Vielfältige Signale aus dem Krypto-Universum

Zwischen Evolution und Illusion

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Widersprüchlicher könnten die Meldungen zu den Entwicklungen in der Welt der Krypto-Währungen und ICOs kaum sein. Während der Wikipedia-Gründer durchaus warnend von einer „definitiven Blase“ spricht, legte eine Forschungsgruppe der Universität Boston eine Studie vor, die, trotz allem, sensationelle ICO-Renditen bei einer systematischen Herangehensweise nachweist. Dennoch, die Preise der Krypto-Währungen fallen, der Stress steigt, und eine Klinik in Schottland bietet nun als erste eine spezielle Therapie für pathologische Krypto-Spekulanten und leidtragende Angehörige an. Es bleibt also weiterhin interessant im Spannungsfeld zwischen Cyberspace und Realität.

Expertenkommentare und Studienergebnisse bewegen den Markt kaum

Die ganze Bandbreite von Meinungen, Emotionen, Überzeugungen, ja, sogar akademische Studien bieten den Anlegern und Interessierten genau das, was sie wollen und suchen – oder das Gegenteil davon. Es ist eben immer eine Frage der Perspektive. Im Grunde ist es bei dem Thema Krypto auch nicht anders als bei anderen Innovationen, etwa der Einführung der Elektrizität als Licht- und Energiequelle oder der Eisenbahnen, dann der Automobile mit Verbrennungsmotoren und schliesslich der Flugzeuge. Immer gab es heftige Emotionen, mehr oder weniger fundierte Argumente dafür oder dagegen und glühende Plädoyers für die eine oder andere Seite.

Lektionen der Geschichte

Heute jedoch können wir auf diese historischen Episoden sachlich zurückblicken und leicht erkennen, was stichhaltig und irgendwie wissenschaftlich fundiert war, was allein auf Ängsten (vor Veränderung) beruhte, und was vielleicht auch ganz einfach ökonomischen Gesetzmässigkeiten gefolgt ist. So ist eben Elektromagnetismus kein Teufelswerk, sondern ein Naturphänomen, dessen Beherrschung und Nutzung im 19. Jahrhundert schliesslich Licht ins Dunkel des soweit andauernden Mittelalters brachte. Es war ein Fortschritt, nicht nur, weil erst die breite Verfügbarkeit von Licht und Energie die industrielle Revolution ermöglichte, sondern auch, weil die Ausrottung der Wale (um Öl für Lampen zu haben) dadurch zumindest aufgeschoben wurde. Und Geschwindigkeiten von 30 oder 50 km/h haben sich als nicht gesundheitsschädlich erwiesen, wie die Gegner der technikbasierten Mobilität, darunter auch zu ihrer Zeit angesehene Mediziner und Wissenschaftler, es so überzeugend vertreten haben.

Motive der Meinungsmacher

Die genannten Beispiele machen aber auch deutlich, dass Verlustängste so mächtig sein können, dass sie schwerer als fundierte Argumente und Empirie wiegen können. Es findet sich immer eine Gruppe von Nutzniessern, die die alten Zustände festhalten wollen, z.B. die Pferdekutschen oder den Walfang, weil eben auch der soziale Frieden, die Herrschaftsverhältnisse, Handelsvorteile und Profite davon abhängen. Politische Parteien auf Stimmenfang, religiöse Fundamentalisten und Medien, die ihre Bedeutung erhöhen wollen etc. suchen auch ihren Vorteil – und so hat man bald ein undifferenziertes Wirrwarr, in dem aufgepeitschte Gefühle und bestenfalls Scheinargumente über Sinn und Erkenntnis triumphieren.

1’600 Krypto-Währungen

Doch Zahlen lügen nicht, und im heutigen Datenzeitalter herrscht kein Mangel an Zahlen, eher ein Überfluss. Und daraus lässt sich, je nach Fragestellung und Set-up wiederum alles belegen, was man belegt haben will, um seine Agenda zu befördern. Wusste man vor 100 und 150 Jahren wohl zuwenig, so weiss man heute eher zuviel. So weist der Ökonom Nouriel Roubini in seinem jüngsten Essay zum Krypto-Thema auf eine Studie des ICO-Beraters Satis Group hin, derzufolge 92% der bisher lancierten Krypto-Währungen – gegenwärtig sind es über 1’600 – es nie schaffen, auf einem Handelsplatz tatsächlich zu reüssieren. Im Umkehrschluss sind es also nur 8%, die tatsächlich den Sprung in die Akzeptanz schaffen und handelbar werden. Nach der Satis Group sind auch 81% der ICOs Betrug und Schwindel. Roubinis These ist nun, dass diese nur einem Zweck dienen, nämlich das Kapital derer, die darauf hereinfallen, auf die Konten der Initiatoren zu lenken – ohne jede nennenswerte Gegenleistung. Schuld daran sei die mangelnde Regulierung, denn eigentlich handle es sich um Wertpapiere, allerdings ohne der Wertpapiergesetzgebung zu unterliegen, ohne Veröffentlichungspflichten und ohne Haftung.

SEC drängt auf adäquate Gesetzesänderungen

Zwar sieht die US-Aufsichtsbehörde SEC inzwischen das Problem auch und unternimmt auch einiges, doch ohne gesetzlichen Rahmen bleibt die Grauzone erhalten, und ganze Anlegergruppen, und zwar nicht nur unbedarfte, fallen weiterhin darauf rein. Wer an die Rhetorik der Initiatoren unbedingt glauben will, kann sich beispielsweise auf die jüngst veröffentlichte Studie der Universität Boston stützen, die zu dem Ergebnis kommt, dass den Ausfällen und Betrügereien zum Trotz ICOs dennoch eine durchschnittliche Rendite von 48% innerhalb von 30 Tagen bescheren, sofern nur methodisch vorgegangen wird.

Zurück in die Steinzeit

Dasselbe lässt sich allerdings bestimmt auch phasenweise für Junior Exploration Aktien behaupten, selbst wenn die meisten später, nach dem Boom bei Öl, Gold, Diamanten oder Lithium, wieder verschwinden. Stichhaltiger scheint die Argumentation von Roubini, dass uns ICOs in die Steinzeit zurückversetzen, wo es noch kein Geld gab, sondern eine Tauschwirtschaft. Als Beispiel führt es die „Dentacoin“ an, die angeblich für Zahnbehandlungen eingesetzt werden kann. Tatsächlich scheint jedoch kein Zahnarzt oder Dentaltechniker den Token zu akzeptieren, der für sonst nichts gut ist. Weitergedacht, sagt Roubini, würden wir bei einem fortgesetzten Siegeszug der ICOs bei hunderten und tausenden von „Coins“ landen, die jeweils einen nur sehr begrenzten Einsatz hätten und daher getauscht werden müssten – wie im Zeitalter der Kleinstaaterei, als man kaum 100 Kilometer reisen konnte, ohne mehrmals das territorial begrenzt gültige Geld wechseln zu müssen, zum Vorteil der Geldwechsler und unter permanentem Verlust der Kaufkraft.

Blaue Linie: Kursverlauf des Bitcoins in den letzten sechs Monaten vs. USD. Schwarze Linie: Marktkapitalisierung, Grün: Umsätze. Quelle: https://cryptocoincharts.info

Warnungen verhallen ungehört

Was in den vergangenen Artikeln der Rubrik „Alternative Finance“ zum Phänomen der Krypto-Währungen und ICOs noch weitgehend auf Vermutungen und vereinzelten Indizien basierte, ist inzwischen ziemlich abgesichert, nämlich, dass der grösste Teil der „Crypto Assets“ bei einer kleinen Gruppe konzentriert ist. Die wurde zwar von der nun schon sechs Monate andauernden Baisse – Bitcoin von 19’500 USD auf 7’000 USD – auch getroffen, doch bezogen auf die frühen Einstiegspreise von wenigen hundert USD oder auch weniger bleiben immer noch gigantische Gewinne übrig. Die Baisse betrifft auch nicht nur den Bitcoin, sondern ebenfalls die vor Monaten angepriesenen besseren Krypto-Alternativen wie Ethereum, Ripple, Litecoin usw. Der Schöpfer von Ethereum, Vitalik Buterin, warnte bereits im Februar, dass die Krypto-Währungen „jederzeit auf nahe null fallen können“ und riet Anlegern, nur einzusetzen, was sie sich zu verlieren leisten können. Der russisch-kanadische Programmierer gilt zwar in der Community als Genie, doch es scheint nicht, als ob die Warnung des Insiders sonderlich ernst genommen wird.

24/7-Markt verführt zu Spielsucht

Die extremen Preissprünge, die in 2017 wie von selbst eingetretenen hohen Gewinne und die breite Verfügbarkeit von Handelsplattformen haben u.a. zur Entstehung einer eigenen Crypto-Trader Community geführt. Diese rekrutiert sich nur zu einem geringen Teil aus klassischen Wertpapier-Anlegern und -Spekulanten, wenngleich die beteiligten Motive, die Emotionen und die psychologischen Persönlichkeitsstrukturen ähnlich sind. Es scheint jedoch, als ob die Crypto-Trader mehr mit Spielern und Spielsüchtigen gemein haben als mit Börsenspekulanten. Zwar haben viele Spekulanten viel verloren und manche sich auch ruiniert, doch immer mit der Überzeugung, dass sie auf die richtige Aktie oder Währung oder Richtung deren Preisentwicklung setzen.

Crypto-Addiction

Wer fünf Mal oder öfter mit „Ja“ antwortet ist ein pathologisch süchtiger Kryptohändler und benötigt laut der Castle Craig Klinik professionelle Hilfe. Quelle: castlecraig.co.uk

Die Crypto-Trader dagegen sind „thrilled“ von dem 24/7-Markt, den rapiden Preisbewegungen auf ihren Monitoren, der permanenten Möglichkeit, durch Adrenalinausschüttungen den Anforderungen der realen Welt zu entgehen und Familie, Beruf, Ausbildung, Geldsorgen zu vergessen oder zu verdrängen. Viele zeigen ein ausgesprochenes Suchtverhalten wie etwa Spieler, die sich Geld leihen, stehlen oder veruntreuen, um das verlorene Geld zurückzugewinnen, ihre Depressionen und Schwierigkeiten zu überwinden und ihr Selbstwertgefühl wiederherzustellen. Eine Klinik in Schottland hat die Problematik erkannt und bietet seit kurzem eine Rehabilitationstherapie an.

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