Bitcoin, Blockchain, ICOs: Krypto-Währungen auf der Hype-Kurve

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Blockchain
In welchem Stadium auf der Hype-Kurve befinden sich Blockchain, Bitcoins und ICOs? Bild: Fotolia

Das amerikanische Marktforschungsunternehmen Gartner beobachtet seit Längerem Hypes. Manchmal sind ihre Ausmasse bescheiden. Wenn sich zum Beispiel alle Jugendlichen in Japan plötzlich die Haare blau färben. Schwerwiegendere Folgen haben Hypes, wenn sie in unseren Köpfen Phantasien auslösen. In den USA stellten sich die Menschen vor mehr als hundert Jahren tatsächlich vor, dass auf der kalifornischen Erde das Gold nur so herumläge.

Zurück zu Gartner. Das Unternehmen hat für bahnbrechende Technologien einen Hype-Zyklus entwickelt. Er fusst auf einem «Gesetz» von Roy Amara, das besagt: Es gibt eine Tendenz, neue Technologien aus kurzer Sicht zu überschätzen und langfristig zu unterschätzen. Am Anfang der Kurve (siehe unten stehende Grafik) gibt es einen Auslöser, das könnte zum Beispiel eine Erfindung sein, sodann steigt die Kurve steil an bis zum «Höhepunkt der übertriebenen Erwartungen»; steil saust die Kurve dann hinab ins «Tal der Enttäuschungen» und hievt sich schliesslich via den «Aufstieg der Erleuchtung» auf die «Ebene der Produktivität».

Hype-Zyklus des Marktforschungsunternehmens Gartner. Quelle: Gartner

Aus Eistee wird Blockchain

Bis Anfang Jahr hatte der Hype der Krypto-Währungen seinen Höhepunkt erreicht. Die Bezeichnungen Bitcoins und Blockchain waren dann wirklich in aller Munde. So bat mich in der Silvesternacht ein Berliner Taxifahrer um Anlagetipps für Bitcoins, als ich mich erstens als Schweizer und zweitens als Finanzjournalist geoutet hatte. Weitere Anekdote gefällig? Die New Yorker Getränkefirma Long Island Iced Tea Corp sah ihren Aktienkurs explodieren, als sie sich in Long Blockchain Corp umbenannte.

Ältere Semester unter den Lesern mögen da verschmitzt lächeln und sich an die Anfangszeit des Internets erinnern. Damals, als noch niemand genau wusste, was da auf einen zukam. Allein das Kürzel «Web» versprach das Paradies auf Erden. Übertriebene Erwartungen und Luftschlösser ersetzen traditionelle Aktienbewertungen. Zur Ehrenrettung muss man allerdings sagen, dass aus der heutigen Perspektive einige Dot.com-Unternehmen ihrer Zeit weit voraus waren. Zum Beispiel Webvan.

Bei Webvan bestellten Kunden ihre Einkäufe online und liessen sich diese vor die Haustüre liefern. Die Idee, die heute übrigens Milliardenumsätze generiert, war Klasse, doch die Mittel des damaligen Internets begrenzt. Webvan schaffte es anfangs, sich rund 800 Millionen USD an Venture Kapital und 375 Millionen USD über ein IPO zu beschaffen. Doch die Expansion war viel zu hastig. Eine Milliarde floss in den Bau von hochmodernen Warenhäusern. In der herben Ernüchterung nach dem Platzen der Techblase ging das Unternehmen in Konkurs. Das Logo und der Domain haben allerdings überlebt und erleben nun eine Renaissance als Amazon-Webshop. Steht uns also bald die nächste Krypto-Blase ins Haus?

Blumige Versprechungen und dürftige Fakten

Vielleicht ist die Situation auch ohne abgenutzte Finanz-Metaphern erklärbar. Tatsächlich hat sich nach einem übertriebenen Hype ein gewisser nüchterner Realismus breitgemacht in der Krypto-Welt. Der Bitcoin-Preis hat seit Anfang 2018 deutlich korrigiert, sowie auch andere Anlageklassen einen Preissturz hinnehmen mussten. Einige Initial Coin Offerings (ICOs), mit denen sich junge Firmen direkt Kapital besorgten, erwiesen sich beim harten Abgleich mit der Marktrealität als viel heisse Luft. Blumige Versprechungen und dürftige Fakten wirken wenig vertrauenserweckend für seriöse Venture Capital Investments. Die Party ist jetzt im Katerstadium.

Aber mit dem Realismus hat sich auch eine differenzierende Sicht durchgesetzt. Konkreter formuliert: Die Blockchain als zugrundeliegende Technologie mag ohne Bitcoins oder andere Krypto-Währungen weiterbestehen. Umgekehrt funktioniert es hingegen nicht. Bevor dieser Aspekt ins Rollen kommt, möchte ich jetzt aber denjenigen Lesern entgegenkommen, die sich wie ich selber auch bis vor kurzem mächtig genervt haben, dass wirklich niemand im näheren und weiter gefassten Umfeld fähig war, die beiden Hype-Wörter und was dahinter steht gut verständlich zu erklären. Viele fühlen sich auf Youtube-Kanälen dazu berufen, allein für mich schafft es nur dieser Clip «Blockchain genial, einfach und kurz erklärt!».

Konkrete Anwendungen im Finanzbereich

Wenn Finanztransaktionen in der Blockchain wirklich so transparent und sicher sind, wie uns das Video demonstriert, bietet die Technologie enormes Potential. Nicht erst seit der Millenniumswende haben Staaten aus aller Welt gewaltig aufgerüstet, um dubiose Finanztransaktionen und Steuerausfälle zu bekämpfen. Doch hat die Blockchain-Technik ihren Reifegrad schon erreicht, um solche Herkulesaufgaben zu meistern? Blockchain-Technologie stecke noch in den Kinderschuhen und sei noch weit entfernt davon, einen Vergleich mit TCP-IP oder anderen Datenbanken anzutreten, hat der Schweizer Blockchain-Gründer Patrick Allemann kürzlich in einer Reportage der «Schweizer Bank» verlauten lassen. Dennoch gibt es bereits konkrete Anwendungen im Finanzbereich.

ABN Amro hat Anfang Januar mit Partnern die weltweit erste Rohstofftransaktion via Blockchain durchgeführt. Spektakulärer sind die Pläne des Stadtstaates Singapur. Die Monetary Authority of Singapore (MAS) testete Ende 2017 die wichtigsten Protokolle. Die MAS möchte ein einheitliches Interbanken-Payment und Settlement-System auf der Blockchain-Technologie aufbauen.

Kryptoaktivitäten in der Schweiz

Auch die Schweiz muss in Sachen Kryptoaktivitäten nicht zurückstehen. Mit der Ethereum-Stiftung hat die zweitgrösste Kryptowährung der Welt seit 2014 ihren Sitz in der Schweiz. Mit Crypto Valley Swiss ist in Zug eine Branchenvereinigung entstanden, die auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Schliesslich wirken Grossbanken wie UBS oder Credit Suisse in einem der weltweiten Banken-Konsortien mit. Die Konsortien erweisen sich als brauchbares Vehikel für die Blockchain-Technologie. Denn so können Banken, die auf dem Markt als Konkurrenten auftreten, die Technologie austesten und Erfahrungen sammeln. In der Schweiz steckt auch die erste «Kryptobank» in der Vorbereitungsphase. Einige Family Offices und vermögende Investoren klären derzeit ab, ob dafür eine Bankenlizenz nötig ist und unter welchen Umständen diese zu erhalten wäre. Schliesslich dies: In Zürich eröffnet nun, ebenso mit politischem Sukkurs, ein privat betriebener «Blockchain-Hub», also ein Gemeinschaftsbüro für spezialisierte Startups. Weil sich der geplante Innovationspark in Dübendorf verzögert, residiert der Hub ab April vorerst an der Bahnhofstrasse 3, nahe dem See. Er heisst Trust Square («Vertrauensplatz» bzw. «Vertrauen im Quadrat») und liegt gegenüber der Nationalbank. Die auffallende Ähnlichkeit mit dem schwedischen Erfolgsfilm „The Square“ ist hoffentlich unbeabsichtigt.

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