Die Schweizer Bankenwelt hat es bisher immer verstanden, sich mit neuen Technologien zu erneuern oder weiterzuentwickeln. Auffälligstes Beispiel sind die Wertpapierbörsen. Die hektisch gestikulierenden Trader sind längst eine Reminiszenz. Im gegenwärtigen Handel führen Hochleistungsrechner selbständig Order aus und stützen sich dabei auf vorprogrammierte Algorithmen. Synthetische Derivate und virtuelle Wertpapiere gab es schon in den 1990er Jahren. Auch die geld- und titelmässige Abwicklung der Wertpapiergeschäfte, früher eine Kernkompetenz der Backoffices, geschieht mittlerweile vollautomatisch. Im Prinzip wären also Banken gut gerüstet, um eine neue Digitalisierungswelle zu stemmen.

Disruptive Innovation im Buchhandel

Mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets, soziale Medien und rein digitalisierte Geschäftsmodelle sind die Treiber von disruptiven Innovationen. Der Erfolg von Amazon zeigt, wie schnell das geschehen kann. Trendforscher sind sich darin einig, dass die Digitale Transformation die Banken- und Finanzwelt schon erreicht hat. Eine von Swisscom in Zusammenarbeit mit den Universitäten St. Gallen und Leipzig herausgegebene Studie („Innovationen im Retail Banking“) deutet darauf hin, wie weit Nichtbanken das Strategieheft der Branche schon mitgestalten. So setzen die befragten Banken beispielsweise in Peer-to-Peer-Lösungen und e-Wallets ein relevantes Entwicklungsfeld. Peer-to-Peer-Lösungen betreffen Geldüberweisungen von Nutzer zu Nutzer, während das e-Wallet bei Onlinezahlungen wie eine digitale Brieftasche funktioniert.

Ein von Apple hinterlegtes Patent deutet darauf hin, dass ein Rollout von einem eigenen Produkt nur noch eine Frage der Zeit ist. Laut einem letztjährigen Medienbericht vom Online-Tech-Magazin TechCrunch verdichten sich die Gerüchte, dass Apple dafür den bereits bestehenden Zahlservice Apple Pay einsetzt. Ein weiteres Vordringen des kapitalkräftigen Internetgiganten in das Kerngeschäft der Banken sollte die Branche bedenklich stimmen. Wiederum lässt Amazon grüssen. Mittels der Demokratisierung des Breitbands, der neusten Generation von Smartphones und Geolokalisation ist es heute für innovative Unternehmer ein Leichtes, mit digitalen Plattformen bei traditionellen Wirtschaftszweigen einen regelrechten Verdrängungswettbewerb loszutreten.

KYC-Prinzip um die soziale Dimension erweitert

Es reicht nicht, wenn sich die Bankenwelt darauf beschränkt, erfolgreiche Geschäftsmodelle für den eigenen Bedarf zu replizieren. Digitale Plattformen oder soziale Medien setzen das erweiterte Kundenerlebnis zum Massstab der Dinge und beziehen die Informationen dafür von ihren Mitgliedern, die ja ständig über „Likes“ ihre persönlichen Präferenzen bekannt geben.

Die Risiken für Banken liegen darin, dass zunehmend Nichtbanken in ihr eigentliches Kerngeschäft vordrängen. Accenture schätzt, dass durch den Wettbewerb von Nichtbanken bis im Jahr 2020 etwa ein Drittel der Einnahmen im traditionellen Bankgeschäft wegbrechen wird. Genügt es also, bestehende Dienstleistungen digital zu transformieren, ohne die zentrale Kundenbeziehungen einzubeziehen in einer digitalen Gesamtstrategie? Eine digital affine Kundschaft ist sich beispielsweise gewohnt, dass sich der erste Touch Point mit dem Herunterladen einer bedürfnisorientierten Gratis-App ergibt, sich über eine Live-Demo im sozialen Netzwerk fortsetzt und schliesslich, durch viele positive Anwendererlebnisse, eine Beziehung entsteht, die einen Follower nahtlos in den Verkaufszyklus überführt. Kürzer gesagt: Das KYC-Prinzip ist um eine soziale Dimension erweitert.

Virtuelles Eigenheim-Spotting

Retail-Banken oder auch Universalbanken besitzen sehr gute Voraussetzungen in diesem neuen Wettbewerb. Sie verfügen über einen sehr breiten Kundenstamm und eine grosse Menge an Transaktionsdaten. Doch vor allem haben sie jahrzehntelang Expertise in Finanzgeschäften aufgebaut. Dieses Wissen und die Komplexität sind nicht in kurzer Frist replizierbar. Erfolgsversprechend sind Modelle, bei denen eine Bank für ihre Hauskunden eine digitale Erlebniswelt mit neuen Kommunikationsformen entwickelt. Beispiele dafür gibt es schon genug. Die Commonwealth Bank of Australia hat beispielsweise vor ein paar Jahren virtuelle Realität mit Big-Data-Technologie in einer neuartigen Dienstleistung zusammengebracht. Mit einer App der Bank gehen angehende Eigenheimbesitzer auf Häuserpirsch und fotografieren ihre Lieblingsobjekte. Die App liefert dann umgehend die monatlichen Hypothekarkreditraten. Die Bank-App deckt bereits 95 Prozent aller australischen Wohnimmobilien ab.

Anfang 2018 haben die Bank Cler (ehemals Coop Bank) und die Basler Kantonalbank ihre eigenen Eigenheim-Apps lanciert, wobei es sich um eine White-Label-Produkt des Immobiliendienstleisters IAZI AG handelt. Noch vor rund vier Jahren war die Glarner Kantonalbank die erste Staatsbank, die eine digitale Strategie definiert und diese auch mit einem ansprechenden Online-Angebot realisiert hatte. Im April dieses Jahres möchte das Institut eine neue digitale Anlageberatung einführen. Ein softwaregestützter Prozess wird dabei mit der Kompetenz eines persönlichen Beraters kombiniert. Digital am neuen Angebot sind einerseits der Zugriff auf weltweite Finanzdaten sowie die Visualisierung und Simulation von verschiedenen Anlagestrategien. So können Kunde und Berater auch künftige Erfolgsaussichten der Strategien einsehen, woraus dann das gewünschte Zielportfolio zusammengestellt wird. Augenfällig bei diesem Angebot ist, dass die Bank bei der Ausgestaltung der Dienstleistung das Humankapital weiterhin berücksichtigt. Einige Zeit machten die Entwicklungen der sogenannten «Robo Advisors» glauben, dass die zukünftige Anlageberatung nur auf Big-Data-Algorithmen aufbauen würde. Der Pionier der Schweizer Online-Anlageberatung True Wealth hat in der Tat einen hohen Automatisierungsgrad. Allerdings ist hier die Anlagestrategie stark auf Exchange Traded Funds fokussiert und wirkt daher wie eine erweiterte Marketing-Plattform für diese Anlageform. True Wealth ist vorletztes Jahr eine strategische Partnerschaft mit der Basellandschaftlichen Kantonalbank eingegangen.

Zeitreise in die 70ies oder 80ies

UBS hat bisher ihren «Robo-Advisor» ausschliesslich in Grossbritannien getestet und macht den weltweiten Rollout von einer neuen IT-Plattform abhängig. Gerade Letzteres mag symptomatisch sein für die derzeit technischen Umwälzungen auf dem Bankenplatz. Jahrelang war es den grossen Player möglich, sich mit ihren teilweise veralteten IT-Plattformen am Leben zu erhalten. In der Finanzbranche setzt man schon seit den 70er Jahren in grossem Stil Informationssysteme ein. Viele der Systeme aus den 70er und 80er Jahren bilden heute noch den Kern des IT-Universums. Die typische Applikationslandschaft einer Grossbank stellt sich heute in der Regel als ein Konglomerat heterogener Applikationen aus verschiedensten Jahrzehnten dar, die mit unterschiedlichsten Technologien gebaut wurden. Diese Landschaften haben eine sehr hohe Komplexität, was ihre Grosse, ihre Heterogenität und die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen ihren Komponenten angeht. Die äusserst komplexen Anforderungen von Bankensystem geben den Banken nur zwei Optionen in die Hand, um den Sprung ins digitale neue Zeitalter zu schaffen.

Bei Legacy-Systemen und eingespielter Business-Architektur ist in Jahrzehnten so viel Wissen aufgebaut worden und auch das entsprechende Personal, dass Fremdanbieter nur punktuell mitwirken. Im zweiten Fall ist es nicht unüblich, dass ein Bankhaus einen führenden Softwareanbieter anfänglich ins Boot holt, aber diesen auch mal auswechselt, wenn das Projekt zu sehr ins Stocken gerät. Solche fliegenden Wechsel sind nicht unüblich. So hat die Bank Julius Bär den börsenkotierten Anbieter Temenos mit dem IT-Umbau beauftragt, nachdem der Mitbewerber Avaloq die Waffen strecken musste. Avaloq erhielt seinerseits von Raiffeisen den Auftrag, das Frontendsystem Dialba zu ersetzen, nachdem die Zusammenarbeit mit IBM 2014 abgebrochen wurde.

Eigentlich ergeben sich für Anleger viele Möglichkeiten, wenn sie in die Digitale Transformation auf dem hiesigen Finanzplatz investieren möchten. Fakt ist, dass die Internetgiganten über genügend Geld in der Kriegskasse verfügen, um neue Finanzdienstleistungen weltweit auszurollen. Sie werden dabei auf ihre wertvollen Brands und die riesigen Fangemeinden setzen. Sehr weit vorangeschritten ist derzeit Apple mit der Zahldienstleistung Apple Pay. Verlockend, wenn auch momentan noch im Gerüchtestadium, wäre ein nicht unrealistisches Szenario, dass der Suchmaschinengigant Google eine Bankenlizenz beantragt. In der Schweiz bergen die spezialisierten  Bankensoftwareanbieter mit Ausnahme von Temenos wenig Auswahl, da die meisten üblichen Verdächtigen nicht börsenkotiert sind. Temenos ist derzeit auf Wachstumskurs in den USA und konnte mit Grossaufträgen die flauen Jahre nach der Finanzkrise wieder wettmachen. Bei den agilen Kantonalbanken ist derzeit die Glarner der Basler Kantonalbank vorzuziehen, da letztere noch sehr stark in ihrem Radikalumbau involviert ist.

Hinweis in eigener Sache: Am 23. März veranstaltet schweizeraktien.net einen Workshop zum Thema „Blockchain – Chancen und Risiken für KMU“ für CEO, CFO und VR-Mitglieder. Die Anmeldedetails finden Sie hier.

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