisation unterstütze, so die Analyse. Weiter würden bei einem Projekt Lösungen aus allen Geschäftsbereichen miteinbezogen. So arbeiten bei Renovationen nicht selten der Bereich Bausanierungen mit den Sparten Energieberatung und Böden+Beläge zusammen.

Ein weiterer Effekt der hohen Diversifikation sei die, im Vergleich zu klassischen im Hochbau tätigen Unternehmen, geringere Abhängigkeit von der konjunkturellen Lage der Bauwirtschaft. Sowohl der Rohrleitungsbau als auch das Telekomgeschäft reagieren auf teilweise gänzlich andere Impulse. Allerdings sei Weiss+Appetito, wie andere Bauunternehmen auch, stark vom Wetter abhängig. So könnten gemäss der Studie von OTC-X Research beispielsweise im Bereich „Saugen+Blasen“ in einem Jahr mit durchschnittlichem Winterverlauf nur neun Monate gearbeitet werden. Je nach Sparte könne der Wetterverlauf 30 bis 50% des Umsatzes ausmachen.

Die Studie zeigt weiter die besondere Aktionärsstruktur der Gesellschaft auf. Die „Namenaktien A“ des Unternehmens werden ausserbörslich gehandelt und vorwiegend von Mitarbeitern gehalten. Die „Namenaktien B“ hingegen befinden sich im Besitz von acht Partnern, die so 55.2% der Stimmen kontrollieren. Mit einem Aktionärsbindungsvertrag werde sichergestellt, dass diese Aktien auch in unvorhergesehenen Fällen in den Händen der Partner bleiben. In einem Alter von 60 Jahren müssen die Partner ihr Aktienpaket an einen Nachfolger verkaufen, der die Anteile mit eigenem Kapital übernehmen muss.

Durch das breite Tätigkeitenportfolio sei Weiss+Appetito von Entwicklungen in mehreren Branchen abhängig, schreibt OTC-X Research weiter. Der wichtigste Sektor für das Unternehmen sei jedoch die Baubranche. Diese zeichne sich durch einen stark fragmentierten Markt mit vielen Anbietern sowie dem daraus resultierenden starken Wettbewerb aus. Allerdings sei der für Weiss+Appetito wichtige Bausanierungsmarkt momentan noch weniger stark umkämpft als der Markt für Neubauten. Über die letzten Jahre war das Baugewerbe von einem starken Wachstum gekennzeichnet. Die Studie zeigt aber, dass sich diese Situation in den kommenden Jahren ändern könnte. Das Konjunkturforschungsinstitut BAKBASEL rechnet gemäss einer Prognose damit, dass es 2015 bis 2016 zu Wachstumsdämpfern kommen könne.

Weiss+Appetito konnte die Erträge seit 2011 stetig steigern. 2013 stieg der Umsatz um 13.9% auf 137.3 Mio. CHF. Das EBITDA legte allerdings nur unterproportional um 1.9% auf 7.05 Mio. CHF zu. Die sich daraus ergebende EBITDA-Marge von 5.1% liege deutlich unter der von Weiss+Appetito definierten Zielmarge von 8%, so die Analyse. Der Hauptgrund dafür liege bei der Sparte Telekom in Deutschland. Die Probleme in der Telekomsparte würden nun mit einer Reorganisation sowie Kosteneinsparungen angegangen. Das EBIT in der Höhe von 454 TCHF (Vorjahr: 372 TCHF) sei stark durch eine Abschreibung auf den Goodwill von 1.9 Mio. CHF beeinflusst worden. Unter dem Strich resultierte ein Reingewinn von 1’473 TCHF (Vorjahr: 779 TCHF). Auf Seiten der Bilanz falle auf, dass sich das Umlaufvermögen 2013 um 10 Mio. CHF erhöht habe. Das Unternehmen führt den Anstieg gemäss der Studie von OTC-X Research auf nicht optimale Prozesse in der Leistungserstellung und Leistungsverrechnung sowie lange Zahlungsfristen in der Telekombranche zurück. Eine praktisch unveränderte Debitorendauer von 59 Tagen zeige auf, dass in diesem Bereich tatsächlich noch Verbesserungspotenzial vorhanden sei.

Im ersten Semester 2014 habe Weiss+Appetito vom milden Wetter profitieren und einen Umsatz von 65 Mio. CHF erzielen können. Das Sorgenkind der Gruppe bleibe allerdings das Telekomgeschäft. Die aus der Überprüfung und Neubewertung des Projekteportfolios vorgenommenen Korrekturen führten zu einem deutlich unter dem Budget liegenden EBITDA von 2.6 Mio. CHF, was einer EBITDA-Marge von 4% entspreche. Ein Wechsel in der Leitung des Geschäftsbereichs im April 2014 soll das Telekomgeschäft wieder auf gesunde Beine stellen.

Das Management der Weiss+Appetito Holding AG gebe sich für das traditionell stärkere zweite Semester optimistisch. Besonders gut liefen die Bereiche Bausanierung und Böden+Beläge, die beide über der gesteckten EBITDA-Marge von 8% liegen würden. Das Technik-Center solle die Verlustzone hinter sich lassen und eine schwarze Null schreiben. Der Telekombereich werde hingegen weiter eine Belastung bleiben. Der Einfluss auf die Jahresrechnung könne aufgrund einer Umstellung der Rechnungslegung von OR zu Swiss GAAP FER und einem einhergehenden Restatement per 1.1.2014 noch nicht genau beziffert werden. Das Jahresergebnis dürfte, unter Vorbehalt der Wetterlage bis Ende Jahr, deutlich besser ausfallen als 2013. Für 2015 gebe sich das Management ebenfalls verhalten optimistisch. Neu werde nicht mehr das Umsatzwachstum, sondern eine Verbesserung der Margen im Vordergrund stehen. Auch solle das hohe Umlaufvermögen reduziert werden. Weiter gehe das Management davon aus, dass 2015 nicht mehr durch die Probleme im Telekombereich belastet würden.

Nach der unterproportionalen Margenentwicklung der letzten Jahre stand auch der Aktienkurs der Weiss+Appetito Holding unter Druck. Innert Jahresfrist verloren die „Namenaktien A“ um über 9%. Die Studie von OTC-X Research geht davon aus, dass eine Verbesserung der Marge eine Voraussetzung dafür ist, dass die Aktie für Investoren wieder attraktiver wird. Bei Kursen von rund 310 CHF und einem in der Analyse geschätzten Gewinn für 2014 von 30.1 CHF je „Namenaktie A“ liegt das Kurs/Gewinn-Verhältnis bei tiefen 10.1. Bei einer mindestens gleich bleibenden Dividende von 11 CHF je „Namenaktie A“ beträgt die Dividendenrendite 3.5%.

Gemäss der Studie eignen sich die Aktien nicht für schnelle Gewinne oder hohe Wachstumsraten. Sie spricht unternehmerisch denkende Investoren an, die eine solide Dividendenrendite erwarten. Kurzfristig besteht kein grosses Wachstumspotenzial. Mittelfristig könnte es aber zu einem über mehrere Geschäftsbereiche abgestützten Wachstum kommen. Sollte das Unternehmen zudem die Margen wie geplant verbessern können, winkt ein moderates organisches Wachstum mit überproportional steigenden Gewinnen. Wie in der Vergangenheit ist auch ein Wachstum durch Unternehmensübernahmen durchaus möglich.

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