Neue Zürcher Zeitung: Corona-Krise verschärft strukturelle Medien-Krise

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Die Medienbranche ist in der widersprüchlichen Situation, dass einerseits die Informationsangebote stark wie selten abgerufen werden, andererseits die Einnahmen durch Anzeigen dramatisch einbrechen. Werbung vom lokalen Einzelhandel und von grossen Lebensmitteldiscountern bricht den Tageszeitungen total weg, so nach dem Motto: „Die Leute rennen uns eh die Bude ein, warum dann noch Anzeigen schalten?“

Aber auch überregionale Tageszeitungen wie die NZZ, die traditionell nicht so sehr von den Anzeigen des lokalen Einzelhandels abhängig sind, spüren die Zurückhaltung der Anzeigenkunden: „Wir registrieren derzeit generell eine grosse Zurückhaltung bei den Werbeausgaben und rechnen mit weiteren Einbrüchen. Die Verunsicherung ist vielerorts gross und entsprechend spürbar für uns. Seit einiger Zeit erhalten wir zudem Stornierungen, bzw. Aufträge werden verschoben. Dies betrifft insbesondere die Veranstaltungs-, Tourismus- und Uhrenbranche“, so die NZZ auf Nachfrage von schweizeraktien.net.

Die Grössenordnung der Anzeigenrückgänge möchte Seta Thakur von der NZZ Medienstelle nicht beziffern. Sie verweist auf die Aussagen des Verbands Schweizer Medien. Dieser geht von einem Anzeigeneinbruch von bis zu 80% aus und befürchtet im Werbejahr 2020 einen Printwerberückgang von gegen 400 Mio. CHF. 

Unterschiedliche Reaktionen auf die Krise

Wie also der aktuellen Krise begegnen, wie die Diskrepanz von höherer Nachfrage nach publizistischen Angeboten bei sinkenden Einnahmen auflösen? Die Massnahmen sind sehr unterschiedlich. So hat die TX Group, die landesweit mit ihren vielen Titeln eine Vormachtstellung besitzt, Kurzarbeit eingeführt. Das hat ihr viel Kritik eingebracht. Der Verleger aber hält an seiner Position fest: Was nicht finanziert werden kann, wird nicht publiziert.

Bei der NZZ wartet man noch ab: „Die Einführung von Kurzarbeit wird bei der NZZ-Mediengruppe derzeit geprüft. Wir klären zunächst über das gesamte Unternehmen hinweg ab, wo dies eine sinnvolle Lösung sein könnte. Eine Anmeldung beim Amt für Arbeit ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht erfolgt. Oberstes Ziel bleiben der Erhalt der Arbeitsplätze und die Erbringung unserer publizistischen Leistungen“, schreibt Seta Thakur von der NZZ.

Unterschiedliche Strategien gibt es auch bei der Frage, ob Bezahl-Inhalte zur Corona-Krise allen zugänglich gemacht werden sollten oder nur den Abonnenten. Die Zürcher Zeitungen „Tagesanzeiger“ und „NZZ“ vertreten den Standpunkt, dass es nicht möglich ist, in Zeiten drastisch sinkender Werbeeinnahmen kostenlose Artikel anzubieten. Auch das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hält an Bezahlung für Artikel zum Corona-Virus fest. Die „New York Times“ hingegen hat von Beginn der Krise an sämtliche Artikel zu der Pandemie für alle freigegeben, auch in der Schweiz haben sich z.B. die „WOZ“, die Tageszeitung „Le Temps“ aus der Genferseeregion und die Nachrichtenwebsite „Heidi.news“ für den uneingeschränkten Online-Zugang zu ihren Artikeln über das Coronavirus entschieden.

Kostensenkungsmassnahmen

Mittlerweile hat auch die NZZ Kurzarbeit beantragt. Es wird auch intensiv an weiteren Einsparmöglichkeiten gearbeitet. „Zu unseren Kostensenkungsmassnahmen gehören bis zu einem gewissen Grad Einstellungsstopps und die Senkung von Marketing-Ausgaben sowie die Prüfung der Reduktion von Seitenumfängen unserer Printausgaben. Aufgrund der äusserst schwierigen Lage im Werbemarkt haben wir zudem den Relaunch des Magazins «NZZ Folio» um einige Monate verschoben“, fasst Thakur zusammen.

Wegen des Versammlungsverbots soll auch das Swiss Economic Forum, das von der NZZ veranstaltet wird, um einige Monate verschoben werden. Es wird jetzt voraussichtlich im September in Montreux stattfinden.

Durchwachsenes Geschäftsjahr 2019

Das Geschäftsjahr 2019 verlief für die NZZ Mediengruppe durchwachsen. Mit rund 166’000 zahlenden Kunden per Ende 2019 konnte eine Steigerung von rund 7% erreicht werden. Das operative Betriebsergebnis EBIT ging aufgrund des strukturellen Rückgangs im Werbemarkt Print zwar um 3.3 Mio. auf 17.5 Mio. CHF zurück, dank dem hohen Finanzergebnis (+3.5 Mio. CHF im Vergleich zum Vorjahr) wurde aber ein Gruppenergebnis von insgesamt 18.4 Mio. CHF erzielt, das mit 0.4 Mio. CHF nur knapp unter dem Vorjahr liegt. Die EBIT-Marge erhöhte sich von 5,4 auf 7,6%.

Entwicklung der Abonnenten der «Neuen Zürcher Zeitung» plus internationale Ausgabe, «NZZ am Sonntag», «NZZ Folio» und «NZZ Geschichte». Grafik: nzzmediengruppe.ch

Aber das war 2019. In 2020 verkehrt sich, was noch im letzten Jahr das Ergebnis schönte, ins Gegenteil: Das Wertschriftenportfolio, das zu einem Drittel aus Aktien, einem Drittel aus Obligationen und Wandelanleihen sowie einem Drittel aus Immobilien, alternativen Anlagen und Geldmarktanlagen besteht, dürfte bis dato Verluste von 20 bis 30% eingefahren haben, so ein Insider. „Im Wesentlichen entspricht die Anlagestrategie einem eher konservativen BVG-Portfolio. Die Kursrückgänge sind mit einem solchen Portfolio vergleichbar“, beziffert die NZZ die Rückgänge im Finanzgeschäft.

Wie gewonnen – so zerronnen.  Seit ihrem Hoch Mitte Februar hat die NZZ-Aktie um 15% an Wert verloren. Kursverlauf und Umsätze der auf OTC-X der BEKB gelisteten Aktie in den letzten sechs Monaten. Quelle: money-net.ch
GV entsprechend der Notstandsverordnung

Die GV der NZZ ist traditionell ein gesellschaftlicher Anlass in Zürich. Bundesräte, Parlamentarier, Industrie- und Wirtschaftsgrössen kommen zur Generalversammlung, die immer Samstag vor dem Sechseläuten stattfindet. Aber in diesem Jahr gibt es weder ein normale GV noch dürfte das Sechseläuten stattfinden. „Unsere GV findet rein formell am 18. April statt. Aufgrund der Corona-Krise werden keine Aktionärinnen und Aktionäre zugegen sein, es werden auch keine Ansprachen gehalten. Sämtliche Abstimmungen erfolgen schriftlich über den unabhängigen Stimmrechtsvertreter. Das ist eine Ausnahmesituation, die der aktuellen Rechtslage, gestützt auf die Notstandsverordnung, entspricht“, so die NZZ. Aber auch wenn den Aktionären und Aktionärinnen der gesellschaftliche Rahmen einer GV genommen wird: Zumindest streichen sie eine gegenüber dem Vorjahr unverändert hohe Dividende von 200 CHF ein. Dies bekräftigt auf Nachfrage nochmals die Medienstelle der NZZ.

Fazit

Corona-Krise trifft strukturelle Krise, so könnte man die unschöne Situation bezeichnen, in der sich die NZZ befindet. Es ist für 2020 mit weiter deutlich sinkenden Werbeeinnahmen zu rechnen, die Corona-Krise verschärft die strukturellen Probleme weiter. Und auf das Finanzergebnis, das 2019 einen Teil der Rückgänge im Werbemarkt auffing, wird man sich in diesem Jahr nicht stützen können. Erfreulich sind die zahlenden Abonnenten, deren Zahl 2019 gesteigert werden konnten. In Deutschland trägt die Strategie Früchte, dass man mit einem ausgebauten redaktionellen Angebot weiter zusätzliche Leser und Abonnenten generiert. Aber auch die zusätzlichen zahlenden Kunden werden die zurückgehenden Einnahmen aus dem Werbemarkt nicht kompensieren können.

Die NZZ verfügt über liquide Mittel in Höhe von 150 Mio. CHF, wird mit diesem Polster also die Krise (vermeintlich) gut überstehen können. Die Marktkapitalisierung liegt mit gerade einmal 186 Mio. CHF nur leicht darüber. Auf Basis eines Kurses von 4’650 CHF, der auf OTC-X zuletzt für eine Aktie bezahlt wurde, errechnet sich eine ansprechende Dividendenrendite von 4% für 2019. Auch das Kurs-/Gewinn-Verhältnis ist mit knapp 11 ebenso niedrig wie das Kurs-/Buchwertverhältnis von 0.76. Das sind zwar gute Argumente, selbst in turbulenten Zeiten in die Aktie zu investieren. Allerdings muss es dem tradtionsreichen Medienhaus auch gelingen, aus der Krise gestärkt hervorzugehen. Nur dann dürfte sich eine Investition in die Aktien auch auszahlen.

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