Marco Zingg, VRP Cendres+Métaux: „Wir verfolgen eine Vorwärtsstrategie“

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Marco Zingg, Verwaltungsratspräsident der Cendres+Métaux Holding S.A. Bild: zvg
Marco Zingg, Verwaltungsratspräsident der Cendres+Métaux Holding S.A. Bild: zvg

Die Verwerfungen an den Edelmetallmärkten haben die Geschäftsentwicklung und auch den Aktienkurs der Bieler Cendres+Métaux-Gruppe in den letzten drei Jahren geprägt. Nach dem Absturz des Goldpreises und organisatorischen Neuausrichtungen war das Unternehmen, das rund zwei Drittel der Umsätze in Höhe von über 60 Mio. CHF im Dentalbereich und einen Drittel im Uhren- und Schmuckbereich erzielt, im letzten Jahr wieder auf Kurs. Doch Veränderungen im Marktumfeld sowie der Margendruck, insbesondere im Medizintechnikbereich, haben Anpassungen in der Organisation erfordert. Hinzu kommt die Euroschwäche, welche das Geschäftsergebnis im laufenden Geschäftsjahr 2014/15 (Ende: September 2015) zusätzlich belasten wird. Der im Dezember 2014 gewählte Verwaltungsratspräsident Marco Zingg beginnt daher mit einem moderaten Umbau des Traditionsunternehmens. Im Gespräch mit schweizeraktien.net betonen Zingg und CEO Claudio Penna allerdings, dass sie nicht nur Sparübungen planen und erklären, wo sie Potenzial für ihre Produkte in der Medizintechnik und im Uhren- und Schmuckbereich sehen.

Herr Zingg, Sie fassen innerhalb der C+M-Gruppe die zwei bisherigen Bereiche Dental und Medical zum neuen Medtech-Bereich zusammen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Marco Zingg: Wir sehen derzeit fundamentale Veränderungen im Gesundheitswesen. Dazu gehört ein verschärfter Wettbewerb, der auch zu einer Konsolidierung innerhalb der Branche führt. Ausserdem hält der Preisdruck wegen der hohen Gesundheitskosten an, der sich bei uns wiederum in sinkenden Margen niederschlägt. Auch haben sich die Kontakte zu unseren Kunden und die Vertriebskanäle geändert. Es wäre verantwortungslos gewesen, wenn wir in diesem Umfeld nicht gehandelt hätten.

Welchen Einfluss hat die Euroschwäche auf Ihren Entscheid?

Die Zusammenführung der beiden Bereiche ist keine Folge der Aufhebung des Mindestkurses, sondern wurde vor dem Wegfall der Wechselkursuntergrenze in die Wege geleitet. Durch den starken Franken müssen wir nun zusätzlich die Effizienz und das Volumen erhöhen, um auch in diesem herausfordernden Umfeld wettbewerbsfähig zu bleiben. Dabei hilft sicherlich die neue Struktur.

CEO Claudio Penna. Bild: zvg
CEO Claudio Penna. Bild: zvg

Die Umsätze im neuen Medical-Bereich machen heute mehr als 60% der Gesamtumsätze von C+M aus. Wie stark wirkt sich hier der schwächere Euro aus?

Claudio Penna: Wir haben in diesem Bereich zwei grosse Schweizer Kunden, die sehr stark im Euroraum tätig sind. Auch ein wesentlicher Teil der restlichen Kunden ist im Euroraum zu finden. Insgesamt erwirtschaften wir rund zwei Drittel der Umsätze im Medical-Bereich im Ausland. Daher trifft uns der Wegfall der Wechselkursuntergrenze empfindlich. Noch am 15. Januar hatten wir die ersten Anrufe von Kunden aus dem Euroraum, die Preisreduktionen verlangt haben. Sorgen machen uns aber weniger die kurzfristigen Effekte, sondern die langfristigen Beziehungen zu Kunden. Es ist durchaus möglich, dass Schweizer Hersteller bei Neuausschreibungen von ausländischen Kunden aufgrund des starken Frankens gar nicht mehr berücksichtigt werden. Folgeaufträge könnten so ausbleiben.

Wo führt die neue Organisationsstruktur zu Verbesserungen, und wie gross ist das Einsparpotenzial?

Marco Zingg: Hier möchte ich Ihnen gerne ein Beispiel nennen: Durch die Konsolidierung in der Medtech-Branche hatten wir im Vertrieb teilweise zwei Kundenberater, die den gleichen Kunden betreut haben. Solche Doppelspurigkeiten wird es in Zukunft nicht mehr geben. Zudem können wir gerade bei der Produktentwicklung viele Synergien nutzen. Ziel unserer neuen Organisation sind nicht in erster Linie Einsparungen. Im Gegenteil: Wir verfolgen eine Vorwärtsstrategie und benötigen hier gewisse Kompetenzen, um diese auch erfolgreich umsetzen zu können. Durch das zusätzliche Wachstum wollen wir die für eine Medtech-Firma nötige Struktur finanzieren.

Haben Sie deshalb auch Ihren Verwaltungsrat Arne-Christian Faisst in die operative Leitung der Firma geholt?

Als wir vor einem Jahr über die neue Zusammensetzung des Verwaltungsrates gesprochen haben, war es für mich wichtig, eine Person mit Expertise im Medtech-Bereich zu finden. Unsere Neuausrichtung zeigt nun, dass dies richtig war. Es ist ein Glücksfall, dass Herr Faisst nun auch von uns mandatiert wurde, um den Bereich neu aufzustellen. Da er im Verwaltungsrat vertreten ist und operativ im Unternehmen mitarbeitet, konnten wir wichtige Entscheidungen deutlich beschleunigen. Dies hilft uns besonders im derzeitigen Marktumfeld.

Wie sieht es bei Ihnen mit den Innovationen aus? Ist Ihre Pipeline hier gut gefüllt? Ein wichtiges Produkt ist ja hier der Bone-anchored-Port (BAP) für Dialyse-Patienten.

Wir arbeiten zwar laufend an Innovationen, müssen aber das Innovationsmanagement weiter verstärken. Denn wir möchten stets neue Produkte in der Pipeline haben. Mit dem BAP können wir im Idealfall in zwei bis drei Jahren auf den Markt kommen. Die Entwicklung dieser Neuheit hat es uns erlaubt, wichtige Erfahrungen in diesem Bereich zu sammeln. Zwischenzeitlich konnten wir aufzeigen, dass solche Ports auch für andere Anwendungen eingesetzt werden können. Eine weitere erfolgreiche Entwicklung aus unserem Haus ist das Hochleistungspolymer Pekkton. Da der Trend der Edelmetallsubstitution wie auch der Substitution von Keramik im Dentalbereich anhält, sind wir für dieses Produkt sehr zuversichtlich. Insbesondere der asiatische Raum reagiert sehr positiv auf das neue Produkt.

Sehen Sie im asiatischen Raum Wachstumschancen?

Bisher waren wir nur in Japan und Südkorea gut aufgestellt. In den übrigen asiatischen Märkten sind wir kaum vertreten. Es ist aber eines unserer Ziele, in den asiatischen Märkten zu wachsen. Dies muss nicht unbedingt China sein. Es betrifft den gesamten ASEAN-Raum. Diese preissensitiven Märkte sind generell offener für neue, preisgünstigere Technologien.

Sie erwähnten, dass Sie im Schmuckbereich durch neue Technologien konkurrenziert werden. Gibt es auch Innovationen im Schmuckbereich?

Claudio Penna: Eine grosse Herausforderung ist sicherlich der 3-D-Druck. Auf diesen Trend haben wir reagiert, indem wir eine spezielle Edelmetalllegierung in Weissgold für 3-D-Drucker entwickelt haben. Unser Produkt mit dem Namen Edelwhite kommt in der Industrie sehr gut an.

Dennoch haben Sie in Ihrer Medienmitteilung geschrieben, dass der Uhrenbereich besser als der Schmuckbereich läuft. Warum?

In der Bijouterie haben wir es mit einfacheren Produkten als bei Uhren zu tun. Uhren sind sehr technische Produkte, deren Herstellung mit einer grösseren Wertschöpfung verbunden ist. Während die Uhrensparte bei uns in den letzten Jahren gewachsen ist und immer noch wächst, ist der Bijouteriebereich seit Jahren geschrumpft. Ein Grund dafür sind Schmuckhersteller, die ihre eigenen Produktionskapazitäten ausgebaut haben und auf ein Outsourcing verzichten. Zusätzlich kommt die Euroschwäche hinzu. Während die meisten Uhrenhersteller ihren Sitz in der Schweiz haben, befinden sich die Schmuckunternehmen in den USA und Japan. Daher ist der Euroeffekt hier stärker zu spüren. Aufgrund der Vertikalisierung in der Schmuckindustrie sowie des negativen Währungsumfelds verlieren wir für das nächste Jahr einen grossen Kunden.

Wie verlief die Entwicklung in den ersten neun Monaten?

Was die Auslastung und die produzierten Mengen betrifft, so läuft das Geschäftsjahr wie geplant. Wie bereits erwähnt, beschäftigt uns der Druck auf die Margen und die Währungssituation. Seit der Aufhebung der Kursuntergrenze durch die SNB sind verschiedene Massnahmen umgesetzt worden. Darunter beispielsweise eine Verlängerung der Arbeitszeit. Beim Personalbestand ersetzen wir die Stellen von Personen nicht, die in Pension gehen oder das Unternehmen aus anderen Gründen verlassen. Auf Kündigungen versuchen wir zu verzichten, damit wir die Kompetenzen an Bord behalten.

Mit welchem Ergebnis rechnen Sie für das laufende Geschäftsjahr?

Das Ergebnis wird durch die Währungssituation ganz klar negativ beeinflusst. Die Bewertung unserer Tochtergesellschaften im Ausland sowie die Korrekturen auf dem Bestand der Debitoren und dem Warenlager belasten in Form eines Einmaleffektes die Erfolgsrechnung mit einem einstelligen Millionenbetrag. Wie sich dies genau auf das Ergebnis auswirkt, können wir heute noch nicht sagen. Wir setzen alles daran, dass wir dennoch keine roten Zahlen ausweisen müssen.

Welche Auswirkungen wird die Situation auf die Dividendenpolitik Ihrer Gesellschaft haben? Sie haben die Dividende ja bereits vor zwei Jahren einmal reduziert.

Marco Zingg: Der Verwaltungsrat hat die Absicht, die Kontinuität bei der Dividende zu bewahren. Bereits 2013 wurde die Dividende gekürzt und damit die zu erwartende negative Entwicklung antizipiert. Allerdings ist es derzeit noch zu früh, um konkrete Aussagen zu machen.

Nach vielen erfolgreichen Jahren, in denen die C+M-Gruppe stark gewachsen und von Rekord zu Rekord geeilt ist, erfolgt nur die Ernüchterung. Wie stehen die sieben Grossaktionäre zu der neuen Strategie?

Unsere Grossaktionäre, bei denen es sich um drei Familien handelt, verfolgen eine langfristige Optik und stehen daher voll hinter der neuen Strategie. Ihnen ist bewusst, dass sich das Umfeld geändert hat und wir entsprechend reagieren müssen.

Rasche Änderungen im Marktumfeld, der Generationenwechsel in Verwaltungsrat und Management sowie die Euroschwäche fordern derzeit die C+M-Gruppe. Im laufenden Jahr und in den kommenden Jahren dürfte sich das Unternehmen, das mit seinen bisher drei Bereichen sehr breit aufgestellt ist, deutlich verändern. Ein erster Schritt ist die Zusammenfassung der Medizintechnikbereiche. Weitere Schritte sind nicht auszuschliessen. Allerdings ist das Unternehmen solide finanziert und verfügt über ausreichend Substanz, um diesen Transformationsprozess erfolgreich durchlaufen zu können.

Der Kurs der C+M-Aktie hat in den letzten drei Jahren um rund 25% verloren. Der ausgewiesene Buchwert liegt bei 3’853 CHF pro Namenaktie und damit um rund 50% unter dem Kurs von 7’300 CHF, der zuletzt auf OTC-X für die Titel bezahlt wurde. Bezieht man allerdings die Rückstellungen in Höhe von knapp 112 Mio. CHF mit ein, die zum grossen Teil Eigenkapitalcharakter aufweisen dürften und zur Abfederung von Schwankungen bei den Edelmetallpreisen gebildet wurden, so errechnet sich ein Buchwert von 11’780 CHF. Sofern es der Gesellschaft gelingt, im laufenden Geschäftsjahr eine schwarze Null und in den kommenden Jahren wieder Gewinne auf dem Niveau des letzten Geschäftsjahres in Höhe von 6.5 Mio. CHF (EBITDA: 9.1 Mio. CHF) und höher auszuweisen, wäre die Aktie auf dem aktuellen Kursniveau nicht zu hoch bewertet. Aufgrund der ungewissen Aussichten sollten Anleger allerdings noch zurückhaltend mit einem Engagement sein, da ein weiterer Kursrückgang nicht auszuschliessen ist. Es dürfte sich lohnen, die Entwicklung der Gesellschaft, die künftig auch offener kommunizieren möchte, genau zu beobachten. Denn mittelfristig könnte ein Einstieg wieder interessant sein.

1 KOMMENTAR

  1. Obwohl CEO Claudio Penna im obigen Interview im Juli versuchen wollte, Kündigungen zu vermeiden, kommt es jetzt doch zu Personalmassnahmen. Laut einem Bericht des Bieler Tagblatts haben 18 Mitarbeiter die Kündigung erhalten. Weitere Entlassungen seien nicht geplant. Zudem rechne er mit einer Verbesserung der Konjunktur und sieht in den durchgeführten unternehmerischen Anpassungen den Schlüssel zu einer langfristig erfolgreichen Zukunft.
    http://www.bernerzeitung.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/cendres-et-metaux-entlaesst-18-mitarbeiter/story/19169037

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