Bruno Stiegeler, CEO WIR Bank: «Bis heute haben wir keine Kreditausfälle aufgrund der Covid-Krise»

Beteiligung VIAC verwaltet Assets von über 627 Mio. CHF

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In den letzten Monaten gab die WIR Bank mehrere Partnerschaften bekannt. Damit will das genossenschaftlich organisierte Institut seinen Kunden neue Dienstleistungen und einen Zusatznutzen anbieten, erklärte CEO Bruno Stiegeler im Interview mit schweizeraktien.net. Von der Corona-Krise ist die Bank bisher nur wenig betroffen. Im 1. Halbjahr resultierte ein Gewinn von 10.5 Mio. CHF. Obwohl einige Kunden vom Lockdown stark betroffen sind, verzeichnet die WIR Bank bis heute keine Kreditausfälle aufgrund der Corona-Krise.

Bruno Stiegeler leitet seit 1. Juni 2019 die WIR Bank Genossenschaft als CEO. Stiegler war schon seit 2013 als Leiter der Kundenbetreuung für die Bank tätig. Als früherer Vorsitzender der Bankleitung der Raiffeisenbank Basel ist er mit dem Geschäft einer Genossenschaftsbank vertraut. Bild: schweizeraktien.net

Herr Stiegeler, wie hat die WIR Bank die erste Welle der Corona-Pandemie überstanden?

In dieser herausfordernden Zeit haben wir uns sehr gut geschlagen. Wir konnten unser Bankgeschäft ohne irgendwelche Einschränkungen weiterbetreiben. Dies ist auch darauf zurückführen, dass wir sehr modern aufgestellt sind. Denn die Digitalisierung war bei uns schon vor Corona sehr weit fortgeschritten. So konnten wir einfach und schnell Team-Splittings machen. Über 50% unserer Mitarbeitenden haben im Lockdown im Home-Office gearbeitet – und tun es auch heute wieder.

Und wie ist die Situation bei Ihren Kunden? Immerhin ist die WIR Bank ja stark im KMU-Sektor exponiert.

Unsere Kunden sind unterschiedlich betroffen. Einige konnten normal weiterarbeiten. Andere waren stärker betroffen, beispielsweise Restaurants oder Coiffeurbetriebe, die gar nicht mehr arbeiten durften. Wir haben das gespürt, weil die WIR-Umsätze bei diesen Kunden in dieser Zeit ausgeblieben sind.

Wie viele Unternehmen haben in dieser Zeit von den Covid-Notkrediten des Bundes Gebrauch gemacht?

Wir haben 270 KMU mit total 35 Mio. CHF Covid-Notkrediten unterstützt. Gleichzeitig bewilligten wir zur Sicherung der Liquidität unserer KMU Amortisationsaufschübe auf Krediten von gegen 20 Mio. CHF. Ausserdem wurde von uns die Aktion «#zusammenstark» ins Leben gerufen, bei der wir Unternehmen portraitiert und ihre Dienstleistungen vorgestellt haben, um ihnen dank unserer Reichweite auf den Social-Media-Kanälen, über unseren WIRblog sowie das KMU-Magazin WIRinfo zu mehr Umsatz zu verhelfen.

Wurden einige Kredite bereits zurückgezahlt?

Es gibt auch Kunden, die ihren Kredit bereits wieder zurückgezahlt haben. Dies betrifft allerdings nur eine kleine Anzahl. Gerade mit Blick auf den Herbst könnte es sein, dass die Liquidität nun doch noch gebraucht wird.

Damit sprechen Sie die zweite Welle an, in der wir uns nun befinden. Die Corona-Massnahmen wurden schweizweit verschärft. In mehreren Kantonen sind Bars und Restaurants schon wieder geschlossen. Wie gut ist die Solvenz Ihrer Kunden, um auch die zweite Welle zu überstehen?

Wir haben kein besonderes Exposure in der Hotellerie- und Gastronomie. Gerade für diese Branchen sind die Zeiten bekanntlich sehr schwierig. Trotz der Hilfsprogramme und Kurzarbeitsentschädigungen rechnen wir damit, dass es in diesen Bereichen zu Schliessungen und Konkursen kommen wird. Dies wird geografisch, also in der Stadt oder auf dem Land, sehr unterschiedlich sein. Wir sind aber auch überzeugt, dass viele erfolgreiche Unternehmer mit ihren Mitarbeitern die Krise meistern können.

Rechnen Sie für 2020 und 2021 aufgrund von Covid-19 mit zusätzlichem Wertberichtigungsbedarf?

Unser Kreditportfolio ist in aller Regel besichert. Wir verfolgen die Entwicklung aber natürlich ganz genau und sind heute nicht der Meinung, dass wir grosse Sonderrückstellungen vornehmen müssen. Selbstverständlich beurteilen wir die Situation laufend neu.

Im 1. Semester sind die ausfallbedingten Wertberichtigungen, anders als es zu erwarten gewesen wäre, um fast 90 % zurück gegangen.

Dies ist darauf zurückzuführen, dass wir für einige Positionen, für die wir Wertberichtigungen gebildet hatten, Käufer respektive Lösungen finden konnten. Aufgrund von Transaktionen konnten wir also unsere Risikolage sogar verbessern. Kreditausfälle aufgrund der Covid-Krise haben wir wie bereits erwähnt bis heute keine. Konkurse gibt es aber immer wieder, allerdings ohne dass man direkt sagen kann, ob Covid daran schuld ist.

Wie entwickelt sich das Geschäft mit Ihrer Währung WIR? Die Kommissionserträge aus dem Verrechnungsgeschäft waren im 1. Semester um fast 20% rückläufig.

Mit dem allgemeinen Rückgang der Konjunktur sind auch die WIR-Umsätze im ersten Semester zurückgegangen, was sich in den niedrigeren Kommissionserträgen zeigt. Wir tun jedoch alles dafür, dass wir im indifferenten Geschäft noch weitere Erträge generieren können. Das bekannteste Beispiel dafür ist sicherlich VIAC. Aber auch andere Kooperationen wie FX Trading helfen uns, die rückläufigen Kommissionserträge aus dem WIR-Geschäft zu kompensieren.

Bedeutet dies, dass das WIR-Geschäft an Bedeutung verliert?

Nein. Fürs Verständnis wichtig ist aber eine kleine zahlenmässige Auslegeordnung: Schon heute erzielen wir mit dem klassischen Bankgeschäft über 85% der Erträge, was in erster Linie auch mit unserer konsequenten Diversifikationsstrategie zu tun hat. Trotzdem bleiben die eigene Währung WIR und das Netzwerk für uns sehr wichtig. Es gibt laufend neue Aktionen, um die Kunden zu mehr WIR-Transaktionen zu bewegen. Ausserdem laufen viele Modernisierungen im WIR-System, um WIR wieder attraktiver zu machen. Zudem ist in dieser ausserordentlichen Zeit die Rückbesinnung auf lokales, regionales und nationales Geschäften wieder viel wichtiger geworden – einen konkreten Lösungsansatz dazu bieten wir mit WIR und dem WIR-Netzwerk.

Sie haben Ihre Beteiligung VIAC angesprochen. Wo steht VIAC mit seiner Säule 3a-Lösung heute, und welche sind die nächsten Schritte?

VIAC läuft ungebremst in voller Stärke und Dynamik weiter. Inzwischen haben wir 32’500 aktive Kunden und Assets von rund 650 Mio. CHF gewonnen. Ausserdem wurde im Verlauf des Jahres sehr erfolgreich eine Lösung für die 2. Säule lanciert, welche wiederum viele neue Kunden und Assets generiert. Die Tendenz ist weiter stark steigend. Ganz gleich ob 2. oder 3. Säule profitieren die Kunden neu von einem Basisversicherungsschutz bei Invalidität oder Todesfall. Damit haben VIAC-Kunden einen weiteren Vorteil gegenüber der ganzen Konkurrenz, ohne dass ihnen zusätzliche Kosten entstehen.

Die Konkurrenz ist mit Frankly von der ZKB, Sparbatze und weiteren Angeboten gross geworden. Wie will VIAC dagegen bestehen?

Es wird mittlerweile sehr viel kopiert in diesen Bereich. Damit haben wir auch gerechnet. Und gleichzeitig sorgen die Mitbewerber mit ihren Werbeaktivitäten in teils unverschämter Höhe für Aufmerksamkeit zum Thema. Wir sehen uns als Marktleader und als Benchmark. Ausserdem ist VIAC transparent bei den Gebühren. Unsere Kunden zahlen im Schnitt über alle Strategien 0.39% nur auf das investierte Vermögen. Wenn man das bei anderen Anbietern genauer analysiert, stellt man fest, dass hie und da die Gebühren auch auf den Cash-Bestand anfallen, was de facto einem Negativzins entspricht.

In 2020 sind Sie weitere Beteiligungen und Kooperationen eingegangen, u.a. mit Amnis im Bereich FX Trading, Credex und jüngst Vermando. Was erwarten Sie von diesen Kooperationen, und ab wann rechnen Sie mit zusätzlichen Erträgen aus diesen Geschäften?

Der VIAC-Erfolg spiegelt sich mittlerweile auch in der Erfolgsrechnung der WIR Bank Genossenschaft positiv wider. Es geht aber nicht primär darum, zusätzliche Erträge zu generieren. Wir möchten mit unseren Partnerschaften einen Zusatznutzen für unsere Kunden anbieten. Es ist auch ein Zeichen der Zeit, dass wir nicht alles selber machen müssen. Bei Credex sind wir Vermittler für Hypotheken und können auf diesem Weg attraktivste Konditionen anbieten. Dies betrifft vorwiegend die Privatkunden, wo ein extremer Preiskampf tobt, bei dem wir nicht mithalten können und wollen. Über Credex vermitteln wir dann Hypotheken von Versicherungen oder Pensionskassen, die nicht zuletzt aufgrund der regulatorischen Einschränkungen gegenüber der Bankbranche im Vorteil sind. Das Management der Hypothek und somit auch die Kundenbeziehung bleiben bei der WIR Bank.

Etwas ungewöhnlich erscheint die Beteiligung an der Cargo sous terrain. Was sind Ihre Bewegründe für diese Beteiligung?

Cargo sous terrain ist eines der wichtigsten und grössten Projekte, das die Schweiz in den nächsten Jahren stemmen wird. Privatwirtschaftlich getrieben und finanziert ist es eine Gesamtlogistiklösung für das ganze Land. Sie kann vom kleinen Floristen ebenso genutzt werden wie von den Grossverteilern. Wir engagieren uns hier, weil es eine zukunftsweisende Lösung für die Logistik unseres Landes ist und wir hier der nächsten Generation nicht weitere Probleme, sondern vielmehr eine Lösung übergeben können. Denn bis 2040 werden die Kapazitäten auf unseren Strassen und Autobahnen nicht mehr ausreichen, um den Verkehr aufzunehmen.

Die WIR Bank ist einer von 30 Hauptaktionären. Unsere Rolle wird es sein, hier die Interessen und vor allem auch die Sichtweise – sprich: die Stimme der KMU einzubringen. Ausserdem können wir uns auch vorstellen, in der Projektfinanzierung das Thema günstiger WIR-Kredite einzubringen. So würde wieder WIR in den Umlauf kommen.

In diesem Jahr wurden Stammanteile im Volumen von 20 Mio. CHF bei Investoren platziert. Können Sie dazu genauere Angaben machen?

Dabei handelt es sich um Kapitalgeber aus dem Netzwerk von WIR und Privatkunden. Es sind kleinere, aber auch grössere Investoren, welche insbesondere auch vom Kurspotential sowie unserer zuverlässigen Ausschüttungspraxis überzeugt sind.

Im Handelsgeschäft haben Sie im 1. Halbjahr einen Verlust von 11.4 Mio. CHF ausgewiesen. Wie ist der Verlust entstanden?

Ein Teil unserer Eigenmittel ist traditionell und bewusst in Wertschriften angelegt. Dabei handelt es sich um 50% Aktien und 50% in festverzinslichen Anlagen, die nach Währungen und Länder breit diversifiziert sind. Der klare Fokus liegt natürlich in der Schweiz. Aufgrund der schwierigen Lage an den Börsen im Frühjahr mussten wir Bewertungsverluste auf den Positionen verbuchen. Diese sind allerdings durch regelmässig gebildete und üppig dotierte Wertschwankungsreserven ausreichend abgedeckt.

Sie sind jetzt etwas länger als ein Jahr CEO der WIR Bank. Was ist Ihr persönliches Fazit nach dieser Zeit, und welche Pläne haben Sie mit der Bank in den kommenden Jahren?

Es war eine unheimlich dynamische Zeit, in der wir mit der neuen Geschäftsleitung und unserer neuen Verwaltungsratspräsidentin Karin Zahnd Cadoux viele neue Projekte erfolgreich lanciert haben. Weitere werden folgen. Durch die Covid-19-Pandemie konnten wir in diesem Jahr viele geplante Aktivitäten aber noch nicht umsetzen und mussten leider eine ganze Reihe unserer sehr beliebten Events für KMU-, aber auch Privatkunden absagen. Wichtig ist, dass unsere kerngesunde und sehr dynamische Genossenschaftsbank weiter erfolgreich gewachsen ist – und das bei tieferen Kosten. Meine Ambition ist es, weiterhin Mehrwert zu schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Genossenschaftsanteile der WIR Bank werden ausserbörslich auf OTC-X gehandelt. Zuletzt wurden 395 CHF für einen Anteil gezahlt. Seit Jahresbeginn hat der Kurs um knapp 6% zugelegt. Die Dividende lag bei 10.25 CHF pro Anteil.

Der Kurs für den Anteilsschein der WIR Bank entwickelte sich trotz der Corona-Krise positiv. Chart: www.otc-x.ch

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