Macro Perspective: Warum und wie 2018 nach der langen Flut an der Börse nun doch die Ebbe folgen wird

Passives Investment Management, beschleunigte Verschuldung und Zinswende fordern Marktreaktion.

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„Die hinterhältigste Lüge ist die Auslassung.“ Simone de Beauvoir, französische Schriftstellerin, 1908-1986

Ein Trend ist ein Trend ist ein Trend … so lange bis er gebrochen wird! Während er anhält – ob nun nach oben oder unten – findet die Mehrheit der Kommentatoren immer (die gleichen) Gründe, warum er fortdauern wird. Denn das ist einfach! So auch heute. Doch Zukunft ist mehr als nur eine Extrapolierung der jüngeren Vergangenheit. Das Erkennen von Trendwenden ist allerdings in der Zeit des Über-Konformismus eine einsame Übung geworden.

Ein neuer Rekordpreis am Kunstmarkt wie die 450 Mio. USD inkl. Gebühren für ein eher mittelmässiges Bild von Leonardo da Vinci: ein klares Signal für eine Spitzenbildung an den Kapitalmärkten, zumindest für den Börsenhistoriker. Dabei mag in diesem speziellen Fall eine Rolle spielen, dass nahezu alle Gemälde von Leonardo im Besitz von Museen sind und somit ein Werk für den privaten Auktionsmarkt eine Rarität darstellt.

Spekulation auf höchstem Niveau

Salvator Mundi
Salvator Mundi, ca. 1500. Bild: wikipedia.com

Das Bild „Salvator Mundi“ war übrigens erst 2005 in den USA aufgetaucht und hatte damals für lediglich 10’000 USD den Besitzer gewechselt – dass es von Leonardo ist, wurde zwar vom Käufer vermutet, jedoch erst später durch entsprechende Expertisen nachgewiesen. Allerdings ist auch vielsagend, dass die Auktion bei Christie´s im Rahmen der „Zeitgenössischen Kunst“ stattfand, um die Käufer solcher Kunst für das Leonardo-Bild zu begeistern. Anders ausgedrückt: Bei den neureichen Käufern von Keith Harring, Warhol & Co. würden bessere Preise zu erzielen sein, denn die Motive dort sind schnelle Wertsteigerung und etwas wirklich Einzigartiges an der Wand oder im Zollfreilager Genf zu haben. Dass unüblich grosse Schritte von 20-30 Mio. USD in den Geboten lagen, untermauert die These vom Käuferkreis.

Von „Panama“ zu „Paradise“ zu …

Der Käuferkreis ist zumindest in grösseren Teilmengen identisch mit den von den Enthüllungen der „Paradise Papers“ Betroffenen. Und die sind wiederum nicht weit von den Celebrities und Prominenten, die bei den Crypto-Währungen und ICOs ein immer grösseres Rad drehen! Aus Sicht des Normalbürgers muss es den Eindruck machen, dass eine Elite von „smarten“ Tech-Unternehmern und -Investoren, Stars und Celebrities, (korrupten) Politikern mit wirtschaftlichen Interessen sowie „cleveren“ Trittbrettfahrern mit Millionen und Milliarden jonglieren – und immer reicher werden. Und genau so ist es auch. So leistet sich Rennfahrer Hamilton einen Privatjet für 19 Mio. USD und gründet für die Einfuhr via die Isle of Man eine Fluggesellschaft, die den Jet an ihn least – und spart Millionen an Einfuhrumsatzsteuer! Die unverändert in den Medien zelebrierten britischen „Royals“ sind gleich mehrfach in Steuerhinterziehungen oder -vermeidungen, wie man es will, verwickelt. Natürlich wussten die Blaublütigen nichts von den Details und können sich nun mit dem Rest der Welt über die „legalen“ Steuerschlupflöcher für die Eliten aufregen.

Steuervergehen im Visier

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Aufschrei der Empörung dieses Mal vielleicht doch weitreichende Konsequenzen zeitigt, denn den Regierenden, die immer noch in den meisten Ländern aus den etablierten Volksparteien stammen, erkennen, dass dieses Missverhältnis, der Eindruck eines Selbstbedienungsladens für Privilegierte und die wachsende Chancenungleichheit wichtige Gründe für den Zulauf bei den populistischen Parteien sind. Vorbild Trump poltert bei jeder Gelegenheit gegen das Establishment, die „da oben“, die Medien – und ist soweit erstaunlich erfolgreich damit. Seine Wähler erkennen nicht, dass ihr Präsident Teil des Establishments ist und sich sogar in unverfrorener Weise an der Präsidentschaft bereichert, z.B. indem ihm das nahe dem Weissen Haus gelegene Trump-Hotel gehört, in dem seit seinem Amtsantritt die meisten Staatsgäste absteigen!

Kevin Spacey und die Folgen

Wie bei dem nachhaltig veränderten öffentlichen Diskurs zu Sexismus liesse sich auch über die Steuerthematik sagen, dass es beides schon immer gab und auch geben wird. Vielleicht, dennoch zeigen die weitreichenden Konsequenzen, dass ein fundamentaler Wandel in der öffentlichen Perzeption eingetreten ist. Etwa der Rücktritt eines britischen Ministers wegen vergleichsweise geringen Verfehlungen vor 15 Jahren oder, ein einmaliges Ereignis in der Filmgeschichte, die Tatsache, dass Netflix den bereits mit Kevin Spacey abgedrehten nächsten Teil des Kassenknüllers „House of Cards“ nicht herausbringen wird, sondern alle Szenen mit Spacey neu dreht und damit monatelange Verzögerungen und finanzielle Verluste in Kauf nimmt.

Verschuldung steigt weiter

Der Eindruck, dass sich in den letzten 10 Jahren seit Ausbruch der Finanzkrise, der „grossen Rezession“, wie es zur Vermeidung des eher angebrachten Terminus Depression in „New-Speak“ lautet, wenig geändert hat, wird auch durch die fortschreitende Schuldenorgie von Staaten, Unternehmen und Konsumenten verstärkt. Das teilweise erfolgte De-Leveraging ist durch neue Schulden an anderer Stelle mehr als wettgemacht worden, beispielsweise haben sich die Kredite an Studenten und Autokäufer gegenüber 2007 vervielfacht. Und vielfach steigen in jüngerer Zeit die Zahlen für nicht mehr bediente Kredite und Ausfälle deutlich.

Börsenmuster signalisieren Strukturveränderungen

Unternehmen mit starken Bilanzen haben an der US-Börse deutlich besser als diejenigen mit schwachen Bilanzen abgeschlossen. Quelle: marketwatch.com

Auch an der Aktienbörse zeigen sich neue Muster, die Verwerfungen einleiten. So zeigt sich eine markante Outperformance von Aktien der Unternehmen mit starken Bilanzen vs. solchen mit schwachen Bilanzen. Zudem wirft die immer geringere Volatilität Fragen auf. Waren die Korrelationen in den letzten Jahren immer grösser geworden – die Flut hebt alle Schiffe – , so ist diese in den letzten Monaten völlig zusammengebrochen. Stellvertretend hierfür: Während die GE-Aktie seit Jahresanfang 43% Kursverlust verzeichnet, ist der S&P 500 Index um 18% gestiegen. Unter der stillen Oberfläche der geringen Volatilität entwickelt sich bislang weitgehend unbemerkt der gleichförmige Aktienmarkt zu einem Markt von Aktien. Und das wiederum bietet Chancen für aktive Portfolio-Manager, Stock-Picker und Contrarians.

Passives Investment hat 35% Anteil an US-Börse

Die wohl gravierendsten Verwerfungen gehen jedoch von der kollektiven Irrung mit Namen „Passives Investment“ aus. Es ist zwar richtig, dass viele Fonds Manager über längere Zeiträume mit der erzielten Performance hinter der Entwicklung der Indizes zurückblieben, doch das heisst wenig. Beispielsweise unterliegen die Fonds Manager trotz allem Streben nach Individualität doch dem, was neudeutsch „Group-Think“ genannt wird. Wer konnte in den letzten 20 Jahren nicht in Technologie übergewichtet sein, zulasten besser performender Segmente ohne zahlreiche Ausfälle und Stagnationen – wie Cisco & Co?

… eine „Pseudowissenschaft“, sagt Shiller!

Immerhin haben sich die aktiven Manager noch Gedanken über die Unternehmen im Einzelnen gemacht. Und genau das ist es, was nach Ansicht von Nobelpreisträger Robert Shiller den Kapitalmarkt der USA gross gemacht hat. In einem aktuellen Interview sagt er, dass die Anleger sich immer Meinungen zu Unternehmen gebildet und entsprechend investiert haben. Obwohl Indizes schon 100 Jahre bestehen, habe doch in der ganzen Entstehungsgeschichte der amerikanischen Börse niemand je darüber gesprochen oder sich eine Meinung dazu gebildet. Passives Investment sei daher eine Art Trittbrettfahren auf anderer Leute Arbeit und darüber hinaus „verwässernd für die intellektuellen Fähigkeiten“. Es sei eine „Art Pseudo-Wissenschaft zu denken, diese Indizes seien perfekt, und alles, was man brauche, sei ein Computermodell, anstatt sich mit dem Geschäft der Unternehmen zu befassen“.

Klimaforschung und mangelndes Problembewusstsein

Mit Pseudo-Wissenschaft liefert Shiller ein gutes Stichwort, denn echte und verifizierte wissenschaftliche Erkenntnisse wie zur Klimaforschung werden durch „fake news“ gefälliger Medien, gekaufte Experten und sogenannte soziale Netzwerke propagandistisch übertrumpft und diskreditiert. Tatsächlich gibt es allen Trumpiaden zum Trotz bei der Klimakatastrophe keinerlei Grund zur Entwarnung. Die freigesetzten Treibhausgase nehmen sogar beschleunigt zu, weil durch die stetige Erderwärmung auch die Temperaturen in den Ozeanen steigen, wodurch weniger CO2 gebunden wird. Beim Klimagipfel in Bonn wurde jedoch auch Klartext gesprochen. James Hansen, Ex-Chefwissenschaftler der NASA, ist seit den 1980er Jahren einer der Väter der Klimaforschung und hat mit seinen Forschungsergebnissen ganz wesentlich dazu beigetragen, dass die Problematik überhaupt ins Bewusstsein der Menschheit gedrungen ist. Aufgrund aktueller Trends erwartet er eine durchschnittliche Temperaturerwärmung auf der Erde von mehr als 3 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts. Damit würden alle Küstenstädte und -regionen geflutet werden, flache Inseln vom Globus verschwinden. Es sei eine tödliche Bedrohung. Seiner Ansicht nach sollten die 100 grössten Verursacher, also Exxon, BP, Shell & Co., die für 70% der Emissionen verantwortlich sind, auf die Kosten des Klimawandels verklagt werden. Er hat sich einer Klage seiner Enkelin (21) und weiterer Vertreter der jüngeren Generation angeschlossen, deren Zukunftsperspektiven durch die Klimakatastrophe aufs Schwerste getrübt sind. Damit erfüllt sich auch eine der Langfrist-Prognosen der Macro Perspective vom Oktober 2015, die eine Klagewelle für Energieunternehmen aus dem Bereich fossile Brennstoffe vorhersagte.

Old Economy verhindert Koalitionsbildung in Deutschland

Pseudo-Wissenschaft im gegebenen Kontext ist das, was Trumps Kabinettsmitglieder oder auch die deutschen Autobauer und deren Lobby in den nun gescheiterten Koalitionsverhandlungen von sich gegeben haben. Während zahlreiche fortschrittliche Länder ab 2025 schon keine Verbrennungsmotoren mehr zulassen wollen, mussten sich die Grünen bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin von ihrem Ziel 2030 unter dem Druck der CSU (Dobrindt) verabschieden. Dazu passt, dass Frankreich, UK und Kanada ganz aus der Kohle aussteigen werden, in Deutschland jedoch der anachronistisch anmutende Anteil der Kohle von 40% am Energiemix mit dem Hinweis auf die Arbeitsplätze aufrechterhalten wird. Bedenkt man, dass die Vormachtstellung Deutschlands bei Photovoltaik, Windenergie und Biogas durch eine sprunghafte und inkonsistente Förderpolitik weitgehend (an China) verspielt wurde und all die Arbeitsplätze, die dadurch verlorengegangen sind bzw. gar nicht erst geschaffen werden, so zeigt das Festhalten an Kohle umso deutlicher, wozu ein nach hinten gerichteter Blick führt. Die Übermacht der Automobil-Industrie und deren Einflussnahme und Verhinderungspolitik wird Deutschland noch teuer zu stehen kommen – in einer Welt ohne Diesel, ohne Verbrennungsmotoren, ohne Fahrer und vielleicht sogar ohne Strassen. Die nächste Evolutionsstufe der urbanen Mobilität führt in und durch die Luft – wie bei Blade Runner oder Star Wars.

Der „Coup“ Salmans in Saudi-Arabien

Auch wenn die Saudis sonst an Altem festhalten, das Ende des Ölzeitalters wird auch dort als Fakt angesehen. Die Wirtschaft soll so schnell wie möglich diversifiziert und privatisiert werden. Vor kurzem wurde, ganz fortschrittlich, sogar das Fahrverbot für Frauen aufgehoben – es weht ein Wind von Veränderung. Den bekamen auch ganz überraschend rund 500 Prinzen, Milliardäre, Geschäftsleute und Funktionäre in Militär und Sicherheitsdiensten zu spüren, als ein sorgfältig geplanter „Coup“ am 4. November gegen sie durchgeführt wurde. Sie alle sind im Ritz Carlton von Riyadh interniert und müssen auf Matratzen am Boden schlafen. Viele sind mit dem Urheber, Thronfolger Salman, verwandt. Die Vorwürfe lauten auf Korruption, Bestechlichkeit, Veruntreuung im Volumen von mehreren hundert Mrd. USD. Das überrascht nicht wirklich, wird aber als prophylaktischer Rundumschlag gegen Opponenten und Kritiker sowohl der Thronfolge als auch der Richtung seiner Politik gesehen.

Wahrscheinlichkeit eines Nah-Ost-Hegemonialkrieges nimmt zu

Die ist gekennzeichnet von dem Drang, alle Ämter und Funktionen auf sich allein zu vereinigen, was zwangsläufig zu Opposition führen muss. Die beabsichtigte Modernisierung der Wirtschaft ist eine Seite, der Krieg gegen den Yemen und weitere Iran-Verbündete eine andere. Offensichtlich hat Salman keine Skrupel, Zehntausende von Zivilisten im Yemen dem Hungertod oder der Cholera zu überlassen, indem er Hilfen unmöglich macht. Unterdessen ist der iranische Plan, durch Syrien und Libanon Zugang zum Mittelmeer zu schaffen, gelungen. Salman sucht förmlich den Konflikt mit dem Iran und fühlt sich durch Trump gestärkt. Doch die Israelis lassen sich in keinen von Salman initiierten Krieg hineinziehen, vertrauen weder den USA noch Russland. Die spezifischen Konstellationen und Ereignisse lagen nahe, dass eine fortgesetzte Eskalation in den regionalen kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten ganz wesentlich auf den 32-jährigen saudischen Thronfolger zurückzuführen ist.

Graue Schwäne

Bestimmend für den weiteren Börsenverlauf sind neben den grauen Schwänen wie nun der voraussichtlichen Neuwahl in Deutschland oder Debakel von Seiten Trumps, she. Mueller-Untersuchung, oder Machtdemonstrationen Erdogans vor allem zwei Faktoren, die sogar Hand in Hand gehen: die sich ankündigende Zinswende und die Preissignale von den Rohstoffmärkten. Auch wenn die SNB und die EZB „verbal“ ihre Zinspolitik und die QE-Programme noch verteidigen: Das Ende dieser Politik ist absehbar. Da die Börse ein Antizipationsmechanismus ist, wird sich die „Normalisierung“ der Geldpolitik dort früher niederschlagen.

Preisanstieg bei Öl und Kupfer

Auch wenn die Kommentatoren der Energiemärkte müde und erschöpft erscheinen, der Ölpreis hat nachhaltig nach oben gedreht und die 50-USD-Marke überwunden. Aufgrund der überaus starken globalen Nachfrage und der beschränkten Förderkapazitäten ist mit einer weiteren zyklischen Preiserholung zu rechnen.

Ähnlich wie am Ölmarkt haben auch die Minenunternehmen in der Phase der schwachen Preise ihre Exploration zurückgefahren und sogar Kapazitäten stillgelegt. Die Folge ist, dass insbesondere der Kupferpreis seit Jahresanfang deutlich gestiegen ist. Diese Tendenz dürfte anhalten, da die Nachfrage steigt – Infrastrukturmassnahmen, Baukonjunktur, Elektro-Mobilität –, während neue Förderstätten kaum in Sicht sind und zahlreiche grosse Produzentenländer erhebliche Schwierigkeiten aufweisen, vor allem Chile und Indonesien.

Für umsichtige Investoren gilt oft Beauvoirs psychologische Einsicht: „Was geflüstert wird, wird am leichtesten geglaubt.“

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