
Die Leistungen des Journalismus wie Transparenz, Erkenntnisgewinn, Missstände benennen und Öffentlichkeit herstellen, beschwor die Geschäftsleitung der Neuen Zürcher Zeitung AG mehrfach an der diesjährigen Generalversammlung am 18. April im Kongresshaus Zürich. Doch für das eigene Unternehmen scheinen diese Grundsätze nicht zu gelten. Enttäuscht, konsterniert, verärgert und verängstigt, was die Zukunft des Medienhauses betrifft, war die Gemütslage der von schweizeraktien.net befragten Aktionäre. Die Sorgen um das Medienhaus hätten in den Zunftstuben während des Sechseläutens nachgehallt, denn viele Zünfter sind auch NZZ-Aktionäre. Der Autor war selbst nicht an der GV anwesend.
«Wir sind doch alle Fans der Zeitung und schätzen die Publizistik, aber was die Führung nebenbei noch veranstaltet, lässt uns ratlos zurück», sagt ein Aktionär. Er habe angesichts eines erneuten Beteiligungsabenteuers mit der APG Angst. Er glaube nicht, dass die NZZ noch einen weiteren grossen Beteiligungsfehlschlag verkraften könnte. Ende 2025 gab die NZZ bekannt, dass sie die Beteiligung and der Aussenwerbegruppe APG SGA von 25 auf 45% aufstocken werde. Die zusätzlichen Aktien wurden in beiden Transaktionen zum selben Preis (220 CHF pro Aktie) erworben. Der Kaufpreis beträgt so insgesamt 132 Mio. CHF.
Beteiligung im gleichen Zyklus
Die APG laufe doch im gleichen Zyklus wie das Inserategeschäft der NZZ; wenn keine Anzeigen geschaltet würden, gebe es auch kaum Plakate, sagt ein Aktionär. In den links-regierten Städten der Schweiz wird zudem das Verbot von Werbeplakaten zunehmend thematisiert. Diese verstärkte Abhängigkeit von der Werbung wurde auch vom Verwaltungsrat auf Nachfrage nicht verneint. «Die NZZ kann sich nicht noch eine gescheiterte Beteiligung leisten, ich mache mir Sorgen, dass bei einem Misserfolg auch die Publizistik mitgerissen wird», sagt ein Aktionär gegenüber schweizeraktien.net. Es sei darauf verzichtet worden, die Aussichten von APG zu erläutern, dabei sitze doch eine Werbe-Profi im Verwaltungsrat, bemängelte ein Aktionär. Auch der NZZ CEO, Felix Graf, der Verwaltungsratspräsident der APG wird, äusserte sich nicht zu den Perspektiven der Beteiligung.
Ende März wies die Mediengruppe für das Geschäftsjahr 2025 bei einem rückgängigen Umsatz auf 236 Mio. CHF einen Konzernverlust von 34.5 Mio. CHF aus. Das Betriebsergebnis lag mit 16.9 Mio. CHF auf dem Niveau des Vorjahres. Der Verlust wurde vor allem durch einen Abschreiber auf Beteiligungen – vor allem dem Zurich Film Festival (ZFF) – verursacht. Die NZZ hält trotzdem an einer Dividende von 200 CHF je Aktie fest.
Verlust wird nicht erklärt
Mehrere GV-Teilnehmer beanstandeten, dass die NZZ-Führung zu keinem Thema konkret geworden sei. Man habe den Inhabern der Zeitung nur bereinigte Zahlen vorgelegt. Auch nach mehrfachen Nachfragen wollte der Verwaltungsrat nicht darlegen, wie sich der Abschreiber zusammensetzte und wieviel das ZFF insgesamt gekostet habe. Ihn nehme schon wunder, weshalb man bei einem sinkenden Umsatz und einem Verlust für das ZFF von fast 40 Mio. CHF noch 8 Mio. CHF an die Aktionäre ausschütte. Ein anderer mokiert sich über die stete Erwähnung, der Verlust sei nicht liquiditätswirksam, es handle sich um «rezyklierten Goodwill». «Das stimmt, das Geld war bereits beim Kauf verloren», meint der Aktionär dazu trocken.
Auf die Frage eines Aktionärs an der GV, ob die NZZ denn Beteiligungen könne, wurde nur ausweichend geantwortet. Dabei sind Zweifel durchaus angebracht – das zeigt gerade die jüngere Unternehmensgeschichte. Ob es nun die Österreich-Expansion, Architonic, Moneyhouse oder eben das Zurich Film Festival waren, es wurde viel Geld investiert und wenig erreicht. Viele in der Führungsetage scheinen zu vergessen, dass es sich bei ihrem Unternehmen um ein KMU handle, wenn man mit hohen Millionenbeträgen auf Einkaufstour gehe, sagt ein GV-Teilnehmer. Trotz dieser vielen Beteiligungen ist auffällig, dass im VR kein Mitglied explizit für Beteiligungen verantwortlich zeichnet.
Publizistik kaum Thema
Das Kerngeschäft, die Publizistik, wegen der die meisten Aktionäre sich engagieren, sei kaum ein Thema an der GV gewesen. Das kommerzielle Modell der Publizistik steckt in der Krise. Die vergangenen Jahre haben nach Ansicht mehrerer Aktionäre gezeigt, dass die NZZ eines der wenige Medienhäuser sei, die ein Rezept dagegen in der Tasche hätten. Doch es gab keine Hinweise, wie das Medienhaus in die Zukunft gehen will.
Das Projekt «NZZ Pro» wurde mehrmals als Erfolgsgeschichte präsentiert. Aber dies ohne Zahlen, sagt ein Aktionär. Dieses Projekt sei zu klein, um den ganzen Konzern auf die Erfolgsspur zu bringen. Dieses Vorgehen wurde bereits in den Vorjahen gewählt: Kleine Erfolge wie etwa die Einführung von «the Market» wurden gross gefeiert. Diese Publikation wurde dieses Jahr jedoch nicht mehr erwähnt.
VR-Präsidentin reagiert schnippisch
Viel Kritik muss die Verwaltungsratspräsidentin Isabelle Welton einstecken. Sie habe die Aktionäre mehrmals abgekanzelt, alle Fragen auf sich bezogen – aber ausweichend oder nichtssagend beantwortet. Ein Aktionär vermutet, dass ihr im Umgang mit einer Frage zur Dividendenerhöhung sogar ein Verfahrensfehler unterlaufen sei.
Mit dem ersten Votum bemängelte ein Aktionär die Unabhängigkeit des unabhängigen Stimmrechtsvertreters. Dieser sei nicht unabhängig, denn er publiziere in den NZZ-Beilagen Werbung für die eigenen Bücher. Die VR-Präsidentin wies diese Frage zurück und ergänzte schroff, soviel sie wisse, besitze der Fragensteller nur eine NZZ-Aktie.
Ein anderer Aktionär forderte angesichts des trotz Abschreibers hohen Gewinns, die Auszahlung einer um 100 CHF höheren Dividende von 300 CHF. Weil das nicht traktandiert war, ging die GV nicht darauf ein. VRP Welton beschied dem Aktionär, er könne es ja nächstes Jahr noch einmal versuchen.
Aktie tendenziell abwärts
Die Schwierigkeiten der Medienbranche sowie die geschilderten Beteiligungsabenteuer haben den Aktienkurs in den vergangenen Jahren belastet (vgl. Chart). Als ein Aktionär von der NZZ-Führung wissen wollte, ob sie diese Entwicklung im Blick habe und was sie zu tun gedenke, um den Trend zu kehren, antwortete Welton. Sie habe schon eine Idee, wo der Aktienkurs in 12 Monaten stehe, sie werde das aber hier nicht sagen.
Ein langjähriger Aktionär, welcher der bisherigen Beteiligungsstrategie wenig abgewinnen kann – «das ZFF hat jeden Aktionär 1000 Franken gekostet» –, sieht beim APG-Kauf durchaus Positives. Die NZZ hole so Werbeeinnahmen zurück, welche sie in der Zeitung verliere. Das Digitalgeschäft wachse zwar, könne den Rückgang bei Print aber nicht aufwiegen. APG sei ein traditionsreiches Schweizer Unternehmen mit langjährigem Schweizer Aktionariat. Plakatverbote in Schweizer Städten machen ihm wenig Sorgen: «Wenn die Städte sehen, welche Standmieten sie verlieren würden, ist das Thema schnell wieder vom Tisch.»
APG-Beteiligung wird nicht nur kritisch gesehen
Ihm gefällt auch die solide Finanzierung. Dank des hohen Cashflows und der Dividendenpolitik sei der Kaufpreis in zwei Jahren zurückbezahlt. Auch dieser langjährige Aktionär, der sein Engagement durchaus als Anlage und nicht als Unterstützung sieht, hat einiges an der NZZ-Strategie zu bemängeln. Es sei nicht klar, wer im Verwaltungsrat für die Beteiligungsstrategie zuständig sei – wenn es denn überhaupt jemand sei. Zudem sei es ein Fehler gewesen, die NZZ-Aktie vor zehn Jahren zu splitten. Seiterher habe sich der Wert mehr als halbiert. Zahlreiche Aktionäre – oft Erben – hätten einen Teil der Titel in der Folge verkauft. «Ich bleibe aus Überzeugung und wegen der Dividende Aktionär», fügt er an.
Viele NZZ-Aktionäre mögen die Faust im Sack machen, der Verwaltungsrat muss sich aber kaum Sorgen um ein grosses Aufbegehren der Inhaber machen. Erstens sind es meistens Überzeugungstäter, die sich mit dem publizistischen Kurs der NZZ identifizieren, und zweitens verhinderte eine alles andere als liberale Vinkulierungspolitik einen Aktionärsaufstand. Die Übertragung auf einen Aktionär kann durch den Verwaltungsrat verweigert werden. Nur Schweizer Bürger, die sich zu einer freisinnig-demokratischen Grundhaltung bekennen, werden ins Aktienregister eingetragen. Das Stimmrecht pro Aktionär ist auf 1% limitiert.

Die Aktien der AG für die Neue Zürcher Zeitung werden ausserbörslich auf der Plattform OTC-X der BEKB gehandelt. Der letztbezahlte Kurs lag bei 4’700 CHF – ein neues Allzeittief.






An der GV waren das Essen und die Weine super. Aber das war auch das Einzige, was positiv war.
Die Führung will immer diese Beteiligungen kaufen. Hier ist das Muster immer gleich: Erst wird es hochgejubelt. Dann kommen die brutalen Abschreiber.
Fokus sollte bei der Publizistik sein. Hier bietet AI ja auch viele Chancen. Warum nicht irgendwann eine individuelle „Zeitung“ pro Person?