Michel Loris-Melikoff, CEO Kongresshaus Zürich: «Die Event-Budgets werden jeweils als Erstes gekürzt»

Zurück in den schwarzen Zahlen

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Kongresshaus-CEO Michel Loris-Melikoff: «Die erste Frage, die mir Kleinaktionäre jeweils stellen: Wann gibt es wieder ein Nachtessen nach der GV?»

Mit Eventhallen kennt sich der CEO des Kongresshauses aus. Bevor Michel Loris-Melikoff Geschäftsführer in Zürich wurde, leitete er die St. Jakobshalle in Basel und eine Messehalle in Lausanne. Der gelernte Private Banker erlangte in Zürich als Präsident des Vereins Street Parade Bekanntheit. Diese frühere Beschäftigung habe zu Beginn auch zu falschen Erwartungen geführt, hält er im Gespräch fest. Und: «Ich freue mich auf die Generalversammlung, an der wir zeigen können, welche Fortschritte das Unternehmen im vergangenen Jahr gemacht hat.» Erstmals seit dem Umbau und Corona erzielt das Kongresshaus Zürich wieder einen Gewinn und steigert den Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 0.7 Mio. auf 19.2 Mio. CHF.

Herr Loris-Melikoff, Ihr Unternehmen hat 2025 erstmals seit 2021 wieder ein positives Resultat erzielt. Werden sich Einnahmen und Gewinn weiter verbessern?

Wir sind das erste Mal seit Corona und seit der Renovierung – die zu einem ungünstigen Zeitpunkt gekommen ist – wieder in den schwarzen Zahlen. Natürlich ist es das Ziel, dass das Kongresshaus weiter profitabel betrieben werden kann. Der Beweis ist jetzt erbracht. An diesem Erfolg kann man anknüpfen, wir wollen nicht am Tropf der öffentlichen Hand hängen. Ich habe im November 2023 als CEO begonnen und die Lage analysiert, im Sommer 2024 habe ich die ersten Massnahmen eingeleitet, und die greifen nun.

Sie haben das als Transformation bezeichnet. Ist diese nun abgeschlossen oder gibt es noch Massnahmen, die umgesetzt werden müssen?

In unserem Geschäft ist die Transformation der Normalzustand, weil wir uns in einem Umfeld bewegen, dass sich schnell verändert. Das zeigt allein ein Blick auf die geopolitische Lage. Die Kunden finanzieren Anlässe bei uns meist aus Marketing- und Kommunikationsbudgets. Das sind die Budgets, die als erstes gekürzt werden, wenn sich Schwierigkeiten abzeichnen. Das laufende Jahr sieht erfreulich aus, und auch der Buchungsstand für 2027 ist schon recht erfreulich. Das kann sich natürlich, das sieht man auch jetzt, innerhalb von wenigen Wochen ändern. Das verlangt von uns eine entsprechende Flexibilität, einerseits auf der Kostenseite, andererseits, dass wir genug Veranstaltungen in der Pipeline haben, um die Umsatzziele erreichen zu können.

Wenn Sie die Geopolitik erwähnen, sind Sie denn direkt von internationalen Kunden und Besuchern abhängig?

Wir haben schon vorwiegend Schweizer Gäste und Schweizer Kunden. Auch wenn gewisse Kongresse einen hohen Anteil an ausländischen Besuchern haben: Im Moment spüren wir so gesehen keine Beeinträchtigung. Es geht mehr um die Stimmungslage und die wirtschaftlichen Aussichten, die sich verdunkeln können und die Events belasten.

«Im Moment spüren wir so gesehen keine Beeinträchtigung»

Sie haben die Umsatzzahlen als gesamtes ausgewiesen, können Sie noch etwas ins Detail gehen und die Entwicklungen der einzelnen Bereiche darlegen?

Wir konnten in allen Geschäftsbereichen Fortschritte machen. Wenn der Eventbereich gut läuft und wir viele Veranstaltungen durchführen, dann läuft es auch im Gastrobereich besser, da dies meist direkt zusammenhängt. So gesehen ist die Entwicklung gleichmässig gut. Beim Restaurant Lux haben wir Fortschritte gemacht, sind aber nicht dort, wo wir sein möchten und haben noch Luft nach oben. Das Mittagsgeschäft konnten wir ausbauen, das läuft sehr gut. Im Abendgeschäft können wir noch ein bisschen besser werden. Wo wir zulegen konnten, ist das Terrassengeschäft. Wir haben eine der schönsten Terrassen am Seebecken. Diese ist aber lange stiefmütterlich behandelt worden. Wir vermieten die Terrasse nun mit Gewinnbeteiligung an einen externen Organisator, der auch das Gastro organisiert. Von Mitte Juli bis zur Street Parade hatten wir etwa den Event Palm3 auf der Terrasse, dieser hat Publikum angezogen, das bis jetzt selten im Kongresshaus war.

Vor wenigen Jahren ist die Tonhalle von der Kongresshaus-Gesellschaft abgetrennt worden, läuft das Geschäft nun völlig unabhängig?

Das kann man so nicht sagen. Wir machen das Catering für die Tonhalle, und das hat sich auch positiv entwickelt. Es ist aber schwer planbar. Denn wir können nicht sagen, im Abonnement A haben wir vorwiegend Cüpli-Trinker, während im Abonnement B mehr Schinkengipfeli gegessen werden. Wir hatten in den vergangenen Jahren viel Food Waste – ein Chäschüechli, das nicht verkauft wird, muss entsorgt werden – und haben uns entschlossen, das Angebot zu straffen, was zu einigen Reklamationen geführt hat, was ich auch verstehen kann. Ausserdem erbringen wir zahlreiche Dienstleistungen für die Tonhalle, etwa im personellen oder technischen Bereich. Früher wurde vieles pauschal abgerechnet, jetzt nach effektivem Aufwand. Pauschalen haben immer die Tendenz, die effektiven Kosten zu kaschieren.

Apropos Pauschalen: Es gab einige Schlagzeilen, weil Sie im Dezember 2025 den Preis für das Entertainment-Paket um rund 60% auf 23’000 CHF erhöht haben. Ein Veranstalter – der in Anspruch nimmt, der grösste zu sein – boykottiert nun das Kongresshaus.

Das Entertainment Package wurde 2021 konzipiert und eingeführt. Als ich hier begann, habe ich veranlasst, dass alle Angebotspreise durchgerechnet werden. Da haben wir festgestellt, dass wir beim Entertainment Package kein Geld verdienen, sondern jeweils 5000 CHF draufzahlen. Das Subventionieren von Veranstaltungen kann nicht unsere Aufgabe sein. Darum haben wir die Preise angepasst. Man muss auch die Relation sehen. Wenn ein Veranstalter 1400 Tickets verkauft hat, dann wird das einzelne Ticket um zirka 2.80 CHF teurer. Der Veranstalter kann das auf den Ticketpreis schlagen oder auf seine Marge nehmen. Bestehende Verträge werden nicht geändert, die Preiserhöhungen betreffen künftige Veranstaltungen. Dabei sind die Packages aber ein auslaufendes Modell. Immer öfter werden reale Aufwände verrechnet; ich bin ein Anhänger von «you get, what you pay for».

Und schmerzt es ihr Unternehmen, dass Thomas Dürr mit seiner Act Entertainment das Kongresshaus boykottiert?

Wir müssen vielleicht die Kirchen im Dorf lassen. Wenn Dürr sagt, er sei der grösste Veranstalter in der Schweiz, dann ist das eine Faust ins Gesicht für Veranstalter wie ein Freddy Burger, Opus One oder andere. Er gehört sicher zu den Grossen. Und seit er die Boykottandrohung gemacht hat, haben wir etwa zehn Anfragen von ihm bekommen.

Act Entertainment ist ein Konzerveranstalter; welche Art von Events wollen Sie schwergewichtig ins Kongresshaus holen?

Viele Leute hatten die Erwartung, dass ich mit meiner Street-Parade-Vergangenheit ganz viele Techno- oder Musikveranstaltungen ins Kongresshaus holen werde. Ich selbst liebe Musik und gehe auch gerne an Konzerte. Aber man muss der Marktrealität ins Auge sehen. Es gib in Zürich andere Häuser, die für Konzerttourneen viel geeigneter sind, weil sie A grösser sind und B bessere Anlieferungen und Infrastrukturen haben. Für Musikveranstaltungen bewegt sich das Kongresshaus in einem Nischenmarkt. Ein Chansonier wie Stefan Eicher passt hier hin, ein US-Superstar wie z.B. Taylor Swift nicht. Mit tausendvierhundert Plätzen wird das nie profitabel.

«Ein Chansonier wie Stefan Eicher passt hier hin, ein US-Superstar wie z.B. Taylor Swift nicht»

Müssen Sie sich in der Planung der Veranstaltungen an Vorgaben halten?

Gemäss Strategie muss ich mit dem Programm einen kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beitrag in der Stadt Zürich leisten. Der wirtschaftliche ist mit Kongressen und Messen klar. Der kulturelle Beitrag inkludiert nicht nur Entertainment-Veranstaltungen, sondern das ist auch eine Photo Schweiz, das Zürich Film Festival und neu die Zurich Fashion Week. Zum gesellschaftlichen Teil zähle ich neben Konzerten auch Laureus Charity Night, Galaveranstaltungen oder die Verleihung des Schweizer Filmpreises. Die Kunst ist es, einen guten Mix zu finden. Gibt es zu viele Konzerte, beschweren sich die Messeveranstalter usw.

Ist die Planung der Auslastung anspruchsvoll?

Ja, speziell aus finanzieller Sicht. Angenommen, wir erhalten eine Anfrage für ein Lenny Kravitz Konzert – ich bin Kravitz-Fan – für März nächsten Jahres. Als erstes denke ich: Ja, unbedingt, den muss ich und will ich haben. Doch dann sehe ich, dass der Termin an einem Mittwoch ist. In dieser Woche habe ich auch eine Anfrage für einen Kongress, der von Montag bis Freitagabend dauert, das Haus füllt und das Catering beansprucht. Dann ist es neben der inhaltlichen Frage, ob Entertainment oder Kongress, auch eine kommerzielle Abwägung – wieviel Gewinn bringt mir die eine oder andere Veranstaltung.

Wäre es möglich, dass Lenny Kravitz gleichzeitig mit einem Konzert in der Tonhalle stattfindet?

Da sprechen Sie etwas Interessantes an. Bei der Sanierung hat man ganz viel im Haus gemacht. Was man allerdings vergessen hat, ist die Schallisolation zwischen den zwei Häusern. Wir mussten schon feststellen, dass, wenn ein Konzert in der Tonhalle ist und wir hier einen Act mit Verstärkeranlage haben, hört man drüben teilweise die Bässe. Das muss man irgendwann korrigieren.

Nach der Covid-Pandemie und angesichts der raschen Digitalisierung hiess es oft, das Messe- und Kongressgeschäft stirbt. Ist das so?

Nach Covid hat man im Gegenteil auf allen Messeplätzen gesehen, dass es einen Nachholeffekt gab. Diese Kompensation lief bis ins Jahr 2024. Zum Glück läuft nun das Geschäft wieder so gut, dass man das Wegfallen dieser Kompensationsveranstaltungen gar nicht spürt. Unser Business ist über die vergangenen drei Jahre kontinuierlich gewachsen. Doch dieser Trend lässt sich nicht ewig fortschreiben, weil das Haus einmal voll ausgebucht ist. Wir müssen uns daher überlegen, wie wir die Belegung buchen. Ich kann in einer Woche einen Kunden haben, der fünf Tage bucht oder fünf einzelne Kunden mit ihren Veranstaltungen. Dies müsste aber auf- und abgebaut werden. Dann gibt es aber nur eine Lösung – ein Umbau in der Nacht. Dann muss jemand die Kosten tragen, weil Nachtarbeit mehr kostet. Ich muss mir sehr wohl überlegen, wie hoch die Dichte der Veranstaltung in einer Woche sein kann, ohne dass die Kosten explodieren.

«Unser Business ist über die vergangenen drei Jahre kontinuierlich gewachsen»

Und von welcher Veranstaltungsart erwarten Sie in Zukunft das grösste Wachstum, die höchsten Erträge – sind das Anlässe wie die neue Fintech Week?

Ideal sind die Veranstaltungen, die mehrere Tage dauern und sämtliche Dienstleistungen bei uns beziehen. Das heisst, jeden Tag tausend bis zweitausend Leute im Haus, die auch noch verpflegt werden, am Abend noch ein Galadinner. Wenn man Zürich als Finanzplatz anschaut und unsere geografische Nähe zu den Privatbanken, Versicherungen und dem Paradeplatz in Betracht zieht, dann stehen Veranstaltungen der Finanzbranche ganz oben.

Wird der Konkurrenzdruck und damit der Preiskampf grösser? Es gibt in der Region viele Eventhallen, auch zahlreiche neue, etwa the Hall in Dübendorf, das Kunsthaus, die umgenutzte ABB-Halle etc.

Den Druck gib es schon. Aber das Kongresshaus hat mit der Lage einen entscheidenden Vorteil. Wir sind mitten in der City. Das ist für alle Finanzdienstleister im Umkreis von einem Kilometer Walking Distance. Wir haben eine sensationelle Lage, direkt am See mit schöner Aussicht.

Und Sie haben Ihren Auftrag durch die Stadt Zürich erwähnt. Seit der Refinanzierung während der Sanierung besitzt die Stadt 82% des Aktienkapitals. Wären Sie beleidigt, wenn ich Sie als Staatsangestellten bezeichne?

Nein, beleidigt bin ich nicht, aber es ist auch nicht korrekt. Ich bin angestellt von der AG, und die AG ist eine privatrechtliche Gesellschaft.

Wird die Stadt Ihr Engagement wieder reduzieren?

Da müssen Sie die Stadt fragen. Aber ich könnte es mir vorstellen. Es ist ja nicht Aufgabe der Stadt, derartige Events auszurichten. Ich habe zuvor in Basel und Lausanne bei Eventhallenbetreibern gearbeitet. Dort und eigentlich überall in Europa ist es bei grossen Hallen immer das gleiche Modell: Die öffentlich-rechtliche Körperschaft ist Eigentümer der Immobilie, und der Betreiber ist ein privatwirtschaftliches Konstrukt.

Haben bei den Besitzverhältnissen mit über 80% der Aktien bei der Stadt Aktienkurs und Ausschüttungspolitik nicht den obersten Platz in Ihrer Prioritätenliste?

Meine Priorität ist, dass das Unternehmen profitabel ist. Mittelfristig wollen wir auch wieder Dividenden ausschütten, wie wir das früher machten. Das muss mittelfristig das Ziel sein. Wir haben auch bereits alle Covid-Kredite wieder zurückbezahlt.

«Mittelfristig wollen wir auch wieder Dividenden ausschütten, wie wir das früher machten»

Welches ist momentan Ihr grösstes Projekt? Das Filmfestival, das die Heimat im Corso verliert, komplett ins Kongresshaus zu holen?

Das ist tatsächlich mein Wunsch. Wir haben das mit den Leuten vom Filmfestival auch schon besprochen. Sie müssen auch auf die Kosten schauen. Aus eigener Erfahrung weiss ich, wenn man eine Veranstaltung an verschiedenen Orten durchführt, ist das teuer. Das Opening des ZFF ist ja bereits bei uns und passt zum Kongresshaus. Und wir erhalten auch ein Medienecho, wie wir es gerne hätten. Auch den Kispi-Ball würde ich gerne bei uns sehen. Ganz allgemein hat Zürich zu wenig Bälle, und wir hätten dazu das passende Venue. Je mehr positive News vom Kongresshaus desto besser, denn während Covid haben vor allem die Negativschlagzeilen dominiert.

Haben Sie auch Kontakt zu den Minderheits-, den Kleinaktionären?

Die sehe ich natürlich jedes Jahr an der Generalversammlung, und ich freue mich auch auf die diesjährige GV. In den vergangenen zwei Jahren war ich der Neue, von dem man da und dort schon einmal etwas gehört hatte. Ich konnte meine Pläne darlegen und was ich mit dem Kongresshaus vorhabe. In diesem Jahr kann ich zeigen, dass schon einiges davon erreicht ist und es vorwärts geht. Und es ist auch spannend, von den Kleinaktionären direktes Feedback zu bekommen. Die erste Frage, die sie mir letztes Jahr gestellt haben: Wann gibt es wieder ein Nachtessen nach der GV? Nicht Divdidende, sondern das Nachtessen wird vermisst. Meine Antwort war, wenn wir schuldenfrei dastehen, gibt es wieder ein Galanachtessen.

Wenn wir beim Thema Essen sind. Viele Besucher beklagen, dass das Lux nicht mehr so gut sei wie das Vorgängerrestaurant.

Das Essen ist ein Thema, bei dem die Emotionen hochgehen. Als ich in Basel, die St. Jakobshalle geführt habe, gab es dreihundertfünfzigtausend Basler, die besser wussten, wie man die Halle führt. Ich habe das Lux erstmals besucht, kurz bevor ich hier begann und mich noch niemand kannte. Das Essen ist ausgezeichnet, aber es gibt immer Verbesserungspotenzial. In den vergangenen Monaten haben wir echte Fortschritte gemacht. Ab dem 1. April haben wir eine neue Karte eingeführt, die wieder mehr auf Klassiker setzt, die alle mögen, wie Entrecôte mit Café de Paris Sauce oder das Cordon Bleu. Ich denke, wir hatten bisher ein etwas zu breites Angebot und haben alle sechs Monate etwas Neues präsentiert. Aber es ist eigentlich verrückt: Zürich Geschnetzeltes bleibt seit Jahren der Winner.

Aktienkurs der Kongresshaus Zürich AG in CHF. CHart: otc-x.ch

Die Aktien der Kongresshaus Zürich AG werden ausserbörslich auf OTC-X gehandelt. Die letzbezahlten Kurse lagen bei 60 CHF; der Nominalwert beträgt 100 CHF pro Namenaktie. Allerdings werden die Kongresshaus-Aktien eher selten gehandelt.

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