Online Casinos: Wachstums-Zenit überschritten

Betreiber rechnen mit weiterer Konsoliderung

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11 Online Casinos buhlen in der Schweiz um die Gunst der Spieler und Spielerinnen. Das Logo des Anbieters Swiss Casinos fehlt. Quelle: switzerlandcasinos.ch

Seit der Einführung des neuen Geldspielgesetzes 2019 dürfen Schweizer Casinos zusätzlich zu ihren terrestrischen Aktivitäten Online Casinos anbieten. Davon wurde in den vergangenen drei Jahren reger Gebrauch gemacht. 11 Online Casinos in der Schweiz bieten Spielerinnen und Spielern mittlerweile Geldspiele im Internet an.

Unter diesen 11 Casinos gibt es grosse Diskrepanzen, was den erzielten Bruttospielertrag (BSE) betrifft. Schweizeraktien.net hat sich bei den Casinos umgehört und wollte von den Entscheidungsträgern wissen, wie sie erste Konsolidierungstendenzen einschätzen, ob das neue Geldspielgesetz seinen Zweck, illegale Angebote auszutrocknen, erfüllt und wie sich die Online Casinos in den nächsten Jahren weiterentwickeln werden.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

2021 erzielten die Online Casinos einen BSE von gesamt 234.4 Mio. CHF, so der Schweizer Casino Verband. Die digitale Version der Casinos kommt somit bereits auf über 50% der Einnahmen, die die 21 terrestrischen Casinos in der Schweiz mit 405.6 Mio. CHF im Jahr 2021 verzeichnen konnten.

Dabei ist ein grosses Gefälle auszumachen, was die Einnahmen der einzelnen Online Casinos anbelangt. Hier zeigt sich eindrücklich, dass, wer zuerst kommt, auch zuerst mahlt. So ist der Einstiegszeitpunkt in den Markt praktisch gleichbedeutend mit der Ranglistenposition an BSE, die die einzelnen Casinos in 2021 erzielten.

Quelle: switzerlandcasinos.ch
Wachstum schwächt sich deutlich ab

Unter den ersten, die mit einem Online Casino auf den Markt kamen, war das Casino Luzern mit mycasino.ch im Sommer 2019. Heute sind die Luzerner klarer Spitzenreiter, was die Spielerträge anbelangt. Nach rasantem Wachstum in den Jahren 2019 bis 2021 geht Wolfgang Bliem, CEO des Grand Casino Luzern, davon aus, dass sich die Zuwachsraten in Zukunft deutlich verlangsamen: «Die starke Wachstumsphase der Marktöffnung ist beendet, und für die Zukunft gehen wir von einem Umsatzwachstum im einstelligen Prozentbereich aus».

Marc Baumann, CEO der Swiss Casinos Gruppe, die mit Swisscasinos.ch des Casinos Pfäffikon (SZ) das zweitgrösste Online Casino betreibt, sieht den Wachstums-Zenit ebenfalls überschritten. Für dieses Jahr rechnet er mit einem Umsatzplus von noch etwas über 4%.

Aber auch wenn alle Casino-Verantwortlichen von einem mehr oder weniger gesättigten Markt ausgehen, so sehen sie doch weiteres Wachstumspotenzial. Ludwig Nehls, CEO des Grand Casinos Kursaal Bern, geht davon aus, «dass der zusätzliche illegale Markt durch illegale ausländische Anbieter ungefähr 150 bis 250 Mio. CHF beträgt». Hier schlummern BSE, die sich die Schweizer Casinos gerne einverleiben würden. So rechnet auch Baumann von Swiss Casinos «mit einem schrittweisen Zuwachs von 100 bis 150 Mio. CHF». Michael Böni, CEO der Stadtcasino Baden Group, pflichtet bei: «Es verdichten sich die Anzeichen für ein potenziell höheres Umsatzvolumen.»

Konsolidierung fordert erste Opfer

Für manche Anbieter dürften die erwarteten höheren Umsätze allerdings zu spät kommen. Die federführende Betreiberin des Neuenburger Online Casino hurrah.ch, die Kursaal Bern AG, hat kürzlich bekannt gegeben, das Online Casino in Neuchâtel noch in diesem Jahr zu schliessen und zukünftig nur noch ihr digitales Angebot 7melons.ch zu betreiben. Dazu sagt der für die Casinos Neuchâtel und Bern zuständige Ludwig Nehls: «Der Markt ist nicht gross genug für alle bereits lizenzierten Online Casinos in der Schweiz. Aufgrund des sehr kompetitiven Marktes und der sehr hohen Aufbaukosten für eine Plattform gehe ich in den nächsten 2-3 Jahren von weiteren Schliessungen aus». Swiss Casinos CEO Baumann verweist auf die enormen Markteinstiegskosten, mit denen sich neu in den Markt eintretende Casinos konfrontiert sehen. «Als Nutzschwelle betrachten wir einen Umsatz von 8 bis 10 Mio. CHF, weil die Grundinfrastruktur aufwendig ist und fast die Hälfte des Umsatzes als Spielbankenabgabe an die AHV geleistet wird.»

Die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) äussert sich beamtengerecht vorsichtig auf die Frage von schweizeraktien.net, ob es eine Konsolidierung am Markt gebe: «Die Zukunft wird dies weisen. Diesbezüglich ist darauf hinzuweisen, dass zwar einerseits die bestehenden Konzessionserweiterungen am 31.12.2024 auslaufen, andererseits aber im Rahmen des Verfahrens um Neukonzessionierung ebenfalls Gesuche um Konzessionserweiterungen gestellt werden können. Über deren Anzahl wird die ESBK später informieren», so Ruedi Schneider, stellvertretender Leiter der ESBK.

Marketing schlägt stark zu Buche 

Neben der Abgabe an die AHV belastet insbesondere noch ein Posten das Budget der Online Casinos. Aber darüber will niemand Auskunft geben. Fragt man nach den Marketingkosten, erschallt es unisono: Kein Kommentar, Betriebsgeheimnis! Ein bisschen in die Karten schauen lässt sich Ludwig Nehls: «Die Marketingausgaben, aber auch die Ausgaben für Prävention bilden hohe Ausgabepositionen im Online-Spielbetrieb. Damit eine entsprechende Kundenbasis aufgebaut werden kann und die Sicherheit permanent gewährleistet bleibt, sind hohe Investitionen notwendig.»

Die Tatsache, dass die Marketingkosten in den Erfolgsrechnungen der Casino-Betreiber im übrigen betrieblichen Aufwand verbucht werden, macht es schwierig, diese genau zu beziffern. So wies das Casino Baden 2018, also noch vor Beginn der Online-Tätigkeit, einen übrigen betrieblichen Aufwand von 7 Mio. CHF aus, 2021 waren es 29 Mio. Das Casino Luzern weist für 2021 einen übrigen betrieblichen Aufwand von 20 Mio. CHF aus. 2019, im ersten halben Jahr der Online-Aktivitäten der Luzerner, lag das Marketingbudget bei 4.7 Mio. CHF, was gegenüber dem Vorjahr 2018 eine Verdopplung bedeutete. Die Vermutung liegt nahe, dass die grossen drei, nämlich Luzern, Pfäffikon und Baden, heute mit Marketingbudgets in zweistelliger Millionenhöhe operieren.

Es müsse bereits knapp gerechnet werden, sagt Baumann von Swiss Casinos. Nach Abzug der Spielbankenabgabe an die AHV folgten Personalkosten, Miete, Plattform- und Spielekosten. Und eben die Marketingkosten. Deshalb, so Oliver Grimm, CEO des Casinos Interlaken, das die Plattform Starvegas.ch betreibt, stünden alle Ausgaben im Fokus, mit Ausnahme der Personalkosten und der Kosten für den Spielerschutz. Hier würden die Ausgaben eher noch steigen.

Gemischte Reaktionen auf neues Geldspielgesetz

Sehr gemischt fällt bei den Online Casino-Betreibern die Würdigung des neuen Geldspielgesetzes aus. «Leider hat das neue Geldspielgesetz nicht substanziell zur Eindämmung des illegalen Online-Glücksspiels beigetragen, hier besteht noch Handlungsbedarf», meint Michel Böni vom Casino Baden. Oliver Grimm aus Interlaken ergänzt beipflichtend: «Hier gibt es noch Potenzial nach oben. Es ist wird den Spielern, vor allem auch denjenigen, die aus Sozialschutzgründen in der Schweiz gesperrt sind, immer noch viel zu leicht gemacht, auf illegale Angebote zuzugreifen.» Die Abschöpfung illegaler Marktanteile sei zu 50% gelungen, der Anteil der illegalen Online Casinos sei aber weiterhin sehr hoch, findet auch der Luzerner Wolfgang Bliem. Ludwig Nehls aus Bern sieht die Ziele des neuen Geldspielgesetzes nur zum Teil als erreicht an. Die starke Regulation verursache eine sehr hohe Anzahl an angeordneten Spielsperren und treibe viele Spielerinnen und Spieler fast unwiderruflich in illegale Angebote. Dabei basierten die Sperrgründe oftmals nur auf dem Unwillen der Spieler, viele persönliche Informationen preiszugeben.

Ruedi Schneider von der ESBK äussert sich zur Wirksamkeit des Geldspielgesetzes verhalten: «Der Bundesrat räumte in der Botschaft ein (BBl 2015 8475), dass keine hundertprozentige Wirksamkeit gewährleistet werden kann. Doch dürfte der Umstand, dass der Zugang zu nicht bewilligten Websites erschwert werde, bei durchschnittlichen Spielern ausreichen, um sie zu legalen Angeboten zu leiten. Ein komplettes Verbot des Zugangs zu illegalen Angeboten war also nicht das Ziel des Gesetzgebers.»

Ausblick

Alle Casino-Betreiber gehen von einer Konsolidierung des Marktes aus. Mindestens ein Drittel aller Online Casinos werde in der Schweiz im Lauf der nächsten fünf Jahre aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen, sagt Ludwig Nehls. Oliver Grimm aus Interlaken sieht das Marktpotenzial bei 8 bis 12 Playern. Auf jeden Fall sei man sich bewusst, dass das Online-Geschäft es nicht erlaube, Pausen einzulegen oder die Hände in den Schoss zu legen, so Marc Baumann.

Michael Böni verweist darauf, dass technologische Neuerungen wie beispielsweise künstliche Intelligenz oder Robotik sehr viele neue Einsatzmöglichkeiten brächten und dass diese auch im Casino-Umfeld Einzug halten würden. So werde das Casino Baden in naher Zukunft mit Hilfe von künstlicher Intelligenz den Spielerschutz verbessern können.

Fazit

Das neue Geldspielgesetz hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Dass Casinos wie Luzern, Pfäffikon, Baden und Davos kurz vor Ausbruch der Pandemie Anfang 2020 ihre Online Casinos operativ auf die Schiene brachten, war Gold wert, vor allem, wenn man berücksichtigt, wie dramatisch das Geschäft zwischen 2020 und 2022 im terrestrischen Bereich mit -45% eingebrochen ist. Da waren die 25% Zuwachs im Onlinebereich in 2021 mehr als nur ein Pflaster auf die geschundene Casino-Seele.

Aber längst nicht alle Online Casinos haben davon profitiert. Es ist eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, die sich herausgebildet hat. Die Casinos aus Luzern, Pfäffikon und Baden erzielten 2021 einen BSE von zusammen um die 180 Mio. CHF, die restlichen acht gerade mal etwas über 50 Mio. CHF.

Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass angesichts hoher Kosten bei Markteintritt, aber auch beim Unterhalt und der Promotion der eine oder andere Anbieter die Segel streichen muss, wie jetzt in Neuchâtel geschehen. Neuchâtel dürfte nicht der einzige Anbieter bleiben, der wieder von der Online Casino-Landkarte verschwindet.

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