SGV: Überschuldung durch Darlehensverzicht abgewendet

Der Geschäftszweig Schiffsbau und -unterhalt mit Rekordergebnis

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Hoher Wellengang, raue See, peitschender Sturm – wer auf dem Wasser zu Gange ist, dem machen solche Vorkommnisse keine Freude. So geht es auch der Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee (SGV), die mit einem düsteren Schwarzweiss-Bild von einem aufgewühlten Gewässer ihren Geschäftsbericht 2020 illustriert.

Das Cover des Geschäftsberichtes der SGV Holding. Bild: sgvgruppe.ch

Dieses Bild veranschaulicht die Stimmungslage, die beim Tourismusunternehmen aus Luzern herrscht. Denn das Unternehmen wurde im letzten Jahr hart von den Folgen der Corona-Pandemie getroffen. Und das gleich doppelt: Denn man betreibt neben der auf Tourismus fokussierten Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees mit dem Gastronomieunternehmen Tavolago  eine weitere pandemiebedingte Problemtochter.

Geschäftsjahr „relativ glimpflich“ überstanden

„Bekanntlich sind Vertrauen in die Mannschaft und die Navigation in der Seefahrt in stürmischen Zeiten besonders wichtig. Ich bin froh, dass die SGV Gruppe das äusserst schwierige Geschäftsjahr dank Sparmassnahmen, finanziellen Reserven aus den Vorjahren, staatlicher Unterstützung und engagierten Mitarbeitenden relativ glimpflich überstanden hat“, lässt sich Stefan Schulthess, CEO der SGV Holding AG, im Geschäftsbericht zitieren.

„Relativ“ ist hier die entscheidende Einschränkung. Ein Umsatzrückgang von 43%, ein operativer Verlust von 12 Mio. CHF und ein EBITDA von minus 4 Mio. CHF verdeutlichen die Einschläge, die die SGV 2020 hinnehmen musste.

Gastronomie- und Tourismustöchter mit hohen Verlusten

Hart getroffen wurde die Gastronomietochter Tavolago. Der Umsatz ging um fast zwei Drittel auf 12.8 Mio. CHF (Vorjahr: 35.6 Mio. CHF) zurück, während der Betriebsaufwand mit 15.8 Mio. CHF zu Buche schlug, was einen Verlust auf Stufe EBITDA von 3 Mio. CHF ergibt.

Ein ähnliches Bild zeigt die Schifffahrt. Die Personenfrequenzen sanken um 55% auf 1,3 Mio. Passagiere. Entsprechend ging der Umsatz zurück, der 2020 bei 19.4 Mio. CHF lag (Vorjahr 36.6. Mio. CHF). Der Verkehrsertrag halbierte sich von 33.4 Mio. CHF in 2019 auf 16.9 Mio. CHF. Mit einem Betriebsaufwand von 22.1 Mio. CH und nach betrieblichen Abschreibungen resultiert ein EBIT von -7.8 Mio. CHF. Durch einen Teilverzicht des Bundes und der Kantone auf bedingt rückzahlbare Investitionsbeiträge in Höhe von 6 Mio. CHF wurde der Unternehmensverlust auf -1.9 Mio. CHF reduziert.

Im Gesamtunternehmen resultierten aufgrund des massiven Umsatzeinbruchs trotz Kostensenkungsmassnahmen in Höhe von 22 Mio. CHF Unterbilanzen mit gesetzlichen Folgen. Zur Beseitigung dieser Unterbilanzen musste ein umfassendes Sanierungskonzept umgesetzt werden. Dazu gehört der Teilverzicht eines „bedingt rückzahlbaren Darlehens“, das der Bund und die fünf Anrainerkantone 1989 der SGV gewährt hatten. Der Darlehensverzicht wurde in der Jahresrechnung als ausserordentlicher Ertrag  verbucht und die Überschuldung damit abgewendet.

Schiffsbau und -unterhalt geben Zuversicht
Blick in die SGV-eigene Werft der Shiptec AG. Bild: shiptec.ch

Aber wo viel Finsternis ist, gibt es auch meist ein Licht. Bei der SGV ist die hell leuchtende Ausnahme die Shiptec AG, die hauseigene Werft, die sich auf den Bau und die Wartung von Schiffen spezialisiert hat. Der Geschäftszweig konnte 2020 einen Rekordumsatz von 23 Mio. CHF verzeichnen (Vorjahr 20.3 Mio.). Der Unternehmensgewinn verdoppelte sich von 0.6 Mio. CHF in 2019 auf 1.3 Mio. CHF.

Ausblick

Die Restaurants der Tavolago-Gruppe mussten während des ersten Quartals 2021 geschlossen bleiben, die Schliessung der Innenräume dauert immer noch an. Das Fahrplanangebot der SGV AG und der SGV Express AG ist weiterhin reduziert. Damit verlängert sich die bereits im letzten Jahr angeordnete Kurzarbeit, und die eingeleiteten Kostensenkungsmassnahmen werden weitergeführt. Den Einfluss dieser aussergewöhnlichen Situation auf die finanzielle Lage kann das Unternehmen zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzen. Man ist aber in Luzern überzeugt davon, dass die SGV Holding und auch die einzelnen Gruppengesellschaften nach der Krise aufgrund ihrer Geschäftsmodelle schnell wieder Fuss fassen würden, schreibt das Unternehmen in einer Bilanz-Medienmitteilung.

Fazit

Die Auswirkungen der Pandemie haben die vorwiegend im Tourismus- und Gastronomiebereich tätige SGV hart getroffen. Alleine Schiffsbau und –wartung legten eine zufriedenstellende Performance hin. Wobei noch nicht abzusehen ist, welchen Einfluss Corona auf die langfristige Bestellungs- und Auftragslage der Shiptec haben wird.

Auch die rund 7‘000 Aktionäre der SGV AG kommen nicht ungeschoren davon. Einerseits ging der Aktienkurs des auf OTC-X gelisteten Unternehmens stark zurück, andererseits wird auf absehbare Zeit keine Dividende ausgeschüttet werden dürfen. Denn die unterzeichnete Sanierungsvereinbarung ist an verschiedene Bedingungen geknüpft. So hat sich die SGV AG unter anderem verpflichtet, bis Ende 2024 auf Dividendenausschüttungen an die SGV Holding AG zu verzichten.

Weiterhin wurde vereinbart, dass die SGV AG bis Ende 2022 auf weitere Unterstützungsmassnahmen wie Härtefallmassnahmen und Massnahmen zugunsten des touristischen Verkehrs verzichtet. Letzteres gilt auch für die SGV Express AG und die Tavolago AG.

Aufgrund der Krise stieg der Anteil des Fremdkapitals, besonders der des kurzfristigen, von 48,9 Mio. CHF auf 55.1 Mio. CHF an. Entsprechend reduziert sich der Eigenkapitalanteil im Berichtsjahr von eh schon nicht sehr hohen 37,6% auf 30,1%.

Stürmische Zeiten also weiterhin für die SGV. Was den VR-Präsidenten Hans-Rudolf Schurter im Geschäftsbericht dazu veranlasste, an die Politik zu appellieren. Denn die bereitet ihm Kopfzerbrechen. „Ich hoffe, wir können angesichts der aktuellen Lage bald wieder etwas sachlicher über den Tourismus reden. Wir sollten nicht vergessen, dass von ihm auch viele kleine Unternehmen und die lokale Bevölkerung profitieren und dass im Kanton Luzern über 10’000 Vollzeitbeschäftigte im Tourismus tätig sind“, so die klaren Worte des VRP Richtung Luzerner Politiker.

Im Kurzinterview mit schweizeraktien.net äussert sich Stefan Schulthess zum Geschäftsgang in den ersten fünf Monaten diesen Jahres, verdeutlicht die Kritik gegenüber Luzerner Stadtrat und Parlament und deren neue «Vision Tourismus Luzern 2030» und erläutert, warum er zurzeit keine Notwendigkeit einer Strategieänderung sieht.

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