Im Brennpunkt: Wann gibt es einen Impfstoff?

Fast 100 Covid-19 Vakzin-Projekte weltweit

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Wann wird realistischerweise ein Impfstoff zur Verfügung stehen? Die Forschung läuft weltweit auf Hochtouren. Bild: swr.de

Das Rennen um die wohl lukrativste medizinische Neuentwicklung – einen Covid-19 Impfstoff – ist bereits in vollem Gang. Stand 20. April sind bereits fünf Vakzin-Kandidaten in der klinischen Phase I der Entwicklung. Laut WHO befinden sich weitere 71 Impfstoff-Kandidaten in der präklinischen Phase. Wer wird das Rennen machen, und wie lange kann es dauern, bis die erkennbar einzige Lösung zur erfolgreichen Bekämpfung des gefährlichen Virus weltweit einsatzbereit sein wird?

Eine Rückkehr zur Normalität wird es für Wirtschaft und Gesellschaft erst geben, wenn ein effektiver und sicherer Impfstoff zur Verfügung steht. Die falschen Diskussionen über die Sicherheit von Masken oder „ein mögliches Geschenk Gottes“, wie US-Präsident Trump das an gefährlichen Nebenwirkungen reiche Malaria-Medikament Hydroxychloroquine bezeichnet, lenken nur von der Kernfrage ab – wann wird realistischerweise ein Impfstoff zur Verfügung stehen? Denn nur ein Impfstoff kann die andauernde Krise schnell und dauerhaft beenden – so jedenfalls der aktuelle Wissensstand.

Biotechnologische Revolution in der Vakzin-Forschung

Nur zwei der bisher 76 Impfstoff-Kandidaten verfolgen allerdings den herkömmlichen Weg, der bei allen bisher entwickelten Impfstoffen beschritten worden war. Das Prinzip ist einfach und wurde nach heutigem Wissensstand im 16. Jahrhundert erstmals in China angewandt. Die chinesischen Mediziner experimentierten und stellten fest, dass der verdünnte Eiter aus Pockenpusteln an Gesunde verabreicht diese immunisieren kann. Bei jedem bis heute zugelassenen Impfstoff blieb es das Prinzip, möglichst ungefährliche Teile des Virus an Gesunde zu verabreichen, um durch die abgeschwächte Virus-Invasion die Produktion von spezifischen Antikörpern und damit eine wirkungsvolle Immunantwort zu stimulieren.

Doch die Life Sciences haben sich durch die Fähigkeit zur Genomsequenzierung und die Evolution neuer Wissensgebiete rapide weiterentwickelt. Fast alle Vakzin-Forscher verfolgen daher einen radikal anderen Weg. Sie wollen eine Reaktion des Immunsystems durch gezieltes Umlegen von bestimmten Schaltern auslösen oder sogar direkt den Gen-Code von Covid-19 verändern, um so das Virus für Menschen ungefährlich zu machen.

Frontrunner Moderna

Das Tempo der Entwicklungen ist beispiellos. Bereits Anfang des Jahres hatten chinesische Wissenschaftler das Covid-19 Genom sequenziert und ihren Forscherkollegen in der ganzen Welt zur Verfügung gestellt. Nur 63 Tage später hat das amerikanische Biotech-Unternehmen Moderna mit dem ersten Lead-Kandidaten die klinische Phase I begonnen, das heisst, der potenzielle Impfstoff wird bereits seit März am Menschen getestet. Erste Ergebnisse werden für Juli erwartet. Die Technologie basiert auf der sogenannten „Boten-RNA“ und Forschungen, die auf der Impfstoffentwicklung gegen SARS und MERS aufbauen. Diese sind ebenfalls Corona-Viren und teilen sich mit Covid-19 zwischen 80% und 90% des Genoms. Der spezifische Pfad, der von Moderna verfolgt wird, besteht darin, die Boten-RNA in winzige Lipid-Kapseln zu verpacken, die am Bestimmungsort angekommen die Produktion der gewünschten Proteine verursachen. Diese sollen dann im Immunsystem Alarm schlagen und die Immunabwehr aktivieren. Moderna mit dem bezeichnenden Kürzel MRNA ist seit Dezember 2018 an der Nasdaq, die Aktie legte seit Jahresanfang um 150% zu.

Kursverlauf der Moderna-Aktie an der NASDAQ seit Jahresbeginn. Quelle: tradingview.com

Inovio

Einen anderen Weg hat die ebenfalls börsenkotierte Inovio (INO) eingeschlagen. Der 1983 gegründete Spezialist für DNA-basierte Therapien und Impfstoffe hat breite Erfahrung mit HIV, Zika, Hepatitis B, Lassa und anderen Viren. Allerdings gab es nie einen kommerziellen Erfolg. Die an der Nasdaq gehandelte Aktie ist in den letzten 20 Jahren von 133 USD auf 2 USD gefallen. Seit Jahresbeginn ist die Aktie jedoch nun um über 300 % auf zuletzt 13 USD geklettert. Inovio nutzt die DNA, um auf diesem Weg die Abwehr-Kaskade des Immunsystems auszulösen.

Kursverlauf der Inovio-Aktie (NASDAQ) seit Jahresbeginn in USD. Quelle: tradingview.com

Novavax und BionTech

Auch Novavax und die deutsche BionTech, die seit Ende vergangenen Jahres an der Nasdaq gehandelt wird, verfolgen ähnliche Ansätze und haben nun klinische Phase-I-Testreihen angekündigt. Die Novavax-Aktie legte dieses Jahr in der Spitze bereits um 443% zu, war allerdings zuvor stark abgerutscht. BionTech stieg um immerhin 43% seit Jahresbeginn. BionTech hat gleich vier Lead-Kandidaten, die nun getestet werden.

Kursverlauf der an der NASDAQ kotierten Novavax-Aktie in USD. Quelle: tradingview.com

Big Pharma, Forschungsinstitute, Universitäten

Die weiteren Entwickler von Covid-19 Vakzin-Kandidaten sind die Big Pharma Unternehmen Johnson & Johnson, die im September mit den Phase-I-Tests ihres Lead-Kandidaten beginnen, sowie Sanofi und GSK, die ihre Kompetenzen bündeln wollen. Darüber hinaus sind Dutzende von namhaften Forschungsinstitutionen und Universitäten im Rennen, die historisch bedingt über umfassende virologische Erkenntnisse verfügen. Beispiele sind Karolinska Institut, University of Oxford, Osaka University, Serum Institute of India, Fudan University. Oft werden auch Partnerschaften eingegangen zwischen Unternehmen, Universitäten und Forschungsinstitutionen, um so die Kräfte und die Ressourcen zu bündeln. Manche Player sind an mehreren Partnerschaften beteiligt.

Molecular Partners mit eigenem Ansatz in der Vakzinforschung

Ebenfalls im Rennen ist die an der SIX kotierte Molecular Partners, die vor kurzem ankündigte, auf Basis ihrer proprietären DARPin-Technologie ein Vakzin zu entwickeln. Das Besondere des Ansatzes ist die tri-spezifische Bindung oder Neutralisierung des sogenannten „Spike“ des Virus, mit dem es im Atmungstrakt oder über die Augen beim Menschen andockt. Die Aktie sprang am Tag der Veröffentlichung um 13% in die Höhe.

Riskante Impfstoffentwicklung

In der Vergangenheit hat es jeweils 10 bis 20 Jahre gedauert, bis ein Impfstoff gegen ein neues Virus entwickelt und am Markt war. Der Grund ist die Sicherheit; denn es sollen ja mehrere Milliarden Meschen geimpft werden. Selbst eine geringe Quote von Nebenwirkungen oder Schädigungen muss ausgeschlossen werden. Es gibt mehrere Beispiele für gravierende Schädigungen bei unausgereiften oder kontaminierten Impfstoffen. 1942 wurden 300’000 US-Soldaten gegen Gelbfieber geimpft, doch der Impfstoff war mit Hepatitis B kontaminiert, was zu 150 Toten führte. 1976 war ebenfalls ein Wahljahr in den USA, und Gerald Ford wollte als Präsident wiedergewählt werden. Dem machte die Schweinegrippe einen Strich durch die Rechnung. Übereilt wurde unter Aussetzung des üblichen Zulassungsprocedere ein Impfstoff hergestellt, mit dem 40 Mio. Amerikaner geimpft wurden. Sehr bald entwickelten 450 Geimpfte das Guillain-Barré Syndrom, eine Überreaktion des Immunsystems, welche die Nerven angreift und so eine Lähmung begründet. Die Epidemie endete dagegen plötzlich. Ford, ein Republikaner, der von Nixon zum Vize-Präsidenten ernannt worden war und nach dessen Rücktritt 1974 die Amtsgeschäfte übernommen hatte, wurde 1976 nicht zum Präsidenten gewählt, sondern der Demokrat Jimmy Carter.

Fortschritt durch Biotechnologie

Solche und ähnliche schlechte Erfahrungen mit Impfstoffen diktieren, dass zunächst ausreichende Tests durchgeführt werden, um die Effizienz und Sicherheit des Impfstoffs vor der Zulassung zu gewährleisten. Es gibt allerdings begründete Hoffnungen, dass die Entwicklung eines Covid-19 Vakzins weniger als 10 Jahre in Anspruch nehmen wird. Was früher langwierig nach der Methode Trial & Error herausgefunden wurde, ist durch die Genomik und andere biotechnologische Wissensgebiete heute innerhalb kürzester Zeit zu ermitteln. Zudem sind viele Technologien bereits am Menschen erprobt und als sicher eingestuft, was beispielsweise Tierversuche überflüssig machen kann.

Realistische Zeithorizonte

Dennoch sind Versprechungen, dass ein Impfstoff noch in diesem Jahr zur Verfügung stehen wird, unrealistisch. Denn die Phase-II- und -III-Testreihen müssen an einer grösseren Anzahl von Freiwilligen durchgeführt werden. Das geht nicht im Schnellverfahren. Eine optimistische und dennoch realistische Einschätzung, wann mit einem Impfstoff zu rechnen ist, kommt von Bill Gates, der schon lange auf die Defizite in der Vakzinforschung hinweist und nun 1 Mrd. USD für Covid-19-Projekte spendete. Er glaubt, dass im besten Fall vor Ende 2021 ein Impfstoff zugelassen sein wird. Einen ähnlichen Horizont äussern verschiedene Vakzin-Entwickler und Epidemiologen. Einiges an Gewicht sollte in der Schweiz die Einschätzung von Daniel Vasella, dem langjährigen CEO von Novartis, haben, der ebenfalls von 12 bis 18 Monaten ausgeht und, wie Gates, in der Position ist, seine persönliche und fachlich begründete Meinung weitgehend unbeeindruckt vom täglichen Informations-Overkill zu vertreten. Nichtsdestotrotz will der Immunologe Michael Bachmann vom Universitätsspital Bern einen Impfstoff-Kandidaten ab Juli in Phase I testen und, im Erfolgsfall, bis Oktober 2020 zum Einsatz bringen. Die Genehmigungsbehörde Swissmedic hält den Zeitplan nicht für ausgeschlossen.

Neuland in der Vakzin-Entwicklung

Da es jedoch bislang keine zugelassene DNA- und RNA-Vakzine gibt und der Entwicklungsprozess grundsätzlich neu ist, kann bislang niemand etwas Zuverlässiges über mögliche Schwierigkeiten oder Hindernisse sagen. Der Zulassungsprozess stösst ebenfalls auf Neuland vor. Ein anderer Grund für Verzögerungen könnte darin liegen, dass nach einem, vielleicht vorläufigen oder zeitweiligen, Abklingen der Infektionswelle die Vakzin-Tests mangels relevanter Vergleichsgruppen keine Aussagekraft haben. Zu viele Fragen um Covid-19 sind noch offen. Was hat es mit den atypischen Infektionen auf sich? Kann das Virus mutieren? Wird es auch durch Aerosole übertragen? Kann es zur Wiederansteckung kommen? Dennoch gibt sich die medizinische Community insgesamt ein wenig zu optimistisch. Vielleicht ist es auch der Druck der Politik und der Bevölkerung, der zu solchem Zweck-Optimismus führen muss. Der führende deutsche Virologe Drosten sagt in einem aktuellen Interview, dass er als „evil guy, crippling the economy“ angesehen wird.

Zuviel (Zweck-)Optimismus der Wissenschafts-Community?

Dabei tut gerade in einer im Prinzip neuen und einmaligen Gesundheitskrise Skeptizismus und Kritik not. Auch Wissenschaftler sind trotz ihrer Ausbildung zur Objektivität und Beweiswürdigung nicht gegen Herdenverhalten immun. Auch Forscher, die im Übrigen eine weltweite familiäre Community bilden, tendieren zu Gruppendenken und Wunschvorstellungen. Es ist nicht auszuschliessen, dass der Optimismus, das Virus schnell zu besiegen, der allgemeinen Euphorie, dass die modernen Technologien alles können, entspringt. Doch es könnte auch ganz anders kommen. Ein Impfstoff könnte gar nichts nützen, weil die Corona-Viren offensichtlich anders mit unserem Immunsystem interagieren als dies beispielsweise bei Masern oder Pocken der Fall ist. Bei diesen Infektionskrankheiten hält die Immunisierung ein Leben lang. Doch das Charakteristische an Corona-Viren ist, dass sich das Immunsystem schon nach wenigen Monaten nicht mehr erinnert und es folglich zu einer erneuten Infektion kommen kann, weil keine Antikörper gebildet werden. Auch ist der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, dass es sich nicht einfach um eine Art Grippe handelt, sondern um ein Virus, das tödlicher als HIV ist. Covid-19 kann alle Typen von Killerzellen, auch T-Zellen genannt, abtöten, insbesondere wenn es auf ein geschwächtes Immunsystem stösst. Das ist der Grund für die hohe Todesrate bei über 70-Jährigen und die geringe bei unter 35-jährigen. Das Verhältnis der Todesfallwahrscheinlichkeit von bis zu 20% bei Älteren steht einer statistischen Sterbewahrscheinlichkeit bei Jüngeren von 0,1% gegenüber. Insofern ist eine beträchtliche Asymmetrie zwischen den Generationen aufgetreten, die bisher äusserst unzureichend adressiert wird. Viele Länder zählen die Toten und Infizierten in Alters- und Pflegeheimen erst gar nicht, was die Statistiken stark verfälscht.

Konsequenzen der Pandemie

Es kommen also trotz beschleunigter Impfstoffentwicklung im „worst case“ weitere Infektionswellen auf uns zu, die sich sogar über Jahre erstrecken könnten. Für eine realistische Einschätzung der Gefahren und Chancen sollten Investoren offen sein, zumal die Pandemie nahezu das gesamte gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben des Planeten nun wesentlich mitbestimmt. Eine interessante Frage ist auch, warum weibliche Staatschefs wie in Neuseeland, Taiwan oder Deutschland weit besser mit der Krise umgehen zu können scheinen als populistische Machos wie Trump, Erdogan und Bolsonaro. Corona scheint sogar erheblichen Einfluss auf den Ausgang von Wahlen zu haben. In Südkorea wurde die sozialistische Regierung für das als allgemein gut eingestufte Krisenmanagement von den Wählern belohnt.

Für Investoren gibt es neben den vielfältigen Risiken der Pandemie auch Chancen wie im Bereich der Biotech-Aktien. Weitere noch offene Fragen betreffen die Produktionskapazitäten, wenn denn eine erste Zulassung erfolgt sein wird, sowie die „faire“ Verteilung. Die weltweite Impfung dürfte ein Jahr andauern. GSK und Sanofi, die beiden führenden Vakzinhersteller, könnten mit ihren Kapazitäten davon 20% abdecken.

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