Germann Wiggli, CEO WIR Bank: «Digitale Entwicklungen dürfen kein Feindbild sein.»

WIR Network möchte Win-Win-Situation schaffen. Neue digitale Angebote geplant.

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Germann Wiggli, CEO der WIR Bank
Germann Wiggli, CEO der WIR Bank Genossenschaft, will auch mit neuen Instrumenten KMU fördern und die Traditionen wahren. Bild:wir.ch

Die bereits 1934 als Wirtschaftsring gegründete WIR Bank Genossenschaft ist rührig und hat sich zur schweizweit aktiven Universalbank gewandelt. Dazu war es auch erforderlich, die AGB zu ändern, um den Netzwerkgedanken auch praktisch in die Tat umzusetzen. Ebenso musste das Bankkundengeheimnis geändert werden. Dies führte ab November 2016 aufgrund von Unverständnis und teilweise tendenziöser Berichterstattung zu einer rückläufigen Kursentwicklung der auf OTC-X gehandelten Stammanteile. Im Interview nimmt CEO Germann Wiggli Stellung, räumt mit Ressentiments und Vorurteilen auf und erläutert, wie die WIR Bank sowohl die KMU als auch die Schweiz als Ganzes wirtschaftlich stärkt.

Herr Wiggli, angenommen, Sie treffen im Aufzug einen Geschäftsführer eines KMU, wie überzeugen Sie ihn in 30 Sekunden von der WIR Bank oder wecken zumindest starkes Interesse?

Ich stelle ihm die Frage: Sind Sie interessiert daran, sich neue Kundenkreise zu erschliessen und folglich die Chance auf mehr Umsatz und Ertrag zu haben?

Was entgegnen Sie, wenn angeführt wird, dass man als Kunde der WIR Bank am Ende auf der WIR-Währung sitzen bleibt?

Wenn das so ist, war der Start – und damit einhergehend die Beratung – nicht optimal. Das WIR-System unterscheidet sich als weltgrösste Komplementärwährung dadurch, dass zuerst die potenziellen Investitions-, also die Ausgabemöglichkeiten analyisert werden müssen – und erst dann geht es ans Einnehmen.

Sie waren Vorreiter bei der Aufhebung des Bankkundengeheimnisses. Wie argumentieren Sie gegenüber Kritikern dieser Massnahme?

Ich stelle ihnen eine Gegenfrage: Wie sinnvoll – und letztlich wie stark – ist ein KMU-Netzwerk, bei dem sich die teilnehmenden Unternehmen gegenseitig nicht kennen? Diese outen sich mit der Teilnahme auf unserer Plattform www.wirmarket.ch, um Zusatzgeschäfte zu tätigen. Sie entscheiden selber über die Daten, welche sie auf der Plattform veröffentlichen möchten.

Ebenso kritisch wurde gesehen, dass im Rahmen Ihrer neuen AGBs auch eine Verpflichtung für Kunden besteht, mindestens 3% des Auftragsvolumens in WIR-Währung zu akzeptieren. Bitte erklären Sie diesen Schritt.

Durch den Beitritt zum WIR-Network entschliesst sich der Kunde, einen minimalen Auftragswert von 3 Prozent seiner Gegenpartei in WIR zu akzeptieren. Diesen Wert, also den WIR-Annahmesatz, kann er aufgrund seiner Platzierungsmöglichkeiten natürlich auch höher ansetzen. Die maximale Annahmepflicht liegt lediglich bei 5‘000 WIR-Franken. Darüber ist die Summe zwischen den Gegenparteien frei auszuhandeln. Liegt der Auftragswert zum Beispiel bei 100‘000 CHF und der WIR-Annahmesatz bei 10%, so kann der Auftraggeber – sofern er dem WIR-Netzwerk angehört – 5‘000 in CHW bezahlen. Er kann aber auch freiwillig – je nach seinem Bedarf – immer mehr annehmen. Es ist also wichtig, dass die Kunden ihren gewünschten Annahmesatz im WIRmarket festlegen. So kann die Gegenpartei sich entsprechend ein Bild über mögliche Investitionschancen seiner WIR-Guthaben machen.

Könnte man hier vom angewandten Pareto-Prinzip sprechen? Sie konzentrieren sich auf die wirklich aktiven Kunden und haben nichts dagegen, wenn inaktive Kostenverursacher kündigen?

Es geht nicht um Kostenverursacher – es geht darum, das Netzwerk möglichst attraktiv und lebendig zu gestalten. Auch wenn der Begriff abgegriffen ist: Das WIR-Network bietet eine Win-Win-Situation. Nicht nur die Bank verdient an möglichst häufigen und grossen WIR-Umsätzen, sondern diese widerspiegeln eben noch viel mehr Umsatz und Ertrag für jedes KMU.

Bitte erläutern Sie kurz die wesentlichen Vorteile der WIR-Währung für KMU?

Starkes Netzwerk, Chance auf mehr Umsatz und Gewinn, günstige Finanzierungslösung – und aufgrund des Charakters, dass WIR nur innerhalb unserer Landesgrenzen eingesetzt werden kann, stellt die Währung auch eine Stärkung der Schweizer Binnenwirtschaft dar. Wer sich für WIR entscheidet, leistet also einen sehr aktiven Beitrag.

Und wie ist es für Privatpersonen, welchen Nutzen haben sie?

Privatpersonen kommen nur dann in Kontakt mit WIR, wenn sie Arbeitnehmer bei einem WIR-Partner sind und ein entsprechendes Konto – beispielsweise für Spesenzahlung, Gratifikation und dergleichen – haben. Die Angebotspalette in der WIR-Welt ist aber sehr breit, so dass auch Privatpersonen WIR jederzeit sinnvoll einsetzen können. Kommt hinzu, dass eine emotionale Bindung zu WIR – also beispielsweise auch als «normaler» Privatkunde der WIR Bank – ein Bekenntnis zur Schweizer KMU-Wirtschaft ist. Nicht zu vergessen: 500’000 KMU-Betriebe in der Schweiz stehen für zwei Drittel aller Arbeitsplätze. Und über die Familie oder Freundeskreis ist wohl jede Schweizerin, jeder Schweizer in irgendeiner Form mit dem KMU «verbandelt».

In den letzten Jahren, besonders ab 2016, wurde die WIR Bank unter Ihrer Führung stark aus- und aufgebaut. Zuletzt sind auch Sach- und Personalaufwand überproportional gestiegen. Wenn Sie vom Ziel her denken, was soll die Investitionsinitiative konkret bringen?

Wir haben im November 2016 eine massive Modernisierung der WIR-Welt gestartet. Diese zeigt sich in zahlreichen neuen digitalen Produkten und Dienstleistung, wie beispielsweise der kostenlosen KMU-Plattform «WIRmarket» als Shop, Suchmaschine und virtuellem Treffpunkt der WIR-Teilnehmer, der mobilen Zahl-App «WIRpay» oder dem durch den gesamten Prozess volldigitalisierten Kontoeröffnungsprozess für Geschäftskunden. Kein Stück Papier ist hier mehr im Spiel, vom Kundenentscheid bis zur Dokumentenablage – hier sind wir sogar Vorreiter in der Schweiz. Gleichzeitig ist unser Auftritt grunderneuert, die Kommunikation lauter und direkter – immer unter der Prämisse: WIR spricht KMU. All dies soll das Netzwerk natürlich attraktiver und einfacher machen, mehr Kunden bringen – und genau dadurch eben wieder das Netzwerk stärken. Ich muss noch einmal «Win-Win» zitieren …

Trotz anhaltend schwierigem Tiefzinsumfeld ist die WIR Bank kontinuierlich gewachsen. Wie machen Sie das?

Vorweg: Das Tiefzinsumfeld blendet natürlich einen Wettbewerbsvorteil von WIR, die günstigen Finanzierungslösungen, aus. Das wollen wir in keiner Weise schönreden. Das dennoch stetige Wachstum der Gesamtbank ist Beweis dafür, dass wir mit attraktiven Konditionen und Dienstleistungen den Nerv der Bevölkerung treffen. Und mit unserer klaren Fokussierung auf den Schweizer Markt heben wir uns von der breiten Masse sicherlich ab. In unserer Werbung bezeichnen wir uns selbst als «grundsolide, rein schweizerische Genossenschaftsbank» – und darauf sind wir und ganz offenbar auch unsere Kunden stolz.

Bei den Erträgen fällt auf, dass das Handelsgeschäft von einem Jahr zum anderen meist grosse Sprünge aufweist. Können Sie bitte erläutern, welche Handelsaktivitäten genau durchgeführt werden, ob und wenn ja, wann gehedgt wird und wie Wechselkursveränderungen gehandhabt werden?

Unser Handelsgeschäft ist etwas volatiler, da wir unsere überschüssige Liquidität zum Teil in Wertschriften halten. Zinsabsicherungsgeschäfte spielten in der Vergangenheit auch eine Rolle. So mussten Marktwertveränderungen auch unter dieser Position abgebildet werden. Da wir für unsere Kunden bislang keine Handelsaktivitäten anbieten, fällt die glättende Wirkung hier weg. Die Rendite in den Handels- und Finanzanlagen messen wir laufend und vergleichen es mit verschiedenen Benchmarks.

Wollen Sie unsere Leser noch ein wenig über Ihre Digitalisierungsstrategie ins Bild setzen? Was ist das Besondere, was sind Ihre Zielsetzungen?

Wir digitalisieren nicht, damit wir digitale Produkte haben – sondern bei uns steht der Kundennutzen im Zentrum. Ein digitales Produkt, wie «WIRmarket», «WIRpay» oder die Online-Kontoeröffnung, muss dem Kunden Erleichterung, aber auch einen Spassfaktor bringen. Digitale Entwicklungen dürfen kein Feindbild, sondern müssen Nutzen stiftend sein. Bereits in wenigen Wochen werden wir den Markt – notabene komplett ausserhalb des WIR-Bereichs, soviel sei verraten – mit einer weiteren digitalen Lösung mit überragendem Kundennutzen überraschen. Was uns im Digitalisierungsprozess auch ganz wichtig ist: Der Kunde soll, nein, der Kunde muss mitreden können. Bereits heute sind diverse Optimierungswünsche bei «WIRpay» umgesetzt – und auch hier können wir schon demnächst einen nächsten Quantensprung beim einfachen und bequemen Zahlen per Smartphone verkünden.

Inwieweit ist Ihr Denken eigentlich noch von der Freigeld-Theorie der Gründer des Vorläufers der WIR Bank, dem Wirtschaftsring, geprägt? Wenn es Unterschiede gibt, welche?

Nach dem Gedanken der Freigeldtheorie soll das Kapital möglichst keine Zinskosten verursachen. Denn sie schädigen die mögliche Investitionstätigkeit und beuten insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen aus. Im 19. und 20. Jahrhundert gab es immer wieder Zyklen mit sehr hohen Zinskosten für die Unternehmen. Das Kapital – also die Einlagen in WIR-Währung – sollen keinen Zins abwerfen, und auf der Gegenseite sollen Kredite zu sehr günstigen Konditionen angeboten werden. Damit wird der Binnenmarkt aktiv stimuliert. Eine Milliarde WIR-Umsatzvolumen entspricht heute etwa einem Auftragsvolumen von über 30 Milliarden Franken für die Schweizer KMU.

Als unbeteiligter und unvoreingenommener Beobachter muss man fast zwangsläufig zu der Ansicht gelangen, dass die WIR Bank bzw. der Wirtschaftsring seit der Gründung 1934 ein Feindbild für andere Banken und die Fachpresse ist. Die NZZ 1937, die Bilanz 1990, und zuletzt im Rahmen Ihrer Änderung der AGBs war die Berichterstattung auch wieder zumindest tendenziös und verzerrt. Worauf führen Sie die überwiegend einseitig erscheinende Berichterstattung zurück?

Ohne jetzt zum grossen Gegenschlag auszuholen: Es ist sehr viel Halb- und Unwissen dabei. WIR wird in der Regel nicht verstanden – aber das nehmen wir auch als Selbstkritik mit. Wahrscheinlich haben wir in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gewisse Mechanismen zu kompliziert werden lassen. Und, auch dazu stehen wir, das System hat natürlich – wie überall auch – «schwarze Schafe» angezogen, die die Not anderer ausnutzen wollen. Geradezu erschreckend war, wie wenig das Thema Bankkundengeheimnis – nicht einmal von sogenannten Experten – verstanden wird. Wir wurden beispielsweise gefragt, weshalb es dem System hilfreich sei, wenn die KMU-Kunden untereinander ihre Kontostände kennen würden … Wer dem WIR-System mit Skepsis begegnet, dem stelle ich immer eine Frage: «WIR ist aktive Schweizer KMU-Förderung – findest du das schlecht?» Und dann können wir in die Details einsteigen.

Umgekehrt scheint es, als ob Ihre seit Jahrzehnten funktionierende Komplementärwährung grosses Interesse und Anerkennung im Ausland geniesst. In der Region Nantes und auf Sardinien wurden sogar an den CHW angelehnte Komplementärwährungen ins Leben gerufen, der SoNantes und der Sardex. Ist es wirklich einfach so, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt, oder können Sie andere Gründe für das geteilte Echo zwischen Inland und Ausland ausmachen?

Der Prophet im eigenen Land (lacht)? Es liegt sicher daran, dass sich vor allem im Ausland, zum Glück aber auch in der Schweiz, viele Leute mit dem Thema Komplementärwährung vertieft befassen. Und sie erkennen rasch, dass WIR für eine Wirtschaft, aber auch für jedes einzelne teilnehmende Unternehmen einen Mehrwert bieten kann.

Bitte geben Sie unseren Lesern und interessierten Investoren zum Abschluss noch einen Ausblick, was sie von der WIR Bank in den nächsten Jahren erwarten dürfen.

KMU-Förderung wie seit 1934, denn Tradition verpflichtet. Neu natürlich mit modernen Instrumenten – dass wir dies können, haben wir mit dem Relaunch im November 2016 bewiesen. Und alles gepaart mit lauter und selbstbewusster Kommunikation, denn die Schweizer KMU-Wirtschaft ist es wert, mit einem starken Netzwerk und der weltgrössten Komplementärwährung gefördert zu werden!

Vielen Dank für das erhellende Gespräch, Herr Wiggli.

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