Naturaldividenden: Aktionäre werden mit Geschenken und feinem Essen verwöhnt

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Die Hypothekarbank Lenzburg lädt ihre 1’000 anwesenden Aktionäre nach der GV zur Naturaldividende in Form eines mehrgängigen Essens ein, dazu gibt’s Zigarren oder Pralinen. Foto: Boris Baldinger, schweizeraktien.net

Die aktuell laufende Generalversammlungssaison bietet den Aktionären nicht nur die Möglichkeit, Informationen aus erster Hand über «ihr» Unternehmen zu erhalten. Oft wird der Besuch der Versammlung noch mit einem feinen Essen oder zumindest einem ansehnlichen Apéro riche flankiert. Für die Aktionäre besteht hierbei auch noch in entspannter Atmosphäre eine gute Möglichkeit, den Kontakt zu den Firmen zu wahren und zu pflegen.

Freier Informationsfluss am Rande der GV

Ein grosser Unterschied der Kommunikationsmöglichkeiten der Unternehmensverantwortlichen mit ihren Aktionären besteht hierbei zwischen den kotierten und nicht kotierten Aktiengesellschaften. Während die Firmenchefs der kotierten Unternehmen sehr vorsichtig mit Aussagen zu firmenrelevanten Zahlen wie etwa dem aktuellen Geschäftsgang sein müssen, können die Chefs der nicht kotierten Firmen ihre Geldgeber frei informieren.

Kotierte Gesellschaften müssen die strengen Regelungen der Publizität beachten, die es ihnen vorschreibt, alle Interessenten zeitgleich zu informieren und allenfalls eine Ad-hoc-Meldung zu veröffentlichen. Die nicht kotierten Firmen unterstehen diesen strengen Regelungen nicht und können daher – sofern sie dies wünschen – beispielsweise ihren Aktionären über den aktuellen Geschäftsgang oder laufende Akquisitionspläne detaillierte Auskünfte geben.

Nachtessen für die Aktionäre

Zahlreiche Unternehmen danken ihren Aktionären für die oftmals langjährige Treue mit Geschenken, die weit über die normale Dividendenausschüttung hinausgehen. So werden die Teilnehmer an der GV nicht nur mit einem mehrgängigen Menu verwöhnt. Sie erhalten zusätzlich noch ein Unterhaltungsprogramm geboten.

Die Ostschweizer Immobiliengesellschaft CasaInvest Rheintal empfängt ihre Aktionäre bereits vor der GV mit einem kleinen Apero. Anschliessend an die GV wird ein mehrgängiges Nachtessen gereicht, das von einer Darbietung eines zumeist aus der Region stammenden Künstlers flankiert wird.

Der Gasversorger Energie Zürichsee Linth beschenkt seine Aktionäre nach der Generalversammlung mit einem üppigen Abendessen und einem kulturellen Beiprogramm – 2019 mit Alphornunterhaltung. Bild: Boris Baldinger, schweizeraktien.net

Auch die Energie Zürichsee Linth (EZL) bietet ihren Aktionären ein dreigängiges Nachtessen inklusive eines kulturellen Begleitprogramms von regionalen Künstlern. So wird aus der gesetzlich vorgeschriebenen Pflichtveranstaltung ein geselliger Anlass, der sich nicht selten bis in den späten Abend hinzieht.

Noch weiter ging bis vor kurzem das Kongresshaus Zürich: Die an der GV anwesenden Aktionäre durften jeweils noch eine CD des auftretenden Künstlers als Geschenk mit nach Hause nehmen. Seit der Schliessung des aktuellen Gebäudes ist es mit diesem Geschenk und dem Nachtessen allerdings zunächst einmal vorbei.

Aktionärsgeschenke ohne GV-Teilnahme

Doch nicht immer ist der Besuch der Versammlung Voraussetzung für den Erhalt von Geschenken. So werden etwa zahlreiche Gutscheine den Aktionären zumeist mit der Einladung zur Versammlung zugestellt. Als Beispiel kann das Billet für eine Retourfahrt auf das Schilthorn, das während der Woche, in der die GV stattfindet, gültig ist, genannt werden. Über ein Jahr gültig sind die Gutscheine, welche das Hotel Dolder und die Sunstar Hotelgruppe an ihre Aktionäre verschicken. Die Unternehmen verfolgen mit der Abgabe der Bons aber nicht nur altruistische Ziele: Die Anteilseigner werden so zu zusätzlichen Konsumationen in den unternehmenseigenen Betrieben animiert.

So können etwa die Sunstar-Gutscheine nur für 50% des Preises für direkt beim Unternehmen gebuchte Übernachtungen eingesetzt werden. Mit steigender Anzahl Übernachtungen erhöht sich die Annahme der Bons bis zu 60%.

Ein Koffer voller Süssigkeiten: Der legendäre blaue Koffer von Lindt. Foto: Diego Oppenheim, twitter

Auch der legendäre blaue Koffer von Lindt, gefüllt mit Schokolade, gehört in die Kategorie der Aktionärsgeschenke. War der Koffer früher den Aktionären, welche die GV besuchten, vorbehalten, versendet das Unternehmen sie mittlerweile seinen Anteilseignern auch ohne Besuch der GV direkt nach Hause.

„Bhaltis“ an der GV

Der Besuch der GV wird etwa für den Aktionär des Bad-/Klinik- und Hotelbetreibers Bad Schinznach mit einem guten Apéro und vier Eintrittsgutscheinen für einen 2-stündigen Badeplausch «entschädigt». Dieses Wissen um den Gutschein lockt denn auch jährlich über 200 Aktionäre zur Versammlung. So wird die Versammlung jeweils zu einem Festanlass für die Anwesenden. Ähnlich stellt sich die Situation bei der Hypothekarbank Lenzburg dar. Der jeweils dritte Samstag im März steht bei über 1’000 Personen aus der Region fest in der Agenda. Die an der GV teilnehmenden Aktionäre erhalten ein mehrgängiges Menü mit dem berühmten Aargauer Braten und als „Bhalti“ entweder zwei Zigarren oder Pralinés.

Geschenk statt Apéro

Besonders bei den Regionalbanken ist die Anzahl der Besucher der Versammlung oft sehr gross und stellt die Banken vor logistische Probleme. Dies veranlasste etwa die Spar- und Leihkasse Frutigen dazu, lediglich einen Verzehrgutschein im Wert von 50 Franken abzugeben. Der früher ausgerichtete Apero entfällt. Noch besser verwöhnt werden die Aktionäre des Licht- und Wasserwerks Kandersteg. Sie erhalten sowohl einen Verzehrgutschein im Wert von 50 Franken, einen Gutschein für eine Retourfahrt mit der Gondelbahn Oeschinensee als auch einen Apéro nach der GV.

Ein Verwöhnprogramm startet die Bergbahnen Adelboden. Jeweils im Sommer und im Winter können Aktionäre, die mindestens 25 Titel besitzen, an den bereits vorab bekannten Daten (2019: 23. März und 31. August) die Bahnen gratis benutzen. Zudem erhalten sie noch einen Konsumationsgutschein für die Berggastronomie. Auch bei der GV erhalten die Aktionäre unabhängig von der Anzahl Aktien eine Tageskarte und einen Konsumationsgutschein für die Bergrestaurants der Gesellschaft.

Fazit

Die Naturaldividenden bieten denjenigen Aktionären, die sie ausnützen können, eine deutliche Erhöhung der Rendite oder stellen oftmals die einzige Form der Ausschüttung dar. Die so erzielbaren «Renditen» erreichen mitunter Rekordhöhen. Eine traumhafte Rendite erzielt etwa ein Anleger, der 25 Aktien der Bergbahnen Adelboden besitzt. Er erhält pro Aktionärstag einen Verzehrgutschein von 10 Franken und eine Tageskarte. Zusätzlich wird allen Aktionären, die an der GV teilnehmen, eine am Tag der GV gültige Tageskarte und ein Verzehrbon von 20 CHF abgegeben. Die Kosten für den Kauf der Tageskarten summieren sich auf 135 Franken. Zusammen mit den Verzehrbons erzielen die Aktionäre, die 25 Titel zum aktuellen Preis von rund 80 Franken exklusive Spesen erwerben, bereits in weniger als einem Jahr eine Rendite von über 100% auf ihr Investment. Eine Bardividende dürfen die Aktionäre indessen nicht erwarten.

Die Naturaldividenden stellen für die ausgebenden Firmen aber auch eine gute Möglichkeit dar, ihre Aktionäre und Kunden noch enger an sich zu binden und die eigenen Umsätze zu steigern. Dabei können interessierte Zielgruppen direkt ohne den sonst bei Werbemassnahmen üblichen hohen Streuverlust angesprochen werden. Die Aufwendungen hierfür fallen vergleichsweise tief aus. Als Beispiel kann Sunstar angeführt werden. Das Unternehmen führt die GV immer am 4. Mittwoch im September in eigenen Seminarräumen in Davos durch. Das an die GV anschliessende Essen wird zum Teil von den Kunden der Gruppe gesponsert. Vor und nach der GV werden zudem die verschiedenen Häuser der Gruppe an eigens aufgestellten Ständen präsentiert.

Hinweis: Diese Aufzählung erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Eine Liste der Naturaldividenden ausgesuchter Unternehmen finden Sie hier. Wir laden unsere Leser ein, uns über interessante Naturaldividenden, die sie von ihren Unternehmen erhalten, zu informieren.

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