Macro Perspective: Die Krypto-Implosion … und das Gute am irrationalen Überschwang

Crash im Krypto-Universum – Bitcoin-Korrektur von 55%

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Der Kryptomarkt bricht zusammen. Bild: stock.adobe.com

«Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand!» Max Frisch, Schriftsteller und Architekt, 1911-1991

Insgesamt 19’466 Kryptos werden inzwischen an 525 Börsenplätzen gehandelt. Deren kollektiver Marktwert ist bis Mitte Mai 2022 auf 1.27 Billionen USD kollabiert. 44% davon entfallen immer noch auf den Bitcoin, der 55% unter seinem Hoch liegt. Bei den Neueinsteigern der letzten Monate macht sich bereits Panik breit. Wie sind die weiteren Aussichten?

Bei den Krypto-Währungen ist es auch nicht anders als in anderen Anlagesegmenten: Die Annahmen der Käufer haben sich als unzutreffend erwiesen. Gerade wegen der relativ kurzen Geschichte der Krypto-Währungen gab es entsprechend wenig historische Daten, um Thesen zu bestätigen oder sie zu widerlegen. Den Käufern blieb es selbst überlassen, ihre Engagements auf Glauben, Momentum, Werbeversprechen oder einfach allgemeine Technologiebegeisterung zu gründen.

Timing

Die Macro Perspective war gegenüber dem Krypto-Phänomen stets skeptisch geblieben, hatte allerdings gegen Ende 2020 eindeutige Kaufsignale ausgemacht, als der Bitcoin alte Rekordmarken bei 12’200 USD und dann 20 000 USD überbot. Erst Hedge Funds, dann auch Versicherungen, Unternehmen und andere institutionelle Investoren stiegen mit einem «Wall of Money» in den für Kapitalmarktverhältnisse relativ engen Krypto-Markt ein. Der Bitcoin-Preis kletterte in der Folge bis auf 69’000 USD. Noch im Januar 2022 wies die Macro Perspective auf die «Giftblüten des Spekulationsfiebers» hin. Inzwischen beträgt die Korrektur bis auf das Zwischentief von 25’000 USD 62%. Nach diversen Erhebungen liegen 40% der Bitcoin-Inhaber mit ihren Engagements mittlerweile in der Verlustzone.

Der Bitcoin zeigt sich seit seinem Hoch von 69’000 USD in starker Abwärtstendenz. Chart: finanzen.ch
Stable Coins werden instabil

Ein Grund für die letzte Verkaufswelle war ein Erdbeben bei den sogenannten Stable Coins. Deren Wert soll durch die Kopplung an beispielsweise den USD stabil bleiben und risikoaversen Käufern die Welt der Kryptos ohne Risiko erschliessen. Doch ein Einbruch der beliebten Stable Coin «TerraUSD» um 35% bescherte den Inhabern schmerzhafte Verluste und löste ein Beben bei den «sicheren» Stable Coins aus. Wieder einmal haben sich die «gesicherten» Annahmen im Krypto-Universum als trügerisch bis falsch erwiesen. Die Werbeversprechen der Industrie ziehen nun Klagen nach sich, und es dürfte wohl noch ein regulatorisches Nachspiel geben.

Und noch eine Enttäuschung

Dem ging bereits eine schwere «Ent-Täuschung» voraus, als sich Bitcoin & Co. im Lauf der letzten Monate nicht als Gewinner der Baisse an den Aktienmärkten entpuppten, sondern sogar noch stärker korrigierten als die Tech-Aktien an der Nasdaq, die den Aktienmarkt erst nach oben gezogen hatten, dann jedoch seit dem vierten Quartal 2021 auch die Führungsrolle im Bärenmarkt übernommen haben.

Netflix auf Sinkflug

Der Nasdaq-Index steht aktuell 27% unter seinem Hoch. Doch viele Tech-Aktien haben weit mehr verloren. In der Macro Perspective vom Februar 2022 war bereits auf die leitende Rolle von Netflix, Paypal und Meta Platforms hingewiesen worden. Inzwischen liegt Netflix nochmals 50% tiefer. Der Kurs ist auf das Niveau von 2017 zurückgefallen, die Market Cap beträgt nur noch 83 Mrd. USD. Immerhin wird Netflix nach dem Willen des Wahlvolkes in der Schweiz nun zur Filmförderung beitragen müssen.

Korrelationen von Tech-Aktien und Bitcoin, Gold und Weizen

Wie sich gezeigt hat, ist die Korrelation der Tech-Aktien an der Nasdaq und dem Krypto-Markt mit 0.8 ausserordentlich hoch. Bitcoin ist somit unter dem Aspekt der Risikodiversifizierung für Aktienanleger wenig geeignet. Es ist nicht das «Gold des digitalen Zeitalters», wie es so viele Experten nicht müde werden anzupreisen. Das echte Gold hat zwar auf USD-Basis nicht unbedingt gewonnen, in anderen Währungen aber schon. Die Kaufkraft wurde somit erhalten. Seit den Zeiten des Römischen Reiches kaufte eine Unze Gold stets ca. 350 Brotlaibe. Somit sollte der Goldpreis nach einer seit 2’000 Jahren bestätigten Korrelation mit der Inflation am Weizenmarkt mittelfristig anziehen.

All-in und Down-with-it

Auch die Aktien von Unternehmen, die sich «all-in» in den Krypto-Markt stürzten, sehen inzwischen gar nicht mehr gut aus. MicroStrategy war ein Vorreiter darin, Bitcoin als Reservemedium in der Bilanz zu propagieren. Das tat dem Kurs der sonst eher strauchelnden MicroStrategy durchaus gut. Der Kurs stieg zwischen Oktober 2020 und Februar 2021 um 600% auf über 1’000 USD, ist inzwischen jedoch auf die damalige Ausgangsbasis zurückgefallen.

Coinbase – herbe Verluste 

Ähnlich gravierend sind die Verluste für Aktionäre von Coinbase. Die Krypto-Börse war im April 2021 an die Börse gegangen und verzeichnete noch im November ein Hoch von 369 USD. Dann kam der Absturz bis auf 41 USD, mittlerweile dümpelt die Aktie bei 60 USD. Die Market Cap beträgt noch 15 Mrd. USD. Die Zahlen für das erste Quartal reflektierten einen jähen Abschwung von Neukunden und Transaktionen – und nicht die prognostizierten hohen Wachstumsraten ad infinitum, wie von zahlreichen Experten verkündet.

Coinbase Inc. ist eine US-amerikanische Aktiengesellschaft, die eine Handelsplattform für Kryptowährungen betreibt. Chart seit IPO 2021: finanzen.ch
Wenn Staaten ins Krypto-Fieber fallen

Ein weiteres Desaster zeichnet sich in El Salvador ab. Die Regierung hatte den Bitcoin zum nationalen Zahlungsmittel erhoben und versucht, mit einer schönen neuen Krypto-Welt Investoren ins Land zu holen. Die Akzeptanz der Bevölkerung ist jedoch gering. Durch die Preisimplosion im Krypto-Universum sind nun neue Probleme für das Land und seine geplagte Bevölkerung geschaffen worden.

Russland-Sanktionen werfen Schatten auf den Krypto-Markt

Abgesehen von der hohen Korrelation zu Tech-Aktien könnten auch der nun drei Monate währende Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland eine wichtige Rolle beim Krypto-Ausverkauf spielen. Nachdem der reguläre Zahlungsverkehr für Russland durch diverse Sanktionsmassnahmen erheblich erschwert wurde, sind die Krypto-Währungen verstärkt auf dem Radar der Aufsichtsbehörden, denn Bitcoin-Transaktionen folgen eben nicht den regulären Wegen, sind anonym und werden daher zur Umgehung der Überwachbarkeit auch von isolierten Regimen gerne genutzt, ebenso von sanktionierten Oligarchen, die ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen. Auch Verbote werden in etlichen Jurisdiktionen erneut diskutiert.

Krypto-Hype und Klima-Neutralität

Und auch der Umweltaspekt ist durch die steigenden Energiepreise wieder ein Thema geworden. Die enorme Energieverschwendung hat sogar dort, wo es nicht erwartet worden war, für politische Konsequenzen gesorgt. Viele Krypto-Mining-Unternehmen waren in China angesiedelt. Als zunehmende Energieengpässe auftraten, wanderten die meisten «Miner» ins benachbarte Kasachstan, wo Energie kein Problem zu sein schien. Doch auch dort gab es Schwierigkeiten, die wohl mit dem Aufstand von Teilen der Bevölkerung gegen den autokratischen Herrscher zu tun haben. Schnell waren russische Einheiten zur Niederschlagung ins Land gerufen worden, wo jetzt wieder trügerische Ordnung zu herrschen scheint.

Emerging Markets durch Preissteigerungen überfordert

Es gibt schon viele kleine Feuer auf der Welt, die durch den Ukraine-Schock meist noch angefacht wurden. Wenn es für autokratische oder kleptokratische Machthaber eng wird, ist, wie man sieht, überall auch das Undenkbare im Bereich des Möglichen, wenn nur die Machtstrukturen erhalten bleiben. Das hat sich in zahlreichen afrikanischen Staaten bereits als Rezept erwiesen. Im Sudan, in der Zentralafrikanischen Republik und in Mali sind beispielsweise russische Einheiten zur Herstellung der Ordnung ins Land gerufen worden. Die allgemeine Destabilisierung durch explodierende Energie- und Nahrungsmittelpreise hat nun in Sri Lanka zur ersten Staatspleite geführt. Die Regierung stürzte nach langen Protesten der Bevölkerung. Es fehlt an Geld für Nahrungsmittelimporte, für Energie und zum Schuldendienst. Laut UN sind über 100 Länder durch die globalen Mehrfach-Krisen von einem ähnlichen Schicksal bedroht.

Ägypten in der Klemme

Schwer auszumalen, wie sich Hungerrevolten beispielsweise in Ägypten, dem weltweit grössten Weizenimporteur, niederschlagen werden. Weizen war stets subventioniert worden, um Hunger und Unterernährung zu vermeiden. Doch bei einer Bevölkerung von inzwischen 100 Mio. Menschen und angesichts der Preissteigerungen bei Weizen und anderen Grundnahrungsmitteln, übersteigt dies die Möglichkeiten. Domino-Effekte wären unvermeidlich.

… und das Gute am irrationalen Überschwang ist…

Auch wenn die bisherige Schilderung des Fall-outs der Pandemie-Folgen und der verschärften Kriegssituation in der Ukraine wohl eher ernüchternd ausfällt, so hat der irrationale Überschwang, der die Kurse von Tech-Aktien und Krypto-Assets erst in die unhaltbaren Höhen katapultiert hat, doch auch sein Gutes. Denn erst die Euphorie und der überschäumende Optimismus der Investoren in der Endphase eines Super-Cycles an den Börsen führt dazu, dass die riskantere Innovations- und Technologiefinanzierung in dem Masse stattfindet, wie es erforderlich ist, um diesen auch kommerziell zum Durchbruch zu verhelfen.

Innovationsfinanzierung braucht Hausse-Stimmung

Ohne die teils unkritische und völlig überzeugte Begeisterung weiter Anlegerkreise für Eisenbahnen, Automobile, Telefone oder Computer hätten diese Innovationen erst später, in geringerem Ausmass oder vielleicht nie Eingang in das Wirtschaftsleben gefunden. Das Problem für Anleger ist lediglich, dass selbst bei Innovationen, die sich breit durchsetzen, was ja nur selten der Fall ist, die meisten Unternehmen der ersten und zweiten Generation nicht lange genug überleben, um ihren Investoren die erwartete Rendite zu bescheren. Von den einst über 300 börsenkotierten US-Automobilunternehmen sind mit GM und Ford nur zwei übriggeblieben. Von den über 300 Halbleiter-Herstellern, die in den 1980er-Jahren an den US-Börsen gehandelt wurden, ist auch nur noch eine Handvoll da, darunter der prosperierende Innovationsführer Intel. Der Rest ist vergessen.

Wie viele Krypto-Währungen braucht der Markt?

Braucht die Welt 20’000 Krypto-Währungen? Wohl kaum. Obwohl Unternehmen nicht direkt vergleichbar sind, denn bei ihnen handelt es sich ja um Produktivkapital, so ist doch zu erwarten, dass es zu einem Shake-out kommen wird, an dessen Ende der bis heute dominierende Bitcoin und einige weitere übrigbleiben werden. Die grossen Hoffnungen haben sich in der Welt der Coins jedenfalls bis heute nicht realisiert, wie die eingangs gegebenen Beispiele aus der Realwirtschaft zeigen.

Die Crash-Episode von 2018 als Messlatte

Und so drängen sich auch unwillkürlich Vergleiche mit dem letzten Bubble im Krypto-Universum auf, der Anfang 2018 geplatzt war. Innerhalb weniger Wochen stürzte der Bitcoin von 20’000 USD erst auf 8’000 USD, dann auf 3’500 USD, also um mehr als 80%. Erst Ende 2020, also 14 Quartale später, wurden die 20’000 USD wieder überboten. Dies fand allerdings vor einem Hintergrund der ultra-tiefen Zinsen und damit in einem günstigen Umfeld für «Risk Assets» statt. Jetzt sind die Marktbedingungen eher spiegelbildlich in Erscheinung getreten – die Zinsen steigen. Aber ist nach dem heftigen Ausverkauf der Kryptos nicht vielleicht dieses Mal doch alles anders?

Szenarien

Möglich. Eine gesicherte und auf historischen Erfahrungswerten basierende Prognose ist jedoch schlicht unmöglich. Denkbar ist eine schnelle V-förmige Erholung mit neuen Höchstpreisen, doch ebenso wahrscheinlich ist ein jahrelanges allmähliches Abbröckeln, bei dem nach und nach die verbliebenen Halter zerknirscht der Kapitulation den Vorzug geben, nur um für sich die Qual der Preiserosion zu beenden.

Produktiv oder nicht?

Vielleicht haben auch viele der Neu-Anleger im Krypto-Universum vergessen, dass nur Unternehmensbeteiligungen echtes Produktivkapital sind und die Kryptos bestenfalls Zahlungsmittel und Spekulationsobjekt, denn auch die Charakterisierung als «Store of Value» hat sich wieder und wieder als Chimäre erwiesen. Ihre Käufe sind auch keine Investments, denn genau wie Gold, andere Rohstoffe oder Objekte aller Art werfen sie keine durch wirtschaftliche Tätigkeiten erarbeitete Rendite ab, sind also nicht «produktiv“» im ökonomischen Sinn.

Es ist, wie vieles, eine Frage der Betrachtung. Max Frisch sagt dazu: „Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

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