Marco Arrigoni, CEO Biella-Neher: «Der Preis widerspiegelt den Wert angemessen und beinhaltet eine strategische Prämie»

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Marco Arrigoni, CEO der Biella Group. Bild: zvg

Mitte März informierte Biella-Neher über ein Freiwilliges Kaufangebot der französischen Exacompta SAS für den im Jahr 1900 gegründeten Schweizer Büroartikelhersteller. Die Franzosen, zu denen die bekannte Marke Clairefontaine gehört, bieten 4’607 CHF für eine Biella-Aktie. Verwaltungsrat und die drei Grossaktionäre ESG Beteiligungen, Nebag und Neher-Holding unterstützen das Angebot. Offenbar ist es Biella in den letzten Jahren nicht gelungen, in dem strukturell schrumpfenden Markt für Büroartikel wieder auf Wachstumskurs zu kommen.

Auch 2018 ist der Umsatz um mehr als 6% auf 121.1 Mio. CHF zurückgegangen. Operativ war der Betrieb im letzten Jahr defizitär, so dass aufgrund weiterer Restrukturierungswendungen ein Verlust von 14.9 Mio. CHF entstand. Wie CEO Marco Arrigoni im Interview mit schweizeraktien.net erklärt, wurde der Auktionsprozess für Biella bereits im Sommer 2018 gestartet. Er und der Verwaltungsrat sind fest davon überzeugt, dass die Transaktion zustande kommt.

Nicht Bestandteil der Transaktion werden die Liegenschaften in Polen und Ungarn sein. Sie sollen in eine separate Gesellschaft mit dem Namen POLUN ausgegliedert werden, deren einziger Zweck die Verwertung der Liegenschaft ist. An Polun können sich neben den drei Hauptaktionären auch die übrigen Aktionäre beteilige. Die Liegenschaften in Brügg sind davon nicht betroffen, wie Arrigoni im Interview sagt.

Der Verkauf der Biella-Neher AG an Exacompta kam etwas überraschend. Wie ist es zu dieser Entscheidung gekommen, die Unabhängigkeit der Schweizer Traditionsfirma Biella aufzugeben?

Am 20. März 2018 hat Biella ihre Aktionärinnen und Aktionäre sowie die Öffentlichkeit über die Durchführung einer umfangreichen Restrukturierung informiert, die Schliessungen des Produktionswerkes in Szydlowiec (Polen) sowie der lokalen Vertriebseinheiten in Warschau (Polen) und Hoorn (Niederlande) umfasste. Diese getätigten Massnahmen werden die Produktivität massgeblich stärken. Nebst dieser Restrukturierung hat sich der Verwaltungsrat in dieser Zeit noch weitergehend intensiv mit der Zukunft der Biella befasst und verschiedene strategische Möglichkeiten und Alternativen untersucht.

Was waren am Schluss die Gründe, dass Sie sich für den Verkauf entschieden haben?

Die Biella bewegt sich als grösster europäischer Hersteller von Ordnern und Ringbüchern in einem anspruchsvollen und sich wandelnden Markt. In diesem von der Digitalisierung geprägten Umfeld behauptet sich Biella mit permanenten Restrukturierungen und innovativen Produktentwicklungen. Die gesamte Branche befindet sich in einem Veränderungsprozess, in dem Unternehmen und ihre Eigentümer entscheidende strategische Weichenstellungen für die Zukunft festlegen. 

Wie haben sich die digitalen Projekte, u.a. SimplyFind und Creator, entwickelt? Gab es hier nicht ausreichend Potenzial?

Beide Bereiche entwickeln sich positiv und sind für die Entwicklung der Biella, in den Bereichen Kundenansprache neuer Kunden und Prozessentwicklung, entscheidend. Plattformen wie SimplyFind oder der Creator brauchen Zeit, um die vorhandenen Potenziale voll ausschöpfen zu können. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir für die Erreichung unserer Planungsziele zu wenig Zeit eingeplant haben.

Der Preis für eine Biella-Inhaberaktie scheint auf den ersten Blick mit 4’607 CHF aus Sicht der Kleinaktionäre wenig attraktiv. Der Buchwert lag Ende 2018 bei etwas mehr als 6’700 CHF. Die Nettoliquidität dürfte bei ca. 1’600 CHF/Aktie liegen. Wie wurde der Preis von 4’607 CHF festgelegt, und gibt es ein unabhängiges Bewertungsgutachten?

Der Angebotspreis weist eine Prämie von 23.3% auf zum volumengewichteten Durchschnittskurs der an der OTC-X der Berner Kantonalbank (BEKB) gehandelten Biella-Aktien der letzten 60 Börsentage (VWAP) vor der Veröffentlichung des Kaufangebots am 14. März 2019. Der Verwaltungsrat erachtet den von der Anbieterin angebotenen Preis als vorteilhaft für die Aktionärinnen und Aktionäre. Nach Auffassung des Verwaltungsrats widerspiegelt der von Exacompta offerierte Preis den Wert der Biella angemessen und beinhaltet eine strategische Prämie.

Wie verfährt Biella-Neher bzw. Exacompta mit den Liegenschaften in Brügg? Dort gibt es auch erhebliche Landreserven. Werden diese ähnlich wie in Polen / Ungarn noch verkauft?

Nach unseren Kenntnissen ist ein Verkauf der Liegenschaft in Brügg nicht vorgesehen.

Im Angebotsprospekt ist erwähnt, dass der Verwaltungsrat auch noch Angebote von Dritten prüfen kann, wenn bessere als das von Exacompta abgegeben werden sollten. Wie realistisch ist dieses Szenario, und mit wie vielen potenziellen Käufern haben Sie verhandelt?

Ab Sommer 2018 haben wir einen kompetitiven Auktionsprozess durchgeführt, in welchem eine grössere Anzahl strategischer Interessenten und Finanzinvestoren eingeladen waren teilzunehmen. Der Verwaltungsrat wurde in diesem Prozess von KPMG als Finanzberaterin und Kellerhals Carrard als Rechtsberaterin unterstützt. Mehrere Bieter haben eine Kaufofferte für Biella abgegeben. Das Angebot von Exacompta hat sich am Ende dieses Prozesses als die in jeder Hinsicht attraktivste Option erwiesen.

Das Angebot von Exacompta ist an eine Mindestandienungsquote von 75% gekoppelt. Es müssten also noch etwas mehr als 20% der Aktien angedient werden, bis das Angebot zustande kommt. Wie sind die Reaktionen der Aktionäre bisher?

Die Reaktionen waren bisher durchwegs positiv, und wir sind sehr optimistisch, dass die 75% bis am 12. April zustandekommen.

Was passiert, wenn die Quote erreicht wurde und Exacompta mit mehr als 75% Hauptaktionär wird? Werden die übrigen Aktien handelbar bleiben oder ist ein Delisting vorgesehen?

Dazu kann ich keine Stellung nehmen, da es dem zukünftigen Hauptaktionär überlassen sein wird, wie er mit einer solchen Situation umgehen wird. Klar ist, dass Exacompta das Ziel verfolgt, 100% der Aktien zu übernehmen und der Verwaltungsrat sowie die Gruppenleitung dieses Ansinnen voll unterstützt.

Vielen Dank für das Interview, Herr Arrigoni.

Die Aktien der Biella-Neher AG werden ausserbörslich auf OTC-X gehandelt. Zuletzt wurden Kurse von 4’550 CHF für eine Aktie gezahlt.

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