Reishauer Beteiligungen: Mobilitätswende bleibt eine grosse Herausforderung

Maschinenbauer weist 2023 einen Rekordumsatz von 513.3 Mio. CHF aus

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Das Interesse an den Maschinen von Reishauer und Felsomat ist gerade in Asien sehr gross. Bild: zvg

Fast täglich berichten die Medien über die gravierenden Veränderungen in der Automobilindustrie, welche durch die Transformation zur Elektromobilität getrieben werden. Für die Reishauer Gruppe, die bereits seit 2019 auch Maschinen und ganze Fertigungslinien für elektrische Antriebe herstellt, führte diese Entwicklung im Geschäftsjahr 2023 zu einem Plus beim Betriebsertrag von 38,9% auf 513.3 Mio. CHF. Das operative Ergebnis und auch der Gruppengewinn haben sich in diesem Zeitraum auf 11.6 bzw. 15.8 Mio. CHF mehr als verdoppelt.

Allerdings zeigt das Ergebnis auch die Spuren des raschen Wachstums gerade im Bereich der Elektromobilität. Die Transformation hat einen markanten Ausbau der personellen, räumlichen und finanziellen Ressourcen erfordert. Die Aktionäre der Reishauer Beteiligungen AG stimmten an der Generalversammlung vom 8. Mai einer Dividende von 680 CHF je Aktie zu.

Wachstum der Automobilmärkte

Das Umfeld präsentierte sich für die in Wallisellen domizilierte Unternehmensgruppe vor allem im 1. Halbjahr des Geschäftsjahres 2023 positiv. So habe sich die Lieferkettensituation entspannt, und auch die Fahrzeugproduktion sei wieder angestiegen, heisst es im Geschäftsbericht des Unternehmens. Wie aus der S&P Global Mobility Statistik hervorgeht, wuchs die weltweite Automobilproduktion im Jahr 2023 um 8 Mio. auf 90.3 Mio. Fahrzeuge an, was einer Rückkehr auf das Niveau von 2019 entspricht. Der Markt Asien blieb mit 53 Mio. Fahrzeugen der Kontinent mit der grössten Automobilproduktion, wobei auch nahezu alle anderen Märkte ein dynamisches Wachstum hinlegten. Der Anteil rein elektrisch betriebener Fahrzeuge (BEV) nahm dabei um 2.3 Mio. auf 10 Mio. zu, was einem Anteil von 12% aller in 2023 verkauften Fahrzeuge entspricht.

Margendruck belastet Stator-Fertigung bei Felsomat

Angesichts der deutlich wachsenden Automobilmärkte waren die Vorzeichen für die Reishauer Gruppe positiv. Dies spiegelt sich auch in der Umsatzentwicklung wider, die mit 431 Mio. CHF (+35,7%) den Höchstwert des Jahres 2018 übertraf. Rund 230 Mio. CHF oder 53% stammen vom Reishauer Teilkonzern, der Rest von der deutschen Tochter Felsomat. Während die Auslieferungen von Zahnflankenschleifmaschinen den Erwartungen entsprechend verliefen, wie es im Geschäftsbericht heisst, führten insbesondere bei Felsomat Verzögerungen von Abnahmen und Lieferfreigaben zu einem höheren Bestand an in Produktion befindlichen Maschinen, der gruppenweit mit 71.2 Mio. CHF einen Höchstwert erreichte. Ebenfalls drückte der zunehmende Konkurrenzkampf im Bereich der Stator-Fertigung für elektrisch angetriebene Fahrzeuge auf die Margen. Der gesamte Betriebsertrag stieg, die Bestandesveränderungen eingerechnet, um 38,9% auf 513.3 Mio. CHF.

Lösungen für Elektromobilität sind hochkomplex

Der neue Verwaltungsratspräsident der Reishauer Gruppe, Alex Waser, räumt im Gespräch mit schweizeraktien.net ein, dass beim Maschinenbauer die Stator-Fertigung bei Felsomat Kräfte beanspruche. Die Reishauer AG habe Waser zufolge im Jahr 2023 erfreulich gut gearbeitet und einen hohen Beitrag zum Gruppenergebnis beigesteuert, präzisiert er. Auch bei Felsomat in Deutschland sei der Bereich der Werkzeugmaschinen, insbesondere Dreh-, Wälzfräs-, und Laserschweissmaschinen, sowie die Automationsanlagen gut gelaufen. Die Stator-Fertigung, in welche die Gruppe schon sehr früh eingestiegen sei, gestaltet sich hingegen «sehr anspruchsvoll».

Im Gegensatz zu den Werkzeugmaschinen, mit denen das Unternehmen weltweit sämtliche OEM beliefert und somit in fast allen bekannten Automobilmarken vertreten ist, handelt es sich bei den Statoren für Elektromotoren um voll integrierte Produktionslinien. Die Projekte seien aufgrund der starken Dynamik im Bereich der Elektromobilität in den vergangenen Jahren immer grösser geworden. «Heute sprechen wir von Linien, die 200 Meter lang sind, und deren Auftragsvolumen im hohen zweistelligen Millionenbereich liegen», erläutert Waser. Diese seien hochkomplex, und dementsprechend bestehe die Möglichkeit, dass die Kostenbasis aus dem Gleichgewicht gerate. Zudem sei es eine ständige Herausforderung, hier die entsprechenden Fachkräfte rekrutieren zu können. Dass dies allerdings gelungen ist, zeigt sich an der Anzahl Mitarbeitenden. Diese stieg von durchschnittlich 1398 per Ende 2022 auf 1577 Personen Ende 2023. Alex Waser spricht im Zusammenhang mit den Aufträgen im Bereich der Stator-Fertigung von einer aussergewöhnlichen Opportunität, sieht aber auch die Risiken. Aktuell würden nur ausgewählte neue Projekte angenommen, so Waser. Ausserdem arbeite man intensiv an einer Verbesserung der Ertrags- und Kostenseite.

Liquidität war 2023 stark rückläufig

Die Herausforderungen zeigen sich nicht nur in der Erfolgsrechnung, wo der Materialaufwand 2023 um 57,1% auf 277.1 Mio. CHF und der Personalaufwand um fast 13,0% auf 150.2 Mio. CHF angestiegen sind, sondern auch in der Bilanz. Die flüssigen Mittel nahmen um fast 50 Mio. CHF auf 33.9 Mio. CHF ab, die Wertschriften – bisher auch ein zuverlässiger Lieferant für Finanzerträge – von 130.3 auf 87.3 Mio. CHF. Emporgeschnellt sind dafür die Forderungen (+44,8%) und die Vorräte (+46,2%). Gleichzeitig wurden kurzfristige Bankdarlehen in Höhe von 16.6 Mio. CHF aufgenommen – ein Novum bei der bisher schuldenfreien Gesellschaft.

Ein Teil des Mittelabflusses ist auf den Neubau in Wallisellen zurückzuführen, der weitaus grössere Teil jedoch auf die «strategische Anpassung des Produktportfolios hin zur Elektromobilität», wie es im Geschäftsbericht heisst. Auch das kurzfristige Bankdarlehen ist zu diesem Zweck aufgenommen worden.

Auftragseingang sehr heterogen

Mit Blick auf das laufende Geschäftsjahr gibt sich Verwaltungsratspräsident Alex Waser zurückhaltend. Denn für das Jahr 2024 wird kaum ein Wachstum der Fahrzeugproduktion erwartet, was die Automobilhersteller bei ihren Investitionen vorsichtiger werden lässt. Dies bestätigt auch Waser, der von aufgeschobenen und verlangsamten Projekten in der Stator-Fertigung spricht. Der Auftragseingang 2023 für Felsomat lag bei 110 Mio. EUR, dies bei einem Auftragsvorrat von 255 Mio. EUR. Für 2024 erwartet Waser daher nur einen kleinen Ergebnisbeitrag aus der deutschen Tochterfirma. Etwas besser sieht es bei der Reishauer AG in der Schweiz aus. Der Auftragseingang erreichte 183 Mio. CHF, der Auftragsvorrat liegt bei 158 Mio. CHF. Auf wenn hier eine zurückhaltende Tendenz zu spüren ist, so erwartet Waser einen guten Ergebnisbeitrag. Die Reishauer AG sei das Zentrum der Unternehmensgruppe, so der Verwaltungsratspräsident. Reishauer und auch die Werkzeugmaschinensparte bei Felsomat könnten dabei davon profitieren, dass sich die Verkäufe von Verbrennern kurzfristig wieder verbessern. Dies wegen wegfallender Kaufprämien, den hohen Preisen elektrifizierter Fahrzeuge und der ungenügend ausgebauten Ladeinfrastruktur. Längerfristig ist jedoch auch Alex Waser davon überzeugt, dass sich die Elektromobilität als Antriebsart durchsetzen wird.

Fazit

Der Entscheid des Reishauer Managements, schon frühzeitig auf Fahrzeuge mit elektrischen Antrieben zu setzen, war sicherlich richtig. Nun zeigt sich aber, dass das Unternehmen einerseits von der Dynamik in diesem Bereich eingeholt wird: Insbesondere bei Produktionslinien für die Stator-Fertigung nimmt der Wettbewerb zu und drückt auf die Margen, die technologischen Ansprüche der Kunden und deren Projekte werden immer grösser, was zu höheren Kosten führt. Andererseits stockt derzeit die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen. Der Wandel geht nicht so schnell voran, wie es sich vor allem die Politik gewünscht hat. Er verläuft in Wellen. Es ist daher anspruchsvoll für das Traditionsunternehmen geworden, in diesem dynamischen Umfeld erfolgreich zu agieren. Denn es gilt gleichzeitig auch, den Anschluss zu gewährleisten.

Der Aktienkurs von Reishauer hat bisher noch keinen Boden gefunden. Chart: otc-x.ch

Der Aktienkurs der auf OTC-X gehandelten Reishauer-Namenaktien ist seit Jahren rückläufig. Auch das jüngst bekannt gegebene gute Geschäftsergebnis konnte daran nichts ändern. Die Kursentwicklung deutet auf eine gewisse Skepsis der Investoren hin. Das Unternehmen muss nun zeigen, dass es auch in Zeiten der Mobilitätswende erfolgreich wirtschaften kann und nicht von neuen Wettbewerbern aus dem Markt gedrängt wird. Das notwendige finanzielle Polster hat die Reishauer-Gruppe, auch wenn dieses in vergangenen Jahren aufgrund der hohen Investitionstätigkeit partiell abgeschmolzen ist. Gemessen an den letztbezahlten Kursen von 36’500 CHF werden die Aktien in etwa mit dem Einfachen des ausgewiesenen Buchwerts (36’000 CHF/Aktie) gehandelt. Das Kurs-/Gewinn-Verhältnis beträgt knapp 22, die Dividendenrendite – eine gleichbleibende Zahlung von 680 CHF vorausgesetzt – liegt bei 1,9%.

Angesichts der vielfältigen Herausforderungen, vor denen die Reishauer-Gruppe steht, ist die Aktie auf diesem Niveau nicht günstig bewertet. Erst wenn sich abzeichnet, dass sich die Investitionen auszuzahlen beginnen, wird der Titel wieder zu einem Kaufkandidaten.

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