
Die «Alte Tante», wie die Neue Zürcher Zeitung gerne genannt wird, bekundet Mühe – wie andere Presseunternehmen –, mit den rasanten Entwicklungen in der Digitalisierung von Informationen mitzuhalten. Im Geschäftsbericht 2025, der in der vergangenen Woche publiziert wurde, schreibt das Unternehmen: «2025 hat gezeigt: Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Medienwelt fundamental.» Ihre Wirkung sei mit historischen Umbrüchen wie dem Buchdruck oder der industriellen Revolution vergleichbar. Man spürt die Sorgen des Medienhauses, wenn es heisst «2025 wurden erstmals mehr KI-generierte englischsprachige Artikel publiziert als von Menschen verfasste».
Wie andere Medienkonzerne versucht auch die Neue Zürcher Zeitung seit Jahren, dem wachstumsarmen Geschäft in der Publizistik mit Akquisitionen in «verwandten» Bereichen wie Events, digitale Informationsdienste und zuletzt Aussenwerbung neues Wachstum entgegenzusetzen. Mit durchzogenem Erfolg. Oft wurde für diese Diversifikation zu viel bezahlt.
Abschreibungen von über 40 Millionen
Im vergangenen Geschäftsjahr schreibt die Neue Zürcher Zeitung Goodwill von rund 43 Mio. CHF ab. 2025 verkaufte das Unternehmen das Zurich Film Festival (ZFF), den Geschäftsbereich Architonic der internationalen Architektur- und Designplattform DAAily platforms sowie eine kleinere Minderheitsbeteiligung im Softwarebereich. Auf Konzernebene weist die Mediengruppe für das vergangene Jahr deshalb einen Verlust von 34.5 Mio. CHF aus.
Auch operativ sieht es für das Medienunternehmen 2025 weniger erfreulich aus als im Vorjahr. Sowohl im Nutzer- als auch im Werbemarkt sanken die Erträge: Bei Ersterem um 2,5% auf 113.2 Mio. CHF, bei Letzterem um fast 4% auf 99.3 Mio. CHF. Die Zahl der Abonnenten sank über den Jahresverlauf von 212’600 auf 208’800. Das Unternehmen streicht im Geschäftsbericht die erfolgreiche Entwicklung des Premium-Abonnements NZZ Pro – das seine Abonnentenzahl auf über 20’000 verdoppelt hat – sowie das Wachstum in Deutschland und bei The Market heraus.
Investitionen ins Digitalgeschäft nötig
Dadurch konnte der Ertrag im Lesermarkt trotz des Rückgangs im Printbereich gesteigert werden. In der Schweiz steigt der durchschnittliche Umsatz pro Digitalabonnent um 8 %, in Deutschland um 22 %. Trotzdem gingen die Gesamterlöse auf Jahresfrist um rund 5% beziehungsweise 12 Mio. auf 236 Mio. CHF zurück. Das Printgeschäft sei weiterhin rückläufig, und für die Kompensation dieser Entwicklung durch das Digitalgeschäft seien bedeutende Investitionen notwendig, schreibt das Medienunternehmen zu den Herausforderungen.
Die NZZ setzt auf nicht-digitale Kanäle, um sinkende Einnahmen in der Publizistik wettzumachen und der Bedrohung des Geschäftsmodells durch KI entgegenzutreten. Bereits im vergangenen Dezember teilte das Medienunternehmen mit, dass der Anteil am Aussenwerbeunternehmen APG|SGA um 20 Prozentpunkte auf 45% erhöht werde. Die NZZ blätterte dafür 132 Mio. CHF auf den Tisch – 60% aus eigenen Mitteln, der Rest kreditfinanziert. «Die Beteiligung stärkt unsere Position in den Werbemärkten und sichert uns einen stabilen, gegenüber den Auswirkungen der künstlichen Intelligenz resilienten Ertragsstrom», heisst es im Geschäftsbericht. Die Beteiligung APG|SGA ging die NZZ ursprünglich im Mai 2024 ein.
«Ertragshilfe» fällt weg
Das bereinigte Konzernergebnis erhöhte sich auf 16.9 Mio. CHF (Vorjahr: 16.7 Mio. CHF). Die Zunahme resultierte aus dem höheren Finanzergebnis und niedrigeren Ertragssteuern. Das Finanzergebnis erhöht sich im Vorjahresvergleich deutlich um 62% oder 2.8 Mio. CHF auf 7.4 Mio. CHF. Dieser Anstieg ist vor allem auf den Ergebnisanteil der Beteiligung an CH Media zurückzuführen, die im Finanzvermögen geführt wird. Da CH Media mit der «Aargauer Zeitung», «Schweiz am Wochenende», «St. Galler Tagblatt», dem Online-Portal Watson, Radio und TV aus einem Umsatz von rund 400 Mio. CHF fast einen Gewinn von 40 Mio. CHF erwirtschaftete, erhält die NZZ rund 14 Mio. CHF. Per 1. April 2026 wird die «Alte Tante» ihre Beteiligung von 35% an der CH Media Holding AG an die AZ Medien veräussern. Damit entfällt in den kommenden Jahren diese Ertragsbeitrag.
Angesichts der Stabilität im Kerngeschäft und der starken Kapitalbasis schlägt der Verwaltungsrat den Aktionären wie in den zwei Jahren zuvor eine Dividende von 200 CHF je Aktie vor. Für das Geschäftsjahr 2022 schüttete die NZZ wegen des Verkaufs von CH-Media-Anteilen eine Sonderdividende von 400 CHF und damit insgesamt 600 CHF aus. Dass angesichts eines Verlusts eine Dividende ausbezahlt wird, ist doch überraschend. Im Geschäftsbericht wird ein Verlust von 836 CHF je Aktie angegeben. Die Ausschüttung muss an der Generalversammlung vom 26. April noch bestätigt werden.
Fazit
Die Neue Zürcher Zeitung liefert im Kerngeschäft, dem «Qualitätsjournalismus», ein stabiles Resultat, während viele Mitbewerber deutlich weniger erfolgreich unterwegs sind. Das scheint dem Management-Team nicht zu genügen. Wie in den Jahren zuvor wird versucht, die eigene Marke ausserhalb des publizistischen Geschäfts zu monetarisieren. Ob das mit der Aussenwerbung von APG|SGA gelingt, muss sich noch zeigen – und darf angezweifelt werden. So gut der Ruf der NZZ im Journalismus ist, so bescheiden ist er bei Beteiligungen und Akquisitionen. Neben dem Zürcher Film Festival kann auch der Informationsdienst Moneyhouse angeführt werden, der nach dem Kauf 2014 einen deutlichen Nutzerrückgang verzeichnete und im neusten Geschäftsbericht mit keinem Wort erwähnt wurde. Man möchte dem Managementteam der NZZ zurufen: «Journalist, bleib bei deinen Leisten».
Der Wert der ausserbörslich auf OTC-X gehandelten NZZ-Aktie bewegte sich als Reaktion auf den Gewinnausweis kaum und liegt aktuell auf 4800 CHF. In den vergangenen Jahren neigten die Titel tendenziell zur Schwäche. Ende 2022 erreichten sie mit einem Zwischenhoch ein Niveau von rund 7800 CHF. Dank der Kursschwäche weisen die Valoren aktuell eine Dividendenrendite von über 4% aus. Der Neuen Zürcher Zeitung steht ein schwieriges 2026 bevor: Der Einnahmenschwund im Printgeschäft dürfte sich fortsetzen, hohe Investitionen im Digitalgeschäft stehen an, und die Finanzeinnahmen aus der CH-Media-Beteiligung fallen weg. Aktionäre investieren in die NZZ vor allem, um die liberale Berichterstattung zu unterstützen und weniger in Erwartung satter Kursgewinne.
Aktienkurs der Neuen Zürcher Zeitung. Chart: otc-x.ch





Als kleiner Trost für den Verlust des Goldesels winken bis auf weiteres jährliche Zuflüsse von rund 400 Franken je NZZ Aktie von APG/SGA (wie stark fremdfinanziert, wissen wir spätestens in einem Jahr).