Aktienmärkte in 2022: Wie Portfoliomanager auf die Herausforderungen eingehen

Inflation, steigende Zinsen und Lieferengpässe im Fokus der professionellen Anleger

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Wo sind 2022 im Aktienmarkt die Perlen auszumachen? Bild: stock.adobe.com

Seit September 2021 ist die Nervosität an den Märkten deutlich gestiegen. Anleger sind angesichts anziehender Inflation, Lieferengpässen und drohenden Zinserhöhungen der Nationalbanken mit höherer Volatilität und deutlich sinkenden Kursen konfrontiert.

Vor diesem Hintergrund hat schweizeraktien.net einige Portfoliomanager, die mit ihren Fonds in Schweizer Titel investiert sind, zu den Herausforderungen für 2022 befragt.

Der Jahresstart verlief für die Portfoliomanager schwierig, weil z.B. der für die meisten Fonds relevante Vergleichsindex SPIEX allein im Januar 2022 um 7,5% nachgab. So lag die Performance fast aller befragten Fonds mit einer Ausnahme um oder unter der jeweiligen Benchmark.

Der Schroder Swiss Small & Mid Cap Fund hielt sich mit 7,4% Verlust im Januar 2022 knapp über der Benchmark SPIEX. Der Albin Kistler Small & Mid Cap Schweiz gab im Januar um 8% ab. Der UvA Swiss Dividend Fund verlor 11,7%, währenddessen die Benchmark SPI um 5,7% nachgab. Und auch der 3V Invest Swiss Small & Mid Cap verlor mit 9% mehr als die Benchmark SPI SMC, die im Januar um 7,1% tiefer notierte.

Während die meisten Fondsmanager auf ein höchst erfreuliches 2021 zurückschauen mit Wertzuwächsen ihrer Portfolios über 20%, im Falle des UvA Swiss Dividend Fund sogar von 37,5%, hatten andere einstellige Zuwächse zu verzeichnen.

Performance des UvA Swiss Dividend Fund bis Ende 2021. Der Fonds schlug die Benchmark mit einer Performance von 37,5% deutlich. Quelle: lbswiss.ch
Value vs. Growth

Der AMG Substanzwerte Schweiz Fonds verbuchte im 2021 lediglich einen Wertzuwachs von 3,4% und konnte damit mit der Hausse in Wachstumstitel nicht mithalten. In den jetzigen unruhigen Zeiten aber gibt es ein Revival der Substanzwerte. Erhard Lee, AMG Fonds, sagt dazu: „Der AMG Substanzwerte Schweiz Fonds hat seit Jahresbeginn alle Indizes wie auch die ganze Konkurrenz in den Schatten gestellt und nur um 2% eingebüsst. Die geringe Volatilität und die hohe Kontinuität des Portefeuilles zahlen sich gerade jetzt in Zeiten grosser Unwägbarkeiten aus.“

Performance des AMG Substanzwerte Schweiz Fonds im Januar 2022. Der Fonds schnitt deutlich besser ab als alle Indizes. Quelle: amgfonds.ch

Daniel Lenz, Portfoliomanager des Schroder Swiss Small & Mid Cap Fund, streicht auf die Frage, wie der Januar für den Fonds verlaufen sei, ebenfalls die Substanzwerte heraus, die seit Jahresbeginn zu den Gewinnern zählten: SFS, die Versicherungen Helvetia und Baloise, Idorsia und die St. Galler Kantonalbank.

Auf der anderen Seite berichtet Martin Lehmann, Portfoliomanager des 3V Invest Swiss Small & Mid Cap, von einem „schweren Stand, da unser Fokus auf Qualitätsunternehmen mit strukturellem Wachstumspotenzial überdurchschnittlich unter den anziehenden Zinsen leidet.“ Ähnlich klingt es bei Raffael Frauenfelder, der den Albin Kistler Small & Mid Cap Schweiz verantwortet. Nicht mehr günstig bewertete Unternehmen würden – auch wenn diese von bester Qualität seien – in der Folge von gestiegenen Inflationsraten und erwarteten Zinserhöhungen stark abgestraft. Dem könne sich auch der Fonds nicht entziehen.

Zur Rose, ein typischer Wachstumstitel, der nicht nur wegen der Verzögerung der Einführung des e-Rezepts in Deutschland stark gerupft wurde und über zwei Drittel seines Wertes in den letzten zwölf Monaten verlor. Quelle: six-group.ch
Ausblick auf das Jahr 2022

Alle Portfoliomanager sind sich einig, dass man 2022 mit einer erhöhten Volatilität umgehen müsse. „Inflation, Notenbanken, die ihre Geldpolitik anpassen müssen, angespannte globale Beschaffungsmärkte und geopolitische Unruhen, wie momentan die Ukrainekrise, müssen von den Marktteilnehmern verarbeitet werden“, sagt Daniel Lenz von Schroders. Raffael Frauenfelder von Albin Kistler pflichtet ihm bei: „Höhere Preise für Rohstoffe, weiterhin bestehende Güterengpässe, steigende Personalkosten und etwas höhere Zinsen wirken dämpfend auf das starke Wirtschaftswachstum, welches nach Aufhebung der staatlichen Massnahmen folgte“. Das werde, so Urs von Arx von UvA Swiss Dividend Fund, zu einem andauernden Hin und Her zwischen Industrien, Sektoren und Anlagestilen führen. „Auf längere Sicht werden Qualitätstitel allerdings wieder vom Rückenwind des Jetstreams profitieren, auf den diese Aktien meist mit überdurchschnittlicher Entwicklung reagieren“, ist sich von Arx sicher.

Martin Lehmann richtet seinen Fokus 2022 weiterhin auf Qualitätsunternehmen mit Preissetzungsmacht sowie auf Firmen, die ihre Supply Chain gut im Griff haben. Und Erhard Lee fügt an: „Wachstumshoffnungen wurden zuletzt sehr teuer bezahlt, und diese Übertreibungen werden jetzt abgebaut. Die Standardwerte und besonders die Substanzperlen handeln aber zu günstigen Kursen. Da ist das Risiko klein, und die Chancen sind intakt.“

Der Kursverlauf der IFV-Hartmann-Aktie. Ein Substanzwert, dem Erhard Lee, AMG Fonds, viel Aufwärtspotenzial bescheinigt. Quelle: six-group.ch
Fazit

Die Aufmerksamkeit der Portfoliomanager ist ganz auf die Entwicklung der Inflation und damit verbundenen Zinserhöhungen der Nationalbanken konzentriert. Natürlich sind die Augen auch Richtung Ukraine gerichtet, aber eine nachhaltige Beeinflussung der Märkte durch die politische Krise wird, jedenfalls im Moment, noch nicht gesehen.

Die spannende Frage wird sein, ob die Wachstumswerte, deren rasanter Anstieg in den letzten Jahren ein vorläufiges Ende gefunden hat, wieder anziehen werden. Und ob Substanzwerte vor einer Renaissance stehen, wie es Lee prophezeit.

Stark beunruhigt scheinen die Fondsmanager aber nicht ob der nahen Zukunft, da das wirtschaftliche Umfeld stimmt und damit ein Anstieg der Firmengewinne absehbar ist.

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