Bergbahnen: Wie umgehen mit dem Mangel an Schnee?

Die Hälfte der Skigebiete ist wegen des Klimawandels gefährdet

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Skilifte Skilfite und Beschneiung Beschneiung sein lassen? Wie sieht das richtige Konzept für die zukünftigen Wintersaisons aus? Bild: stock.adobe.com

Experten prognostizieren, dass es bei einer Erwärmung von 2 Grad über vorindustriellem Niveau bei etwa der Hälfte der Skigebiete in 28 europäischen Ländern ein sehr hohes Risiko für Schneemangel gäbe. Das hat das Fachjournal «Nature Clima Change» veröffentlicht. Während weltweit die Temperatur um 1,2 Grad gestiegen ist, sind wir in den Alpen bereits bei 2 Grad. Das Klima verändere sich schneller in den Alpen, so ein IPCC-Sonderbericht.

Sollte es gelingen, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, wären der Analyse zufolge rund 32% der Skigebiete stark gefährdet. Mithilfe von künstlicher Beschneiung könnte dieser Anteil auf 14% bis 26% begrenzt werden. Der spanische Meteorologe Ernesto Rodriguez Camino sagt: «In Skigebieten in niedrigen Höhenlagen und weiter südlich hat die Beschneiung kaum Auswirkungen, da zu hohe Temperaturen eine effektive Schneeproduktion verhindern. Im Norden und in höheren Lagen ist die Beschneiung jedoch wirksam.»

Was heisst das nun für die Skigebiete in der Schweiz? Wie sollen sich die Bergbahnen positionieren, gerade diejenigen, die in mittleren Lagen zwischen 1’000 und 2’000 m.ü.M. tätig sind?

Ab vier Grad Erwärmung keine ausreichende Schneemenge mehr für alle Skigebiete

Der Beschneiungsanlage den Hahn zudrehen, Skilifte dicht machen – ist das der richtige Weg? Oder noch stärker in künstliches Weiss investieren, neue Pisten kreieren, das Angebot ausbauen?

Die Experten haben Szenarien für 2234 Skigebiete bei einer Erwärmung von bis zu vier Grad berechnet. Demzufolge hätten praktisch alle Skigebiete ein sehr hohes Risiko einer unzureichende Schneelage, wobei es dabei aber natürlich grosse regionale Unterschiede gibt. So sind die Lage, aber auch die Merkmale der Beschneiungsanlagen sowie die Verfügbarkeit von Wasser und Energiequellen in genauere Abwägungen einzubeziehen.

Hat also die Bergbahn Sattel Hochstuckli alles richtig gemacht, als der Verwaltungsrat beschloss, Skilifte und Beschneiung Beschneiung sein zu lassen? Die Entscheidung wurde von Teilen des Aktionariats und der Bevölkerung in Sattel und umliegenden Gemeinden teils heftig kritisiert. Schweizeraktien.net hat darüber berichtet. Das lässt sich emotional gut nachvollziehen. Ein jeder hat hier seine ersten Schwünge sozusagen vor der Haustüre in den Schnee gezogen, hat Erinnerungen an Skiliftfahrten und an die peinlichen Stürze vom Bügel. Aus wissenschaftlicher Sicht scheint der Schritt aber weitsichtig und damit der richtige zu sein. Auch wenn man sagen muss, dass die Bergbahn Sattel Hochstuckli ihn auch aus einer wirtschaftlichen Notlage getroffen hat.

Viele Bergbahnen mit ausgezeichnetem Wintergeschäft trotz Schneemangel

Aber die wirtschaftliche Notlage ist entstanden, weil insbesondere der letzte Winter praktisch keinen Schnee lieferte, nicht nur im Kanton Schwyz, sondern schweizweit. In Sattel kam also einiges zusammen. Glücklicherweise ist Sattel aber nicht repräsentativ für die ganze Schweiz in der letzten Wintersaison. Skigebiete über 1’800 m.ü.M. hatten naturgemäss bessere, wenn auch nicht perfekte Verhältnisse, was sich auch in den Abschlüssen der auf OTC-X gelisteten Bergbahn-Unternehmen ablesen lässt. Dabei profitierten diese Skigebiete sogar vom Umstand, dass man weiter unten nicht fahren konnte und nach Alternativen in der Höhe gesucht wurde.

Aufgrund der Studie von Nature Clima Change hat schweizeraktien.net eine Umfrage unter ausgesuchten Bergbahnen in der Schweiz durchgeführt.

Umfrage unter Schweizer Bergbahnen

Manchmal ist es bei schriftlichen Umfragen interessant, wer nicht auf die Fragen geantwortet hat. Und was die Schweigenden vereint. Bei der Umfrage von schweizeraktien.net unter 12 Bergbahnen gab es einen Rückfluss von 66%, 4 Bergbahnen antworteten nicht. Und einer sagte trotzdem etwas, obwohl seine Bahn nicht betroffen ist.

Nicht geantwortet haben in erster Linie die Bergbahnen der höchstgelegenen Destinationen. Aber auch der Aktienmarkt scheint eine Rolle zu spielen. Zwei der drei an der SIX kotierten Unternehmen haben gemeinsam mit den auf OTC-X gehandelten Davos Klosters Bergbahnen und der Bergbahn Sattel Hochstuckli Schnee Schnee sein gelassen, also nicht geantwortet.

Vielleicht ist für die höchstgelegenen Bergbahnen Schneemangel schlicht kein Thema. Und die Fragen nach Klimaänderungen hat man schon 100x beantwortet.

Starke Auswirkungen des Schneemangels in mittleren Lagen

Also zurück in die Niederungen. In vergleichbarer Höhe wie Sattel Hochstuckli operieren die Bergbahnen der Rigi und des Brunnis. Die beiden Skigebiete waren zwei Winter nacheinander stark vom fehlenden Weiss betroffen. Statt durchschnittlich 80 Tagen Skibetrieb auf der Rigi gab es 2022/2023 nur 9 Tage. Die Brunni-Bahnen kramten über die Festtage an Weihnachten und Silvester das Sommerangebot mit Grillieren und Sommerrodelbahn hervor, wie Roman Barmettler, der Geschäftsführer, mitteilt. Spüren tun sowohl Barmettler als auch Frédéric Füssenich, CEO der Rigi Bahnen, den Klimawandel. Warme Temperaturen, die eine künstliche Beschneiung nicht mehr zulassen, sehr wenig Schnee vom Himmel.

Grillen, Sommerrodelbahn, Winterwanderwege. Man stellt sich allerorten aufgrund der Lage noch stärker auf schneeunabhängige Jahreszeiten bzw. ein schneeunabhängiges Angebot ein.

Ohne technische Beschneiung geht nichts

Aber auch in der Höhe spürte man in den letzten zwei Jahren den fehlenden Schnee. Ohne künstliche Beschneiung ging nichts, so schreibt Markus Hasler, CEO der Zermatt Bergbahnen, mit 1’700 bis 3’900 m.ü.M. im höchstgelegenen Skigebiet der Befragten tätig. Den äussersten Einsatz von Energie-Resourcen wie Energie, Wasser und Treibstoff forderte der letzte Winter auch für die Weisse Arena in Laax.  «Wir haben beschneit und geschaufelt», sagt Thomas Küng von den Lenzerheide Bergbahnen. Und oberhalb von Mürren hat Christoph Egger und seine Crew von der Schilthorn Bahn den Schnee schlicht in einer sogenannte Schneefarm als Konserve über den Sommer gebracht.

Wachsendes Sommergeschäft in grossen Höhen

Auch die hochalpinen Regionen kämpfen also mit dem ausbleibenden Weiss. Und auch sie stellen sich auf wachsende Gästezahlen im Sommer ein, einerseits, um die Abhängigkeit vom Winter etwas zu reduzieren, andererseits, weil einiges dafür spricht, dass der Klimawandel die Menschen aus den urbanen Gegenden in die angenehm kühle Höhe treiben wird, so Christoph Egger.

Bei der Schilthornbahn macht das Sommergeschäft bereits 65% der Erträge aus, bei den Brunni Bahnen 45%, bei den Zermatt Bergbahnen 30% und bei den Jungfraubahnen war das Sommergeschäft schon immer wichtiger als das Wintergeschäft, wie das Unternehmen mitteilt. 10% Umsatzanteil macht die Sommersaison bei den Lenzerheide Bergbahnen aus, absolut betrachtet seien die Umsätze wachsend, schreibt Thomas Küng. Als Einziger tanzt Frédéric Füssenich aus der Reihe, der den Winterumsatz u.a. mit seinen Winterwanderwegen erhöhen will.

Ausnahmefall Säntis Schwebebahn

Und damit zu dem Einen, den das alles mehr oder weniger nicht betrifft. Den Klimawandel aber schon. «Schnellere und extreme Wetterwechsel» macht Jakob Gülünay von der Säntis Bahn aus. Aber da es am Säntis keine Skigebiete gibt, hatte die Schneesituation auch keine Auswirkungen auf den Betrieb. Und die Hauptsaison auf der Schwägalp beim Säntis sei sowieso der Sommer und der Herbst, so Gülünay. Hier ist teilweise auch eine andere Klientel zugange als auf Jungfrau, Titlis, Schilthorn und Co., nämlich der Schweizer, Voralberger, Baden Württemberger oder Bayer, die Region eben. Alleine ein Teil der über 18’000 Aktionärinnen und Aktionäre der Säntis Bahn dürften regelmässige Besucher des Ostschweizer Gipfel-Champions mit 2’502 m.ü.M. sein.

So wundert es auch nicht, dass sich Jakob Gülünay wünscht, dass man aus Klima-Sicht weniger fliegen und somit in der Schweiz bleiben sollte. Seine Destination ist sozusagen in Sichtdistanz zum Publikum.

Fazit

Die Bergbahnen stehen vor sehr verschiedenen Herausforderungen, was den Umgang mit dem fehlenden Schnee betrifft. Die Höhe, die Lage, das Vorhandensein von Wasser für die technische Beschneiung, die Voraussetzungen sind überall anders. Aber alle eint sie, dass sie die Auswirkungen der zunehmenden Wärme als Erste am eigenen Leib spüren. Und deshalb entsprechend für die Zukunft vorbauen.

Für diese überwiegt der Optimismus unter den Bergbahnbetreibern. Man profitiert bereits im Winter wie im Sommer vom vielen schönen Wetter. «Ich bis sehr optimistisch, was unsere Zukunftsaussichten anbelangt», sagt Frédéric Füssenich stellvertretend auch für die anderen Bergbahnbetreiber.

Alle sind sich sicher, dass wir auch in 10 Jahren noch mit Brettern an den Füssen zu Tal schwingen werden, deshalb wurde und wird auch in grossem Masse weiter investiert, ob in der Jungfrauregion, auf dem Titlis, am Schilthorn, in Laax und von vielen anderen Bergbahnen. Gerade die Hotspots, die stark vom internationalen Tourismus abhängig sind, erleben nach Corona ja auch sowas wie eine Wiederauferstehung.

Das Vertrauen der Anlegerinnen und Anleger in «ihre» Bergbahnen ist sehr hoch. Der otc-x-Bergbahnindex ist in den vergangenen fünf Jahren deutlich gestiegen, besonders im letzten Jahr. Besonders gesucht sind auch wieder Titel von kleineren, sehr selten gehandelten Bahn-Aktien. Diese haben in den letzten Monaten zum starken Anstieg des Bergbahn-Index beigetragen. Quelle: otc-x.ch

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