Reto Gurtner, CEO Weisse Arena Gruppe: «Den Blick nach vorne richten.»

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Reto Gurtner
Visionär Reto Gurtner
Der 63-jährige Reto Gurtner ist Präsident des Verwaltungsrates und Vorsitzender der Geschäftsleitung der Weissen Arena Gruppe (WAG). Reto Gurtner studierte Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen und Recht in Bern. Die WAG führt Gurtner seit dem Zusammenschluss im Jahre 1996. Reto Gurtner ist der Visionär und der Architekt der Weissen Arena Gruppe. Seit 1983 ist zudem Präsident des Verwaltungsrates des Fleischwarenunternehmens Gurtner Holding in Montanero. Bild: Copyright LAAX / Daniel Amman

Herr Gurtner, die Weisse Arena Gruppe zählt zu den innovativsten Unternehmen der Branche und kann sich fast Jahr für Jahr steigern. Wie lauten Ihre Erfolgsgeheimnisse?

Reto Gurtner: Wichtig ist es, den Blick weit nach vorne zu richten, abzuschätzen, was in 10 oder 20 Jahren sein könnte. Wir möchten den zukünftigen Kunden kennenlernen. Er wird radikal anders sein als heute.

Den aktuellen Kunden werden Sie aber kaum vernachlässigen?

Da hilft ein Blick schon drei Jahre voraus. Dann wird nämlich die Anzahl der Mobilgeräte weltweit auf über 5 Milliarden gestiegen sein. Mit den Daten aus den Geräten unserer Kunden können wir exakt auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Angebote machen.

Zählt LAAX bezüglich Digitalisierung zu den Spitzenreitern?

Ja, beim Einsatz digitaler Instrumente sind wir schon sehr weit fortgeschritten. Über die INSIDE LAAX App kann der Gast beispielweise schon den Parkplatz reservieren, die Unterkunft buchen, Skipässe erwerben, ein Upgrading machen usw. In Spitzenzeiten wird diese App 85’000 Mal pro Tag angeklickt. Wir dürfen uns in der Digitalisierung also zu den fortschrittlichsten Tourismusdestinationen zählen. Nicht einmal die US-Vorzeige-Destination Vail kann diesbezüglich mit uns mithalten.

Bei einem Ihrer kühnen Projekte sind Sie aber nicht wie geplant vorangekommen, beim Mobile Gaming nämlich, wo Sie Millionenumsätze angepeilt haben.

Leider, unsere Gaming App wird für uns unverständlich dem Spielbankengesetz unterstellt, weil man mit Bezahlung eines Startgeldes einen Preis gewinnen kann. Wir werden diese App nun mit einem Partner in China lancieren. Die Idee bleibt die gleiche: Wir wollen nicht eine Million chinesische Gäste nach LAAX holen, lieber sollen 100 Millionen chinesische und andere Gamer unser Spiel spielen. Hier läge ein unglaubliches Potenzial. Würde z.B. die Hälfte im Game das Startgeld von 1 Franken bezahlen, könnten theoretisch 50 Mio. verteilt werden. Das in der Woche.

Mit welchen Projekten wollen Sie Ihr Kerngeschäft stärken?

Unser Skigebiet ist flächenmässig grösser als jenes von Samnaun/Ischgl, hat aber deutlich weniger Gäste. Dies hauptsächlich, weil bei uns die kommerziellen Hotelbetten fehlen. Diese Lücken wollen wir teilweise durch eigene Hotels schliessen, z.B. mit der 3. Etappe des Rockresort etwa. Weitere Projekte sind angedacht., z.B. The Woods. All unseren Projekten ist das Konzept Kaufen und Mieten zugrunde gelegt, wie buy to use and let. Für weitere Projekte fehlt uns das notwendige Bauland, und nach Raumplanungsgesetz kann neues Bauland nur eingezont werden, wenn eine andere Gemeinde im Kanton entsprechend auszont. Leider ein bürokratisches und kompliziertes Unterfangen. Sofern alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, sind 1’500-2’000 neue kommerzielle Betten innerhalb der nächsten 10 Jahre möglich.

Kein anderer Wintersportort hat sich so konsequent auf junge Snowboarder und Freestyler konzentriert wie Laax. Hat das die älteren Skifahrer nicht etwas frustriert?

Doch das hat es teilweise durchaus. Wir setzen aber in erster Linie auf die Töchter und Söhne der Skifahrer, welche zum grossen Teil auch Freestyler sind. Deshalb liegt das Durchschnittalter des Laaxer Feriengastes mit 38 Jahren weit unter dem Alter des Schweizer Winterferiengastes. Dieses beträgt rund 50 Jahre.

An welchen sehr erfolgreichen Unternehmen der Branche orientiert sich die Weisse Arena Gruppe?

Mein Prinzip heisst: „schaue nicht auf andere“. Das sogenannte Benchmarking führt dazu, dass am Schluss alles ein Einheitsbrei ist.

Wie wird sich die Anzahl der Gäste, Umsatz und Ertrag in den nächsten Jahren entwickeln? Welches sind Ihre Prognosen für das laufende und das kommende Geschäftsjahr?
Wie sehen Sie die langfristige Entwicklung?

In der Schweiz und in Europa ist der traditionelle Wintersport demografisch gesättigt. Den Bergdestinationen muss es gelingen, die jüngere urbane Generationen mit teilweise neuen Angeboten zu begeistern, dann sehe ich gute Chancen. Dies bedingt jedoch, dass man die Bedürfnisse der urbanen Generationen versteht und das Angebot entsprechend schafft. Auch der asiatische Markt wird unweigerlich wachsen; nur, um davon zu profitieren, muss man die Leistungskette für diese Gäste entsprechend konfigurieren. In beiden Fällen ist die Kenntnis der Bedürfnisse und Kommunikation unseres Kunden notwendig, was nur mit einer totalen Digitalisationsoffensive möglich ist.

Hat Ihre ungewöhnliche Vorgehensweise auch unter dem Strich etwas gebracht?

Durchaus, das konsequente Eingehen auf den Kunden zahlt sich auch unter dem Strich aus. Die Weisse Arena Gruppe erreicht mit einer Kapitalrendite von knapp 4 Prozent einen Topwert unter den schweizerischen Bergbahnunternehmen. Nur reine Ausflugsbahnen, wie z.B. die Jungfrau- oder Titlisbahnen, kommen auf besser Werte.

Hat sich das Problem der Frankenaufwertung für Ihr Unternehmen erledigt? Wo hoch ist bei Ihnen der Anteil der Auslandgäste. Was unternehmen Sie, um diesen Anteil zu steigern und insbesondere bei den Asiaten zu punkten?

Gut die Hälfte unserer Gäste sind Schweizer, rund 35 Prozent Deutsche, die restlichen Gäste verteilen sich über sehr viele Länder. Gespürt haben wir die Frankenstärke insbesondere bei den deutschen Touristen. Auf den Fernmärkten hatte dies einen geringen Einfluss, denn hier ist das Angebot und die Bündelung wichtiger als der Preis. Trotzdem bewegen wir uns hier noch im tiefen einstelligen Bereich.

Im Gegensatz zu Ihnen haben viele Schweizer Touristikunternehmen ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht. Wo sehen Sie die grössten Versäumnisse?

Vielerorts betreibt man immer noch reine Produkteoptimierungen, statt auch echte Innovationen zu setzen. Statt sich mit den möglichen Folgen der digitalen Transformationen zu beschäftigen, bieten viele Schweizer Tourismusorte noch immer dasselbe an wie vor 100 Jahren. Die meisten Destinationen haben aber nach wie vor keine Ahnung, wer ihre Gäste sind. Dabei ist gerade der persönliche Bezug zum Kunden, die Kommunikation der Marke und die Loyalität, von entscheidender Bedeutung. Es genügt nicht, einfach komfortablere Sitze auf die Skilifte zu montieren

Was genau sind die Eckpunkte Ihrer Strategie?

Als voll integriertes Tourismusdienstleistungs-Unternehmen schaffen wir bedürfnisgerechte Freizeiterlebnisse für die ganze Familie und für unterschiedliche Kulturen in intakter Natur. Wir entwickeln die ganze Wertschöpfungskette und können diese dem jeweilig entsprechenden Markt anpassen.

Welches sind die wichtigsten langfristigen Grossprojekte?

Unser Leuchtturmprojekt ist die Cassonsbahn, welche die Gäste direkt ins Weltnaturerbe Tektonikarena Sardona bringen soll. Aktuell veranschlagen wir für die Bahn rund 50 Millionen Franken. Die erste vorgestellte Variante von Flims aus ist ökonomisch mit 140 Millionen Investitionen nicht zu verantworten, daher die abgespeckte Variante, welche jedoch nicht minder spektakulär sein wird. Alleine können und wollen wir dieses Leuchtturmprojekt nicht finanzieren. Wir erwarten hier ein positives Signal und einen substanziellen Beitrag von der Standortgemeinde Flims.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung durch die Politik?

Beim Bau unseres Leuchtturmprojekts sind wir auf die Unterstützung der Politik angewiesen. Allein könnten wir dieses grosse Projekt nicht stemmen.

Die Aktien der Weisse Arena AG werden ausserbörslich auf OTC-X gehandelt. Zuletzt wurden Preise von 115 CHF für eine Aktie gezahlt. Im Geschäftsjahr 2016/17 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 85 Mio. CHF und konnte einen Betriebsgewinn (EBITDA) von 24.3 Mio. CHF ausweisen. Der Konzerngewinn lag bei 4.5 Mio. CHF. Den Aktionären wurde eine Dividende von 2 CHF ja Aktie ausgeschüttet, was einer Rendite von 1.7% entspricht.

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